Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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September 2001
Vorsicht! Marian ist da!
von Angelika Walk

Mit 42 plötzlich Mutter werden ist ein Erlebnis der besonderen Art. Und wenn dieses Kind dann schon drei Jahre alt ist, erst recht. Zwei Jahre ist es jetzt her, dass ich Marian "gefunden" und adoptiert habe. Nach 15 Jahren kinderloser Ehe, auf Grund meiner Unfruchtbarkeit, betrachte ich meinen Adoptivsohn als Geschenk des Himmels. Auch wenn er mich manchmal zum Wahnsinn treibt.

Im Juni vor zwei Jahren saß mein kleiner Wirbelwind in einem Rhododendronbusch und weinte bitterlich. Herzzereißendes Schluchzen und immer wieder die Frage: "Wo ist meine Mami?", weckten in mir tief sitzende Muttergefühle, und so kniete ich mich vor den Busch und bat das weinende Kind, es solle doch da heraus kommen. "Bist du meine neue Mami?" flüsterte das kleine Etwas, welches nun langsam auf allen vieren aus dem Gebüsch gekrabbelt kam. All meine Wut unfruchtbar zu sein, entlud sich in mir auf die vermeintlich Mutter, die nicht in der Lage war, auf so einen kleinen Bengel aufzupassen. Wie konnte man in einer Großstadt wie Berlin so blöde sein, einen kleinen Jungen aus den Augen zu verlieren. "Wenn ich die in die Finger kriege!" Ich muss wohl laut vor mich her geschimpft haben, denn das Kind sah mich mit traurigen Augen an und schluchzte: "Meine richtige Mami ist tot! Ich suche mir doch eine neue Mami!"

Ich war ziemlich geschockt und musste erstmal schlucken, um die Tränen die in mir aufstiegen, zu unterdrücken. Er sah mich an und beobachtete mich. Ich tat es ihm gleich. Ein Pfeil der Liebe schoss durch unsere Herzen, während wir uns beobachteten. Er war ca. 1,20 Meter groß, strohblond und hatte himmelblaue Augen. Eine kleine, zierliche Stupsnase verschönte sein ohnehin hübsches Gesicht. Sie war angekratzt und blutig. Die Äuglein waren noch feucht vom Weinen und das ganze Gesicht war tränenverschmiert. Seine schmalen Lippen deuteten ein vorsichtiges Lächeln an. Er war sehr schmächtig und federleicht, wie ich feststellen konnte, als ich ihn auf den Arm nahm.

Zu diesem Zeitpunkt sprach mich eine junge Frau an, die schon nach diesem kleinen Racker gesucht hatte. Sie erzählte mir die traurige Geschichte des kleinen Jungen und das er zur Adoption freigegeben sei. Er hatte seine Eltern durch einen Autounfall schon vor zwei Jahren verloren. Verwandte wollten sich nicht um ihn kümmern und erst seit einigen Wochen hatte man endlich die Erlaubnis erhalten, ihn zur Adoption zuzulassen. Es gab so viele junge Familien, die den kleinen Marian vom Fleck weg adoptiert hätten.

Es bedurfte nicht vieler Worte, und mein Mann und ich beschlossen kurzerhand ihn so schnell wie möglich zu adoptieren. Und so begann das liebenswerte Chaos meines Lebens!

Wieso gibt es eigentlich keine Mütterkurse für Frauen, die dreijährige Söhne bekommen? Marian hatte keine Eingewöhnungsschwierigkeiten und mein Mann auch nicht. Marian fuhr mit seinem Rutscheauto durch unsere dreieinhalb Zimmerwohnung und spielte Rennfahrer. Wie meine Porzellanvase diesen ersten Tag schadlos überstanden haben, frage ich mich heute noch. Mein Mann, einen Meter und zweiundachtzig groß und satte 95 kg schwer, hatte tierische Freude an seinem "Sohn" und spielte bevorzugt Flugzeug mit ihm. Dazu packte er den kleinen am rechten Fuß- und Handgelenk und drehte sich mit ihm im Wohnzimmer, bis ihm schlecht wurde. Marian hatte beim ersten Flug eine Fliegenklatsche in der linken Hand und fegte damit eine Reihe wertvoller Cognacgläser vom Regal. Sowie diverse anderer kleine Kostbarkeiten, die ich mir im Laufe der Jahre angeschafft hatte. Sie bedeuteten mir plötzlich nichts mehr. Ich nahm es solange in Kauf, bis der Spaß mir dann doch zu teuer wurde, denn ich musste ständig neue Dekorationsartikel kaufen und eines Tages landete die Fliegenklatsche im Mülleimer.

Fast vier Wochen dauerte es, bis ich Marian abgewöhnen konnte, das Frühstück mit der Katze zu teilen. Nicht sein Brot, sondern das Katzenfutter!. Im Haushalt half er kräftig mit und veranstaltete dabei das absolute Chaos. Teppichreiniger für die Geschirrspülmaschine, Handcreme zum Putzen der Schuhe, Schuhputzzeug zum Polieren der Möbel, um nur ein paar Kleinigkeiten aufzuzählen. Ich kam nicht so schnell hinterher, wie er das Chaos anrichtete. Das Badezimmer verwandelte sich mit schöner Regelmäßigkeit in eine Art Freibad, indem ich dann Baywatchretterin Pamela Anderson spielen durfte. Bei einem gemeinsamen Bad, mit Vati, wunderte sich Marian, das dieser einfach nicht sauber werden wollte und wieso seine Hände so schmierig wurden, während er seinem Vater braune Striemen am Rücken verpasste. Er hatte eine Selbstbräunungscreme mit dem Duschmittel verwechselt. Nach einer gründlichen Nachbehandlung durch mich, waren sie dann beide knackig braun. Anschließend wurden die Badezimmerutensilien nach gefährlich und unbedenklich sortiert und weggeräumt
In der Küche fand er "grüne Limonade" die überhaupt nicht schmeckte. Es war das Glas für meine Wasserfarbpinsel. Dieses gedankenlose Abstellen von Dingen, die für ihn gefährlich werden konnten, gewöhnte ich mir schnell ab.
Mit zunehmendem Alter wurde es ruhiger, aber nicht weniger lustig

Bald durfte Lukas in die Schule. Der erste Schultag war toll. Der zweite schon nicht mehr. Nach einer Stunde stand Lukas wutentbrannt vor mir und beschwerte sich: "Die Schule ist blöd. Stell dir vor, wir kriegen keine bunten Schultüten mehr.!" Es dauerte eine Weile bis wir ihn überzeugen konnten, das er trotzdem hin musste. Eine Woche später schimpfte er wie ein Rohrspatz auf seinen Religionslehrer. "Der will einfach nicht begreifen, das Papa für uns sorgt und das Geld verdient damit wir was zu essen haben. Aber nein, der meint das wir beten müssen, damit der liebe Gott für unser Essen sorgt! Der ist doch echt bekloppt!" Lächelnd sah ich auf ihn hinab. Was sollte ich ihm da erwiedern?
Was für Überraschungen wird mir mein "kostbarer Fund" wohl noch im Leben bereiten, dachte ich nur, als ich ihn in den Arm nahm, fest an mich drückte und mir überlegen musste, was ich ihm dazu nun zu sagen hätte.

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