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September 2001
Sternrubin
von Angelika Brox

Brenda entfernte sich unauffällig von der Reisegruppe. Die "Guck-mal-hier"-und "Oh-wie-toll"-Rufe drangen nur noch leise zu ihr durch.
Sie ging in den Vorhof zurück und verließ die Burg durch das breite, halbrund gemauerte Tor. Draußen wandte sie sich um, sammelte ihre Gedanken und versuchte, sich einige Jahrhunderte zurückzuversetzen. Langsam schritt sie über die wuchtigen Steinquader wieder in den Burghof hinein. In ihrer Vorstellung trug sie ein langes dunkelrotes Kleid, das unter der Brust gerafft war und in weichen Falten an ihrem Körper hinabfloss. Ihr Haar war mit bunten Bändern geschmückt.
In Brendas Fantasie erwachte der verlassene Platz zum Leben. Die Burgherrin besprach mit den Mägden die Vorratshaltung. Der Burgherr kam die Treppe herab, um einige fremde Ritter auf der Durchreise zu begrüßen. Die Knappen fassten die Pferde am Zaumzeug und führten sie in den Stall.
Brenda umrundete das Hauptgebäude, überquerte die ungepflegte Grasfläche und malte sich einen Garten mit Rosenbüschen und Kräuterbeeten aus. Im Schatten dreier Winterlinden entdeckte sie eine aus Stein gemeißelte Bank mit einem ebenfalls steinernen runden Tisch.
Brenda setzte sich und musste lächeln. Sie hatte wirklich eine lebhafte Fantasie! Da hatte sie doch tatsächlich versucht, beim Niederlassen ihr langes Gewand zu raffen, obwohl sie nur Shorts und ein T-Shirt trug.
Sie blickte in das Blätterdach über sich. Die Linden waren mindestens zwanzig Meter hoch. Ihre kräftigen Äste griffen ineinander wie die Finger von Riesenhänden. Was diese Bäume wohl alles gesehen haben mochten ...
Brendas Blick glitt an einem der Stämme hinab. Vereinzelte Sonnenstrahlen schafften den Weg durch das Laubdickicht und warfen helle Lichtflecken auf das Wurzelwerk, das sich teilweise aus dem Boden gehoben hatte.
Plötzlich erregte ein rötliches Glitzern zwischen Gras und Schößlingen ihre Aufmerksamkeit. Sie stand auf, unterdrückte den Impuls, die Falten eines imaginären Kleides zu glätten, und bückte sich nach dem funkelnden Gegenstand. Es war ein Amulett. Die zugehörige Kette lag zerrissen daneben. Brenda nahm beide Teile in die Hand und betrachtete den Anhänger genauer. Er bestand aus einer Silberschnur, die zu einer Spirale getrieben war und in der Mitte einen dunkelvioletten Halbedelstein umfasste. Als Brenda den Stein ins Sonnenlicht hielt, schimmerte sein Zentrum in einem zarten Lila. Es sah aus, als glänzte ein Fliederblütenstern an einem Himmel aus dunklem Brokat. Sie hätte gern gewusst, wie dieser Stein hieß. Behutsam strich sie mit den Fingerspitzen darüber. Im gleichen Moment überwältigte sie ein nie gekanntes Schwindelgefühl. Mit zittrigen Knien ließ Brenda sich ins Gras sinken und lehnte sich an einen Lindenstamm, das Amulett fest umklammert.


Der Baumstamm in ihrem Rücken fühlte sich plötzlich schlanker an. Sie schaute hoch; die Kronen der drei Linden befanden sich nur wenige Meter über ihrem Kopf. Eine leichte Sommerbrise wehte Blumenduft zu ihr herüber. Sie blickte sich um und sah Rittersporne, Schwertlilien und Stockrosen in bunter Blüte. Einige Hühner hatten sich in den Kräutergarten verirrt und scharrten zwischen Rosmarin und Thymian im Erdreich. Aus dem Stall drang das zufriedene Schnauben der Pferde.
Kraftvolle Schritte ließen den Kies knirschen. Schnell erhob sie sich und blickte dem Ankömmling entgegen. Es war Gerfried, einer der Ritter ihres Vaters. Er hatte ihr schon so manches Minnelied gesungen, und ihr gefielen sein freundliches Gemüt und der klare, offene Blick. Galant beugte er ein Knie und sprach: "Ich entbiete Euch meinen ergebenen Gruß, edle Sonngard."
Mit geröteten Wangen reichte sie dem Ritter ihre Hand und sagte: "Erhebt Euch, wackerer Gerfried, und begleitet mich auf meinem Gang durch den Garten!"
Sie raffte ihr knöchellanges Kleid und schritt an Gerfrieds Arm zwischen den Beeten einher. Der Ritter sprach über den bevorstehenden Kampf, zu dem Sonngards Vater seine Mannen am morgigen Tag führen würde. Bei seinen Worten betrübte sich ihr Blick, und sie sagte: "Ich hoffe, tapferer Gerfried, dass Ihr gut auf Euer Leben und Eure Gesundheit achtgeben wollt."
Sie waren wieder bei den drei jungen Linden angelangt und setzten sich auf die steinerne Bank. Gerfried sagte: "Nur die himmlischen Mächte wissen, wie lange mich meine Pflicht gegen Euren Vater von hier fortführen wird. Deshalb wage ich heute, Euch diese Frage zu stellen: Wenn wir ehrenvoll von unserem Streite zurückkehren, wäret Ihr dann bereit, mein Werben zu erhören?"
Sie blickte in das junge Gesicht und fühlte Tränen in ihre Augen steigen. Alle Zucht vergessend, sagte sie schlicht 'Ja, liebster Gerfried' und hob ihr Gesicht zum Kuss empor.
Er schloss sie in seine Arme, küsste sie, streichelte ihr weiches, mit bunten Bändern geschmücktes Haar, hielt sie eng umschlungen und küsste sie noch viele Male.
Schließlich löste sie sich von ihm und sagte: "Nun wird es Zeit, Abschied zu nehmen. Behaltet dies als Pfand für meine Liebe." Mit diesen Worten nahm sie ihre Kette mit dem Amulett vom Hals und legte sie ihm um. Seine Finger strichen leicht über den in Silber gefassten dunkelvioletten Stein, dessen Zentrum hell schimmerte.
"Das ist ein Sternrubin", sagte sie, "er wird Euch beschützen und wieder zu mir zurückbringen."
Als Gerfried den Garten verließ, sah sie ihm lange nach. Trauer senkte sich in ihr Herz, denn sie wusste, dass sie ihn nicht lebend wiedersehen würde.


Schritte knirschten über den Kies und hielten inne. Brenda schlug die Augen auf. Vor ihr stand ein Mann mit freundlichem Gesicht und klarem, offenem Blick. Sie hatte ihn noch nie im Leben gesehen, und doch schien er ihr auf seltsame Art vertraut.
"Entschuldigung", sagte er, "ich muss hier irgendwo meine Kette verloren haben, mit einem silbernen Anhänger und einem dunklen Stein darin. Sie haben sie nicht zufällig gefunden?"
Wortlos öffnete Brenda ihre Faust.
"Gott sei Dank", rief er, nahm ihr das Schmuckstück aus der Hand und betrachtete es liebevoll. Dann besann er sich und sagte: "Ich bin Ihnen sehr dankbar. Dieses Amulett bedeutet mir nämlich ungemein viel."
"Das ist ein Sternrubin", murmelte Brenda.
Erstaunt sagte er: "Sie sind die erste, die den Stein sofort erkennt!"
"Ich habe früher schon einmal einen gesehen."
Er hockte sich neben sie auf den Boden und schaute sie genauer an. "Kann es sein, dass wir uns schon mal begegnet sind?", fragte er.
Bevor Brenda antworten konnte, kam eine Frau auf sie zu und rief: "Mensch, Holger, jetzt vergiss dein blödes Amulett und komm endlich! Die Kinder werden langsam nörgelig!"

Holger warf noch einen verwirrten Blick auf Brenda; über seiner Nasenwurzel bildeten sich drei senkrechte Falten. Dann zuckte er bedauernd die Schultern und sagte: "Ich muss gehen. Nochmals vielen Dank!"

Brenda sah ihm nach, als er sich der Frau näherte und mit ihr davonging.
Irgendwann würde sich der Kreis von neuem schließen.

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