Der Cousin im Souterrain
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Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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September 2001
Geschenkte Zeit
von Roswitha Borrmann

Annika suchte nach einem Geburtstagsgeschenk für ihre Freundin Bärbel. Es durfte nicht teuer sein. Aber eine schöne, wertvolle Erinnerung sollte es sein. Schließlich wurde sie 25 Jahre alt, ein besonderer Tag. Bärbel mochte alles, was alt war. Sie trug die abgewetzte Lederjacke ihres Großvaters und hatte seinerzeit auch seine Aktentasche für ihre Schulsachen ergattert.

Deshalb hatte Annika sich überlegt, einmal auf einem Flohmarkt nach dem Geschenk zu schauen. Einen silbernen Löffel, ein Likörglas, eine Mokkatasse für den geliebten Espresso oder einen Brieföffner zu einem erschwinglichen Preis würde sie schon finden. Sie selber hielt nicht viel davon -sie mochte lieber neue, moderne Sachen - ohne Patina. Klare Formen und schrille Farben, möglichst praktisch.

So schlenderte sie lustlos, fast gelangweilt, über den Markt. Es wurde viel Ramsch angeboten, den sie niemals auch nur hätte anfassen wollen. Aber es gab auch immer wieder schöne, gepflegte Auslagen, die ihr Hoffnung auf eine passende Überraschung machten. An einer Vitrine stockte sie. Dort lag neben alten Schmuckstücken und Silberlöffeln eine Taschenuhr. Ein verspieltes Muster auf dem Deckel. Eine ähnliche Uhr hatte ihr Opa auch gehabt. Sie hatte ihn oft gefragt, wie spät es sei, nur um die schöne Melodie zu hören, die erklang, wenn er den Deckel aufschnappen ließ. Mit dem Großvater war auch die Uhr begraben worden und sie vermißte beide auch nach Jahren noch.

"Darf ich mir die Uhr einmal ansehen?" fragte Annika den Mann an diesem Stand.

Er stimmte zu und sagte: " Sie klingt noch schön, aber die Uhrzeit gibt sie nicht mehr passend an. Sie macht ein rechtes Durcheinander."

Damit öffnete er die Vitrine und legte Annika die Uhr in die Hand. Vorsichtig hob sie den Deckel und hörte: "Üb immer Treu und Redlichkeit." Gleich erfüllte sie ein vertrautes Gefühl. Als säße sie beim Großvater und die Welt wäre noch ein heimeliger Ort. Als sie auf das Zifferblatt schaute, sah sie die Zahlen und Zeiger, dahinter einen Spiegel. Sie überlegte, wie spät es denn sein könne. Ob es schon Mittag war? Die Zeiger bewegten sich und blieben beide auf der Zwölf stehen. Im Spiegel entdeckte Annika eine Suppenterrine auf dem Tisch daheim und ihre Mutter, die offensichtlich auf etwas wartete. Nanu - da waren ihre Gedanken aber eine Spur zu intensiv geraten. Sie blinzelte kurz und versuchte dann die aktuelle Uhrzeit zu erkennen. Die Zeiger standen und blieben auf Zwölf. Sie schüttelte den Kopf, legte die Uhr weg und fragte nach einem der silbernen Löffel. Schließlich wollte sie Bärbel eine Freude machen. Was war das? Die Uhr surrte und als Annika sie wieder aufnahm, zeigte der Spiegel ihre Freundin, die ein Päckchen auspackte. Sie nahm eine türkisfarbene Mokkatasse heraus, drehte sie in den Händen und lachte. Nun war Annika ganz verwirrt. Sie gab die Uhr und den Löffel zurück und wollte nichts als weg.

Schnell ging sie weiter. Sie sah sich noch einmal nach dem Stand um, schüttelte den Kopf und versuchte sich auf das Geschenk zu konzentrieren. Sie schaute hier und da. Löffel, Tassen, selbst Brieföffner fand sie. Langsam machte ihr die Sache richtig Spaß. Nach einiger Zeit blieb sie dann wie angewurzelt stehen. Dort saß eine Frau und hatte vor sich Geschirr auf einer Decke ausgebreitet. Mittendrin eine türkisfarbene Mokkatasse. Schöner als alle, die Annika bisher gesehen hatte, bis auf...

Ja, jetzt wurde ihr unheimlich zumute. Diese Tasse hatte ihr die Uhr schon im Spiegel gezeigt. Sie wurde ganz unruhig und fragte die Frau nach dem Preis. Die Tasse war gar nicht teuer. Annika ließ sie verpacken, zahlte und setzte sich dann erstmal auf eine Bank. Da saß sie nun, auf dem Marktplatz ihrer Heimatstadt und fühlte sich in 1001 Nacht versetzt. ‚Hab ich das geträumt? Fange ich an zu phantasieren?' grübelte sie. Das mußte sie herausfinden.

Sie lief zurück zur Vitrine. ‚Hoffentlich hat noch niemand die Uhr gekauft', dachte sie. Aber nein, sie war noch da. Sie bat darum, die Uhr noch einmal sehen zu dürfen. Als sie sie dann in der Hand hielt, war Annika ganz aufgeregt. Woran sollte sie denken? An ihren Geburtstag vor drei Wochen – die Zeiger surrten und sie sah sich mit Bärbel am Kaffeetisch sitzen, mit ihrer Geburtstagstorte. Dann ihr Diplom – die Zeiger liefen und sie sah sich an einem Tisch sitzen. Sie schrieb fleissig. Hm. Was für eine tolle Uhr. Ob sie teuer war? Egal, die mußte sie haben!

Aber zuvor wollte Annika noch etwas nachschauen. Ihre Hochzeit. Mit Holger. Nun überschlugen die Zeiger sich fast, bis sie dann endlich das Bild freigaben. Sie, neben einem großen, dunkelhaarigen Mann, den sie überhaupt nicht kannte. Schnell klappte sie den Deckel zu, legte die Uhr wieder weg. Diesen Mann sollte sie heiraten? Diesen Fremden? Und was passierte mit Holger, ihrem Schatz? Er studierte in einer anderen Stadt. Sie hatte so große Sehnsucht nach ihm. Ob sie mal schnell schauen sollte, was die Uhr von ihm zeigte? Aber nein, das wäre ja wie eine Überwachung. Was für eine gruselige Sache.

Sie wurde nachdenklich - aber neugierig war sie dennoch. Ob sie nach ihren Kindern schauen sollte? Nach ihrem Tod? Es wäre so beruhigend zu wissen, dass sie alt werden würde. Schon griff sie nach der Uhr. Doch plötzlich zögerte sie. Könnte mit diesem Wissen leben? Die Vorstellung wühlte sie völlig auf.

"Bitte, nehmen sie die Uhr zurück", murmelte sie und verließ den Stand.

Langsam ging sie in Richtung Stadtpark. Sie wollte erst einmal in Ruhe überlegen, was da passiert war und wie es weitergehen sollte. Holger – es tat so weh. Sollte sie heute schon traurig sein, weil sie sich irgendwann verlieren würden? Sollte sie nun überall nach diesem Fremden Ausschau halten, den sie einmal heiraten würde? Nein! Sie beschloß, dass alles nur ein Spuk gewesen war. Dass ihre Phantasie ihr einen Streich gespielt hatte. Kein Wunder, wenn sie als Kind der Neuzeit sich mit altem Kram beschäftigte.

Annika atmete tief durch und ging entschlossen weiter. In eine ungewisse Zukunft.

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