Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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September 2001
Papierflieger
von Melanie Bawel

Mikes Herz raste. Sein Brustkorb hob und senkte sich in einem schnellen, gehetzten Rhythmus. Schweiß rann seine Schläfen herunter, brannte in seinen Augen. Erschöpft lehnte er seinen Kopf gegen die Böschung. Rauch stieg über seinem Kopf hinweg. Er traute sich nicht über den Graben zu schauen. Er konnte und wollte seinen Freund nicht dort liegen sehen. Tränen standen in seinen Augen.
Ein Spähtrupp des Feindes hatte sie entdeckt und beschossen. Die darauf folgenden Abläufe verliefen instinktiv, mechanisch, ohne nachzudenken. Sie hatten zurückgeschossen, sie mit Granaten beworfen und waren gerannt, die Explosionswucht im Rücken. Sie waren gestolpert, wieder aufgestanden und weitergelaufen, ihre Lungen schmerzten bei jedem Atemzug, aber sie waren entkommen. Jedenfalls hatte es für den Augenblick so ausgesehen, bis sie über dieses verdammte Minenfeld gerannt waren.
Er hatte es gerade noch geschafft, sich mit einem weiten Sprung zu retten. Doch der Schrei seines Freundes hallte noch immer in seinen Ohren. Sam war auf eine Mine getreten. Verdammt! Es war doch sein bester Freund!
Laut schrie er dessen Namen. Es durfte nicht wahr sein!
Mike schloss die Augen. Nur ein paar Sekunden Ruhe, bevor er weiter musste, um wieder auf seine Einheit zu treffen.
Eine kleine Bewegung an seinem Knie ließ ihn zusammen zucken und die Augen öffnen. Erstaunt hob er einen kleinen Papierflieger auf. Er war etwa 30 cm lang und aus einem alten Flugblatt gefaltet. Mike blickte kurz um sich und als er nichts Verdächtiges entdecken konnte, wiegte er das Spielzeug in seinen Händen, als sei es eine zerbrechliche Kostbarkeit.
Ein kleines Lächeln stahl sich in sein Gesicht. Als Kinder hatten er und Sam auch zusammen gebastelt. Kleine Boote für den nahe gelegenen See am Dorf, und Papierschwalben aus altem Zeitungspapier, als die Presse noch regelmäßig herauskam. Sie waren immer Seite an Seite, als kleine Jungs, in den wenigen Jahren ihrer Schulzeit und später im Gefecht. Zu selten waren sie wirklich unbeschwert gewesen.
Mike wischte sich mit dem Handrücken die herauslaufende Rotze von der Nase, bevor sie auf den Flieger tropfen konnte.
Nun war er allein.
Aus einem Impuls heraus faltete er den Papierflieger auseinander und strich die Falten glatt. Jemand hatte in einer ungelenken Handschrift, in grüner Farbe, das Wort FRIEDEN quer über die aufgedruckten Parolen geschrieben.
Wie merkwürdig.
Wieder blickte er hoch und schaute sich um, konnte aber niemanden entdecken. Vor ihm lag nur eine gelbe Steppenlandschaft mit vereinzelten dürren Bäumen.
Sanft strich er über die grünen Buchstaben, als könne er so deren tiefe Bedeutung ertasten.
Frieden, was war schon Frieden? Frieden war schon so lange her. Er selbst kannte Frieden gar nicht. Als er geboren wurde, war sein Vater schon als Held gestorben.
Seine Großmutter hatte ihm manchmal vom Frieden erzählt. In ihrer Kindheit hatte es keine Kinder gegeben, die nur einen Arm oder ein Bein hatten, weil sie von einer Granate getroffen wurden. Bei ihr hatte es keine Sirenen gegeben, die sie vom Spielen aufschreckte und sie in den Luftschutzkeller fliehen lies.
Aber das war lange her. Und Großmutter war auch schon lange tot.
Mike zog die Nase hoch.
Was konnte dieser Schreiber hier von Frieden wissen? Es war doch wohl nur ein Traum, Wunschdenken. Noch war der Feind nicht besiegt, noch musste man so viele Ungerechtigkeiten rächen. Jemand musste für Sams Tod sühnen!
Noch saß der Schmerz zu tief um zu verzeihen.
Mike kannte nichts anderes als den Krieg. Und er war es leid. Doch was sollte er tun? Fahnenflucht begehen? Seine Kameraden im Stich lassen? Selbst wenn er oder sein Land die Waffen niederlegen würden, würden es dann auch die Feinde tun? Wie konnte man Frieden erwirken, wenn beide Fraktionen zu sehr miteinander verstritten waren?
Seufzend faltete er den Papierflieger wieder zusammen.
Frieden. Wie unrealistisch. Er zuckte mit den Schultern, hob den Flieger in den Himmel und lies seinen Fund fliegen.
Dann stand er auf, lud sein Gewehr nach und lief davon.

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