Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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September 2001
Der merkwürdige Fund
von Reinhard Mermi

Zwischen Dungsia und Misto hatte es gefunkt.
Beide tollten sie auf der kleinen Wiese nahe des Abzuggrabens, um sich anschließend auf dem Stein unter der leeren Cola-Dose niederzulassen. Sie umarmten und kosten sich und liefen dabei Gefahr, ihre Fühler unauflösbar zu verknoten. Die Sache war ernst und die Hormone spielten verrückt.
Seine Kugel, aus Mist und Liebe geformt, verfehlte nicht das anvisierte Ziel. Wie ein gehauchter Kuss berührte sie Dungsias Seite. Elektrisiert drehte sie sich zu ihrem Liebsten um. "Oh Misto, du Schlingel!" stöhnte sie. Dann nahm sie vorsichtig Dung vom Boden auf und formte eine Liebesperle. Damit fütterte sie Misto, der mit lustvollem Schmatzen der Geliebten sein heißes Verlangen verriet.
Dungsia und Misto waren im Liebestaumel. Die Schritte des herannahenden Menschen hatten beide überhört. Ein Schatten fiel über die Szene. Für eine Flucht war es zu spät. Dungsia und Misto klammerten sich aneinander. Verkrochen sich tiefer unter die Büchse. Bereit, gemeinsam in den Tod zu gehen, so es denn sein sollte. Dann war der Spuk vorüber, so schnell wie er gekommen war.
Sie lebten noch! Oder waren sie tot und sie wussten es nur nicht? Fragend sahen sich beide für einige Momente in die Augen. Wollten sich jeweils bei dem anderen versichern, dass sie noch am Leben waren. Vor ihnen lag etwas, was da vorher nicht gelegen hatte. Ein rundes Ding, eine Scheibe. Das von ihr reflektierte Sonnenlicht, es schmerzte in den Augen. Also, mussten sie noch leben. Das Ding, es sah so anders aus. Anders als alles andere, das sie kannten oder je gesehen hatten. Weder von der Konsistenz als auch von der Farbe her konnte das Ding mit Dung oder Mist in Verbindung gebracht werden. Es war keinesfalls organisch. Es schien aus etwas härterem zu bestehen. Härter noch wie Stein. Es konnte nur - ja es musste - außerirdischen Ursprungs sein! War es möglich, dass...?
"Dungsia, die Sonne ist vom Himmel gefallen!" Sie ließen voneinander los.
"Was sollen wir machen, Misto?"
"Komm' lass uns die anderen warnen!" Rief er, dann liefen sie ins Dorf zurück, so schnell sie konnten.


Die Glockenblumen läuteten Sturm.
Die Aufregung in Caefero war groß. Alles rannte ziellos hin und her, und es waren Rufe zu hören, wie: "Die Sonne ist herabgefallen! Was für ein Unglück."
Einige prallten in ihrer panischen Angst aufeinander und fielen zu Boden, andere wiederum kletterten über die am Boden Liegenden einfach hinweg, wobei gar manches Beinchen auf der Strecke blieb. Die Schutzleute mit den Höckern auf den Köpfen vermochten mit ihren Lanzen dem Ansturm der entfesselten Masse nicht Einhalt zu gebieten. Marktstände krachten in sich zusammen. Da war ein Schreien und ein Wehklagen. Marktfrauen kreischten. Tonkrüge zerbrachen. Die Scheiben der Taverne gingen zu Bruch und die Dung- und Mistkugeln mit Schokoladen- oder Vanilleüberzug lagen verstreut in der Gegend.
Bei allen ließen die Kräfte nach. Es war die Verschnaufpause nach dem ersten Sturm. Die Wogen der Aufregung hatten sich etwas geglättet. Die Bewohner von Caefero sammelten sich auf dem großen Platz vor dem Schloss. Das Volk der Coleopteren rief in dieser schweren Stunde der Prüfung nach ihrem König.
Da waren Rufe zu hören wie: "Großer Analos hilf!", oder "Göttlicher Analos, rette uns!" Doch der König erschien nicht vor der Menge.


Der Kurier seiner Majestät brachte die Kunde.
Der Majordomus eilte in die Schlafgemächer des Königs, um den Göttlichen und Erhabenen zu wecken. Der Thronrat versammelte sich im Thronsaal. Nach längerem Warten war es soweit. Die Leibgardisten mit ihren furchterregenden Zangen auf den Köpfen salutierten, als sich die Tür öffnete und der König eintrat.
"Heute keine Höflichkeiten!" Herrschte er die Anwesenden an. "Kanzler den Bericht! – Ihr habt mich aus der wohlverdienten Ruhe gerissen, hoffentlich ist es wichtig."
"Göttlicher, erhabener Analos, Nachfahre der Skarabaeten, der du Kot gegessen hast, der du voll von ..." Der strafende Blick seiner Majestät unterbrach die Sprüche. Der Kanzler hüstelte verlegen und ging direkt zu seinem Bericht über. "Eure Majestät, die Sonne ist vom Himmel gefallen! Ein junges Paar hat sie auf der Wiese neben dem heiligen Wasser gefunden." Er kramte nervös in irgendwelchen Unterlagen, fingerte an einigen Seiten herum.
"Und warum kann es nicht etwas anderes sein, was das vom Himmel gefallen ist, Kanzler?" Gelangweilt putzte sich der König seine Fühler. Er kannte seinen Kanzler. Ein Arbeitstier und Hektiker, der alles viel zu ernst nahm und gerne zu Übertreibungen neigte. So schlimm konnte die Lage sicher nicht sein.
"Der Geheimdienst Eurer Majestät hat das Ding zwischenzeitlich inspiziert und ist zum gleichen Ergebnis gekommen." Der Kanzler verbeugte sich devot.
"Und was gedenkt man jetzt zu tun, Kanzler?" Der König unterbrach seine Fühlerpflege. Gelangweilt wählte er eine Liebesperle aus einer Schale aus, die ihm von einer Sklavin, mit rotem Rückenpanzer und schwarzen Punkten, angeboten wurde.
"Göttlicher, erhabener Analos, Nachfahre der Skarabaeten, der du Kot ge ..."
Der König starrte den Ungefragten mit dem Turban auf dem Höcker an. "Habt ihr was zu sagen, Priesterlein? Wenn ja, dann tretet vor und fasst euch kurz! Meinen Stammbaum kenne ich selbst zur Genüge."
"Eure Majestät, die Prophezeiung hat sich erfüllt." Verbeugung des Priesters. "Der Sonnengott Ra hat die Sonnenscheibe auf das große Krokodil herabgeschleudert." Verbeugung. "Auf das Krokodil, das in den heiligen Fluten des Nils zu Hause ist."
Die Worte des Hohen Priesters schienen auch den König zu beunruhigen. Der rutschte nun voller Unbehagen auf seinem Thron hin und her und schob die Schale mit den Liebesperlen zur Seite.
Und der Priester fuhr mit Eifer fort. "Die heilige Kuh, die, wie wir, auf dem großen Krokodil steht, ist erzürnt." Verbeugung. "Sie wird das Volk der Coleopteren nicht mehr mit braunem Ambrosia und gelbem Nektar speisen und tränken." Verbeugung.
"Und was kann ich dazu tun?" Langsam umriss auch seine Majestät den Ernst der Lage.
"Noch ist es nicht zu spät, Majestät." Verbeugung. "Tuet Buße und wascht euch in den Fluten des Nils." Verbeugung.
"Nun, so weit sind wir noch nicht, Pfaffe! Zunächst will ich mir erst mal das Ding ansehen, dass da angeblich vom Himmel gefallen ist." Er wandte sich dem Hofmarschall zu. "Lasst einspannen, damit wir den Ort in Augenschein nehmen können!" Sprach's und war in seinen Gemächern verschwunden.


Die Posaunen verkündeten die Ausfahrt des Königs.
Die Leibgarde des Herrschers, mit mächtigen Geweihen auf den Köpfen, trieb die Menge auseinander. Die Kutsche der Königs, bewacht von weiteren Leibgardisten, wurde von zwölf Heuschrecken gezogen. In rasender Fahrt steuerte das Gefährt auf die Wiese neben dem Abzugsgraben zu. Nur mit Mühe konnte der übrige Hofstaat folgen.
Mit Ergebenheit huldigte das Volk ihrem Herrscher. "Göttlicher, erhabener Analos, Nachfahre der Skarabaeten, der du Kot gegessen hast, der sich mit Kot gesättigt hat, der du voll von Kot bist, der du vor einem großen Kothaufen sitzest." Immer und immer wieder wiederholten sie die heilige Sure.
Als der König mit seinem Tross am Ort des Geschehens eintraf, da wimmelte es bereits von Geheimpolizisten, Beamten und Gaffern. Sie umrundeten und betasteten das Ding, ja ein besonders Mutiger setzte sich darauf.
Der König trat an das Ding heran, um es zu inspizieren. "Hmm, und das soll die Sonne sein? Ich weiß nicht." Auch der Göttliche und Erhabene war scheinbar ratlos. Gut, das Ding hatte eine glänzende Oberfläche und es war mit Ornamenten und anderen sonderbaren Zeichen verziert, die keiner zu deuten wusste. Zudem sandte es von Zeit zur Zeit Blitze aus. Besser gesagt, es war ein Funkeln. Aber, warum war es taghell, wenn das die Sonne war? "Wo ist der Priester? Holt mir den Priester her, Kanzler!"
"Holt den Priester her!" – "Holt den Priester her!" - "Holt den Priester her!" Tönte es die Befehlskette hinunter. Und es dauerte eine Weile bis der Gerufene vor dem Göttlichen und Erhabenen stand.
"Priester, was hat es mit der Prophezeiung auf sich?"
Der Angesprochene verbeugte sich mehrmals. "Oh Majestät, Göttlicher, erhabener Analos, Nachfahre der Skarabaeten, der du ..."
"Jetzt lass' er die Vorreden! Was hat es mit der Prophezeiung auf sich? Und heute noch, wenn's geht!"
"Majestät, wenn Ihr nicht Buße tut, dann, dann ..." Der Priester wandt sich bei den Worten wie ein Wurm, den man mit glühenden Spießen traktierte.
"Ja und, dann...! Sprecht schon! Oder soll ich euch zur Strafe drei Tage in klarem Wasser stehen lassen?" Am besten in den Wassern des Nils?" Und der Erhabene deutete dabei auf den Abzugsgraben. Seine Majestät waren äußerst ungehalten.
"... dann werdet Ihr sterben und mit Euch das Geschlecht der Skarabaeten – Und, und, es ist bereits zu spät. Oh, Herr verzeiht mir!" Vor Schrecken wandte sich das Priesterlein ab, so als würde es in jedem Moment den Todesstreich erleiden müssen.
Das Erwartete blieb aus, dafür verdunkelte sich aber der Himmel. Menschen waren im Anmarsch! Die Menge stob auseinander, die Heuschrecken scheuten und die Kutschen fielen um. Jeder versuchte in dem Chaos seine Haut, sprich Panzer, zu retten.


Vater und Sohn überquerten die Wiese nahe des Abzugsgrabens.
Plötzlich bückte sich der Junge und hob etwas auf. "He Papa, schau doch! Ich habe ein Markstück gefunden."
"Igitt Junge, pass' auf wo du hintrittst! Da wimmelt es nur so von Käfern und Heuschrecken!" Vater und Sohn sprangen zur Seite und putzten sich im Gras die Schuhsohlen von den zertretenen Krabbeltieren ab. Schüttelten sich das verbleibende Ungeziefer von den Hosenbeinen.
Dann lachte der Vater. "Na, die Mark kannst du ja in dein Sparschwein stecken.

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