Der Tod aus der Teekiste
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"Viele Autoren können schreiben, aber nur wenige können originell schreiben. Wir präsentieren Ihnen die Stecknadeln aus dem Heuhaufen."
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September 2001
Schmerzlicher Fund
von René Wolf

Der Nachschlüssel passte. Kai schlich in das Zimmer. Eigentlich blöd', so leise zu sein, dachte er. Ich könnte rufen: >Ätsch, ich bin drin!< Aber die Angst saß zu tief.
Der Fernseher stand am Fenster. Kai stellte die Tasse Kakao auf den Teppich und drückte den Einschaltknopf. Ein bläulicher Schein fiel in den Raum. Zu hell! Aber wenn ich jetzt die Vorhänge schließe und SIE mit ihrem Auto vorfährt, könnte sie sehen, wie ich sie wieder aufziehe. Und aufziehen muß ich die Vorhänge. Sonst merkt sie es sofort.Mama ist ja nicht dumm. Kai setzte sich vor den Bildschirm und legte den Arm um den Fernseher, als wäre es ein guter Kumpel.Von draussen sieht's jetzt aus, als wär's hier dunkel. Er regulierte die Lautstärke so, dass er gerade noch den Ton hörte. So merke ich gleich, dass sie da ist.
Was gibts heute?
...schunkelnde alte Leute und Volksmusik...- Löwenbabies: süß, aber irgendwie langweilig...- Frau und Mann küssen sich, schwarzweiss...- nackter Mann springt vom Felsen( Werbung für ein Duschbad)...- " den Jugendlichen war es mit einem Nachschlüssel gelungen, in die Gartenlaube einzudringen. Dabei entwendeten sie..." Das passt. NACHSCHLÜSSEL. Scheint ein beliebter Sport zu werden. Aber mich erwischt Mama nicht!
Ein Foto von einem grob gefeilten Rohling. Wenn das Onkel Jürgen sehen könnte! Pfuscharbeit.

Motorgeräusche! Kai kippte sich den Kakao über die Schlafanzughose.
Scheiße! Die Hose kann ich heimlich auswaschen, aber der Teppich... Egal. Fernseher aus, raus aus dem Wohnzimmer, Tür abgeschlossen, ab ins Bett, >schlafen< !
Es klapperte an der Wohnugstür. Perfektes Timing. Vielleicht bemerkt sie den Kakaofleck heute nacht gar nicht, dann kann ich ihn morgen ausbürsten. Er hörte, wie seine Mutter den Schlüssel auf das Schränkchen im Flur warf. Zu laut! Sie liebt dieses alte Möbel.( >Stell da ja nichts drauf !< ) Sie hat miese Laune. Aber das muß nichts mit mir zu tun haben. Sie geht in die Küche. Das ist gut. Sonst guckt sie immer in mein Zimmer, wenn sie nach Hause kommt. Sogar, wenn sie einen Mann mitbringt. Schade, dass sie heute keinen abgekriegt hat. Sie wär' dann wenigstens morgen gut drauf. Jetzt zündet sie das Gas an. Kaffee, so spät? Kriegt sie noch Besuch? Das wäre gut und schlecht. Sie würden ins Wohnzimmer gehen. Sie sähe den Fleck auf dem Teppich. Der ist noch zu frisch. Ich könnte nicht sagen: >Wer weiß, wann das passiert ist...< Sie kommt aus der Küche. Die Schritte nähern sich. Gleich drückt sie die Klinke meiner Zimmertür. SIE MUSS GLAUBEN, ICH SCHLAFE ! Ah- sie geht vorbei. Sie ist im Bad. Kai's Schultern entspannten sich, er streckte die Beine, lockerte die Spannung in den Händen, die sich in die Bettdecke gekrallt hatten.
Er hörte das Rauschen der Dusche.
...
Onkel Jürgen stand in der Küche. Irgendetwas in seinem Gesicht stimmte nicht. Der Mund war verschwollen. Hatte er sich geprügelt? Er sah Kai ernst an, fast traurig. "Onkel Jürgen, was hast du?" Er drehte sich um, stützte sich auf das Fensterbrett und schniefte ein bißchen. "Onkel Jürgen?" "...hin hid de Feihe aherudsch..." Kai ahnte, was der Onkel sagen wollte. > ...bin mit der Feile abgerutscht< . Kai legte seine Hand auf den Rücken seines besten Freundes. "Tut's sehr weh?" "Swei Sähne sin haus..." O Gott, er hat sich am Schraubstock zwei Zähne ausgeschlagen! Onkel Jürgen zitterte, seine Schultern zuckten. Weinte er? Kai schob sich zwischen ihn und das Fensterbrett. Und sah sein Gesicht: er lachte! "Findes du nich", prustete er, "dass ich jetz ein' gudden Thanarthd brauche ?" Kai lachte jetzt auch, obwohl er nicht wußte, was für ein Scherz da getrieben wird. Onkel Jürgen sah so komisch aus. Wie machte er das?
Dann saßen sie beide am Küchentisch und warteten auf Mama. Kai hatte sich auch Brotteig unter die Lippen gesteckt. Seine Augen waren voller Tränen- vom Lachen. "Onkel Jürgen, zeigst Du mir, wie man Nachschlüssel feilt? Du bist doch so geschickt als Schlosser. Und Mama schließt immer das Wohnzimmer ab, wegen Fernsehgucken, weißt schon..."

Es wurde sehr hell in der Küche. Kai hörte seine Mutter: "Sieh mal, was ich da gefunden habe!" Onkel Jürgen war plötzlich weg und Kai fand sich in seinem Bett.
" Lag da doch so ein komischer Schlüssel im Flur. Wie finde ich denn das?" Er versuchte, sich aufsetzen, da schleuderte ihn etwas gegen die Wand. "So behandelt man Einbrecher!"
Die Mutter zerrte ihn aus dem Bett, auf den Boden. Dann trat sie zu. "Und so! Und so! Und..." "Nein, bitte, nicht, nein!" "Nein? Nicht? Findest du nicht, dass ich da was Merkwürdiges gefunden habe? Findest du nicht, dass sich der Onkel Jürgen sehr darüber gefreut hätte, wenn er diesen wirklich hervorragend gefeilten Schlüssel gefunden hätte? Fändet ihr das nicht beide sehr komisch, dass ihr mich so fies ausgetrickst habt?
Steh auf!"
Kai hielt die Arme vor sein Gesicht. "Mama, bitte, ich..." "Nimm die Arme runter." Kai blinzelte durch seine Deckung. Seine Mutter nahm die Kaffeetasse vom Regal und setzte sich auf einem Stuhl neben der Tür. "Mußt du mich immer ärgern? Wie oft hab' ich dir gesagt: > Nach zehn gibts kein Fernsehen.< ? Wie oft habe ich Dich GEBETEN: >Lieber Kai, versuche bitte, mich nicht an den Scheißkerl Jürgen zu erinnern. Ich habe diese Metallspäne von Eurer dämlichen Werkelei sechs Jahre weggefegt, mach deinen Dreck sonstwo, aber nicht in meiner Wohnung! "Ja, ich- ich habe- ich habe- heimlich Fernsehen- den Schlüssel hab' ich-der Kakao ist mir- ich mach das gleich weg."
"Gut." Sie lächelte. "Ich freue mich, dass du wenigstens ehrlich bist. Und wenn du den Teppich gereinigt hast, kannst du auch gleich den Kaffee aus deinem Schlafanzug waschen." "Das ist vom Kakao." Kai sah hinunter, auf seine Hose mit dem hellbraunen Kakaofleck.
"Was ist das?"
"Kakao. Ich war so erschrocken, als ich dein Auto gehört..."
Da platschte es in sein Gesicht. Heißes tropfte aus den Haaren. Die Augen brannten. Kai schrie.
"Habs ja gesagt: wasch den KAFFEE aus dem Schlafanzug. Miststück."
Sie schlürfte einen Schluck aus der fast leeren Tasse, ließ den Schlüssel hineinfallen und ging aus dem Zimmer.

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