Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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September 2001
Der 16. Geburtstag
von Penz

"Oh ja, Dankeschön!" Ich betone dieses 'Dankeschön' besonders stark und mein nickender Blick unterstützt diese Aussage, zumindest versuche ich ihn so wirken zu lassen. Der Ausdruck in Martas fragendem Gesicht deutet allerdings auf einen Fehlschlag und so entschliesse ich mich kurzerhand die Taktik zu wechseln und gebe ihr zu verstehen, dass es zwar ein sehr ungewöhnliches Geschenk sei, dies aber nur ihre Kreativität unterstreiche.
Soviel Verlogenheit traut sie mir wohl nicht zu und so entkrampft sich ihr Gesicht und sie kichert geschmeichelt - komisches Mädchen, aber hätte ich sie nicht eingeladen wäre Steffi nicht gekommen.
An dieser Stelle folgt gewöhnlich ein Spässchen meinerseits, aber zu dieser orangenen Plastikmundharmonika will mir einfach nichts Nettes einfallen. Meine besondere Aufmerksamkeit gilt der offensichtlich wieder zugetackerten Verpackung. Na ja, wenigstens Mühe hat sie sich gegeben denk ich bei mir und lege das schmucke Stück unter ihrer Beobachtung betont sanft zu dem andern Ramsch. Was ein Stress!
Da feiert man Geburtstag und anstatt sich selbst in die Couch zu haun, zu tanzen und ein Pils zu petzen muss man sein Augenmerk auf seine lieben Gäste und den bierschluckenden Teppich richten. Nicht wirklich gemindert wird der Stress von Mutti, die nach eigener Aussage ja gar nicht zu sehen ist. Zugegeben, ich sehe sie auch immer erst dann, wenn sämtliche vorher angeregten Unterhaltungen urplötzlich verstummen, Jungs und Mädchen den Abstand verdoppeln und alle wie dirigiert einen Schluck aus dem geriffelten Plastikbecher nehmen. Am Schlimmsten jedoch ist das gequälte Lächeln der Schulkollegen, sobald sich die Tür wieder schliesst - ein Mix aus "nette Mutti haste" und "ahh! noch ein Salat!"
Mein Vater kommt pro Party immer nur einmal in den Keller. Dann allerdings gleich mit dem Vorsatz sich richtig jugendlich mit meinen Freunden zu unterhalten. Die gelungene Spruchparade der 60er und 70er verfehlt ihr Ziel heutzutage gänzlich, was meinen jugendlichen Vater aber nicht beirrt, vielmehr fühlt er sich herausgefordert noch eins draufzusetzen.
Richtig gefährlich wird es, wenn er sich Richtung Stereoanlage in Bewegung setzt und mit Achtung drohendem Zeigefinger auf das nächste Lied aufmerksam macht. Jetzt ist es bereits zu spät. Er wird schelmisch grinsen und langsam beginnen zu Deep Purple zu tanzen.
Das einzige was einem in diesem Moment helfen kann ist das plötzliche Entflammen der Tischdecke oder sonst ein Ereignis, dass dem Tanz meines Vaters mit Bierflasche wenigstens ebenbürtig ist. Feuer mit Feuer bekämpfen blitzt es in mein Hirn und so scannt mein Blick verzweifelt alles um mich herum, ob sich nicht doch etwas leicht Entflammbares in der Nähe einer Kerze befindet. Doch diese hatte Mutti vorsorglich mit Alu umhüllt und ausserdem ist es doch übertrieben jetzt künstlich ein Feuer entfachen zu wollen!
Ich schliesse die Augen und versuche die Musik, den tanzenden Mann vor mir und die Tatsache, dass es sich dabei um meinen Vater handelt zu ignorieren und einfach zu warten bis das Lied ausklingt - auch wenn ich insgeheim noch auf ein Feuer hoffe.
Das Lied endet nach 7:41 Minuten (gute Wahl!) und schon während des Fade-Outs schiebe ich meinen Vater dezent Richtung Tür. Noch bevor der nächste 60er Rockhit den Weg in unsere Ohren finden kann habe ich meinen Vater verabschiedet und die Eject-Taste meines Cd-Players gedrückt - fester als sonst - auf Nummer sicher.
Das ist überstanden denke ich und als wieder zeitgemässe Musik läuft und ich langsam wieder runterkomme hat sich die ehemalige Party zu einem Essen entwickelt. Ich sehe zu Andi, der beim Büffet steht, wie er sich eines der Würstchen schnappt, an die Zündung einer Handgranate angelehnt ein Ende abbeisst und den Rest fröhlich in die Menge wirft. Der Saitling platzt, die Männer rennen zu den Waffen und was machen die Frauen: Überraschung! Sie kreischen!
Nachdem diese Schlacht geschlagen und das ganze Ausmass der Verwüstung sichtbar wird schütteln sich meine Freunde gegenseitig die Hände während die Mädchen vor dem Klo Schlange stehen, um sich gegenseitig das Fleisch aus den Haaren zu popeln.
Als ich um 10 nach 1 von meinem Vater zur Tür gebeten werde sagt er mir, dass ich jetzt Schluss machen sollte, wir hatten ja eins gesagt und jetzt sei es schliesslich schon zehn nach. Ich nicke und gebe die Anordnung weiter, dass die Party jetzt leider zu Ende ist und mein Vater darauf besteht sie alle nach Hause zu fahren.
Ich verabschiede mich von jedem, der eine oder andere brabbelt was von 'netter Party' und 'Viel Spass beim Aufräumen', aber ich mach nur noch das Licht aus und fall ins Bett - mal so richtig entspannt gefeiert.

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