Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Oktober 2001
Gefangen
von Katja Nathalie Obring

Die Frau lag reglos am Straßenrand. Der Gegenstand, den der Aufprall ihr aus der Hand gerissen hatte, war in die Windschutzscheibe geflogen und hatte sie in ein Labyrinth aus kristallweißen Linien verwandelt. Mir brummte der Schädel. Neben mir stöhnte Sam hinter dem Airbag. Meiner hatte natürlich nicht funktioniert. Mit zitternder Hand löste ich den Sicherheitsgurt und tastete nach der Tür, die sofort aufsprang. Ich taumelte auf die Strasse, hin- und hergerissen, ob ich zuerst nach Sam oder der Fremden sehen sollte. Mein Magen nahm mir die Entscheidung ab, und ich erbrach mich auf die staubige Straße. Während ich noch würgte, legte sich eine Hand auf meine Schulter.
"Alles in Ordnung, Liebling?"
Sam hatte sich irgendwie aus dem Auto befreit und stand neben mir.
"Jaja, mir geht’s gut. Was ist mit der Frau?"
"Sie scheint okay zu sein, jedenfalls ist sie bei Bewusstsein, und außer ein paar Schrammen sieht man nichts. Allerdings benimmt sie sich etwas seltsam."
"Wie meinst du das?" Ich nahm das dargebotene Taschentuch und wischte mir das Gesicht ab. Dann richtete ich mich auf.
"Naja, sieh selbst." Sam deutete auf die Frau, die mitten auf der Landstraße kniete und mit den Händen den Schotter zu einem Häufchen zwischen ihren Beinen zusammenschob. Sie weinte und murmelte etwas vor sich hin, was ich nicht verstand. Während ich langsam auf sie zuging, hörte ich Sam mit dem Handy die Polizei alarmieren. Er bestellte auch einen Krankenwagen, falls die Frau einen Schock hätte. Ich hatte die Straßenmitte erreicht und ging neben ihr in die Hocke. Sanft legte ich eine Hand auf ihre Schulter.
"Hallo? Ich bin Hannah Lichter, ich saß in dem Auto, das Sie angefahren hat. Geht es Ihnen gut?"
Sie sah nicht hoch. Immer wieder fegte sie das Gemisch aus kleinen Steinchen und Muschelsplittern zusammen. Unablässig murmelte und schluchzte sie: "Oh nein, mein Gott, nein, bitte, wo bist du, wo bist du hin? Ich werde sie wieder reparieren, ich setze sie neu zusammen, ich..."
Ich sah hinüber zu Sam, der uns beobachtete, und schüttelte den Kopf. Dann versuchte ich noch einmal, sie anzusprechen.
"Hallo. Ich – ich würde Ihnen gern helfen. Was tun Sie denn da?"
Keine Reaktion, und wenn ich ehrlich war, hatte ich damit auch nicht gerechnet. Also erhob ich mich und ging hinüber zu meinem Mann, der sich auf die Motorhaube gesetzt hatte.
"Na, was ist? Schock?"
"Hm, ich weiss nicht, Sam." Ich betastete meine Stirn, auf der sicher morgen ein wunderbares Horn erblühen würde. "Sie scheint etwas zu suchen in dem Strassendreck. Was es wohl sein mag?"
Die sich nähernden Martinshörner machten unserer Unterhaltung ein Ende. Während ich auf der Motorhaube sitzen blieb und zusah, wie sich zwei Sanitäter um das Opfer kümmerten, ging Sam zu dem Streifenwagen und stellte sich vor.
"Guten Tag, mein Name ist Samuel Lichter, Hauptkommissar Samuel Lichter. Ich war mit meiner Frau auf dem Weg nach Wernicke, wo ich am Montag die Mordkommission übernehmen werde. Die Frau ist uns einfach vor den Wagen gerannt..."
Ich wandte mich wieder den Geschehnissen auf der Straße zu, wo die beiden Sanitäter dieweil versuchten, die Frau von der Straße zu bekommen. Doch jedes Mal, wenn sie ihre Arme fassten, um sie zum Notarztwagen zu führen, fing sie an zu schreien und zu heulen und um sich zu schlagen. Schließlich ging ich hinüber.
"Entschuldigen sie, darf ich Ihnen helfen? Ich bin Psychologin, ich arbeite viel mit Traumapatienten." Ermunternd lächelte ich die beiden Sanis an, die ihrerseits erleichtert zurücklächelten.
"Wirklich? Na, Gott sei Dank. Die verrückte Maria ist sonst eigentlich ganz harmlos, wissen sie. Ich weiß zwar nicht genau, was mit ihr los ist, aber... irgendwie ist sie jetzt anders."
"Wie anders?"
"Naja, sonst sitzt sie immer nur rum und hält sich dieses Ding ans Ohr."
"Welches Ding?"
"Äh, diese Muschel. Sie wissen schon, so eine große Muschel, in der man, wenn man sie ans Ohr hält, das Meer rauschen hört."
Ich sah den Jungen an, der vielleicht achtzehn, picklig und offensichtlich nicht besonders helle war.
"Man hört das Blut im Ohr, und Sie als Sanitäter sollten sowas eigentlich wissen." Woraufhin ihm beinahe die Ohren platzten, soviel Blut schoss hinein.
"Nun, egal, helfen sie mir." Ich ging in die Knie und fasste die Frau am linken Oberarm, er bezog Stellung zu ihrer Rechten. "Maria? Maria, hören sie mich? Wir müssen jetzt gehen, kommen sie." Und mit leichtem Druck versuchte ich sie hochzuziehen. Sie blieb einfach sitzen und fingerte an den Scherben herum. Ich hatte eine Idee. "Maria, Ihre Muschel ist nicht mehr hier. Sie ist dort, im Wagen" Ich deutete auf den Krankenwagen. Sie blickte mich erstaunt an.
"Papa?"
"Genau, kommen Sie."
Maria stand auf und folgte mir auf wackeligen Beinen. Ich legte sie auf die Pritsche, und der junge Sani gab Maria eine Beruhigungsspritze, die sie innerhalb weniger Minuten in Schlaf versetzte.
"Wo ist denn eigentlich der Notarzt?" fragte ich.
"Öh, nun, als der Ruf reinkam, wurde uns gemeldet, dass es sich um einen leichten Unfall handelt, also ist er im Krankenhaus geblieben. Er hat da wichtige Forschungen zu betreiben, wissen sie."
Ich nickte. Wichtige Forschungen. Solche Ärzte liebe ich. Melden sich für den Notdienst, um ein paar Mark nebenbei zu machen, und lassen dann die schlecht ausgebildeten Sanitäter allein fahren. Nun ja.

Einige Stunden später saßen Sam und ich beim Abendessen im besten Hotel am Platze. Der Ort, in dem wir gestrandet waren, war ein meerwärts gelegener Vorort von Wernicke. Da die Windschutzscheibe erneuert werden musste, was heute, am Samstag, nicht mehr möglich war, und Sam sowieso erst am Montagmittag erwartet wurde, hatten wir beschlossen, ein Urlaubswochenende in diesem malerischen Badeort zu verbringen.
Wir waren mit den Polizisten zum Hotel gefahren. Die arme Frau, die wir angefahren hatten, Maria Opper, war ins Krankenhaus verbracht worden. Die Polizisten hatten uns erzählt, dass auch sie eine Ortsfremde sei, die vor einigen Monaten mit ihrem Lebensgefährten hierher gekommen war, um das alte Ferienhaus ihrer kürzlich verstorbenen Mutter zu renovieren und zu verkaufen. Dann jedoch sei sie in einen merkwürdigen Zustand verfallen, ausgelöst durch einen Heiratsantrag ihres Freundes. Dieser hatte ihr eine grosse Muschel geschenkt, und bei deren Anblick sei sie in eine Stereotypie verfallen. Seitdem halte sie dauernd die Muschel ans Ohr, so, als höre sie Stimmen, denn sie schien auch zu antworten und sprach die Muschel mit ‚Papa’ an. Sonst sprach sie mit niemandem mehr, aß nur, wenn sie gefüttert wurde, hatte allen Kontakt zu ihrer Umwelt abgebrochen. Der Freund war irgendwann abgereist, und nun kümmerte sich eine Frau aus dem Dorf um sie.
"Jedenfalls ist jetzt klar, was sie da auf der Strasse gesucht hat," sagte ich eben zu Sam, als das Handy klingelte.
"Was denn?"
"Na, die Muschel. Sie muss bei dem Zusammenstoß zerbrochen sein. Nun geh endlich an das Scheißding!" Ich hasse Handys. Nicht nur, weil sie immer im unpassenden Moment klingeln, sondern weil ich es auch persönlich für die Hölle auf Erden halte, dauernd erreichbar zu sein. Aber Sam musste aus beruflichen Gründen dieses Ding tragen, also beschwerte ich mich nicht, sondern winkte statt dessen den Kellner heran und bestellte uns Kaffee und Cognac. Nachdem ich die endlos scheinende Aufzählung edler Tropfen hinter mich gebracht und eine Marke gewählt hatte, wandte ich mich Sam zu, der eben das Handy zurück in seine Tasche steckte.
"Was Wichtiges?"
"Hmm. Das war der Arzt, der eigentlich auf dem Wagen hätte sein sollen. Er hat erfahren, dass du Psychologin bist, und lässt fragen, ob du morgen im Krankenhaus vorbeikommen könntest, um dir diese Maria mal anzuschauen. Ihr Zustand scheint sich verschlechtert zu haben, und dieser Dorfdoktor weiss nicht, was er tun soll."
Ich stöhnte. "Erstens habe ich Urlaub, zweitens lässt sich ein Trauma nicht mal eben so am Wochenende behandeln, drittens praktiziere ich hier noch gar nicht, viertens ist morgen Sonntag, und überhaupt, wer ist der Kerl denn?"
Sam grinste. "Nun, der Dorfdoktor eben. Es gibt hier ein kleines Krankenhaus, wohl weil im Sommer der Ort vor Touristen nur so wimmelt, und das leitet er. Er ist Spezialist für Lungen- und Atemwegserkrankungen, aber nicht für Psychologie. Und da Maria bisher keine Bedrohung darstellte, weder für sich noch für andere, wurde sie niemals psychologisch behandelt. Jetzt aber hat sich die Sachlage verändert, und er erwägt, ob man sie in eine qualifiziertere Einrichtung überweisen sollte. Um Fehler bei der Entscheidung zu vermeiden, bittet er dich zur Diagnose dazu."
"Auf keinen Fall. Sollen sie doch ihren Scheiß alleine regeln." Der Kellner erschien am Tisch, und ich grabschte mir den Cognac, den ich sofort und in einem Zug herunterstürzte. Der Kellner bedachte mich mit einen missbilligenden Blick.
"Noch einen, bitte." Er verschwand. "Okay, was hast du ihm gesagt?"
"Das wir so gegen 14:00 Uhr in der Klinik seien."
"Wissen Sie was," sagte ich zu dem eben zurückgekehrten Kellner, "bringen Sie doch einfach direkt die Flasche."

Ein schrilles Klingeln riss mich aus wirren Träumen von Meereswesen und unterseeischen Palästen. Ich steckte den Kopf unters Kopfkissen und wartete darauf, dass Sam den Hörer abhob. Es klingelte weiter. Ich trat nach rechts, um ihn deutlicher aufzufordern, aber da war nichts als eine leere Decke. Also zog ich meinen schmerzenden Kopf unter dem Kissen hervor und quälte meine Augen auf, die bestätigten, was der Fuß mir gemeldet hatte: Sam war weg. Das Telefon schellte unerbittlich weiter, und schliesslich hob ich den Hörer ab.
"Morgen, Liebling. Ich wollte dich wecken, damit du nicht deinen Termin in der Klinik verpasst."
"Scheiße. Wo bist du?"
"Am Strand. Man hat einen Schädel gefunden, und da dachten die Landeier, wo doch schon mal ein Kommissar in der Stadt ist, kann man doch gleich den holen. Bevor einer aus Wernicke hier ist, ist die Sache wahrscheinlich erledigt."
"Einen Schädel?"
"Ja, aber der ist uralt und hat schon Jahre im Wasser gelegen. Kein Fall für mich, wie es aussieht. Wahrscheinlich irgendein Tourist, der vor Dutzenden von Jahren ertrunken ist, jedenfalls keine Spuren von Gewalteinwirkung, nicht an dem Schädel jedenfalls. Ist aber immer schwierig zu sagen, ohne den Rest des Skeletts."
"Das mittlerweile wahrscheinlich über alle sieben Weltmeere verstreut ist."
"Das muss nicht sein. Ich habe mich mit einem alten Fischer unterhalten, der sagt, die Strömung hier lasse bestimmte Buchten einfach aus, während sie in anderen recht stark sei. Manchmal, bei Sturm, läuft dann ein Arm des Sogs in die sonst ruhigen Buchten, so kommt es, dass manche Tote erst Jahrzehnte später wieder angespült werden, je nachdem, wo der Unfall passiert ist. Manche tauchen natürlich auch nie wieder auf."
"Dann halten sich die Beerdigungskosten wenigstens im Rahmen."
"Herrgott, Hannah, sag sowas nicht zu den Angehörigen!"
"Bist du verrückt? Ich bin Psychologin, ich verdiene mein Geld damit, NCHTS zu Angehörigen zu sagen. Danke, dass du mich geweckt hast, ich muss langsam unter die Dusche. Wo treffen wir uns?"
"Ich kann nicht mit ins Hospital kommen, ich muss mich hier um den Papierkram kümmern. Ruf mich an, wenn du fertig bist."
"Okay, bis später."
"Schatz?"
"Ja?"
"Ich liebe dich. Mach keine Dummheiten."

Als ich aus dem Bad kam, war es zwölf Uhr. Ich hörte die Glocken der Dorfkirche bimmeln, und zwar direkt in meinem Kopf. Was ich dringend brauchte, waren zwei bis fünf Aspirin, also machte ich mich auf die Suche nach einer Notapotheke. Dabei kam ich an einem Souvenirladen vorbei, vor dessen Schaufenster eine große Auslage mit verschiedenen Muscheln, Seesternen und anderem getrocknetem Meeresgetier meine Aufmerksamkeit erregte. Einem Impuls folgend suchte ich eine riesige Muschel mit fingerähnlichen Auswüchsen aus und kaufte sie. Im Laden erführ ich, dass es keine Apotheke gebe, wenn man etwas brauche, beziehe man es direkt aus dem Hospital. Also beschloss ich, meinen Termin vorzuverlegen.
Das Krankenhaus lag am Dorfrand. Es war ein moderner Bau, nicht allzu groß, aber offensichtlich zweckmässig. An der Rezeption teilte man mir mit, Dr. Orkian sei zu Mittag und werde frühestens um 13:30 zurück erwartet. Ich liess mir die Zimmernummer von Maria geben, da ich den Doktor für meine Diagnose nicht brauchte. Tatsächlich würde es besser sein, wenn ich zunächst allein mit der Patientin sprechen konnte, auch wenn man sich natürlich üblicherweise nicht so in den Fall eines Kollegen einmischt.
"Hallo, Maria," begrüßte ich sie.
Sie sah mich an, aber weiter reagierte sie nicht.
"Wie geht es Ihnen? Erinnern Sie sich an mich? Dr. Hannah Lichter, ich saß in dem Auto, mit dem Sie zusammen gestoßen sind. Ich wollte mal sehen, wie es Ihnen geht."
Maria runzelte die Stirn.
"Wo ist mein Vater?"
"Ihr Vater? Außer Ihnen war niemand auf der Strasse, Sie waren ganz allein."
"Wo ist mein Vater?" Sie fing an zu schluchzen, ihre Hände krampften sich in die Bettdecke. "Wo ist er?"
Ich setzte mich neben sie aufs Bett und ergriff ihre Hand.
"Maria, ihr Vater war nicht bei ihnen."
"Doch, das war er. Er war in der Muschel. Er hat zu mir gesprochen. Er hat mir erzählt, was passiert ist."
"Nein, Maria, sie waren ganz allein. Ihr Vater war nicht dort."
"Das konnte er auch nicht gut sein," sagte eine männliche Stimme in meinem Rücken. Ich drehte mich um. Vor mir stand ein Mann um die Fünfzig, ganz in Weiß, offensichtlich Dr. Orkian. Ich erhob mich und schüttelte ihm die Hand. Wir stellten uns vor, dann nahm er mich beiseite.
"Was meinen sie?"
"Nun, es scheint ein schweres Trauma vorzuliegen. Wann und wie ist denn der Vater ums Leben gekommen?"
"Er ist eines Tages einfach spurlos verschwunden, vom Strand weg. Er war mit seiner Frau und der kleinen Maria am Meer, und er wollte ihr wohl eine Muschel herauftauchen, kam jedoch nie zurück. Soweit wir wissen, stand die Kleine am Strand, als es passierte."
"Hm. Das scheint mir, verzeihen sie den Ausdruck, etwas mager für ein Trauma dieser Größenordnung. Da muss noch etwas anderes dahinter stecken."
"Nun, ich wüsste nicht, was. Aber meine eigentliche Frage ist, soll ich sie gehen lassen oder nicht doch lieber in eine Spezialklinik überweisen?"
"Behalten sie sie vorübergehend hier. Jetzt kann ich noch keine Entscheidung treffen, das wäre übereilt. Ich brauche mehr Informationen. Ich komme morgen noch einmal vorbei, wenn ich mich mit den Einzelheiten des Falles näher vertraut gemacht habe.Guten Tag, Doktor. Auf Wiedersehen, Maria. Ich komme morgen – ach, ich habe ja noch etwas für dich." Ich drehte mich wieder zu Maria, nahm die Muschel aus der Tasche und reichte sie ihr. Ein Strahlen breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als Maria sie nahm und ans Ohr führte. Dann, plötzlich, schleuderte sie die Muschel gegen die Wand und begann zu weinen.
"Nein, nicht er, nicht er," wiederholte sie wieder und wieder, während ihr Oberkörper sich vor und zurück wiegte. Der Doktor nahm mich am Arm und brachte mich raus.
"Das war ja nicht sonderlich erfolgreich," sagte er. "Ich würde begrüßen, wenn sie solche Aktionen in Zukunft mit mir absprächen, schließlich bin immer noch ich der behandelnde Arzt. Schwester, kommen sie mal bitte..."
Ich nickte, völlig in Gedanken versunken. Irgend etwas war da oberfaul.
"Willst du noch Brot, Liebling?"
Ich schüttelte den Kopf.
"Jedenfalls muss sie etwas Furchtbares erlebt haben," schloss ich meinen Bericht über den Besuch im Krankenhaus. "Und, wie war dein Tag?"
"Nicht besonders aufregend. Ich habe mal nachgeschaut, in den letzten fünfzig Jahren sind immerhin zwanzig Personen hier vor der Küste spurlos verschwunden. Wie müssen hoffen, dass wir den Schädel anhand der Zähne identifizieren können, aber wenn er tatsächlich einem Touristen gehört, dann kann das Monate dauern, oder gar nicht gelingen, wenn er oder sie aus dem Ausland kam."
"Ich dachte, die Behörden arbeiten mittlerweile europaweit zusammen?"
"Ja, die Behörden schon – offiziell, obwohl es auch da noch genug Animositäten gibt. Aber die Krankenkassen – vergiss es."
"Hm. Also, bestimmt ist es nur ein Zufall, aber warum lässt du dir nicht die Unterlagen von Johannes Opper schicken?"
"Wer soll das sein?"
"Marias Vater. Er ist vor zwanzig Jahren bei einem Badeunfall verschwunden."
"Nun gut, warum nicht. Schaden kann es ja nicht, und auf der Liste ist er sowieso. Was hast du denn jetzt vor wegen des Mädchens?"
"Naja, Mädchen ist gut, sie ist achtundzwanzig geworden vor einigen Wochen. Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht. Irgendwie passt die Geschichte nicht. Mir scheint, wenn sie nur vom Strand aus beobachtet hat, wie der Vater tauchte und nicht wiederkam, wäre sie nicht so furchtbar traumatisiert. Stell dir vor, sie hat geglaubt, er rede aus der Muschel zu ihr. Heute habe ich ihr eine Neue gebracht, aber die hat sie nicht akzeptiert. Vielleicht sollte ich sie hypnotisieren..."
"Sag mal, gehen dir da nicht die Pferde ein bisschen durch? Ich kann ja verstehen, dass du dich schuldig fühlst, weil wir sie angefahren haben, aber es war ein Unfall, und du konntest doch nichts dafür."
"Nun erklär du mir nicht, was in meinem Unterbewusstsein abgeht, das ist mein Spezialgebiet. Und darum geht es auch nicht, oder nur am Rande. Ja, ich will etwas wiedergutmachen. Aber an der Geschichte ist was komisch, ich sag es dir. Komm, lass uns hoch gehen, ich glaube, da ist noch ein bisschen Cognac in der Flasche gewesen, oder?"

Als ich am nächsten Tag in der Klinik ankam, sah ich einen Leichenwagen vor der Tür stehen. Obwohl das in einem Krankenhaus ja nichts ungewöhnliches ist, beschlich mich ein mulmiges Gefühl. Ich ging zur Rezeption um mich anzumelden.
"Sie wollen zu Maria Opper?" Die Schwester wurde blass. "Das ist leider nicht mehr möglich."
"Wie denn, hat Dr. Orkian sie entlassen?"
"Nein, sie, also, sie ist verstorben."
"Wie bitte? Sie war, abgesehen von einigen Schürfwunden, doch völlig okay."
"Sie - ah, da kommt der Doktor, vielleicht sprechen Sie selbst mit ihm."
Sie schien erleichtert, die Aufgabe los geworden zu sein, und wandte sich wieder ihrem Telefonhörer zu.
"Ah, die Frau Kollegin. Ja, da hätten wir sie doch besser gleich gestern in eine angemessene Anstalt gebracht, die Frau Opper. Sie hat sich heute Nacht erhängt."
"WAS?"
"Ja, es ist tragisch, nicht wahr? Heute morgen, beim Rundgang, hat Schwester Margarethe sie gefunden. Sie hatte sich mit dem Infusionsschlauch am Fensterkreuz aufgehängt. Leider war sie schon mehrere Stunden tot – wir konnten nichts tun."
"Nun, Sie hätten sie überwachen können." Mir war klar, dass ich ungerecht war – schließlich hatte ich mich gestern erst mit der Patientin unterhalten, und ich hatte nicht das geringste Anzeichen einer Suizidgefahr erkannt. Wie dann also dieser Provinzkurpfuscher?
"Meine liebe Kollegin, wir sind hier ein einfaches Krankenhaus, keine forensische Klinik, in der man mit so etwas vielleicht rechnen würde. Und nun entschuldigen Sie mich, ich habe Papierkram zu erledigen."
Wie versteinert stand ich da im Foyer, als Sam auf mich zukam. Er nahm mich in den Arm, doch ich drückte ihn weg.
"Sam, da -."
"Ja, Süße, da ist was faul, das denke ich auch. Deswegen habe ich sie zur Obduktion nach Wernicke bringen lassen. Morgen werden wir genaueres wissen. Komm, wir müssen auch los, der Wagen ist fertig, ich werde im Büro erwartet."
"Aber – willst du nicht – Verhöre führen oder so was? Beweise sichern?"
"Doch, aber erst, wenn das Obduktionsergebnis vorliegt. Und die Untersuchung des Tatorts können die Kollegen auch ohne mich vornehmen. Ich habe gesehen, was es zu sehen gab. Komm."

Ich packte eben den letzten der Umzugskartons aus in unserer neuen Wohnung in Wernicke, als Sam nach Hause kam. Er ließ sich aufs Sofa fallen, zündete einen Zigarillo an und klopfte auf den Platz neben sich.
"Bring den Cognac mit, und wenn sie schon ausgepackt sind, zwei Gläser, du wirst auch einen brauchen."
Ich schenkte uns ein und sah ihn erwartungsvoll an.
"Nun, es ist alles recht seltsam. Du hattest übrigens Recht mit deiner Ahnung, der Schädel gehörte zu Johannes Opper. Und was seine Tochter Maria angeht, können wir Fremdeinwirkung beweisen. Unter ihren Fingernägeln wurde Haut gefunden. Nun müssen wir nur noch rausfinden, wem die gehörte."
Ich schwenkte die bernsteinfarbene Flüssigkeit im Glas, dann stürzte ich sie ex hinunter.
"Dem Doktor."
"Wie kommst du drauf?"
"Nur so ein Gefühl."
Sam grinste. "Dasselbe Gefühl hatte ich auch. Dummerweise sind Gefühle für mich keine zulässige Arbeitsgrundlage. Deshalb habe ich direkt von allen Mitarbeitern des Krankenhauses Speichelproben nehmen lassen, zur Bestimmung der D.N.A.. Allerdings dauert der Test einige Tage. Ich fahre morgen hin und sehe mir das Strandhaus an. Ich dachte, du willst vielleicht mitkommen."
"Ja, natürlich."

Als wir am nächsten Tag an dem Haus am Strand ankamen, schien die Sonne strahlend auf das schmucke kleine Anwesen herab. Sam sperrte die Tür auf, und wir betraten ein verwunschenes Reich. Offensichtlich hatte Maria alle Muscheln, die sie finden konnte, ins Haus geschafft, der gesamte Boden war bedeckt mit ihnen, in allen Größen, Formen und Farben. Regelrechte Pfade zogen sich durch die Schalenhaufen, hier und da fand sich ein getrockneter Seestern, ein bisschen Tang, und natürlich reichlich Sand. Vorsichtig folgten wir dem vorgegebenen Weg, der uns ins Wohnzimmer brachte. Dort waren sogar die Wände mit mediterranen Motiven bemalt, dazwischen hingen überall Photos. Sam studierte sie und bestätigte meine Ahnung.
"Alle zeigen Johannes Opper."
Ratlos schauten wir uns um, wie sollten wir hier ein Motiv für den Mord finden? Da fiel mir eine seltsam ordentliche Ecke des Raumes auf. Ich ging hinüber und betrachtete den hier frei zutage liegenden Boden. Eines der Bodenbretter hatte ein Astloch. Ich steckte den Finger hinein und zog probehalber. Es ließ sich anheben. Darunter befand sich eine Aushöhlung, in der eine Tierfalle lag sowie einige Briefe. Diese nahm ich heraus.
"Hier, Sam, sieh mal."
Wir setzten uns aufs Sofa und begannen, die Briefe durchzusehen. Es waren Liebesbriefe, offensichtlich an Marias Mutter Esther adressiert. Unterzeichnet waren sie mit "Doc".
"Soweit ist die Sache klar," meinte Sam. "Esther Opper hatte einen Liebhaber, Doc – wenn das mal nicht unser Doktor Orkian war! -, und die beiden haben damals Johannes Opper umgebracht. Aber wie? Und wozu in aller Welt das Fangeisen?"
"Lass den Meeresgrund vor dem Strand des Hauses absuchen. Ich glaube, dort werdet ihr zumindest einen Teil des restlichen Skelettes finden. Ich stelle mir das so vor: Johannes Opper weiß, dass seine kleine Maria unbedingt eine große Muschel will, und als guter Vater will er ihr eine herauftauchen. Dummerweise weiß auch "Doc" davon. Er präpariert ein Fangeisen mit einer Muschel, deponiert das Ganze nah genug an der Küste des Strandabschnittes, an den die Familie immer geht – was leicht war, zu dem Haus gehört ein Stück Strand - Johannes taucht danach, schnapp, er ist gefangen, kann nicht mehr auftauchen, und ertrinkt."
"Aber wie passt Marias Trauma ins Bild?"
"Nun, vielleicht hat sie gar nicht am Strand gestanden. Es kann sein, dass sie geschnorchelt und alles mitangesehen hat. Aber ihr Verstand hat es sofort ausgeblendet, weil sie dieses Grauen nicht verarbeiten konnte. Und nun, als ich auf der Bildfläche erschienen bin und sie behandeln statt in eine Klinik abschieben wollte, da hat "Doc" begriffen, dass er in Gefahr ist, wenn sie sich an etwas erinnert. Deshalb hat er sie umgebracht."
Ich schüttelte mich.
"Lass uns von hier verschwinden. Es ist morbid."

Zwei Tage später warf ich die große Muschel in Marias Grab. Wie waren zur Beerdigung noch einmal in das Dorf am Meer gefahren. Der Gentest hatte die Haut unter ihren Fingernägeln zweifelsfrei als die des Doktors Fabian Orkian identifiziert, und damit konfrontiert, hatte er alles gestanden. Es war beinahe so abgelaufen, wie ich vermutet hatte, allerdings hatte Maria nichts gesehen, sie hatte tatsächlich am Strand gestanden. Aber sie hatte angehört, wie der Doc ihrer Mutter von dem Plan berichtete. Das hatte er in der Nacht vor dem zweiten Mord ihrem Tagebuch entnommen, das sie immer mit sich getragen hatte. Er hatte es natürlich sofort vernichtet. Ich schauderte und wandte mich vom Grab ab.
"Komm, Sam, lass uns irgendwo essen gehen. Ich brauche einen Schnaps."
"Natürlich, Liebling."

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