Der himmelblaue Schmengeling
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Oktober 2001
Kuhhändel
von Torsten Schmandt

"De Kou is dout", sagte Gubbert. Das war auch nicht zu übersehen. Das verdrehte Auge der nach oben gewandten Gesichtshälfte starrte glasig auf das Heck der Tränke,- eine ehemalige Badewanne. Aus dem aufgeschlitzten Bauch der Kuh hingen die Gedärme heraus und noch etwas Schauriges...das Tier war trächtig gewesen. Gubbert plierte auf die Pappe, auf die mit Blut "De Kuh is dot" gepinselt war. Es war bereits die dritte Kuh... in diesem Monat, alle trächtig und alle Tiere gehörten zur Herde von Jon Gubbert. Das Pappstück lag über den Vorderläufen. Es war eines, wie es die Parteien benutzten, um ihre Wahlplakate draufzukleben.
"Vonne SPD", sagte Gubbert. Ich wusste, was er damit meinte. Ortsvorsitzender der SPD war Rüssberg. Er war der Bauer auf dem Nachbarhof. Seit einigen Generationen wurde eine Feindschaft zwischen den Gubberts und den Rüssbergs von den Vätern auf die Söhne vererbt. Die älteren im Dorf erzählten, es sei kurz nach dem Krieg gewesen, dass eine Rüssberg in einem anderen als dem Ehebett eine Empfängnis gehabt hätte und dann seien einige Dinge geschehen, von denen kein Christenmensch eine Rechenschaft wolle einfordern müssen.
Das war mir bekannt und ich wusste auch, was alle im Dorf wussten: dass Gubbert vor zwei Jahren des Versicherungsbetrugs überführt worden war. Das hatte seinem Ansehen geschadet, auch weil nach allgemeiner Auffassung Versicherungsbetrug etwas für Sesselfurzer war und nichts für einen Bauern mit solchen Händen, nichts für einen, der ein Kerl wie ein Riese war.

Gubberts Gesicht glühte – egal zu welcher Jahreszeit – ziegelrot. Daraus stachen seine auseinander liegenden Augen hervor. Sie waren blau wie ein Oktoberhimmel und verrieten keine Regung.
"Hat ihr Sohn irgendwas gesehen oder gehört?"
"Mien Söön? Weed ick nich."
"Und ihre Frau."
"Die weiß auch nichts." Er wechselte ins Hochdeutsche. Vielleicht, weil er auch mit ihr nur Hochdeutsch sprach. Frau Gerlinde Gubbert war aus der Stadt gekommen. Er hatte sie eines Tages mit ins Dorf gebracht und zwei Wochen später geheiratet. Man hatte sich damals über die Eile gewundert. Frau Gubbert - oder Sandmann, wie sie als Mädchen hieß - hatte beim Einzug Bücher und Kunstdrucke französischer Maler auf den gubbertschen Hof gebracht.
Plötzlich schwenkte Gubbert herum und ruckte ein Stück näher. Ich fröstelte. Vom Waldstück her kam ein Windstoß über die Weide. Die Lederjacke hatte ich im Wagen gelassen. Mit dem Kinn wies er auf das Haus. Wir stapften über die morastige Wiese zurück. Dicht hinter mir sein Schnaufen. Ich hatte mich überhaupt nie behaglich gefühlt, seit ich hierher versetzt worden war.
Als wir in die Küche kamen, stand Gerlinde Gubbert am Fensterbrett und tupfte mit dem Zeigefinger in die Blumenerde. Kopf und Rücken hielt sie ganz gerade trotz der Bewegung. Ohne einen Blick ging sie an uns vorbei zur Tür. Hier im Haus war es fast kälter als draußen. Offenbar war die Heizung noch nicht in Betrieb.
"Ich werde dann mal mit Sven reden. Vielleicht hat er ja doch etwas gehört", sagte ich. "Meinetwegen", antwortete Gubbert, während er sich einen Schnaps eingoss. Bevor ich an der Tür war, kam Gerlinde mit einer Gießkanne wieder herein. Ich trat zur Seite, um sie vorbeizulassen. Man konnte denken, sie würde uns gar nicht wahrnehmen. Gubbert schraubte die Flasche zu, spuckte in den Spülstein und marschierte wieder auf den Hof hinaus.

Seitdem er einen Preis gewonnen hatte, wussten alle, dass Sven Gubbert die Mathematik liebte. So hatte es in der Zeitung gestanden. Er besuchte das Gymnasium in der Kreisstadt, obwohl Jon Gubbert keinen Zweifel daran hatte, dass sein Sohn eines Tages den Hof übernehmen würde. Sein Zimmer war in pingeligster Ordnung. Vielleicht war es der mathematische Charakter. Vielleicht war es aber auch der geflissentliche Gehorsam gegenüber seinem Vater. Ich wünschte mein Junge hätte wenigstens ein bisschen davon. Sven saß an einem Kinderschreibtisch wie ein verunglückter Darsteller in einem Versandkatalog. Hinter ihm stand eine Tafel mit einer in Kreide geschriebenen Formel: "ΔQ= ...", als wäre er gerade mit der Lösung eines Problems beschäftigt gewesen.
"Das ist Griechisch, nicht?", sagte ich mit Blick auf die Tafel und versuchte es mit einem Lächeln. "Delta", antwortete er. Es war fast ein Flüstern. Ich wusste, dass er schon mehrmals Lungenentzündung gehabt hatte. Auch sonst war er oft krank. Er umklammerte einen Kugelschreiber und sah mich an, als wüsste ich nun alles über ihn. Seine Hände waren wie Vogelkrallen. Sie waren noch schmaler als die seiner Mutter und ganz bleich.
Als ich ihn nach den toten Kühen fragte, schüttelte er nur den Kopf und senkte den Blick wieder in seine Mathematikbücher.

Ich stieg in den Wagen und nun kam endlich die Sonne wieder heraus. Ich ließ den Motor an und drehte die Heizung auf. Ich erinnerte mich, dass es im Nachbarkreis mal einen Pferdemörder gegeben hatte. Das war, wie sich herausstellte, ein aus der Anstalt Entlaufener gewesen.
Im Radio gab es Nachrichten. Der Neue Markt an der Börse hätte Einbußen erlitten. Das tue der Gründungseuphorie in der Dot-Com-Gemeinde aber nur wenig Abbruch. Die Straße war um die Zeit kaum befahren. Links und rechts glitten die Knicks vorüber. Ich trat auf die Bremse, setzte in eine Wieseneinfahrt zurück und fuhr wieder in Richtung Gubbert-Hof ... Dot ist ein Punkt. Für jede Kuh einer. Immerhin seiner Tafel musste er es anvertrauen. So ist der Mensch.

Sven stach mit einer Forke in einen Misthaufen und schaufelte eine Ladung in eine Schubkarre. Er tat das ohne Kraft, aber nicht so ungeschickt, wie ich seinen Vater einmal im Dorfkrug hatte behaupten hören. Seine Hände konnten mit solchem Gerät umgehen. Er trug jetzt schwarze Gummistiefel, die ihm um die Waden schlotterten. Obwohl er den Motor und die Wagentür gehört haben musste, drehte er sich nicht um. Er unterbrach das Schaufeln auch nicht, als ich fragte: "Delta ist griechisch für D, nicht?"
"Yes, Sir", antwortete er...

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