Der Tod aus der Teekiste
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Oktober 2001
Brot
von Annemarie Nikolaus

16. Floreal*: Wachwechsel auf der Gendarmerie in der Rue de la Tixeranderie. Jean-Pierre Chalandon begrüßte seine Ablösung mit düsterem Blick: "Heute nacht haben wir vier schwangere Frauen aus der Seine gefischt. Nur eine von ihnen konnten wir retten: Claire, die Tochter der alten Weißnäherin Dechamps."
"Ich weiß", antwortete Michel. "Ich habe gesehen, wie ihr sie nach Hause gebracht habt."
"So spät warst du noch wach? Es war doch schon fast Vier."
"So früh war ich schon auf", erwiderte Michel. "Und ich weiß auch, daß Claire inzwischen ihr Kind bekommen hat. Das kleine Mädchen wiegt keine vier Pfund; die Hebamme hat wenig Hoffnung, dass es lange lebt."
"Dieses Elend ist ein Verbrechen", sagte Jean-Pierre. "Und es wird Tag für Tag noch schlimmer: Ab heute gibt es in unserem Viertel nur noch 2 Unzen** Brot für jeden."
"Doch die Bürger, die es sich leisten können, selbst 10 Livres für ein Pfund Weißbrot zu bezahlen, schwelgen in Brioches und Croissants," fauchte Michel. "Aber ich muss nachher wieder vor der Bäckerei von Robillard stehen und verhindern, daß die aufgebrachten Frauen ihm die Tür eintreten."
"Dabei hätte er wirklich Prügel verdient. Letzte Woche ist er erneut angezeigt worden, weil er minderwertiges Mehl verarbeitet hat. Es schreit zum Himmel, wie dieses Pack sich an den armen Leuten bereichert. Aber Gott ist abgeschafft worden."
" Und Anzeigen nützen überhaupt nichts!"

Jean-Pierre griff nach seiner Jacke und trat auf die Straße: Es war noch dämmrig, aber überall standen die Frauen schon Schlange. Vor vielen Läden würden sie vergeblich warten. Jean-Pierre wusste, daß es auch heute kein Gemüse und keine Butter geben würde. Der Wohlfahrtsausschuss des Viertels hatte ihm mitgeteilt, daß wieder kein Lieferant über den Faubourg Saint-Antoine hinaus in die Stadt gelangt sei. Die Bürgerinnen der Vororte hatten sie allesamt geplündert.
Er klimperte mit den Sous in seiner Jackentasche und lächelte trotz allem. Es würde ein Mai-Tag, wie er in Paris nicht schöner sein konnte; und seine Frau hatte Geburtstag. Er wollte sie mit einem guten Stück Fleisch überraschen. Auf dem St.-Katherinen-Markt kannte er einen Metzger, der ihm noch einen Gefallen schuldete, weil er ihn dabei erwischt hatte, dass er rationiertes Fleisch an den Koch eines Papier-Fabrikanten verkauft hatte. Sicher würde er dennoch weit mehr als das zulässige Maximum zahlen müssen, aber das war ihm heute egal.

Vor Robillards Bäckerei in der Rue de la Jussienne traf Jean-Pierre auf eine aufgeregte Menge. Die Ladentür stand weit offen, aber von Robillard keine Spur. "Bürgerinnen, was ist hier los?"
Die Antwort von Witwe Leclerc war im Stimmengewirr kaum zu verstehen. "Er ist in der Backstube", vernahm Jean-Pierre. "Er hängt in der Backstube", rief Nanette, ihre Nachbarin.
Jean-Pierre stürzte hinein. Der Bäcker hatte einen Mehlsack überm Kopf und hing an dem großen Balken über einem Trog, aus dem der inzwischen zu hoch aufgegangene Teig überquoll.
‚Das war Mord‘, dachte Jean-Pierre entsetzt und blieb abrupt stehen, um keine Spuren zu zerstören. ‚Das hat gerade noch gefehlt!‘ Er war unschlüssig, was er nun tun solle. Sein Dienst war eigentlich zu Ende, und wenn er nicht gleich zum Markt ginge, bekäme er überhaupt kein Fleisch mehr.
Trotzdem schaute er sich um: Auf dem Holzschieber lagen 20 ungebackene Flutes; auf dem Tisch daneben unzählige rohe Brioches. Das Feuer glomm nur noch schwach. Jean-Pierre öffnete die Tür des Backofens: verkohlte Baguettes.
Ein Geräusch ließ ihn herumfahren: Unter den Mehlsäcken huschte eine Ratte hervor. Alle Vorsicht vergessend, trat er näher und öffnete einen der Säcke. "Buh!" Ekel schüttelte ihn: Es wimmelte von Maden.
Die Frage, was jetzt, klärte sich durch den eintretenden Inspektor Roux: "Guten Morgen, Bürger Chalandon. Hast du schon etwas entdeckt?"
"Nun, der Mord muss zwischen drei und vier Uhr passiert sein. Robillard hatte schon das erste Brot im Ofen, aber keine Gelegenheit mehr, die fertigen Baguettes herauszuholen. Und auch der Mörder war dafür zu früh dran."
"Oder das Brot hat ihn nicht interessiert."
"Glaubst du wirklich, dass jemand auch nur ein Stück Brot liegen lässt?"
"Nein," gab der Inspektor zu. "Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Aber vielleicht ist er gestört worden."
Jean-Pierre schüttelte den Kopf: "Um diese Zeit ist normalerweise kein Mensch auf der Straße. Und wenn, dann hätte auch ich ihn gesehen. Es war kurz nach halb Vier, als ich Claire nach Hause brachte. Da bin ich hier vorbeigekommen, und auf dem Rückweg zur Gendarmerie noch einmal."
Roux zwirbelte seinen Schnurrbart: "Jammerschade! Da hast du den Mörder wohl gerade verpasst."
"Wenn jemand auf der Straße gewesen wäre, hätte ich ihn sicher ...". Er stockte. ‚Michel‘, dachte er; ‚Michel musste doch auf der Straße gewesen sein. Wieso habe ich ihn nicht gesehen? Und warum hat er mich nicht angesprochen?‘
"Was ist? Ist dir doch etwas aufgefallen?"
Nach kurzem Zögern schüttelte Jean-Pierre den Kopf. "Nein, Inspektor. Ich kann dir nicht weiter helfen. – Und jetzt muss ich geschwind zum Markt. Charlotte hat heute Geburtstag."
"Na, dann lauf. Gratulier ihr von mir und macht euch einen schönen Tag."

Aber Jean-Pierre ging nicht direkt zum Markt. Er wollte mit Michel sprechen. Als er zur Gendarmerie zurückkam, erfuhr er jedoch, dass der Sitzungssaal des Wohlfahrtsausschusses von rebellierenden Hausfrauen belagert wurde und Michel mit einigen Kollegen zum Schutz der Komitee-Mitglieder befohlen worden war.
Jean-Pierres Marktbesuch war dagegen ein voller Erfolg. Er bekam für seine Ersparnisse nicht nur ein großes Stück Lammschulter, sondern erstand auch noch eine Flasche guten Rotwein und sogar zwei Eier. Damit würde nicht nur das Abendessen ein Fest, sondern auch das nächste Frühstück war gesichert. Nachdem er seine Schätze zuhause deponiert hatte, mochte er nicht untätig warten, bis Charlotte aus dem Club der Citoyennes Républicaines Révolutionnaires heimkehren würde. Er musste Michel finden.

"Brot und die Verfassung von 1793" hörte er schon von weitem die Menge vor dem Sitz des Wohlfahrtsausschusses rufen. Sie stand dicht gedrängt vor der Einfahrt; ihr zugewandt Michel und die anderen Gendarmen mit gezogenen Pistolen.
"Die Kommissäre haben das Mehl für unsere Kinder gestohlen", schrien die Frauen den Polizisten zu. "Im Namen des souveränen Volkes und des Gesetzes: Es ist eure Pflicht, sie in Arrest zu nehmen."
"Wir haben euch nicht betrogen", erscholl eine Stimme aus dem ersten Stock. Ein Ausschuss-Mitglied hatte sich ans Fenster gewagt: "Ihr habt uns gewählt. Ihr habt hier nichts zu befehlen. Das ist Aufstand!"
"Jawohl, das ist Aufstand", entgegnete ein junges Mädchen in der ersten Reihe, die Plätterin Josephine Rouillière. "Ihr seid abgesetzt. Wir wählen auf der Stelle andere." Sie drehte sich um; ihr Blick ging über die Menge, suchte die wenigen anwesenden Männer: "Bürger Moreau! - Bürger Duplessis! - Bürger Grimond! - Bürger Fielval!" – Jean-Pierre wünschte sich unsichtbar zu werden, als ihr Blick in seine Richtung fiel. – "Bürger Chalandon, wunderbar!" Sie strahlte ihn an: "Ich schlage vor, euch als Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses zu wählen!"
Angesichts der zustimmenden Rufe drängte sich Moreau nach vorne und ergriff das Wort: "Bürgerinnen, wir danken euch für das Vertrauen." Er nickte Jean-Pierre und den drei anderen neu gewählten Kommissären zu. Dann wandte er sich an die Polizisten: "Ihr habt gehört. Steckt die Pistolen ein und kommt mit! Der Ausschuss wird festgenommen."
Nach einem Blick auf Jean-Pierre steckte Michel die Waffe ein; die anderen folgten seinem Beispiel. Sie hatten die Wahl anerkannt; die Konfrontation war vorüber.
In diesem Augenblick bog ein Trupp Soldaten in die Straße, angeführt von vier Abgeordneten des Nationalkonvents.
"Hilfe!", ertönte es bei ihrem Anblick aus dem ersten Stock.
"Halt!", rief Jean-Pierre den Soldaten zu. "Wir brauchen eure Hilfe nicht. Es ist alles geregelt." Im nächsten Moment hörte er einen Knall. Aus dem ersten Stock war geschossen worden.
Die Frauen drückten mit zornigen Rufen das Tor zur Einfahrt auf; jetzt waren sie nicht mehr aufzuhalten. Die Gendarmen wichen zur Seite; einer stützte dabei Michel. Jean-Pierre lief auf sie zu.
Der Schuss hatte Michel getroffen. Er keuchte. "Bürger Chalandon!" Ein Hauch von Spott lag in seiner Stimme. "Was machst du denn hier? Solltest du nicht jetzt mit Charlotte feiern?"
"Ich wollte dir eine Frage stellen." Jean-Pierre biss sich auf die Lippen. – "Du, was hattest du heute so früh in der Rue de la Jussienne zu suchen? – Du hast uns doch gesehen, als wir bei Robillard vorbeigingen, nicht wahr?"
Michel erbleichte. Dann nickte er und flüsterte: "Da hab ich heute morgen wohl wieder einmal zu viel geredet. Aber jetzt ist das auch egal."
"Es ist egal", bestätigte Jean-Pierre leise. "Außer mir hat es niemand gehört."

Zwei Tage später starb Michel im Hospice de l‘Humanité.

* 5. Mai (1795)
** 1 Unze = 30 g

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