Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Oktober 2001
Spuren
von Michael Jordan

Viele Menschen sagen, sie würden die Wahrheit über alles lieben.
Felix war solch ein Mensch.
Und für jemanden, der nicht mehr lange zu leben hatte, machte er tatsächlich einen mehr als gefassten Eindruck auf mich, nachdem ich ihm die Ausweglosigkeit seiner Lage geschildert hatte.
Er lag knapp zwei Meter vor uns auf dem Boden und sah uns abwechselnd fassungslos an.
Mich, seinen vermeintlichen Freund, und Melanie, seine Ehefrau und Erbin.
Melanie und ich waren uns vor Ewigkeiten begegnet und ins Gespräch gekommen.
Wir trafen uns fortan häufiger und immer regelmäßiger.
Und aus dem, was ich anfangs für eine entstehende Freundschaft hielt, entwickelte sich nach und nach etwas, was ich eher als Zweckgemeinschaft bezeichnen würde.
Die Vereinigung perfider Gedanken unserer Köpfe, deren Summe todbringende Pläne gebar.
Melanie, die unwiderstehliche Gottesanbeterin, deren Aufgabe es war, betuchte Männer zu binden und zu ehelichen, und ich, der ihren Strick enger zog, bis dass der Tod sie schied.
Meine Gedanken in dieser anhaltenden, drückenden Stille belasteten mich in diesem Moment mehr, als ich je vermutet hätte, als Felix plötzlich das Schweigen brach.
"Gift!" sagte er nur.
"Ja." meinte ich nach einem kurzen Moment."
Ich fand, dass er eine Erklärung verdient hatte.
Schließlich waren wir für lange Zeit gute Freunde gewesen und offensichtlich schätzte er die Wahrheit selbst in seiner Situation noch als höchstes Gut.
"Eigentlich solltest du bereits bewusstlos sein. Wahrscheinlich haben wir die Dosierung des Giftes falsch berechnet.
Dein Körper ist lediglich gelähmt. Aber sprechen kannst du noch.
Zumindest eine Zeit lang.
Denn das du das Bewusstsein verlieren wirst steht außer Frage.
Wenn es so weit ist, wirst du einen Unfall haben."
"Ihr seid perverse Kranke...",meinte er abschätzig.
Sie werden euch erwischen!"
Das war er, so, wie wir ihn kannten. Felix Brandt, ehemaliger Polizeikollege und bis vor Kurzem ein Freund.
Wir taten eine lange Zeit auf dem gleichen Revier Dienst und galten als unzertrennliche Freunde.
Jahre der "Freundschaft", die für mich Arbeit bedeutet hatten diesen Plan zu vollenden, - doch nun standen wir davor, die Früchte zu ernten.
Felix, - immer einen Ausweg aus Extremsituationen findend, - was es auch kostete.
Ich konnte förmlich spüren, wie es in seinem Kopf arbeitete um einen Weg aus diesem Dilemma zu finden.
Aber wir waren in keinem Film und ich konnte mir nicht vorstellen, dass es ihm gelingen würde das Blatt zu wenden, einen Fehler in unseren Planungen aufzudecken und unsere Entscheidung zu beeinflussen.
Und das nicht nur, weil er vor zwei Jahren aus dem Beruf ausgeschieden war, um sein Erbe anzutreten.
"Man wird das Gift nachweisen!" meinte er an uns beide gerichtet.
Melanie kam mir mit ihrer Antwort zuvor.
Deine Ex-Kollegen", meinte sie, "werden nie darauf kommen deinen Unfall als Mord zu werten."
"Es ist ein sehr seltenes Gift, Felix.", fuhr sie fort.
Zwar ist es nachweisbar, doch müsste man schon genau wissen, mit welcher Art von Gift man es zu tun hat, um es aufspüren zu können.
Wir sind erst nach langem Suchen darauf gestoßen und haben uns dafür entschieden, weil seine Wirkung einem schnellen Einschlafen gleicht.
Verstehst du?
Hätten wir uns nicht in der Dosierung vertan, hätte es dir die Leiden erspart.
Und, - sag ehrlich: Warum sollte überhaupt jemand eine Obduktion wollen?"
"Warum hast du es getan, Melanie?", fragte er.
"Du hattest doch alles!
Wir hatten mehr Geld, als wir hätten je ausgeben können..."
"Felix", meinte ich, "du verstehst nicht.
Unser Plan bestand bereits, als du Melanie noch nicht einmal kanntest."
"Was?" brach es aus ihm heraus.
"Also, deine Mutter...", begann Melanie, die ich jedoch augenblicklich unterbrach.
"Was ist mit meiner Mutter?" bohrte Felix nach.
Melanie sah mich erschrocken an.
Wir hatten ihm Leid und den Tod gebracht, doch nun würde die Wahrheit zum Spiel verkommen, den Ausgang verzögernd, den Schrecken hinziehend zu einem unabwendbaren Ende.
"Was?" rief er uns mit scheinbar letzter Kraft entgegen
"Felix," sagte ich, "sie war sowieso schon sehr alt..."
"Ihr habt sie umgebracht, damit ich das verdammte Geld erbe?
Und du es jetzt von mir erben kannst?
Ihr seid widerlich!" entfuhr es ihm fast flüsternd, was wohl daran lag, dass das Gift an seinen letzten Kräften zehrte und kurz davor war, ihm das Bewusstsein zu rauben.
Tränen hatten sich in seinen Augen gesammelt und rannen nun über seine Wangen hinab.
Melanie erhob sich, ging zwei Schritte auf ihn zu und strich mit ihrem Handrücken sanft über das Gesicht ihres Mannes.
Er presste dabei krampfhaft die Augen zusammen, sicher aus Ekel vor dem, was er geliebt hatte.
"Es hat keinen Zweck." sagte sie leise.
"Kämpfe nicht dagegen an."
"Sie werden es herausbekommen!" hauchte er in seiner Verzweiflung, während der Todesengel ihm beharrlich weiter über die Wange strich.
"Gib auf Felix!" sagte ich zu ihm.
"Unser Netz ist zu dicht gestrickt.
Und du bist ein Teil dieses Netzes.
Jahrelange Beobachtungen und Planungen...
Alles Ausgaben! Wir müssen bestechen, Freundschaften kaufen, - und Wahrheiten."
Ich fühlte, dass sich auch bei mir die jahrelange Freundschaft mit ihm bemerkbar machte und ertappte mich bei einem Rechtfertigungsversuch, obwohl der Zweck wohl hier nicht die Mittel heiligte.
Aber das schlechte Gewissen würde vergehen und sein Geld würde mich mit der Zeit trösten.
Ich wollte weiter reden, doch meine Worte wären nicht mehr zu ihm durchgedrungen.
Kurz nachdem Melanie und ich uns vor Jahren getroffen und begonnen hatten, unsere Pläne umzusetzen, hatten wir noch wenig Erfahrung.
Wir hatten Fehler gemacht, unsere Pläne schlugen fehl und wir waren durch unsere potentiellen Opfer erpressbar geworden.
Reiche Opfer, denen wie uns das Geld mehr bedeutete als irgendeine Wahrheit.
Ich erhob mich und lief zur Garderobe um meine Jacke anzuziehen.
Melanie kniete noch immer neben ihm und strich beharrlich mit ihrem Handrücken über sein Gesicht.
Seine Augen waren von Tränen verklebt und geschlossen, ein Heben und Senken seines Brustkorbes konnte ich nicht mehr feststellen.
Es wurde Zeit.

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