Der Tod aus der Teekiste
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"Viele Autoren können schreiben, aber nur wenige können originell schreiben. Wir präsentieren Ihnen die Stecknadeln aus dem Heuhaufen."
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Oktober 2001
Ameisenhaufen
von Dirk-Uwe Becker

Aus dem regennassen Laubhaufen ragte, fast wie ein verkrüppelter Zweig, eine Hand. Jojo hielt den Blick gesenkt. In stiller Andacht. Zumindest das war er ihr schuldig.

Zwei Tage vorher

Er hätte es nicht geglaubt, wenn ihm nicht der schmierige Dickwanst die Fotos, fast mit einem hämischen Lächeln, auf den Tisch gelegt hätte. "Hier – alles unzensiert und im Original!" Er schaute sich die Abzüge an. Eindeutig. Kein Zweifel. "Ist das alles, was Sie haben?" Der Besucher blickte ihn pikiert an. "Ich würde Sie doch nicht beschubsen wollen – ich doch nicht!" Der ausgefüllten Scheck wurde wortlos über den Schreibtisch in Richtung Dickwanst geschoben. "Der Auftrag ist damit erledigt. Ich will Sie hier nie wieder sehen!"

Er war keine Schönheit – beileibe nicht! Aber sie hatte ihn ausgewählt. Unter all den Typen in ihren schnittigen Designer-Klamotten – ihn! Es war Liebe auf der ersten Blick. Zumindest bei ihm. Bei ihr auch – sagte sie. Die Hochzeit lag jetzt ein halbes Jahr zurück. Pompös gefeiert. Hatte ihm fast das Konto leer gefegt. Es war ja für sie. Seine erste große und einzige Liebe.

Nun lag sie da vor ihm. Wie auf diesen Fotos. Nur ohne Pendant. Wenn es sich wenigstens gelohnt hätte. Vom ästhetischen Gesichtspunkt aus gesehen. Aber sein Chef, dieses kugelbäuchige Lustschwein mit einem Gülletank im Mund. Ein dickes Konto auf der Bank und ein Jaguar Cabrio in der Garage. Da konnte er nicht mithalten. Er wollte es auch gar nicht!

Diesen Tisch hatte sie geliebt! Rokoko – so verspielt wie sie. Ganz nackt. Selbst den Schmuck hatte er ihr abgenommen. Wie Gott sie geschaffen hatte – in all ihrer Schönheit und Faszination. Das lange dunkle Haar breitete sich fächerförmig über den Tisch aus. Die Beine eng geschlossen, dafür die Arme etwas abgewinkelt. Ihr unbedeckter Körper löste auch jetzt noch eine ganz bestimmte Empfindung in ihm aus. Er setzte sich auf den Stuhl zu ihrem Fußende und ließ zu, dass es passierte.

Aus dem schweren Silberkasten seiner Großmutter suchte er sich das immer noch scharfe Tranchierbesteck heraus. Makellose Schnitte sollten es sein. Etwas anderes würde auch nicht zu ihrem makellosen Körper passen. Aber es war nicht einfach – ohne Übung. Gut, dass er die Hauptschlagader schon vor einigen Stunden geöffnet hatte. So blieb das Silbertablett sauber, auf das er ihren Kopf mit dem so sinnlichen Mund drapierte. Von ihren fließenden Haaren eingerahmt wie Karamellpudding durch Schokoladensoße.

Die anderen Schnitte waren schwerer. Bei einigen musste er seine Notfall-Axt aus dem Auto zu Hilfe nehmen. Aber hier war es egal. Es waren Körperteile – nicht der Kopf. Die Arme legte er so, dass die Stümpfe ihre Brüste bedeckten und die Hände ihre Scham. Die Ober- und Unterschenkel umschlossen links und rechts ihren Rumpf. In der Stellung, wie sie es mit ihrem Liebhaber immer besonders gern getrieben hatte – auf den Fotos. Nur ihre Füße – für die hatte er sich ein besonderes Plätzchen ausgesucht. Direkt über ihrer Herzgrube. Mit ihren wunderbar zarten Füßen hatte sie sein Herz in den Staub ihrer Liebschaften getreten.

Aber ihr Kopf – das war das Wichtigste. Der Hort ihrer Gedanken. Liebesbezeugungen für ihn und – Quelle ihrer unbändigen Lüsternheit. Ein Ort unflätiger Gedanken. Beherberger dieses wollüstigen Mundes, der ihn regelmäßig um den Verstand brachte. Der ihm beruhigende und erregende Worte in das Ohr geflüstert und noch ganz andere Dinge mit einigen seiner Körperteile gemacht hatte. Er würde ihn draußen vor lassen. Diesen Kopf!

Das Messer zog eine gerade dünne Linie, quer durch ihre wundervollen Haare, vom Scheitel bis zum Halsansatz. Die Kopfhaut ließ sich nun bequem wegklappen, um den Schädel entfernen zu können. Den entstandenen Hohlraum füllte er mit den Liebesbriefen, die sie ihm während der kurzen Zeit ihrer Bekanntschaft geschrieben hatte. Heiße Briefe! Es war ein vortrefflicher Ort, sie für dauernd dort aufzubewahren. Mit ein paar groben Kreuzstichen schloss er sie ein.

Die Haut mit ihren Fettpolstern macht ein Gesicht aus. Der Schädel ist nur knochiges Gerüst, ein Unterbau für die feinen Strukturen der Physiognomie. Somit war er wertlos für ihn, denn alleine, ohne Haut, konnte er in ihm seine Frau nicht wiederfinden. Als ehemaliger Hort ihrer Gedanken erschien es ihm jedoch sinnvoll, diesen Schädel an die Unterseite ihres Rumpfes in direktem Augenhöhlenkontakt zu ihrer Scham zu platzieren.

Das Restarrangement auf dem Tisch passte bequem in eine dieser blauen Grasmülltüten, die außerdem den Vorteil hatten, undurchsichtig zu sein. Er hatte schon häufiger diese Tüten voller Gras von seinem Grundstück gefahren. Es war somit nichts Besonderes. Die Nachbarn würden es akzeptieren. Wahrscheinlich registrierten sie es nicht einmal.

Jetzt war er seiner Frau sehr dankbar, dass sie gleich nach der Hochzeit diesen Umluftherd gekauft hatte. Er schob das Silbertablett komplett hinein. Nun war ausreichend Zeit, die Fotoalben ihrer Hochzeit noch einmal durchzusehen. Jedes Bild weckte Erinnerungen, Gefühle. Sein Kopf in ihren Armen. Eng umschlungen der Tanz um Mitternacht im Kreis der Gäste. Nach der Hochzeitsnacht das Frühstück draußen auf der Terrasse im Schein der Morgensonne.

Die Zeit war um. Mit den Topflappen holte er vorsichtig das Tablett heraus und stellte es zum Abkühlen auf die Spüle. Wie klein er geworden war. Braun und faltig. Aber immer noch der gleiche sinnliche Zug um den Mund. Als Junge hatte er Angst vor der Sammlung seines Großvaters gehabt. Missionar in Neuseeland. Unruhige Zeiten damals, die manchen den Kopf gekostet hatten. Sein Großvater hatte sie gesammelt. Schrumpfköpfe. Er würde sie jetzt um eine Trophäe bereichern. Die Wichtigste von allen. Und die Schönste!

Zurück

Zumindest diese andächtige Minute war er ihr schuldig. Die Pflichtschweigeminute. Jojo griff sich die Schaufel, die etwas abseits auf dem Waldboden lag. Zug um Zug deckte er den Laubhaufen mit dem Ameisen-Tannennadel-Gemisch zu. Er bemühte sich dabei, den emsig umher wuselnden Tierchen nicht weh zu tun. Ihr könnt nichts dafür, dass ich hier stehe und tue, was ich tun muss, dachte Jojo. In diesem Waldstück hattet ihr einfach den größten Ameisenhaufen – ein wirklicher Prachtbau. Nun habe ich euch noch einen Vorratskeller geschaffen. Jojo stutzte. Sind Ameisen Vegetarier? Egal – eine halbe Stunde später war der Hügel wieder so, wie Jojo ihn heute morgen vorgefunden hatte.

Es war ihr Mausoleum. Jeder würde davor stehen bleiben und es bewundern. SIE bewundern! Im Stillen – ungeahnt. Ameisenhügel stehen unter Naturschutz. Darauf verwies auch das Schild am Wegesrand. Niemand würde sich um das Innere dieses Hügels Gedanken machen. Er auch nicht mehr. Nie wieder!

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