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Oktober 2001
L[i]EBENSHUNGER
von Marc Bornée

Sein Blick war starr. Es brannte wie Feuer in seiner Brust.
Zuerst hatte sich sein rechter, dann der linke Herzventrikel leer gepumpt. Es gab kein Blut mehr in seinen Lebenskammern. Der Versuch, nachzudenken, was denn passiert sei, etwas, an das er sich hätte erinnern können – es ging nicht. Es war zu spät: Das kurze Brennen hinter der Stirn signalisierte ihm, dass die Kälte, die hinter seine Augen zog, das Ende bedeutete. Er spürte noch, wie seine linke Hand ins Leere fiel. Alles andere war nie erfahrene Entspannung. Weißes Glück.

Schulze räusperte sich entschlossen, nahm das Diktiergerät und sprach direkt ins Mikrophon: " Die erste Inspektion der männlichen Leiche lässt keine äußere Gewalteinwirkung erkennen. Schädel, Gehirn, Halsorgane unauffällig. An der oberen, linken Brustwand fällt eine Schürfwunde auf, die vermutlich von einem Sturz herrührt. Die Bauchorgane zeigen sich makroskopisch regelrecht...."

Steffen lag da, auf einem kalten, metallenen Tisch, der Leib in einem langen Schnitt vom Mundboden bis zum Schambein eröffnet, das Brustbein aufgesägt. Die Worte eines scheinbar gelangweilten Gerichtsmediziners konnte er nicht mehr hören. Steffens Sinne waren erloschen. Er hatte längst die retrospektive Reise seines Lebens begonnen, weit hinab in die Tiefe, die hinter seinen verschlossenen Lidern begann.

***

Paul legte den Kopf schief und musterte Steffen argwöhnisch. Warum Denise genau in diesem Augenblick so reagierte, konnte er nicht sagen. Auch sie schaute Steffen an, lachte, nahm ihn in den Arm und küsste ihn auf die Wange. Steffen stürtze den letzten Schluck Rotwein hinunter. Es war spät geworden, kurz nach Zwei. Er konnte ohnehin nicht mehr klar denken. Denise nahm seine Hand, drückte kurz ihre Hüfte an seine Seite und äußerte den Wunsch, jetzt unbedingt noch in die Lilo-Bar zu gehen. Sie legte ihre Hand auf seinen rechten Oberschenkel. Steffen atmete tief ein, doch Paul kam ihm zuvor: "Denise, lass uns bitte nach Hause gehen; ich habe die ganze Woche genug um die Ohren gehabt!" Sie kniff Steffen fest ins Knie und bestand darauf, noch mal kurz – auf einen Espresso - in die Lilo-Bar zu schauen. Schließlich könne ja auch Steffen auf die Freundin seines besten Freundes aufpassen! Paul schaute ihn an, Steffen nickte heftig und Denise verabschiedete sich beiläufig.

Ihre Zunge schmeckte nach Nüssen und ein wenig nach Vanille. Sie war so herrlich warm und feucht. Ihr Haar roch nach Kastanien und frischem Laub, ihr Atem nach seinem Whiskey, den er gerade trank. Als sie ihre Hand schmerzhaft in seinem Nacken vergrub, zog er unwillig seinen Arm unter ihrem Pullover hervor. ""Was machen wir hier?!" "Wie?!", gab sie zurück. "Wir vögeln seit vier Monaten, und Paul hat nichts gemerkt!" Denise schaute sich um. "Süßer, hier in der Lilo-Bar kennt uns niemand; wir sind sicher..." Sie unterbrach ihn sehr angenehm, kniff ihn in die Seite und biss ihn in den Hals.....
"Meine Fee, bitte, --Aaahh - Denise – warte – lass das - bitte - DENISE !" Er griff nach ihren Armen und suchte ihren Blick. "Bitte, lass es ihn wissen, er verdient es." Sie sah ihm traurig in die Augen. "Du bist immer da, wenn ich dich brauche; und er, - er beschäftigt sich nur mit seinen Toten, seinen Leichen; ich bin aber eine LEBENDE." Sie zog ihn an sich und vergrub ihre Zunge in seinem Mund. Er machte mit und vergaß alles andere.

Der Spiegel auf der Toilette der Bar musste mindestens zwanzig Jahre alt sein, so matt und blind reflektierte sich sein müdes Gesicht in ihm. Das eiskalte Wasser um die Augen tat ihm gut. Er strich durch sein Haar und suchte nach einem Handtuch. Unvermittelt wurde sein Arm auf den Rücken gedreht.

Die 9- Millimeter-Kugel begann ihren Weg zwei Zentimeter links von seinem Brustbein. Sie drang erst durch die rechte, dann durch die linke Herzkammer Erst als sie im dritten Brustwirbelkörper stecken blieb, spürte er den Schlag in seiner Brust. Steffen wollte sich noch drehen, aber es fehlte ihm die Kraft. Er ließ sich nur fallen und roch den Duft von warmen Mandeln....

***

"An der oberen, linken Brustwand imponiert eine ältere Schürfwunde, die vermutlich von einem Sturz herrührt. Die Bauchorgane zeigen sich makroskopisch regelrecht, ebenso die Brustorgane."
Paul legte das Diktiergerät zur Seite und zog das Leinentuch über Steffens Gesicht.
Die Leiche würde von der Staatsanwaltschaft freigegeben; jetzt war er sicher.

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