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Oktober 2001
Weißblaue Geschichten – Die letzten schwarzen Schafe
von Joachim Off

Die Leiche war nur ein Stück vom Asylbewerberheim entfernt gefunden worden, in ihr steckte ein Messer, damit war die Sache völlig klar. Einer der Unteraichinger Beamten las dem Mörder Rechte vor, irgendwelche... Grundrechte, oder etwas rechtmäßiges, ähnlich rechtliches, Verse aus einem kleinen Taschenbuch. Dann führte man ihn ab – Untersuchungshaft. Auf dem Revier nahm man Fingerabdrücke und Personalien auf, er wurde in die Zelle gesperrt.
Bayrische Rasterfahndung.
Man loste aus, welcher der ortsansässigen Anwälte die Pflichtverteidigung übernehmen müsse, kam auf Dr. Neuenberger, stellte fest, dass dieser die nächsten zwei Wochen im Urlaub war, rief dann Dr. Altmann an. Dieser war nicht da, nur eine Aushilfssekretärin. Wo er sei? In München. Auf einer Sitzung. Anruf unmöglich. Man versuchte es bei Dr. Marius, anschließend bei Dr. Wankmüller. Sie waren alle nicht erreichbar.
Raimund übernahm die Verteidigung. Er nahm dieses...Versbuch mit nach Hause, las die ersten beiden Seiten und beschloss daraufhin, einen Kollegen in München anzurufen. Ob er einen Anwalt kenne.

Am nächsten Morgen stand ein korpulenter Mittfünfziger, der sich als Kommissar Schmalzried auswies, im Revier. BKA (Bayrisches Kriminalamt). "Mit welchem Recht nehmen Sie einen bayrischen Staatsbürger in Gewahrsam?", presste er zwischen einer halbzerkauten Thüringer mit Senf hindurch.
"Aber...er ist kein...B-Bürger...Staatsbürger..."
Der Dicke hörte auf zu kauen. Seine wässrigen Augen nahmen das Landei vor ihm ins Visier. Er schluckte. "Was dann?"
"Ein M-Mitbürger...ausländischer Herkunft...ausländischerdings..."
Schmalzried riss einen weiteren Bissen von dem Brötchen ab, bevor er mit diesem auf den Schreibtisch neben ihnen deutete. Sie setzten sich, der Münchner Kommissar schob sich das letzte Stück hinein und wischte die Hand am Kragen seines Trenchcoats ab. "Das nächste Mal sagen Sie das gleich. Ein Anwalt namens Dr. Ehrenberg aus München hat einen ganz schönen Tumult gemacht und einen Eilantrag beim Bundesverfassungsgericht gestellt."
"Hat er eine Chance?", erkundigte sich der Beamte, der merklich an Farbe gewann.
"Wenn wir mit der Beckstein-Schily-Methode zweifelsfrei nachweisen, dass unser Gefangener ein potentieller Terrorist ist, können wir dieses... Grund...äh Menschen... die Konvention aus diesem Schweizer Kaff... äh aussetzen und ihn verurteilen. Dazu brauchen wir ein religiöses Motiv, eine als ‚rituell’ oder ‚hinterlistig’ eingestufte Tatwaffe und ein islamistisches Gebetsbuch – oder irgendein anderes arabisches Buch. Wie heißen Sie?"

Der Beamte stellte sich als Huber heraus. "Schön Huber, lassen Sie uns gehen, ich habe nicht viel Zeit", sagte Schmalzried. Sie trabten aus dem Revier und stiegen in den Streifenwagen. Die Hauptstraße entlang, am ‚Ochsen’ vorbei, zwischen den beiden Mühlen hindurch. Sie verließen Unteraichingen, fuhren schweigend drei Kilometer an Äckern vorbei, bogen in einen Feldweg ein. "Hier sammelt sich im Fall der Fälle die Dorfmiliz unter der Leitung von dem alten Feldwebel Hofer", sagte Huber und zeigte auf den Platz, der rechts vorbeistrich.
Schmalzried nickte.
Das Asylbewerberheim tauchte nach einem weiteren Kilometer auf. Eine ehemalige Herberge stand auf einem großen Platz. Hier wohnte nur noch eine Familie. Die Habibs. Die letzten schwarzen Schafe in freier Wildbahn.
Schmalzried und Huber stiegen aus. Sie machten einen weiten Bogen um das Heim, liefen die Wiese dahinter entlang, bis sie einen Bach erreichten. "Dort haben wir die Leiche gefunden. Eine deutsche Frau, noch nicht identifiziert. Am Ufer, halb im Wasser, lag eine Picknickdecke."
Schmalzried zog ein beiges Tuch hervor und wischte sich die Stirn. "Der Gebetsteppich, das religiöse Motiv."
"Auf ihr ein Messer. Das fällt unter die Kategorie ‚rituelle und hinterlistige Tatwaffe’", stellte Huber fest. Er lächelte, als sein Kollege nickte.
"Jetzt brauchen wir noch ein arabisches Buch. Welcher Richter wird den Fall übernehmen?"
"Barnabas Schall."
"Und der Anwalt?"
"Der Münchner hat eine Tochter, die Koks raucht... wir planen eine Schulrazzia. Einen solchen Anwalt wird keiner mehr nehmen wollen – er wird ihn nicht verteidigen", erklärte Huber.
"Welchen Anwalt schlagen Sie vor?"
"Konrad Bachhofer aus dem Nachbardorf, er ist CSU-Mitglied."
Wieder nickte Schmalzried. "Sehr gut. Dann brauchen wir das arabische Buch nicht. Lassen Sie uns gehen, der Fall ist erledigt." Er sah auf die Uhr.

Kommissar Schmalzried kam im Münchner Revier an, als Mustafa Habib aufgrund der stichhaltigen Beweise unter das Neue Bayrische Ermächtigungsgesetz fiel und postwendend inhaftiert wurde. Seine Familie, laut dem neuen Artikel 1 eindeutig als ‚terroristischer Nährboden’ deklariert, kam in den Genuss der Klausel zur präventiven Abschiebung in ein arabisches Land ihrer Wahl.

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