Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Oktober 2001
Die Pyrenäenfahrt
von Angelika Brox und Peter Harnau

Monoton wummerten die Rotoren des Polizeihelikopters über dem Tal. Im Wettlauf gegen die hereinbrechende Dunkelheit versuchten die Piloten, den Rettungskräften den Weg zu dem Autowrack zu weisen.
Britta saß an den Krankenwagen gelehnt auf dem noch warmen Asphalt. Ein Sanitäter reichte ihr mit freundlichem Nicken eine Wolldecke aus dem Wagen. Trotz der milden Temperatur zitterte Britta am ganzen Körper. Sie wickelte sich dankbar in die Decke und ließ ihren durcheinander wirbelnden Gedanken freien Lauf.

***

Vor einigen Tagen war sie noch eine ganz normale Urlauberin gewesen, die einfach nur gemeinsam mit ihrer Freundin Daphne einen Südfrankreichurlaub erleben und Spaß haben wollte. In einem Straßencafé hatten sie Maurice kennen gelernt. Britta gefiel seine Harley, und sie und Maurice fanden Gefallen aneinander.

Der heutige Tag hatte völlig harmlos begonnen ...

Daphne ging zum Strand, und Maurice holte Britta zu einer Motorradtour durch die Pyrenäen ab.
Sie genoss es, sich an seinen starken Rücken zu lehnen, die vorbeiziehende Landschaft zu bewundern, die würzig nach wilden Kräutern duftende Luft einzuatmen und dem gleichmäßigen Blubbern der Harley zu lauschen. Sie rollten durch das von der Sonne vergoldete Roussillon, fuhren auf schmalen Straßen durch Weinberge und Dörfer mit verwitterten Natursteinhäusern, durchquerten die sanft geschwungene Hügelkette der Albères und drangen auf einer kurvigen Passstraße in die Pyrenäen vor. Durch das dichte Blattwerk der Bäume fielen Sonnenflecken glitzernd auf den Asphalt.

Später fuhren sie ins Tech-Tal hinunter und rasteten am Ufer des Flusses. Sie teilten Baguette, weich gewordenen Käse und lauwarmen Rotwein.

"Hat es dir bisher gefallen?", fragte Maurice.
Sein Deutsch war akzentfrei; er hatte, wie er sagte, in Stuttgart studiert. Britta war nie dort gewesen. Sie lebte seit ihrer Kindheit in Wiesbaden. Ihr Vater hatte ihr die Stelle beim BKA verschafft, Sachbearbeiterin in der Auslandsfahndung. Hörte sich spannend an, war aber hauptsächlich ein Archivjob. Trotzdem machte ihr die Arbeit Spaß.
Sie lächelte. "Es war ganz wunderbar."
Er legte den Arm um sie und drückte sie an sich. Das hatte Britta sich schon seit Tagen gewünscht. Sie hob den Kopf und schaute Maurice verliebt an. Er deutete ihren Blick richtig. Sie tauschten einen langen Kuss.
Dann fragte er: "Möchtest du mal mein Haus sehen?"
"Gern."
"Dann lass uns aufbrechen."

Zwei Stunden später stiegen sie steifbeinig von der Harley.
Maurice führte Britta ins Haus.
Interessiert blickte sie sich um. Hier wohnte er also. Helle Wände, Holzregale voller Bücher, viele Landschaftsfotos.
Er trat neben sie, legte ihr einen Arm um die Schulter und fragte: "Soll ich dir auch das Schlafzimmer zeigen?"

Während der Heimfahrt wollte das Lächeln nicht von Brittas Gesicht weichen. Immer wieder zogen die Bilder der vergangenen Stunden durch ihr Bewusstsein. Maurice war ein sehr zärtlicher und rücksichtsvoller Liebhaber gewesen.

Vor der Pension parkte ein ihr unbekannter dunkelblauer Wagen. Maurice ließ Britta vom Motorrad steigen. "Danke für den schönen Tag", sagte er, gab ihr einen Abschiedskuss und fuhr davon. Britta setzte sich in die kleine Bar, die zur Pension gehörte. Bei einem Café au lait wollte sie in Erinnerungen an die Erlebnisse der letzten Stunden schwelgen.

Am Nebentisch saß eine Frau. Das Gesicht und die dunklen Haare wirkten ungepflegt. Für die Jahreszeit war sie viel zu blass. Sie starrte immer wieder zu Britta herüber. Nach einer Weile stand sie auf und kam zu ihrem Tisch. Sie setzte sich und rückte ihren Stuhl nah an Britta heran.
"Hallo, ich bin Katja", sagte sie.
"Hallo." Britta hatte keine Lust, sich mit der Fremden zu unterhalten. Sie war ihr unheimlich.
Doch Katja ließ sich nicht beirren. "Bist du schon lange hier im Roussillon?", fragte sie.
"Ein paar Tage."
"Die Gegend ist wunderschön. Jetzt kann ich verstehen, warum Moritz hier leben möchte."
"Hm-m."
"Moritz ist ein alter Bekannter von mir. Du kennst ihn, glaube ich, auch. Moritz Mertin."
"Nicht, dass ich wüsste."
Katja beugte sich vor und starrte Britta ins Gesicht. Ihre Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern. "Natürlich kennst du ihn. Ich habe euch doch beobachtet! Er nennt sich jetzt Maurice, aber er ist immer noch MEIN Mann!" Sie schleuderte wütende Blicke auf Britta und fuchtelte mit dem Zeigefinger vor ihrem Gesicht. "Er gehört MIR! Lass ihn in Ruhe, du Flittchen, oder ich bringe dich um!"
Trotz der Wärme fühlte Britta eine Gänsehaut über ihren Rücken kriechen. Sie sprang auf und flüchtete in ihr Zimmer.
‚Mein Gott, mein Gott! Jetzt nur nicht die Nerven verlieren, Britta, du musst sofort Maurice anrufen!’
Nervös blätterte sie im Display ihres Handys. ‚ Maurice – Maurice - verdammt, wo ist die Nummer?‘ Ihre Hände zitterten.
‚Maurice, da ist er endlich.‘ – Sie drückte die Wahltaste, bis der Daumen weiß wurde.
"Maurice, ich bin‘s, Britta. Ja, Maurice, die Tour war schön, alles war schön. MAURICE – HÖR BITTE ZU! - Hier in der Pension ist eine Frau, die behauptet, sie sei DEINE Frau! Sie ist wie eine Furie auf mich losgegangen!"
Am anderen Ende der Leitung blieb es still.
"Maurice, sag‘ mir bitte ... bist du verheiratet?"
"Ja, aber meine Frau lebt in Deutschland. Ich verstehe nicht ..."
"Sie will mich UMBRINGEN!"
"Meine Güte ... Britta, verlass sofort die Pension! Hat Daphne den Wagen dagelassen? Geh durch den Hintereingang und komm zu mir!"

Vor Maurices Haus sprang Britta aus dem Wagen.
In ihrer Panik wäre sie auf dem Hof fast gestürzt. Maurice kam ihr entgegen und fing sie auf.
"Die ist ja total verrückt! - Dieser irre Blick - diese Stimme - die bringt mich um!", stieß sie unter Weinkrämpfen hervor. "Sie weiß bestimmt, wo du wohnst - sie wird hierher kommen!"
Maurice führte Britta zu einem Sessel und legte die Hände auf ihre Schultern. Seine Stimme klang bemüht ruhig, als er sagte: "Vor dem Gesetz ist Katja noch meine Frau. Aber unsere Ehe war zum Schluss der reinste Rosenkrieg. Als ich die Scheidung einreichen wollte, hat sie durchgedreht und ist mit einem Tranchiermesser auf mich losgegangen. Die Narben kannst du heute noch sehen."
"Das ist ja grauenvoll", murmelte Britta.
"Sie war seitdem in einer psychiatrischen Klinik. Und ich bin kurz darauf nach Frankreich ausgewandert. Ich wollte sie nie mehr wiedersehen ... Ich verstehe auch nicht, wieso sie wieder auf freiem Fuß ist."
"Vielleicht ist sie ausgebrochen."
"Warte hier, ich bin sofort zurück!"
Maurice brachte einen Stoffbeutel und legte ihn vor Britta auf den Tisch.
"Kannst du mit einer Waffe umgehen, Liebling?"
"Machst du Witze? Ich bin beim BKA!"
"Dann nimm sie!"
Er stopfte den Beutel mit der Pistole in ihre Jackentasche und sagte: "Du erinnerst dich doch an die Stelle am Fluss, wo wir heute Rast gemacht haben. Von dort führt eine kleine Bergstraße zu der Jagdhütte eines Freundes, dort kannst du dich verstecken. Der Schlüssel liegt unter dem Kakteenkübel. Los, beeil dich!" Mit diesen Worten drängte er sie zur Tür hinaus.
"Und was machst du?", fragte Britta, schon wieder mit den Tränen kämpfend.
"Ich fahre zu ihr und versuche, mit ihr zu reden."

Kaum war Britta vom Hof gefahren, kam mit heulendem Motor ein blauer Wagen heran und hängte sich hinter sie. Sie fuhr mit halsbrecherischem Tempo, doch es gelang ihr nicht, den Verfolger abzuschütteln. Beide Autos rasten in gleichbleibendem Abstand immer tiefer in die Einsamkeit der Pyrenäen hinein. Die Straße schraubte sich höher und höher.
Plötzlich sah Britta zu ihrem Entsetzen, dass der blaue Wagen sich neben sie gedrängt hatte. Am Steuer saß Katja, mit verbissenem Gesicht, die Hände um das Lenkrad gekrallt.
‚Mein Gott, die will mich rammen und in den Abgrund schicken!‘
Verzweifelt holte Britta das Letzte aus ihrem Wagen heraus. Das Fahrtraining beim BKA zahlte sich aus. Sie schleuderte durch die engen Kurven, immer in der Hoffnung, dass ihr kein Fahrzeug entgegenkommen möge. Endlich glaubte sie,genügend Abstand hergestellt zu haben.
Sie sprang aus dem Fahrzeug, kniete sich auf den Boden, riss den Beutel mit der Pistole aus ihrer Jackentasche und nestelte die Waffe heraus. Mit einem Ruck zog sie den Verschluss nach hinten und ließ ihn los. Klick-klack, fertig geladen. Der rechte Daumen entsicherte. Außer sich vor Angst feuerte Britta das ganze Magazin auf die Windschutzscheibe der Verfolgerin ab.
Katja verriss das Steuer nach links. Wie eine Billardkugel prallte ihr Wagen vom Felsen
ab, brach nach rechts aus und stürzte in die Schlucht.

Mit weichen Knien trat Britta an den Abgrund. Tief unten lag das Wrack; nichts regte sich.
‚Oh Scheiße‘, dachte sie, ‚ich habe sie umgebracht!‘

Sie erschrak fast zu Tode, als Maurice mit einer Vollbremsung direkt vor ihren Füßen stoppte.
Er nahm den Helm ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
"Gott sei Dank, du lebst noch!", sagte er atemlos. "Ich wollte dir helfen und bin euch gefolgt."
Britta begann zu weinen. "Sie wollte mich umbringen! Das war doch Notwehr, oder?"

***

Der Sanitäter verfrachtete Britta in den Rettungswagen. Wegen des Schocks sollte sie die Nacht vorsichtshalber im Krankenhaus verbringen.

Maurice fuhr nach Hause, ging zum Telefon und wählte eine Nummer.
"Annique, ma chérie, es hat noch besser geklappt, als ich gehofft hatte. – Ja, Katja war rasend vor Eifersucht. – Ja, sie ist tot. – Jetzt müssen wir nur ruhig bleiben und abwarten, bis die Lebensversicherung ausgezahlt wird, und dann können wir uns endlich absetzen. – Oui, moi aussi, je t’aime!"

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