Ganz schön bissig ...
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November 2001
Elternabend
von Andreas Schröter

Ich hatte seit zwei Jahren keine Frau mehr ins Bett gekriegt, und so langsam wurde es Zeit, daran etwas zu ändern. Fand ich.
Freund Klaus hatte mir einen Tipp gegeben, der mich überzeugte: "Mütter. Versuch, dir eine Mutter zu schnappen. Mütter sind heiß und ausgehungert. Sie wollen wieder das sein, was sie immer waren und im Grunde ihres Herzens heute noch sind: Luder. Willige Luder."
Willige Luder. Genau so etwas brauchte ich. Klaus hatte Recht. Also rief ich bei meiner Ex-Frau an und machte ihr einen Vorschlag: "Hör mal, der Elternabend morgen ... Vielleicht könnte ich dich etwas entlasten. Mir ist Julias Erziehung keineswegs egal. Ich finde, ich muss mich mehr einbringen."

***

Meine Cowboystiefel klangen auf dem Schulflur gänzlich anders als die Kreppsohlen des einzigen Vaters, der außer mir zum Elternabend kam. Ich ging davon aus, dass die Frauen ihren zweiten Frühling nicht mit einem Pantoffelhelden verbringen wollten.
"Na, dann wollen wir uns die Schnecke mal angucken, die die Kinder als Lehrerin haben, was?", sagte ich zu ihm und schlug ihm leicht auf die Schulter.
"Sie meinen Frau Pesel?" Er verzog keine Miene, beschleunigte seine Schritte und war im Nu im Klassenzimmer. Schade für dich, dachte ich, aber dein heißes Ehegespons wird bald vor Lust stöhnen. Pech für dich, dass es das in meinen Armen tun wird.
Ich folgte ihm. Die Tische waren mit Namensschildern versehen. Und so fand ich schnell den Platz, an dem meine neunjährige Tochter tagsüber saß, und an dem ich heute Abend residieren würde. Lässig zog ich meine Lederjacke mit dem Aufdruck "Hell's Angels" aus und warf sie über den Kinderstuhl. Er kippte sofort nach hinten, so dass Jacke und Stuhl auf den Boden fielen. Der Kreppsohlenträger stieß ein Geräusch aus, das ein Lachen hätte sein können. Aber als ich in seine Richtung sah, blickte er stur zur Tafel. Ich hob den Stuhl mit meiner Jacke auf und setzte mich. Ein Bein legte ich auf den Stuhl daneben.
Einige Frauen sahen ganz passabel aus. Besonders die Blonde schräg gegenüber. Ideale Rundungen, höchstens 35 Jahre alt. Ich grinste sie an. Sie tat selbstverständlich so, als hätte sie es nicht gesehen. Frauen wollen eben erobert sein.
Frau Pesel kam. Sie musste kurz vor der Pensionsgrenze stehen, sah aber zehn Jahre älter aus. "Schnecke" war vielleicht nicht der richtige Ausdruck für sie gewesen. Aber schließlich war ich ja auch nicht auf Lehrerinnenfang. Ich beugte mich zu der Blonden vor: "Der fehlen nur noch die Bandagen, dann kann sie Karneval als Mumie gehen." Zur Unterstützung meines guten Witzes kicherte ich ein bisschen in ihr Ohr. Sie tat so, als hätte sie nichts gehört, rückte aber etwas von mir weg. Sie wusste eben noch nicht, dass sie mir bald verfallen sein würde.
"Eine unserer Hauptaufgaben für den heutigen Abend wird es sein," sagte Frau Pesel, "einen neuen Klassenpflegschafts-Vorsitzenden zu wählen. Ich schlage vor, diesen Punkt sofort abzuhaken. Wer würde sich zur Wahl stellen wollen?"
Man darf nicht warten, dass das Glück zu einem kommt. Man muss selbst zum Glück gehen. Oder so ähnlich. Jedenfalls wäre es sicherlich falsch gewesen, stur auf meinem Kinderstühlchen sitzen zu bleiben, ohne mich an diesem Abend in irgendeiner Weise bemerkbar zu machen. Und da sich auf Frau Pesels Frage auch nach einer Minute noch keiner gemeldet hatte, streckte ich einfach meinen Finger nach oben.
"Herr Semper – gut, notiert. Gibt es weitere Bewerbungen?" Sofort schnellten fünf weitere Finger in die Höhe.
"Da wir nun insgesamt sechs Kandidaten haben, wäre es sicher gut, wenn die einzelnen sich kurz vorstellen könnten und benennen würden, warum sie sich für dieses Amt bewerben. Herr Semper, bitte!"
Darauf war ich alles andere als gefasst. Ich stand auf, und der Stuhl mit meiner Jacke kippte ein weiteres Mal zurück. "Ich – ähhhh – finde, dass die Schüler – ääääh – und Schülerinnen ..." Ich spürte, dass mich alle anstarrten. Eine gewisse Hitze stieg mir vom Hals bis zum Haaransatz. "Also ich meine, dass die Schüler auf jeden Fall hier gut lesen und schreiben ... ähhh ... sicher, und natürlich auch rechnen lernen würden ... ähhh ... sollten. Dankeschön." Ich setzte mich etwas abrupt hin, wobei mir erst im allerletzten Moment einfiel, dass der Stuhl ja umgekippt war. Ich musste mich mit der Hand auf dem Boden abstützen und konnte einen Sturz nur knapp abfangen. Sicher hatte das keiner bemerkt.
In der Klasse herrschte Schweigen. Immerhin starrte die Blonde mir nun direkt in die Augen. Konnte es sein, dass in ihrem Blick schon so etwas wie Verlangen lag? Wieder zeigte ich ihr meine Zähne. Keine Reaktion. Sie drehte sich weg.
Ich wurde nicht zum Klassenpflegschaftsvorsitzenden gewählt. Nichtmal zum Stellvertreter. Genauer gesagt erhielt ich nur eine einzige Stimme. Meine eigene. Nun, ich würde später versuchen, bei den Frauen zu punkten.
Die Sitzung schleppte sich dahin. Frau Pesel lobte die Klasse für ihre gute Disziplin und das harmonische Verhältnis der Schüler untereinander. Ich spürte, wie meine Gedanken zum letzten Spiel des BVB drifteten. Ein Bier würde jetzt gut tun. Gedankenverloren drehte ich an den Sporen meiner Cowboystiefel. "Nur bei den Manieren sind mir einige Schüler noch zu nachlässig", sagte Frau Pesel, "es kommt natürlich auch immer darauf an, was sie zu Hause vorgelebt bekommen." Wenn der Bobic nur 5 Zentimeter weiter nach links geköpft hätte, dann hätte der BVB jetzt zwei Punkte mehr, dachte ich. Aber da war noch etwas anderes. Irgendwas stimmte nicht. Es war zu ruhig. Vorhin hatte es immer diese permanente Geräuschkulisse von Frau Pesels Gerede gegeben. Ich sah von meinen sich drehenden Sporen auf . Alle, aber wirklich alle in der Klasse blickten auf mein linkes Bein, das auf dem Nachbarstuhl lag.
"Die Frage, die sich mir noch stellt", unterbrach der neue Klassenpflegschaftsvorsitzende – es war der Kreppsohlenträger – das Schweigen, "ist die, ob wir eine Klassenkasse anlegen sollten und wenn ja, wie viel wir dort einzahlen sollten. Würden Sie 5 oder vielleicht besser 7 Mark pro Elternpaar für angemessen halten?"
"Ich bin für 6 Mark 73", sagte ich.
"Sollten wir nicht lieber gleich in Euro rechnen?", fragte eine zu dicke Mutter.
"Vielleicht wäre es doch besser, zunächst mit 5 Mark anzufangen, um dann später noch ..."
"Wer prüft die Kasse?"
"Haben wir denn einen Safe?"
"Wird es eine genaue für alle am Ende des Schuljahres einsehbare Aufstellung von Kosten und Nutzen geben?"
"Vielleicht sammeln wir kurz die Vorschläge und notieren sie dann an der Tafel."
Ich spürte, wie mir schlecht wurde. Dann hatte ich eine Idee, wie es mir gelingen würde, die Blonde für mich zu gewinnen. Ich fingerte mein Portemonnaie aus der Gesäßtasche meiner Lederhose, holte einen 100-Mark-Schein heraus und knallte ihn auf den Tisch: "Ich spendier ne Runde Klassenkasse für alle." Frauen mochten keine Kleinlichkeit in Geldfragen.
Wieder Schweigen.
Dann sagte der Kreppsohlenmensch: "Ich denke, wir einigen uns auf 3 Euro, respektive 6 Mark pro Elternpaar. Darf ich Sie bitten, mir die entsprechende Summe einzuzahlen?" Die Mütter standen auf, scharten sich um den Mann und gaben ihm ihr Geld. Mein Hunderter lag völlig unbeachtet auf dem Tisch.
Dies war der Moment, in dem mich erstmals das Gefühl beschlich, dass der Abend nicht hundertprozentig ideal verlief.
"Bevor wir auseinandergehen", sagte Frau Pesel irgendwann, "möchte ich noch einen Punkt ansprechen. Die Putzfrauen hier an der Schule schaffen es nicht, die Klassenräume so sauber zu halten, wie Sie und ich es gerne für Ihre Kinder möchten. Es hat sich deshalb in der Vergangenheit bewährt, zusätzlich einen wöchentlich wechselnden Eltern-Putzdienst einzurichten. Was halten Sie davon?" Eine lebhafte Diskussion begann. Ich schielte nur zu der blonden Frau und überlegte mir, was ich nachher beim Rausgehen zu ihr sagen könnte. Vielleicht: "Hätten Sie etwas dagegen, den elterlichen Putzplan mit mir gemeinsam morgen Abend in meinem Appartement auszuarbeiten?"
"Hätten Sie etwas dagegen", hörte ich statt dessen Frau Pesel sagen, "wenn Sie in dieser Woche mit dem elterlichen Putzen beginnen würden?" Sie sah seltsamerweise mich an.
"Nun, ich ..."
Fünf Minuten später hatte ich einen Besen in der Hand. In den Ecken des Klassenraums hatten sich regelrechte Staubmäuse gebildet. Die Mütter – auch die blonde Frau – waren längst auf dem Heimweg. Nur Frau Pesel, die Mumie, war noch da. Sie lächelte nun leicht und sagte: "Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen, dass ich Sie vor der Klasse bloßgestellt habe. Wahrscheinlich sind Sie ein schwer arbeitender Mann, der abends seinen Feierabend verdient hat."
"Och ..." Ich war arbeitslos.
"Ich habe gehört", fast sah es so aus, als würde sie leicht erröten, "dass Sie mich beim Reingehen ,Schnecke' genannt haben. Seit 30 Jahren hat mich kein Mann mehr Schnecke genannt." Dann gab sie mir ein Kärtchen, auf dem ihre Telefonnummer stand. "Wenn Sie eine Frage haben, können Sie mich jederzeit anrufen. Ziehen Sie die Tür nachher einfach nur zu." Zehn Sekunden später war ich allein in dem Klassenraum meiner Tochter. Ich machte mich daran, den Staubmäusen zu Leibe zu rücken.

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