Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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November 2001
Vertauscht
von Josef Graßmugg

Mario Bunazzi war mit sich und der Welt zufrieden. Natürlich hatte es ihm einiges an Spesen und Überredungskunst gekostet, diesen Termin zu fixieren. Aber jetzt hatte er das Exklusivrecht auf die Story der vertauschten Babys von Mazara del Vallo.
Langsam bog er in die Strada del Vino ein. Die Villa der Familie Davioni war leicht zu finden.
Endlich war es soweit. Daniele Davioni selbst kam an die Tür.
"Buon giorno. Ich bin Mario Bunazzi von der 'Gazzetta de...".
"Ich weiß. Wir haben schon auf Sie gewartet. Kommen Sie herein." Während sich die beiden in Richtung Wohnzimmer bewegten, begann statt des Journalisten der Hausherr mit den Fragen. "Haben Sie das restliche Geld dabei?"
"Klar. Aber zuerst sind Sie dran. Ich hoffe, Sie haben eine gute Story für mich."
"Sie bekommen ihre Geschichte. Nehmen Sie Platz. Meine Frau wird jeden Moment hier sein." Er hatte den Satz kaum fertig gesprochen, als Maria Davioni den Raum betrat. Nach einer kurzen Begrüßung konnte sich Mario nicht länger zurückhalten.
"Mir wäre es recht, wenn wir gleich mit dem Interview beginnen könnten."
"Kein Problem." Daniele Davioni hatte ohnehin nicht vor, sich lang mit dem Zeitungsfritzen abzugeben. Aber wo sonst konnte man so einfach so viel Geld verdienen?
"Wie Sie wissen, wurde ich durch eine Presseerklärung des Spitals Ajello auf Ihren Fall aufmerksam. Ich fand diese Geschichte so aufregend, dass ich unseren Lesern die wahren Hintergründe nicht vorenthalten möchte. Deshalb bitte ich Sie, mir jetzt einfach alles zu erzählen, was es darüber zu erzählen gibt."
"Ehrlich gesagt," begann Daniele "glaube ich, dass besser meine Frau die Erzählerin spielen soll. In meinen Augen ist das alles die ganze Aufregung überhaupt nicht wert."
Das war hart. Was musste das für ein Familienmensch sein? Da war sein Baby vertauscht worden, und es schien ihn nicht einmal zu berühren. Mario musste sich erst beruhigen, bevor er sich an Maria wandte.
"Wenn ich also Sie bitten dürfte..."
Maria sah es mit den Augen einer Mama. Für die geplante Story konnte das nur von Vorteil sein. Herzblut war bei den Lesern gefragt.
Sie begann sofort mit ihrer Erzählung. "Es war die aufregendste Silvesternacht meines Lebens. Ich war schon seit Stunden im Kreissaal. Aber die Zwillinge ließen sich Zeit. Wahrscheinlich konnten sie sich nicht einigen, wer als erste zur Welt kommen sollte." Maria musste immer wieder lachen, wenn sie über die Geburt von Anita und Antonia sprach. "Jedenfalls war es so, dass Anita noch im alten und Antonia erst im neuen Jahr zur Welt kam."
"Ja, ja, ich verstehe." Mario unterbrach die Frau. "Aber eigentlich bin ich wegen der Verwechslungsgeschichte hier. Wenn Sie mir vielleicht darüber etwas erzählen würden..."
"Ich bin ja schon mitten drin." Maria schien über Marios Wortmeldung nicht besonders erfreut.
"Wenn es auch nur wenige Stunden sind – Anita ist trotzdem ein anderer Geburtsjahrgang als Antonia. Und als ob genau diese Zeit es ausgemacht hätte – sie war auch von Anfang an kräftiger. Eine Mutter spürt so etwas. Aber es hat nicht lange gedauert, und plötzlich war Antonia die Stärkere. Was hätten Sie sich dabei gedacht? Na?"
Der Reporter wollte antworten, merkte aber sofort, dass seine Antwort überhaupt nicht gefragt war.
Marias Redefluss ging weiter. "Da konnte doch etwas nicht stimmen. Jedenfalls hat es mir keine Ruhe gelassen. Ich habe mit Nachforschungen begonnen. Natürlich war aus niemandem etwas heraus zu bekommen. Aber vor etwa einem halben Jahr sah ich zufällig einen Fernsehbericht, in dem von den Fortschritten bei Blutuntersuchungen die Rede war. Durch spezielle Untersuchungsmethoden ist es inzwischen möglich, das Alter von Menschen auf den Tag oder sogar auf die Stunde genau festzustellen. Das war unsere Chance – und wir haben sie genützt.
Die Untersuchung war nicht billig. Aber es hat sich gelohnt. Mein Verdacht wurde eindeutig bestätigt. Antonia ist um volle drei Stunden älter als Anita. Das heißt, eigentlich um ein Jahr. Sie wissen was ich meine.
Mit diesem Wissen haben für uns die Probleme erst so richtig begonnen. Was sollten wir machen? Bisher betrachteten wir Anita als ältere Tochter. In Wirklichkeit ist aber Antonia die Ältere. Es ist zum Verzweifeln..."
Maria konnte ihre Tränen nicht länger zurückhalten. Schluchzend vergrub sie ihr Gesicht in den Händen. Daniele versuchte sie zu trösten.
"Entschuldigen Sie," Mario meldete sich ein wenig verlegen zu Wort "Sie wollen damit sagen, die Kinder, die vertauscht wurden, waren ganz einfach ihre beiden Kinder?"
Jetzt war Daniele an der Reihe, zu antworten.
"Was heißt hier waren? Es sind noch immer unsere beiden Kinder, nur dass eben die Namen nicht stimmen. Aber das wissen Sie ja jetzt alles."
"Ja, ich..., ich... weiß. Aber, ich dachte... Ich werde wohl besser gehen. Ich muss die... die... Story noch ins Reine schreiben. Und wegen dem Geld... Ich melde mich wieder." Fluchtartig verließ Mario Bunazzi das Haus.

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