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November 2001
Angelo Protector
von Dirk-Uwe Becker

Hans wachte mitten in der Nacht auf, weil ihn etwas an der Nase gekitzelt hatte. Er fuhr mit dem Handrücken darüber – nichts. Er hätte schwören können ... Da! Schon wieder. Und es roch – irgendwie nach verbrannten Federn. Verschlafen tastete Hans nach dem Lichtschalter. Die Helligkeit blendete ihn so sehr, dass er für einige Sekunden die Augen schloss. Da war wieder dieses Kitzeln. Nun riss er die Augen auf – und wäre fast aus dem Bett gefallen. Vor ihm saß ein kleines hässliches Wesen mit zwei Stummelflügeln. "Nun mach den Mund wieder zu! Du hast vergessen, Dir die Zähne zu putzen." Das Wesen grinste ihn herausfordernd an. "Wer bist Du denn?", fragte Hans erstaunt zurück. "Ich bin Dein Schutzengel! – Gestatten: Angelo Protector", erwiderte das Wesen.

Schutzengel? Hans überlegte. So etwas kannte er nur von Erzählungen seiner Tante. Die hatte was mit einem Gott und ihr Sohn hieß Schutzengel. "Dich gibt es doch gar nicht!" "Wie? – Mich soll es nicht geben? Wer macht denn hier Dellen in Deine Decke und hat Dich an der Nase gekitzelt?" Verlegen kratzte sich Hans am Kopf. Das mit dem Kitzeln stimmte und da, wo das Wesen saß, war die Decke wirklich eingedrückt. Konnte man so etwas träumen? "Und wo kommst Du her?", wollte Hans jetzt wissen. "Ich bin vom Baum gefallen. Zugegeben, ich war etwas unvorsichtig und hatte meine Nachtsichtbrille auf der Wolke liegen lassen. Es ist auch mein erster Alleinflug." Verlegen kratzte sich das Wesen am Hinterkopf. "Ich wurde auf einmal von einem zauberhaften Mandelkringelgeruch angezogen und übersah, dass das Fenster geschlossen war. Ist aber auch äußerst dämlich von Euch Menschen, durchsichtige Scheiben einzusetzen. Es hat schon seinen Grund, dass Kirchenfenster bunt sind. So können wir Engel nicht während des Gottesdienstes mit dem Kopf dagegen knallen." Das Wesen rieb sich sichtlich verlegen seine Stummelflügel. "Außerdem bin ich noch in der Ausbildung zum Schutzengel. Eigentlich...", hier stockte es etwas, "eigentlich bin ich erst den zweiten Tag in der Engelschule und hätte noch gar nicht alleine herum fliegen dürfen. Aber ich werde später einmal ein ganz großer Schutzengel!" Hierauf wölbte das Wesen seinen Brustkorb so weit nach vorne, dass Hans schon befürchtete, es würde in der Mitte durchbrechen. Aber es stimmte. Seine Mutter hatte am Vorabend Mandelkringel gebacken und das Kuchenblech zum Abkühlen innen vor das geschlossene Fenster gestellt. "Und dann bin ich mit meinen Flügeln noch in Eurem Heizlüfter hängen geblieben!" Der himmlische Bruchpilot besah sich traurig seine versengten Flügelspitzen. Hans merkte, wie ihn die Müdigkeit wieder überfiel. "Ich will schlafen. Meinetwegen kannst Du auf der Decke liegen bleiben, wenn Du mich nicht wieder in der Nase kitzelst!" Vielleicht ist es nur ein Traum und dieses Engeldingsbums ist weg, wenn ich aufwache. Mit diesem Gedanken schlief Hans ein.

"Hans, das Frühstück ist fertig!" Halb im Wachen, halb im Schlaf, hörte Hans seine Mutter aus der Küche rufen. Herrjeh – war das eine Nacht gewesen. Und so ein blöder Traum von einem Schutzengel auf seinem Bett. Hans öffnete die Augen und sah sich um. Kein Engel weit und breit. Ihm fiel ein Stein vom Herzen. Immer noch etwas schlaftrunken, wankte Hans ins Bad. Diese Waschen-Zähneputzen-Ohrensaubermachen-Prozedur gehörte zum Härtesten, was ein Kind am Morgen durchmachen musste. Badezimmer werden von Erwachsenen für Erwachsene eingerichtet. Das Waschbecken hing zu hoch für einen fünfjährigen Knaben, der etwas zu klein für sein Alter war. Der Spiegel noch ein Stück höher. Anscheinend ist es Erwachsenen völlig egal, wie ein Kind da heran reichen, geschweige denn sich so waschen soll. So hatte Hans in der Anfangszeit konsequent das Waschen verweigert. Was nicht geht, das geht nicht. Er verfluchte den Tag, an dem es seinen Eltern einfiel, extra für ihn ein Podest herstellen zu lassen. Erwachsene können Kindern das Leben ganz schön vermiesen mit ihren Einfällen.

Er stieg auf das Podest und beschloss, nicht in den Spiegel zu sehen, denn der zeigte Tag für Tag das gleiche Bild. Ein sommersprossiges Jungengesicht mit wirren Haaren und Schlaf in den Augen. Also Wasserhahn auf und den Hals links und rechts besprenkelt. "Igitt - Wasser!" Hans dachte, sein Trommelfell würde platzen. Die Stimme kam direkt von seiner linken Schulter. Er riss die Augen weit auf und sah in den Spiegel. Da hockte es wieder. Verdammt und zugenäht. Kein Traum! Hans schloss seine Augen und öffnete sie ganz vorsichtig wieder. Das Wesen blieb da hocken, auf seiner linken Schulter, und schien sich zu amüsieren. "Machst Du das immer so? Augen auf, Augen zu, Mund zusammenkneifen?" Hans griff langsam unter das Becken. Dort hing sein Waschlappen. Mit einem Ruck zog er ihn hervor und fegte das Wesen damit auf die Fliesen. "Biff Du völlig verrückt geworden – Mift – grofer Mift" Der angebliche Engelsschüler rieb sich den Hintern und pfiff durch eine Zahnlücke, die vorher noch nicht da gewesen war.

"Reicht es nicht, dass ich mich jeden Morgen waschen und die Zähne putzen muss. Da kommst Du auch noch daher und veräppelst mich." Hans war ziemlich sauer. Der Schutzengel setzte ein unschuldiges Gesicht auf und humpelte auf das Waschbecken zu. Mit einem "War ein Verfehen – ehrlich!" ließ er sich auf dem Podest nieder. "Ich wüsste nicht, was Du mir als Schutzengel für eine Hilfe sein solltest", gurgelte Hans mit Zahnpasta-Schaum vor dem Mund. Aber wie er den Engel mit seiner Zahnlücke ansah, bekam er auch schon wieder Mitleid mit ihm. "Tut es doll weh?" "Nö – ift halb so flimm!", entgegnete der Flügelbote. Er pfiff gar nicht mehr, denn die Zahnlücke hatte sich im Handumdrehen wieder geschlossen. "Ist bei Engeln so." Der Schutzgeist flatterte wieder auf Hans' Schulter. "Ich könnte Dir wirklich helfen!" "Glaub ich nicht!", gab Hans zurück. "Hans – das Frühstück!" Die Stimme seiner Mutter klang schon sehr verärgert. Er blies den Schaum durch die Zähne. Mit einem lauten "Ich komme!" in Richtung Küche schnappte er sich den Engel bei den Stummelflügeln und verstaute ihn in seiner Hosentasche. "Wenn Du einen Ton sagst, versenke ich Dich zwischen meinen Cornflakes!" Der Engel zuckte mit den Schultern und ließ sich vorsichtshalber etwas tiefer in die Tasche gleiten.

"Na – schmeckt es Dir nicht?" Seine Mutter stellte jeden Morgen die selbe Frage! Als ob Cornflakes mit lauwarmer Milch wirklich ‚schmecken' könnten. "Ja, doch – sehr gut", gab Hans zurück. Dennoch rührte er lustlos mit seinem Löffel in der Flakes-Milch-Pampe herum. Der Engel sah ihm über die Schulter. "Bäh – willste das wirklich essen?!" Hans drehte ihm den Kopf zu. "Dann iss Du doch den Mist!" "Hans!" Seine Mutter sah ihn fassungslos an. "Wie sprichst Du denn mit mir!" "Wie? – Ich hab doch mit dem Eng..." Hans verschluckte sich. "Ich hatte heute Nacht einen schlimmen Traum." Seine Mutter setzte diese verständnisvolle "Das-kenne-ich-auch-das-macht-nichts"-Miene auf. Oh, hätte ich doch bloß diesen blöden Engel in der Toilette runter gespült! Hans fluchte innerlich. Mit verbissenem Gesicht verdrückte er den Rest der Cornflakes, sprang vom Tisch auf und lief in den Flur. "Wo willst Du denn so früh hin?", rief seine Mutter ihm nach, aber Hans hatte schon die Haustür hinter sich zugeknallt. "Wenn Du noch einmal ungefragt den Mund aufmachst, schließe ich meine Augen und träum Dich auf Deine Wolke zurück", zischte Hans dem Flügelwesen ins Ohr. Der Engel verkroch sich hinter Hans' Ohr und muckte nicht mehr.

An diesem Morgen hatte Hans sich mit seiner Clique verabredet. Alles Kinder aus der Nachbarschaft. Hans hatte bald Geburtstag und wollte seinen Eltern die schwierige Entscheidung abnehmen, womit sie ihm eine Freude machen könnten. Der Weg zum Treffpunkt führte durch ein kleines Waldstück. Jetzt im Herbst konnte Hans das bunte Laub mit den Füßen durcheinander wirbeln und zu Blattwolken hoch werfen. Das war ein Vergnügen! Dem Schutzengel schien es nicht zu gefallen. Er hatte sich an Hans' Ohr geklammert und nutzte dessen Ohrmuschel als Schutz gegen die aufstiebenden Blätter. "Und Du willst mich beschützen können? Wer Angst vor einfachen Blättern hat, kann mich nicht beschützen!" Hans bemühte sich, mehr Blätter in Richtung des kleinen Engels hoch zu werfen. "Stimmt gar nicht!", erwiderte dieser. "Von Blättern kriege ich immer Husten und meine Schwungfedern kräuseln sich." Damit steckte der kecke Kerl seine Nase wieder hoch in die Luft, denn Hans war mittlerweile aus dem Waldstück heraus und auf die Teerstraße zur Bushaltestelle gelaufen. Da es dort ein überdachtes Wartehäuschen gab, hatten sie es sich zur heimlichen Kommandozentrale auserkoren.

Lisa, Timo und Max warteten schon auf ihn. Hans trat mit seiner unsichtbaren Last auf den Schultern zu ihnen. "Fällt Euch was auf?" Lisa musterte ihn von oben bis unten. "Deine Hose ist auf!", meinte sie und lutschte weiter an ihrem Lolli. Scheiße. Hans wurde rot und holte das Versäumnis schnell nach. "Auf Deiner Schulter ..", begann Timo. Na endlich, dachte Hans. Also bin ich doch nicht der einzige. "...da hängt ein Kastanienblatt." Es war zum Mäusemelken! Max brachte es mit einem Lachen ganz trocken daher. "Nö – Du siehst so bescheuert aus wie immer!" Alles klar! Der Engel schien wirklich unsichtbar zu sein! Hans atmete erleichtert auf. "Was soll uns denn aufgefallen sein?", erkundigte sich Lisa spitz. "Ach, nichts", entgegnete Hans. "Bin ich etwa nichts?!", pfiff ihm in diesem Augenblick der Engel ins Ohr. Hans verzog das Gesicht. "Ha! –Du hast Zahnschmerzen!" Max griente. "Los!" Timo und Lisa wurden schon ungeduldig. Heute war Geschenke aussuchen angesagt. Das machte einen Heidenspaß und gehörte nicht zu den aufschiebbaren Tätigkeiten, wie etwa Hausaufgaben oder Zimmer aufräumen.

Die ‚Markthalle' war das größte Kaufhaus in der Stadt und lag ziemlich nah an ihrem Wohngebiet. Hier konnte man herrlich Rolltreppe fahren oder mit dem Fahrstuhl bis in den fünften Stock vorstoßen. Am reizvollsten empfanden die Kinder jedoch die Spielwarenabteilung. "Schaut da – die neue Barbie-Puppe!" Lisa lief begeistert zu einem Regal. Max verzog das Gesicht. "Mädchen!" Hans stimmte ihm insgeheim zu, denn er hatte sein Augenmerk schon seit ein paar Wochen auf ein Feuerwehrauto mit automatischer Spritze und ausfahrbarer Leiter geworfen. Das war ein tolles Ding. So eines, das er gerne unter seinen Geburtstagsgeschenken gesehen hätte. Der Engel auf der Schulter war vergessen. Das Auto! Es hatte eine leuchtende rote Farbe und so viel glänzendes Metall überall. So eines besaß keiner in seiner Umgebung. Aber dieses Auto konnte man nicht kaufen. Es war der erste Preis in der Herbstverlosung. Hans träumte. Eine schöne Fee würde kommen und ihm ein Los geben und das wäre dann der erste Preis.

"Hans – schau! Die haben ein Aquarium mit einem Mini-U-Boot!" Timo stand fasziniert vor einem Wasserbecken. Tatsächlich! In dem Glasbehälter schwamm ein kleines U-Boot. "Toll, was?!" Timo drückte seine Nase an der Scheibe platt. Hans hatte ein Podest erspäht, das ihm einen besseren Blick in das Bassin erlauben würde. Geschwind war er rauf gestiegen und beugte sich nun über den Rand. Plumps! Oh – auf einmal schwamm ein kleiner Engel zusammen mit dem U-Boot im Wasser. "He – Timo, hilf mal! Mir ist der Engel ins Wasser gefallen." Timo nahm seine Plattnase von der Scheibe. "Ein was ist da rein gefallen?!" "Ein Eng..." Hans hatte vergessen, dass die anderen seinen Schutzengel gar nicht sehen konnten. Verdammt! "Ich finde, das Becken ist für so ein Boot zu eng." Er war froh, so schnell den Dreh gefunden zu haben. "Ach so!" Timo hatte seine Nase wieder an die Scheibe gedrückt. Hans stieg vom Podest und sah sich um. Hier standen Kisten mit Aquarienzubehör. Da war auch eine mit kleinen Rettungsringen. Er schnappte den ersten Besten, stieg wieder aufs Podest und schmiss den Ring in Richtung des in Seenot geratenen Engels. Der schien aber gar nicht in arger Not zu sein. "Ist das herrlich, im Wasser zu plantschen!", kam es von dort unten herauf. Mit seinen Stummelflügeln als Antrieb schoss er zwischen dem Beckenrand und dem U-Boot hin und her. Dann legte er sich auf das Boot und ließ sich durchs Wasser ziehen. "He!", zischte Hans ihm zu. "Wir sollten hier langsam wieder abhaun." Der Engel tauchte unter dem U-Boot hindurch und steckte seinen Kopf durch den Rettungsring. "Dann musst Du mich retten!" Mit seinen Flügeln wirbelte er das Wasser auf. "He! Lass das!" Timo hatte den Kopf in Hans' Richtung gewendet und schüttelte die Wassertropfen aus seinen Haaren. Nur knapp konnte Hans den Ring mit zwei Fingern greifen, als er sich danach streckte. "Was macht Ihr denn da?" Die Stimme kam aus dem Hintergrund. Als Hans sich umdrehte, stand ein wichtig aussehender Mann in dunklem Anzug vor ihm. "Ich...ich..." Hans stotterte. "Ich hab mir nur das U-Boot angesehen und da schwamm auf einmal dieser Ring im Wasser." – "So , so." Der Mann lächelte. "Der Ring schwamm ganz plötzlich einfach so im Wasser. Dass diese Ringe das auch immer tun müssen!" Damit nahm er Hans den Ring aus der Hand und hob ihn vom Podest herunter. "Das ist kein Spielplatz, junger Mann." Dann wandte er sich Timo zu. "Wenn Du Dein Gesicht weiter so tief rein drückst, wird Dir das Boot in die Nase beißen!" Mit einem Lachen, als ob er einen tollen Witz gemacht hätte, entfernte sich der Mann. Das war knapp, dachte Hans und schlenderte mit Timo zu den anderen zurück, die inzwischen vor einer Modelleisenbahn standen. Auch Lisa war da, ohne Barbiepuppe im Arm.

"Hast Du Dir schon was ausgesucht?" Max war mindestens genau so gespannt auf Hans' Geschenkwunsch wie dieser selbst. "Nö", sagte Hans. Hier gab es so viel zu sehen. Alles Sachen, die ihm gefielen und die er seinen Eltern vorschlagen könnte. Am liebsten hätte er sich die Spielwarenabteilung einpacken lassen. Aber das ging nicht, da sein Zimmer nicht groß genug war. Also musste er sich entscheiden. "Ich finde Eisenbahnen toll!" Max war vor einem Geschenktisch stehen geblieben. "Ich find Eisenbahnen blöd, die können nur im Kreis fahren!" Da war sie wieder, die Engelstimme auf Hans' Schulter. "Misch Du Dich nicht auch noch ein!" "Häh!" Max blickte irritiert zu Hans. "Wieso soll ich mich nicht einmischen? Spinnst Du?!" Hans wurde rot. "War nicht so gemeint", murmelte er verlegen. Seine Gedanken gingen immer wieder zu diesem tollen Feuerwehrauto!

"Lose! Lose zu unserer Herbstverlosung. Pro Stück ein Groschen!" Der Mann ging mit seinem Loseimer zwischen den Regalen hindurch. Hans kramte in seiner Tasche. Vom Rasenmähen müsste noch Geld übrig sein. Einen Teil hatte er in Süßigkeiten angelegt. Da – ein schmuddeliger Groschen. "He – mach's! Ich glaub, Du hast Glück!" zischelte der Engel Hans ins Ohr. Dieser hatte den kleinen Quälgeist schon wieder vergessen. "Hat Dich der Mann mit dem Rettungsring nicht mitgenommen?" Der Engel kicherte. "Ich hab ihm ganz laut ins Ohr geschrieen: Lassen Sie mich los. Ich bin ein unschuldiger Rettungsring! – Das hättest Du sehen müssen! Der war so starr vor Schreck, dass man ihn mit einer Schaufensterpuppe hätte verwechseln können." Inzwischen war der Losverkäufer in ihre Gangreihe vorgedrungen. "Hier!", sagte Hans. "Bitte ein Los zu einem Groschen." Er hielt den Schmuddelzehner in die Höhe. Der Mann nahm das Geldstück in die Hand. "Das hast Du wohl draußen auf der Straße gefunden, wie?" Dann ließ er Hans in den Eimer greifen. So viele Lose. Alle gleich. Hans wühlte mit seinen Fingern darin wie in einer Bauklotzkiste. Dann zog er ein Los heraus. "Die Preise zu den Nummern werden in einer Stunde bekannt gegeben." Damit entfernte sich der Losverkäufer und suchte neue Opfer.

"Es beginnt gleich die große Herbstverlosung", quäkte eine Stimme aus dem Lautsprecher über ihnen. "Los!" Max stupste Hans an. "Du hast doch ein Los gekauft." Die vier eilten die Gänge hindurch und die Rolltreppe hinunter. Außer Atem kamen sie im Eingangsbereich der ‚Markthalle' an. Hier war ein großer Stand mit einer Lostrommel aufgebaut. Es schienen schon fast alle Nummern gezogen worden zu sein. "Was hast Du denn für eine Nummer?", wollte Lisa wissen. Hans öffnete sein Los. Das hatte er ja ganz vergessen. Die Nummer. "267", sagte er zu Lisa. "Die 300 war der zweite Preis", meinte Timo. Aber das nahm Hans nicht mehr so richtig wahr, denn er hörte die Ansage: "Der Hauptpreis – ein ferngesteuertes Feuerwehrauto mit automatischer Pumpe und Drehleiter." Ihm wurde abwechselnd kalt und heiß. Seine Hände begannen zu schwitzen und das krampfhaft umschlossene Los zu durchfeuchten. Der Lautsprecher meldete sich wieder: "Es gewinnt die Nummer ..." Krächz. Brumm. "Meine Damen und Herren. Wir bitten um Entschuldigung. Die Anlage ist leider ausgefallen." Ein Mann in dunklem Anzug – Hans war sich nicht sicher, ob es der mit dem Rettungsring war – sprach in das Publikum. "So, jetzt haben wir es. Also – es gewinnt das Los mit der Nummer 267!"

"Na, habe ich es Dir nicht gesagt! Ich bin Dein Glücks-Schutz-Engel!" Der kleine Geist flatterte aufgeregt um Hans' Kopf. "Du musst nach vorne!" Lisa stupste Hans an. Wie im Traum ging er zu dem schwarz gekleideten Herrn an der Lostrommel. "Na, junger Mann – wir kennen uns doch!", wurde er dort freundlich empfangen. "Ich .. äh... ja", stammelte Hans ganz aufgeregt. "Hier!" Der Mann reichte Hans ein großes Paket. "Ich hoffe, es macht Dir Spaß und Du brauchst zukünftig keine Rettungsringe mehr ins Wasser zu werfen." Mit einem Augenzwinkern beglückwünschte er Hans. "Soll ich ihm sein Toupet wegblasen?" Vor Schreck hätte Hans den großen Kasten fast fallen gelassen. "Untersteh Dich!", flüsterte er seinem Schutzengel zu. Verärgert streckte der kleine Engel dem Mann seine mittlere Schwungfeder entgegen. Hans bedankte sich artig und trug gemeinsam mit Lisa, Timo und Max das Paket nach Hause. Abends, als er im Bett lag, stand das knallrote Feuerwehrauto auf seiner Spielzeugkommode. Hans hatte sich sein Kissen so zurecht geknuddelt, dass er seinen Gewinn immer im Auge behalten konnte. Der Engel hockte vor ihm auf der Bettdecke. "Nun? – Bin ich nicht doch zu etwas gut?" Er guckte traurig. Hans fasste den Engel an den Flügeln und drückte ihm einen dicken Kuss auf. "Klar!", meinte er. "Du bist der beste und tollste Schutzengel, den ich je gehabt habe!" Der Engel grinste verlegen und rieb sich die Wange. "Du hast schon andere Schutzengel vor mir gehabt?" "Nein – nicht wirklich", meinte Hans schon halb im Einschlafen. "Aber Du bist der erste, den ich gesehen habe!"

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