Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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November 2001
Wer wagt gewinnt
von Manuela Mühlethaler

Mein Vater hatte ein Lieblingsspiel. Er griff immer wieder darauf zurück, wenn es darum ging, die hilflos von der Liebe zu seiner Tochter durchdrängten blutjungen Männer zu irritieren und aus dem Felde zu schlagen, aus einem Felde, das nur einem Zwecke diente, den zu besiegen, der die Tochter des Hauses zur Freundin begehrte.
Einer wagte sich weit vor. Es war Jürgen, der Spross einer einfachen Familie. Siegessicher trat er eines Nachmittags vor den Hausherrn hin. Schon Tage davor hatte ich ihn gewarnt. Immer wieder stiess ich die Worte aus mir heraus und ihm entgegen: "Tu es nicht, tu es nicht". Er wollte nichts davon wissen und glaubte, er wäre ein ganzer Kerl und als solcher würde er schon beweisen können, was ihm ihn steckt, war vollkommen überzeugt davon, dass er der Situation gewachsen war, er, der Robin Hood der Steppachstrasse. Ich war siebzehn Jahre jung und liebte meinen Robin, hing an seinen Lippen, fand ihn fantastisch, brillant, unvergleichlich, himmlisch, der Held meiner schlaflosen Nächte, der Inhalt meiner verwegenen Träume.
Endlich war einer gekommen, der diesem Mann, der mein Vater war, die Stirne bieten wollte und, so hoffte ich sehr, auch konnte. Nicht auszudenken, wenn das Vorhaben Erfolg hätte. Wie würde ich dastehen vor diesem Vater, ja, vor der ganzen Familie. Triumphieren könnte ich, über die Unfähigkeit meiner Angehörigen, mich ein ganzes Leben lang, das wären dann immerhin siebzehn Jahre, jämmerlich unterschätzt zu haben.
Aber wie schon eingangs erwähnt, irgendwie konnte ich nicht so recht daran glauben, dass mein sagenumwobener Kämpfer aus diesem Feldzug als Sieger hervorging. Alles hätte ich ihm zugetraut, alles, aber dieser Feind war nicht zu schlagen. Ich kannte seinen Widersacher zu gut, kannte seine verwinkelten und äusserst klug eingefädelten Strategien und hatte es in der Vergangenheit häufig erlebt, dass potentielle Angreifer in einem sekundenschnellen Handstreich niedergeschmettert wurden. Wie verwundete Tiere, die sich in einer Gegenwehr chancenlos wissen und die ihnen geschlagenen Wunden freudlos und vom Leben enttäuscht lecken, schlugen sich die Bezwungenen ins Gebüsch zurück, sprich, sie brachen den Kontakt zu mir ab.
Dieses Mal sollte es aber anders kommen. Das wünschte ich mir und das durfte auch gar nicht anders sein. Nach all den Blamagen, die meine kurze Vita in Sachen zukunftsträchtige Liebe bis zum heutigen Tage aufzuweisen hatte, musste nun der Kampf angetreten und der derselbe errungen werden, sonst war es zu Ende mit all dem, was ich mein Leben nannte. Also hörte ich auf mit meinen Warnrufen, versuchte nicht mehr, meinen Helden von seinem Vorhaben abzubringen.
Der Tag an welchem das Schlachtfeld erobert werden sollte, war angebrochen. Bereits früh am Morgen erwachte ich schweissgebadet, war in Gedanken bei diesem mutigen Jüngling, der wahrscheinlich genau wie ich, ängstlich und dennoch siegessicher der Stunde entgegenfieberte, die heute die entscheidende Wendung vorerst in mein Leben, aber dann auch in seines bringen sollte.
Die Türglocke läutete, mir kam es vor, als tönte sie noch nie so laut wie heute. Ich erschrak, mein Herzschlag pochte wild, der Schweiss drang aus fast allen Poren, ein mulmiges Gefühl machte sich in der Magengegend breit. Heute kann ich nicht mehr sagen, was all diese unangenehmen Erscheinungen ausgelöst hatte. War es die Anspannung, die das bevorstehende Ereignis hervorrief oder die Freude, dass mein Süsser endlich wieder in meiner Nähe war.
Ich sprang schnell auf, um meinem Angebeteten die Türe zu öffnen, ich wollte ihn persönlich empfangen, es sollte ihm kein anderes Familienmitglied den ersten Gruss entgegenbringen. Die Uhr zeigte zwei Uhr Nachmittags an einem sonnigen Sonntag.
Mein Vater war gut vorbereitet, hatte alles für den entscheidenden, wie er dachte, den stolzen Jüngling für immer vernichtenden Winkelzug, hergerichtet. Auch er hatte das Klingeln an der Haustüre gehört und erschien knapp nach mir, um meinen Helden zu begrüssen.
Da stand dieser, blond, schön, ausserordentlich männlich, mit lachendem Mund, strahlenden Augen, frohen Mutes und zu all dem, mit geschwellter Brust. Ich suchte in seinem Gesicht nach angespannten Zügen, es war nichts auszumachen und ich kam mir plötzlich ganz klein und schäbig vor. Wieso hatte ich solche Angst, sie bedeutete doch wohl den Misstrauensantrag an diesen jungen Mann, der heute um meinetwillen den tapferen Kampf gegen meinen Vater ausfechten wollte und ich beschloss auf der Stelle, meine unwürdige Haltung aufzugeben.
Wie ein Lämmchen zur Schlachtbank, wurde Jürgen in das Wohnzimmer der Familie geführt. Dort stand es schon, das auf dem Wohnzimmertische aufgebaute hölzerne Schlachtfeld. Es war noch unberührt und wirkte unschuldig und unverdorben.
Die beiden nahmen ihre Plätze ein, ich wurde gebeten das Zimmer zu verlassen, die Türe wurde geschlossen.
Die nächsten zwei Stunden waren die härtesten meines ganzen Lebens. Sie waren durchzogen von Sorge über die Ereignisse, die sich hinter der Wohnzimmertür abspielten aber auch von der Wut auf den Vater, der meinen Geliebten (und vor ihm alle die ich hatte) dieser Prüfung unterziehen musste. Was sollte das eigentlich, war ein potentieller Ehemann nur etwas wert, wenn er sich auf das Spiel meines Vaters einliess und dieses auch noch gewinnen konnte.
So vergingen diese beiden Stunden. In angespannter Erwartung verharrte ich, lauschte ab und zu in das Nebenzimmer, aber von dort drang kein Laut an mein Ohr.
Und dann war es soweit, die Türe öffnete sich. Erschrocken schnellte ich von meiner Sitzgelegenheit auf und sah den beiden Männern entgegen. Beide hatten versteinerte Mienen und keiner von beiden liess sich äusserlich anmerken, was in den vergangenen beiden Stunden geschehen war. Aber dann sah ich den Schalk in den Augen meines Göttlichen. Es leuchtete, funkelte und blitzte nur so darin. Mir war sofort klar, er war dieses Mal als Sieger aus diesem elenden Schachspiel herausgegangen. Wir hatten gesiegt.

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