Der Tod aus der Teekiste
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"Viele Autoren können schreiben, aber nur wenige können originell schreiben. Wir präsentieren Ihnen die Stecknadeln aus dem Heuhaufen."
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November 2001
Sessellift
von Romy Farrer

Ich sass auf der Terrasse des Bergrestaurants und genoss in vollen Zügen die warme Nachmittagssonne. Ein Mann der die Terrasse betrat zog meine Aufmerksamkeit auf sich. So ein komischer Kauz. Er war gross fast ein wenig schlaksig. Unter seiner vom Wind geröteter Nase hing ein imposanter Schnauz. So ein nostalgischer dessen beiden Enden leicht nach oben gezwirnt ist. Die Augen waren klein wie zwei Kirschen und funkelten voller Übermut. Sein Grinsen war so breit, dass er sicher froh um seine Ohren war. Und die Ohren! Ob man mit den Dingern wohl fliegen kann? Na ja zum Glück waren sie so groß. Sonst wäre ihm seine Baskenmütze über die Augen gerutscht und er wäre blind wie ein Maulwurf umhergetappt. Die Pluderhosen und das karierte Hemd waren wohl Überbleibsel aus der Brockenstube. Einfach der Hit, waren die rot weiß geringelten Socken. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Und die Schuhe, die Schuhe waren schlicht weg zum schreien. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so große Quadratlatschen gesehen. Am liebsten hätte ich laut gelacht. Aber so etwas macht man nicht. Schliesslich bin ich ja gut erzogen. Ich meine "die Gedanken sind frei," aber einfach so drauflos lachen zeugt nicht von einer guten Kinderstube. Also sah ich ihm sehr bedacht und beherrscht entgegen. Ohne sich lange umzusehen setzte er sich zu mir an den Tisch, strahlte mich über alle vier Backen an und sprudelte auch gleich drauf los, als ob ich eine alte Bekannte von ihm wäre:
"Stell dir vor was mir gestern abend passiert ist."
He, der Typ duzte mich sogar! Vor Verblüffung verschlug es mir die Sprache und es blieb mir nichts anderes übrig als seinem Bericht zuzuhören.
" Ich war sehr spät dran und wollte unbedingt die letzte Talfahrt mit dem Sessellift nicht verpassen. Also, ich kam mit riesen Schritten angelaufen. Da hatte doch so ein Blödmann die Abschrankung schon vorgeschoben und ein Schild 'Geschlossen' hing daran. Ich dacht: "Mich laust der Affe." Hängt hier ein Schild 'Geschlossen', obwohl die Sessel noch unaufhörlich zu Tale schwebten. Flugs stieg ich über die Aschrankung und setzte mich bequem auf einen Sessel. Im geheimen triumphierend, weil ich sie überlistet hatte. Fröhlich sang ich in den höchsten Töne vor mich hin. Doch plötzlich, ich konnte in der Ferne schon die Station sehen, gab es einen Ruck und der Sessel stand still. Was soll das, dachte ich. Das können die doch mit mir nicht machen. Diese Unverschämtheit, unerhört, skandalös, ich werde mich beim Verkehrsbüro beschweren. Ich schicke euch die Reporter auf den Hals. Ich schimpfte und wetterte wie ein Wald voll Affen. Aber alles nützte nichts. Niemand hörte mich. Und langsam wurde mein Gezeter immer leiser. Ich war einsam und verlassen in der großen weißen Wüste. Pechschwarze Nacht umhüllte mich. Der Mond schien. Die Sterne funkelten. In der Ferne heulten die Wölfe."
"Jetzt spinnt er," dachte ich, "bei uns gibt es doch gar keine Wölfe."
Während er sprach hob sich seine Stimme immer mehr und verlor sich ins Dramatische.
"Gleich fängt er an zu weinen," blitzte es durch meinen Kopf.
Und tatsächlich kullerte eine große Krokodilsträne über seine Wange. Er schniefte und fuhr fort:
"Dazu kam noch die Kälte. Erbarmungslos kroch sie vom großen Zehen hinauf bis unter die Haarwurzeln. Es war entsetzlich. Ich bibberte am ganzen Körper. Doch ich durfte nicht aufgeben. Denn in meiner Brust schlägt ein tapferes Herz und schließlich bin ich ja ein Mann. Um meinen Körper warm zu halten fing ich an Gymnastik zu treiben. Ich lies die Arme kreisen zuerst langsam dann immer schneller. Ich hüpfte in dem Sessel hin und her, als hätten mich ein Heer von Flöhe gebissen. Plötzlich stutzte ich, konnte es sein? Ich schüttelte meine Arme noch einmal kräftig."
Um seine Erzählung zu unterstützen, fuchtelte er mit seinen Händen vor meinem Gesicht hin und her, dass es mir fast schwindlig wurde. Dann schilderte er weiter, mit glänzenden Augen und Begeisterung in der Stimme:
"Tatsächlich je heftiger ich den rechten Arm schwang um so länger wurde er. Zuletzt lies er sich wie ein Gummiseil vor und zurück spicken. Ich dachte mir sogleich; wenn ich mich am Sessel halte und herunter springe, komme ich sicher bis an den Boden. So wie die, die mit einem Gummiseil am Bein von Brücken springen. Ohne lange nachzudenken sprang ich also kurzerhand in die Tiefe. Und tatsächlich es gelang. Meine Beine berührten schon den Boden, da sauste ich mit der gleichen Geschwindigkeit wieder nach oben. Holz splitterte als ich mit meinem Kopf voll unter den Sessel donnerte. Schon raste ich wieder in einem unheimlichen Tempo dem Boden zu. Bevor ich wusste wie mir geschah war ich schon wieder auf dem Weg nach oben. Diesmal schnellte ich sogar über den Sessel hinaus und zappelte mit den Beine voran dem Himmel zu. So ging es eine ganze Weile. Immer rauf und runter, rauf und runter. Bis ich es endlich schaffte im richtigen Moment loszulassen. Sowie ich im Schnee lag war mein Arm wieder an seine ursprüngliche Stelle. So kam ich mit einer rieseln Beule, aber doch mit dem Leben davon."
Strahlend lüpfte er sein Hüttchen und zeigte mir seine Beule, die tatsächlich in allen Farben von seinem Kopf herunter leuchtete. Selbstgefällig und mit von stolz geschwellter Brust stand er auf und ging mit einem seltsam hüpfenden Gang davon.
Mit offenem Mund starrte ich dieser skurriler Gestalt nach. Ich schüttelte den Kopf, nein ich habe nicht geträumt.
" Seltsam," dachte ich. Trank meinen Kaffee aus und ging nach Hause.

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