Ganz schön bissig ...
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November 2001
Ein weiteres, sagenumwobenes und ungelöstes Geheimnis um die Schatzinsel
von Joachim Off

Die Karibik war ein Haifischbecken mit schmutzigem Rand und goldenem Boden. Städte wechselten wöchentlich den Besitzer, Schiffe täglich, wenn sie begehrt waren, stündlich. Die Rodriguez alias Paathmagallo alias Nathalia - eine Schaluppe unter schwarzer Flagge - gehörte nicht zu dieser Sorte. Sie bestand im Wesentlichen aus einer ziemlich gefährlich aussehenden Mannchaft und von Holz umschlossenem, gähnend leerem Laderaum - dies Schicksal teilte sie mit den meisten Piratenschiffen derselben Größenordnung.
Der momentane Captain der Schaluppe hieß Jose Fernando Hernandez de Lacoroso y Lularasgrandioso, aber er nannte sich einfach Santo Domingo, weil er nach eigenen Ausführungen die gleichnamige Stadt als 12. und als 26. und als 71. erobert haben soll. Da Piraten keine Einsicht in entsprechende Dokumente gewährt wurde, etwa die Offizielle Erobererrangliste, glaubte man ihm diese Behauptung. Der Einfachheit halber.
Er stand auf der Brücke. Das tat er selten. Normalerweise tobte er von morgens bis abends unter Deck. Doch an diesem Tag war er stumm. Und es hatte seine Gründe.
Neben ihm stand der erste Maat Thomas Stuart, ein englischer Schiffbrüchiger, den sie bei den Elften Offiziellen Sklavenfestspielen ersteigert hatten. Als Anker.
Der Grund, weshalb er statt dessen zum Maat ernannt worden war, hatte mit einem 1x1 Fuß großen Stück Papier und dem Umstand zu tun, dass diese Schatzkarte in englisch verfasst war.
Und Engländer waren klug.
Sie machten kein X, sondern ein O.

"Land in Ficht! Die Fatzinsel!", plätscherte Look's Schrei vom Ausguck herab. Look hatte an Obst genauso viel Interesse wie an Seife, er glaubte nicht an das Wellness-Geschwafel der Landratten. Das Ergebnis in Stichworten: Skorbut. Endstadium. Kein Bonusheft.
"Ich fehe Palmen, ein Fandftrand, Badenikfen und ein paar Fouvenirhütten! Und der Weg fum Fatz ist aufgefildert!"
"Entschudigen Sie, Sir? Welche Schiffe parken am Strand, Sir?", rief, nein, sang der erste Maat.
"Ich fehe drei Fiffe, fwei Barquen, eine Faluppe!"
"Genau", sagte der Steuermann.
"Ist noch ein Parkplatz frei, Sir?"
"Nein!"
Der Captain kniff die Augen zusammen: "Dann legen wir mal los."
"Genau."
An dieser Stelle gingen Santo Domingos deutliche Worte in das für ihn typische unverständliche Gebrüll über. Ein Geflecht aus Befehlen entfaltete sich um ihn herum, doch der Tinnitus der Mannschaft schluckte das Meiste. Entfernt hörten sie ihn murmeln.

Die verschmutzten Segel der Schaluppe wurden gehisst, die neunstündige-rituelle-Erdrosselung-einer-beliebigen-Geisel zum x-ten Mal unterbrochen, das Messerwerfen auf den Schiffsjungen für eine der beiden beteiligten Parteien endgültig beendet und schließlich die Angeln eingeholt - entweder von Bord oder von der See aus, je nach Gewichtsklasse.
Dem Steuermann entwich mehrmals ein 'Genau'. Niemand achtete darauf. Er besaß einen Beruf, den man einige Jahrhunderte später durch moderne Maschinen ersetzen wird: Das Echolot. Die einzige Schwierigkeit war: In der Kolonialzeit waren Echolote ungefähr so nötig wie Zahnbürsten - Unterwasserboote gab es zwar, aber sie blieben unter Wasser. Deshalb setzte man ein gelerntes Echolot oftmals als Steuermann ein, oder - falls sie zu sehr auf die Nerven gingen - als Angelköder.

Der Wind blies die Segel auf, die Rodriguez alias Paahathmagallo alias Nathalia gewann an Fahrt.

"Die Faluppe parkt rückwärtf auf!", brüllte Look herunter.
"Wer ist es?!"
Das Fernrohr strich über das gegnerische Schiff hinweg, bis Look die Piratenfahne entdeckte. Dann nahm er es weg, zog ein kleines Buch hervor und schrie: "Hier fteht: Lef Dangferaux!"
"Les Dangeraux?! Die Franzosen?!"
"Ja!"
"Genau."
"Lasst sie uns niedermetzeln!", hörte die Mannschaft ihren Captain sanft in dumpfer Stille flüstern.
"Genau."

Sie griffen an.

Der Steuermann begann mit der komplizierten Tschakov-Eröffnung. Er schwenkte die Rodriguez alias Paahathmagallo alias Nathalia um 90º herum, stieß damit eine Welle an und zog das Schiff innerhalb äußerst komplizierter Rudermanöver auf sie hinauf. Quer zur Fahrtrichtung glitt es auf ihr in Richtung Gegner. Vier Kanonenkugeln krachten aus den Rohren.
Längst aber hatte der Gegner das 1680 von Tschakovs Bruder Ludikov entwickelte Gegenmanöver ausgeführt: Den Ludikov-Spin. Während das Schiff sich mehrmals um die eigene Achse drehte - Ergebnis in die Umluft induzierter Strudelwinde - glitt es rückwärts auf die See hinaus.
Die Kanonenkugeln landeten im Wasser. Während die See wie auf Kommando stürmischer wurde, rutschte die Rodriguez (alias etc.) rückwärts die Welle hinab.
Dann tänzelten beide Schiffe aufeinander zu. Der halblinke Angström wurde mit dem modifizierten McButton gekontert, nachdem der klassische Stern-Sprung wegen der vom 'Club Der Ehemaligen Wickinger' entwickelte Oslo-Finte ins Leere gelaufen war. Auf Papier folgte Schere, auf gerade ungerade, auf ungerade gerade.
Denn die gesamten Manöver dienten nur dem einen Zweck: So nahe wie möglich an das Schiff des Gegners zu kommen, ohne es zu beschädigen und ohne sich zu blamieren.

Nun, diese Seeschlacht kann unter Umständen noch etwas dauern - eine gute Gelegenheit, die Prinzipien einer in der Karabik üblichen spontanen Schiffsübernahme in groben Zügen zu umreißen (Ausführlichere Informationen finden sich in den sogenannten Verbuddelten Schriften - zu denen es in jeder guten Taverne Schatzkarten zu erstehen gibt.).
Die Besatzung eines Segelschiffes in der Karibik gehorcht im Allgemeinen den Gesetzen der Thermodynamik: In praller Mittagssonne, also bei größter Energiezufuhr, verteilt sie sich gleichmäßig auf dem ganzen Schiff. Der einzelne Pirat ist...delokalisiert.
Solange sich die Randbedingungen nicht ändern, verbleiben sie in diesem Zustand. In allen anderen Fällen kristallisieren sich in der besäbelten und beholzbeinten Masse einzelne Grüppchen heraus - Loyalisten und Meuterer, Bewaffnete und Ziemlich-Bewaffnete, Tote und Weniger-Tote, je nach Lage der neuen Umstände und - natürlich - des Goldes.
Tritt ein fremdes, positiv beladenes Schiff in den sogenannten Kenterradius eines zweiten, unbeladenen Schiffes - und Piratenschiffe waren die meiste Zeit über unbeladen -, so kommt es zu einer hochkomplexen Strukturbildung, die mit karibischer Gruppentheorie zu tun hat und den Rahmen dieser Erwähnung sprengt. Wichtig ist das Folgende: Im Falle gleichgroßer Mannschaften - was allein aus Gründen der Dramaturgie praktisch immer so ist -ordnen sich sämtliche Besatzungsmitglieder beider Schiffe so an, dass sie im anschließenden Kampf eine möglichst ungestörte Säbel-Säbel-Paarbindung mit ihrem Kontrahenten eingehen können. Das hat verschiedene Konsequenzen. Erstens stehen niemals zwei Piraten nur einem gegenüber. Zweitens stören sich die einzelnen Säbel-Säbel-Paare nicht. Und Drittens: Eine Kamera findet überall Platz - dieser Umstand wird erheblich dazu beigtragen, dass sich Jahrhunderte später Piratenfilme trotz lausigster Drehbücher und Schauspieler erstaunlicher Beliebtheit erfreuen werden.

Zurück zum Kampf: ...Miller, Miller-Jaki-Konter, LISA-Formation, le fond de la mer-Abwehr, dann hatten die beiden Schiffe den richtigen Abstand zueinander eingenommen. Piraten schwangen an Seilen hin und her. Vor manchen Routen bildeten sich Schlangen, andere wurden kaum benutzt und deshalb nach einigen Minuten anders in den Kampf eingebunden: Zum Beispiel um Hälse.
Die ersten Säbel schmetterten aufeinander, während andere noch auf ihren jeweiligen Partner warteten. Wenig später waren alle beisammen. Manche der Kontrahenten liefen längs und quer über das Deck, kletterten die Masten hinauf, schwangen sich an den übrigen Seilen herum, sprangen mehrmals auf den Schiffen hin und her, während sich immer wieder ihre Klingen trafen. Andere rotierten um dieselbe Stelle, tauschten Finten und Beleidigungen aus oder schlugen wild um sich. Wieder andere blieben stehen und ließen ihre Säbel nur ab und an aufeinander treffen - zwischen feurigen Reden. Es lief in allen Fällen auf das Gleiche hinaus: Wer mit seinem Gegner fertig geworden war, schmiss ihn über Bord und rannte zum Gold. Denn wenn der Kampf vorbei war, bildeten diese übrigen, beim Gold stehenden Piraten die neue Mannschaft.

Wenige Stunden später parkte die Rodriguez am Strand - mit neuer Mannschaft. Die Brüder Les Dangereaux, Olivier und Alexandré, sowie eine Auswahl verdammt gefährlicher Piraten liefen den Weg 'Zum-Schatz' entlang, dem ersten Maat Thomas Stuart hinterher. Sie grüßten andere Schatzsucher, wenn sie sie trafen, tauschten ab und an Informationen und Säbelhiebe aus - da allerdings jeder seinen eigenen Schatz zu suchen hatte, kamen solche Dinge eher selten vor.

Nach einer Weile trafen sie...Achtung: Ein Ausnahmefehler ist aufgetreten (Fehlernummer: 0008a8b: 12345). Diese spannende Geschichte wird geschlossen. Sie können warten, bis sie weitererzählt wird oder Ihren Computer neu starten. Bitte setzen Sie sich mit einem beliebigen Hersteller in Verbindung.

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