Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Dezember 2001
Liebe im Sonnenuntergang
von Ingeborg Restat

Nur ein lauer Wind war zu spüren, er störte die Stille des Abends nicht. Sanfte Wellen des Meeres schwappten leise auf den Strand. Das war wie ein Flüstern, ein Raunen in der beginnenden Dämmerung. Noch stand die Sonne groß und glühend über dem Horizont, aber bald würde sie versinken, als vergehe sie mit einem flammenden Abendrot in die Wasser des Meeres.
Hinter dem Strand erhoben sich sanfte Dünen. Zwischen dem rieselnden Sand an den Hängen hielt hohes Gras hier und da die Erde fest. Darauf saßen wie auf einer Bank eng beieinander zwei Menschen, die eigentlich schon alles hinter sich hatten, fast das ganze Leben mit seinen Höhen und Tiefen. Linien vieler durchlebten Jahre hatten sanft oder prägend in ihre Gesichter gezeichnet.
Ellen war nervös. Letzte Zweifel bewegten sie. War es richtig, was sie tat? Zu lange hatte sie schon allein gelebt. Sie hatte sich doch geschworen, nie wieder ihr Leben mit einem Mann zu teilen, trotz der Einsamkeit, die sie mitunter empfand. Sie wollte sich niemandem mehr anpassen müssen, allein für sich entscheiden können. Und nun?
Sie hatte es Werner gleich gesagt, als aus einer flüchtigen Bekanntschaft mit ihm während eines Kuraufenthaltes eine Freundschaft wurde. Aber nun war sie doch hier mit ihm am Meer. Die nächsten Tage sollten darüber entscheiden, ob es für sie beide ein weiteres gemeinsames Leben geben konnte. Sie hatte sich lange dagegen gewehrt, sogar gegen ihre eigenen Gefühle, die sie zu ihm hinzogen, doch mit seiner behutsamen Art überwand er schließlich den Widerstand in ihr.
Sie verstand es selbst nicht, was da mit ihr geschehen war, als sie ihn zum ersten Mal sah. Groß von Statur und sicher ausschreitend kam er ihr auf der Kurpromenade entgegen. Seine dichten schneeweißen Haare trieb der Wind ihm in die Stirn. Mit ruhiger Bewegung schob er sie zurück. Sie sah dies unter all den Menschen, die hier entlangflanierten, als wäre es etwas Besonderes. Sie konnte nicht wegsehen von ihm. Und dann trafen sich ihre Blicke. Er wandte sich ihr zu, als hätten ihre Augen ihn angezogen. Überrascht, ja, erstaunt schien er sie wahrzunehmen. Aus hellen Augen blickte er sie klar und eindringlich an, als wollte er sie festhalten. Sie zuckte zusammen und stolperte, wäre wahrscheinlich hingefallen, wenn er sie nicht gehalten hätte. "Hoppla! Ein Sturz in unserem Alter kann gefährlich sein", sagte er und hielt sie fest am Arm. Sie spürte die Wärme seiner Hand auf ihrer Haut; es ließ sie erstarren. Verdammt! Was war denn los mit ihr? Blut schoss ihr ins Gesicht, und sie löste sich so hastig von ihm, als hätte sie sich verbrannt. ‚Ich bin doch keine siebzehn mehr!', schalt sie sich selbst. Aber als er weiter an ihrer Seite blieb, da hatte sie nichts dagegen.
In den folgenden Tagen hielt sie nur noch Ausschau nach ihm. Begegneten sie sich, so tat sie jedes Mal überrascht. Heute wusste sie längst, dass auch er sie gesucht hatte, dass er sie festhalten und nicht wieder aus den Augen verlieren wollte.
Viele Monate war das her. Und er hatte sie nicht aus den Augen verloren. Da sie in einer Stadt zu Hause waren, begegneten sie sich oft. Er wurde ihr immer vertrauter. Er kam, wenn sie ihn brauchte; er war da, wenn sie Krankheit oder Kummer plagten. Sie begann seine Nähe zu suchen, wagte nach seiner Hand zu greifen, zuckte nicht zurück, wenn er sie zum Abschied auf die Wange küsste. Ja, weiter war es nicht gegangen, denn er respektierte ihren Wunsch, nicht allzu große Nähe zuzulassen. Doch wenn er freundschaftlich seinen Arm um ihre Schulter legte, dann lehnte sie sich an ihn, ohne es zu wollen. Auch wenn sie sich sofort wieder zurückzog, er merkte es und sah sie mit so einem seltsamen Lächeln an, als wisse er, was in ihr vorging. Aber nie bedrängte er sie. So hatte sie Zeit, ihre, in ihrem Alter noch unverhoffte Zuneigung wachsen zu lassen. Am Ende war es für sie gar nicht mehr schwer gewesen, ja zu sagen, zu diesen gemeinsamen Tagen am Meer.
Und doch ließ sie die Frage nicht los, ob es richtig war. Aber sie konnte nicht mehr zurück. Sie saß hier im Sand der Dünen, an ihn gelehnt, von ihm umfangen und wusste, dort hinten im Ort wartete in einer Pension ein Doppelzimmer auf sie, für diese Nacht, für die nächsten Tage. Würde sie seine ständige Nähe überhaupt ertragen können? Letzte Zweifel ließen sie leicht erzittern.
"Frierst du?" Er umfasste sie fester und zog sie enger zu sich heran. Beruhigend strich er ihr über den Arm, als spürte er ihre innere Zerrissenheit.
Der erste gemeinsame Tag ging zu Ende. Vor ihnen breitete sich weit das Meer und am Horizont sank die Sonne tiefer und tiefer, sie schien einzutauchen in die Wasser des Meeres. Schweigend, dicht aneinander geschmiegt, sahen sie dem Schauspiel der Natur zu.
Erst war das Abendrot wie eine sanfte Berührung, als die Sonne am Horizont das Meer erreichte und sich ein zartes Leuchten ausbreitete. Doch dann glühte es auf, steigerte sich zu einem aufflammenden leuchtendem Orange, welches sich auf dem Höhepunkt bis zur Unendlichkeit auszudehnen schien und die Grenze zwischen Himmel und Meer verwischte. Sie schienen eins zu sein, waren kaum noch einzeln zu erkennen.
"Kann man dieses Schauspiel nicht mit dem Zusammengehen zweier Menschen vergleichen, die sich wirklich lieben, nicht nur begehren? Sie streben einander zu, wollen eins werden, bis es nur noch ein Miteinander für sie geben kann, sie gehören zusammen. Dann ist immer einer bei dem andern, selbst unsichtbar, wenn er nicht da sein kann. Sie sind nicht mehr allein, ein Leben lang, vielleicht sogar bis über den Tod hinaus." Leise, wie beschwörend sagte er diese Worte zu ihr.
Sie verstand, was er ihr damit sagen wollte. Ja, sie fühlte sich geliebt von ihm und es tat ihr gut. Sacht, wie zustimmend, ließ sie ihren Kopf auf seine Schulter sinken. Sicher würde sie es schaffen, auch noch die letzte Fremdheit zwischen ihnen zu überwinden, sie vertraute ihm doch.
Als wüsste er um ihre Gedanken, neigte er sich ihr zu; liebevoll berührten seine Lippen ihr Haar und Stirn. Dankbar empfand sie seine sanfte Art, die nicht drängte, einfach Zeit ließ.
Das glühende Leuchten des Abendrots erlosch allmählich. Die Sonne versank im Meer und zog ihre Strahlen mit hinab. Die Farben wurden sanfter, blasser bis sie ganz vergingen in Dunkelheit und Nacht.
Als die ersten Sterne am Himmel funkelten, eine kühle Brise über das Meer strich, sie sich nur noch spüren, kaum sehen konnten, fragte er: "Tut es dir Leid, heute mit mir hier zu sein?"
"Es ist gut so", antwortete sie, doch es klang noch unsicher.
Er hörte es heraus. "Schau, auch wenn wir schon viele Jahre hinter uns haben, fast das Leben vorbei zu sein scheint, warum sollen wir weiter unseren Weg allein gehen? Es bleibt doch noch Zeit – egal, wie lang sie sein wird - Zeit genug für uns beide, um sie gemeinsam zu verbringen." Er versuchte ihr die letzten Zweifel zu nehmen. "Komm! Es wird kühl hier." Er stand auf und zog sie zu sich hoch. "Lass dich einfach führen und vertraue mir. Unser Leben ist noch nicht vorbei."
"So Gott will!", fügte sie hinzu. Sie ließ sich an die Hand nehmen und ging mit ihm den Lichtern des Ortes entgegen. Vielleicht ging sie so für die letzte Zeit ihres Lebens in eine neue Zukunft, die sie nicht mehr für möglich gehalten hatte.
Und der Wind strich raunend über das sich neigende Dünengras, glättete ihre Spuren im Sand, während Welle um Welle weiter sacht auf den Strand schwappte, so, wie die Liebe zwischen ihnen in sachten Wellen über sie gekommen war. Die Jahre, da Liebe und Begehren wie eine gewaltig schäumende Woge über sie hereinbrechen konnte, waren lange vorüber.

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