Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Dezember 2001
Liebe im Sonnenuntergang
von Ingeborg Restat

Nur ein lauer Wind war zu sp├╝ren, er st├Ârte die Stille des Abends nicht. Sanfte Wellen des Meeres schwappten leise auf den Strand. Das war wie ein Fl├╝stern, ein Raunen in der beginnenden D├Ąmmerung. Noch stand die Sonne gro├č und gl├╝hend ├╝ber dem Horizont, aber bald w├╝rde sie versinken, als vergehe sie mit einem flammenden Abendrot in die Wasser des Meeres.
Hinter dem Strand erhoben sich sanfte D├╝nen. Zwischen dem rieselnden Sand an den H├Ąngen hielt hohes Gras hier und da die Erde fest. Darauf sa├čen wie auf einer Bank eng beieinander zwei Menschen, die eigentlich schon alles hinter sich hatten, fast das ganze Leben mit seinen H├Âhen und Tiefen. Linien vieler durchlebten Jahre hatten sanft oder pr├Ągend in ihre Gesichter gezeichnet.
Ellen war nerv├Âs. Letzte Zweifel bewegten sie. War es richtig, was sie tat? Zu lange hatte sie schon allein gelebt. Sie hatte sich doch geschworen, nie wieder ihr Leben mit einem Mann zu teilen, trotz der Einsamkeit, die sie mitunter empfand. Sie wollte sich niemandem mehr anpassen m├╝ssen, allein f├╝r sich entscheiden k├Ânnen. Und nun?
Sie hatte es Werner gleich gesagt, als aus einer fl├╝chtigen Bekanntschaft mit ihm w├Ąhrend eines Kuraufenthaltes eine Freundschaft wurde. Aber nun war sie doch hier mit ihm am Meer. Die n├Ąchsten Tage sollten dar├╝ber entscheiden, ob es f├╝r sie beide ein weiteres gemeinsames Leben geben konnte. Sie hatte sich lange dagegen gewehrt, sogar gegen ihre eigenen Gef├╝hle, die sie zu ihm hinzogen, doch mit seiner behutsamen Art ├╝berwand er schlie├člich den Widerstand in ihr.
Sie verstand es selbst nicht, was da mit ihr geschehen war, als sie ihn zum ersten Mal sah. Gro├č von Statur und sicher ausschreitend kam er ihr auf der Kurpromenade entgegen. Seine dichten schneewei├čen Haare trieb der Wind ihm in die Stirn. Mit ruhiger Bewegung schob er sie zur├╝ck. Sie sah dies unter all den Menschen, die hier entlangflanierten, als w├Ąre es etwas Besonderes. Sie konnte nicht wegsehen von ihm. Und dann trafen sich ihre Blicke. Er wandte sich ihr zu, als h├Ątten ihre Augen ihn angezogen. ├ťberrascht, ja, erstaunt schien er sie wahrzunehmen. Aus hellen Augen blickte er sie klar und eindringlich an, als wollte er sie festhalten. Sie zuckte zusammen und stolperte, w├Ąre wahrscheinlich hingefallen, wenn er sie nicht gehalten h├Ątte. "Hoppla! Ein Sturz in unserem Alter kann gef├Ąhrlich sein", sagte er und hielt sie fest am Arm. Sie sp├╝rte die W├Ąrme seiner Hand auf ihrer Haut; es lie├č sie erstarren. Verdammt! Was war denn los mit ihr? Blut schoss ihr ins Gesicht, und sie l├Âste sich so hastig von ihm, als h├Ątte sie sich verbrannt. ÔÇÜIch bin doch keine siebzehn mehr!', schalt sie sich selbst. Aber als er weiter an ihrer Seite blieb, da hatte sie nichts dagegen.
In den folgenden Tagen hielt sie nur noch Ausschau nach ihm. Begegneten sie sich, so tat sie jedes Mal ├╝berrascht. Heute wusste sie l├Ąngst, dass auch er sie gesucht hatte, dass er sie festhalten und nicht wieder aus den Augen verlieren wollte.
Viele Monate war das her. Und er hatte sie nicht aus den Augen verloren. Da sie in einer Stadt zu Hause waren, begegneten sie sich oft. Er wurde ihr immer vertrauter. Er kam, wenn sie ihn brauchte; er war da, wenn sie Krankheit oder Kummer plagten. Sie begann seine N├Ąhe zu suchen, wagte nach seiner Hand zu greifen, zuckte nicht zur├╝ck, wenn er sie zum Abschied auf die Wange k├╝sste. Ja, weiter war es nicht gegangen, denn er respektierte ihren Wunsch, nicht allzu gro├če N├Ąhe zuzulassen. Doch wenn er freundschaftlich seinen Arm um ihre Schulter legte, dann lehnte sie sich an ihn, ohne es zu wollen. Auch wenn sie sich sofort wieder zur├╝ckzog, er merkte es und sah sie mit so einem seltsamen L├Ącheln an, als wisse er, was in ihr vorging. Aber nie bedr├Ąngte er sie. So hatte sie Zeit, ihre, in ihrem Alter noch unverhoffte Zuneigung wachsen zu lassen. Am Ende war es f├╝r sie gar nicht mehr schwer gewesen, ja zu sagen, zu diesen gemeinsamen Tagen am Meer.
Und doch lie├č sie die Frage nicht los, ob es richtig war. Aber sie konnte nicht mehr zur├╝ck. Sie sa├č hier im Sand der D├╝nen, an ihn gelehnt, von ihm umfangen und wusste, dort hinten im Ort wartete in einer Pension ein Doppelzimmer auf sie, f├╝r diese Nacht, f├╝r die n├Ąchsten Tage. W├╝rde sie seine st├Ąndige N├Ąhe ├╝berhaupt ertragen k├Ânnen? Letzte Zweifel lie├čen sie leicht erzittern.
"Frierst du?" Er umfasste sie fester und zog sie enger zu sich heran. Beruhigend strich er ihr ├╝ber den Arm, als sp├╝rte er ihre innere Zerrissenheit.
Der erste gemeinsame Tag ging zu Ende. Vor ihnen breitete sich weit das Meer und am Horizont sank die Sonne tiefer und tiefer, sie schien einzutauchen in die Wasser des Meeres. Schweigend, dicht aneinander geschmiegt, sahen sie dem Schauspiel der Natur zu.
Erst war das Abendrot wie eine sanfte Ber├╝hrung, als die Sonne am Horizont das Meer erreichte und sich ein zartes Leuchten ausbreitete. Doch dann gl├╝hte es auf, steigerte sich zu einem aufflammenden leuchtendem Orange, welches sich auf dem H├Âhepunkt bis zur Unendlichkeit auszudehnen schien und die Grenze zwischen Himmel und Meer verwischte. Sie schienen eins zu sein, waren kaum noch einzeln zu erkennen.
"Kann man dieses Schauspiel nicht mit dem Zusammengehen zweier Menschen vergleichen, die sich wirklich lieben, nicht nur begehren? Sie streben einander zu, wollen eins werden, bis es nur noch ein Miteinander f├╝r sie geben kann, sie geh├Âren zusammen. Dann ist immer einer bei dem andern, selbst unsichtbar, wenn er nicht da sein kann. Sie sind nicht mehr allein, ein Leben lang, vielleicht sogar bis ├╝ber den Tod hinaus." Leise, wie beschw├Ârend sagte er diese Worte zu ihr.
Sie verstand, was er ihr damit sagen wollte. Ja, sie f├╝hlte sich geliebt von ihm und es tat ihr gut. Sacht, wie zustimmend, lie├č sie ihren Kopf auf seine Schulter sinken. Sicher w├╝rde sie es schaffen, auch noch die letzte Fremdheit zwischen ihnen zu ├╝berwinden, sie vertraute ihm doch.
Als w├╝sste er um ihre Gedanken, neigte er sich ihr zu; liebevoll ber├╝hrten seine Lippen ihr Haar und Stirn. Dankbar empfand sie seine sanfte Art, die nicht dr├Ąngte, einfach Zeit lie├č.
Das gl├╝hende Leuchten des Abendrots erlosch allm├Ąhlich. Die Sonne versank im Meer und zog ihre Strahlen mit hinab. Die Farben wurden sanfter, blasser bis sie ganz vergingen in Dunkelheit und Nacht.
Als die ersten Sterne am Himmel funkelten, eine k├╝hle Brise ├╝ber das Meer strich, sie sich nur noch sp├╝ren, kaum sehen konnten, fragte er: "Tut es dir Leid, heute mit mir hier zu sein?"
"Es ist gut so", antwortete sie, doch es klang noch unsicher.
Er h├Ârte es heraus. "Schau, auch wenn wir schon viele Jahre hinter uns haben, fast das Leben vorbei zu sein scheint, warum sollen wir weiter unseren Weg allein gehen? Es bleibt doch noch Zeit ÔÇô egal, wie lang sie sein wird - Zeit genug f├╝r uns beide, um sie gemeinsam zu verbringen." Er versuchte ihr die letzten Zweifel zu nehmen. "Komm! Es wird k├╝hl hier." Er stand auf und zog sie zu sich hoch. "Lass dich einfach f├╝hren und vertraue mir. Unser Leben ist noch nicht vorbei."
"So Gott will!", f├╝gte sie hinzu. Sie lie├č sich an die Hand nehmen und ging mit ihm den Lichtern des Ortes entgegen. Vielleicht ging sie so f├╝r die letzte Zeit ihres Lebens in eine neue Zukunft, die sie nicht mehr f├╝r m├Âglich gehalten hatte.
Und der Wind strich raunend ├╝ber das sich neigende D├╝nengras, gl├Ąttete ihre Spuren im Sand, w├Ąhrend Welle um Welle weiter sacht auf den Strand schwappte, so, wie die Liebe zwischen ihnen in sachten Wellen ├╝ber sie gekommen war. Die Jahre, da Liebe und Begehren wie eine gewaltig sch├Ąumende Woge ├╝ber sie hereinbrechen konnte, waren lange vor├╝ber.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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