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Dezember 2001
Wie ein Kristall
von Judith Gr├Âger

"Niemals werde ich ihn ansprechen", dachte sie und schlang die Arme um ihre Beine. Sie schaukelte auf ihrem Kissen ein wenig hin und her, blickte immer wieder zu ihm hin├╝ber. Er sa├č mit einer Frau an der gegen├╝berliegenden Wand auf dem Teppich und unterhielt sich angeregt mit ihr. Das Licht der Morgensonne spielte in seinen dunklen Locken und lie├č ab und zu seinen goldenen Ohrring aufblitzen, wenn er lachend seinen Kopf zur├╝ckwarf. Manchmal hob sich seine Hand und strich das Haar aus seiner Stirn, das immer wieder nach vorn fiel. Dann legte er sie in seinen Scho├č und spielte versonnen mit dem Zipfel seines Hemdes. Sie stellte sich vor, wie es w├Ąre, wenn seine Finger ├╝ber die ihren streicheln w├╝rden. Eine warme Ber├╝hrung, wie ein leichter Sommerwind. Er w├╝rde die Innenfl├Ąche ihrer Hand liebkosen, in winzigen, fast kitzeligen Kreisen zu ihrem Gelenk wandern, es sanft umschlie├čen und an seine Lippen heben. Ein Prickeln perlte ihren Arm hinauf bis in ihren Nacken, so als h├Ątte er sie wirklich gek├╝├čt.

Wieder lachte er laut auf, und seine dunkle Stimme klang zu ihr her├╝ber. Ihre Blicke trafen sich. Sein Lachen, geboren aus einem Augenblick, der nichts mit ihr zu tun hatte, flog zu ihr, bezog sie f├╝r einen Moment mit ein. Er zwinkerte ihr zu, l├Ąchelte verschmitzt. Es war wie ein Gru├č aus einer anderen Welt, nach der sie sich schmerzhaft sehnte. Sie senkte ihre Lider. "Nie werde ich ihn ansprechen." Als sie aufsah, hatte er sich bereits wieder der Frau zugewandt, war eingeh├╝llt in den Kokon des Gespr├Ąchs, der ihn von der Au├čenwelt abschirmte.

Sie wackelte mit ihrem nackten Zeh, sp├╝rte den Zug der Sehne in ihrem Spann. Es w├Ąre so leicht, einfach zu ihm zu gehen. Sie mu├čte nur ihre F├╝├če aufstellen, ein wenig nach vorne schaukeln und mit einem Schwung aufstehen. Es bedurfte nur einer winzigen Erregung ihrer Nerven, eines einzigen Befehls, die richtigen Muskeln in Aktion zu versetzen. Sie sp├╝rte die Spannung in ihrem K├Ârper. Ein Ansto├č, und er w├╝rde die Bewegung ausf├╝hren. Ein Zittern durchlief sie. Sie k├Ânnte sich zu ihm setzen, in die kleine Welt der Unterhaltung eindringen. Sie w├╝rde den Kokon ein wenig vergr├Â├čern, mit ihrem L├Ącheln und ihrer Stimme die Grenzen so weit nach au├čen dr├╝cken, da├č sie zu dritt Platz darin fanden. Sie w├Ąre ganz dicht bei ihm, w├╝rde all ihren Mut zusammennehmen und ihm lange in die Augen schauen.

Vertr├Ąumt lie├č sie ihren Blick ├╝ber seine Z├╝ge streifen, nahm ihn einfach nur wahr, seine Haltung, seine Gesten, den Ausdruck auf seinem Gesicht. Gleichzeitig richtete sie ihre Aufmerksamkeit nach innen. Die W├Ąrme der Sonne auf ihrem R├╝cken schien sich in ihr Herz hinein fortzusetzen und es ganz weit zu machen. Sie f├╝hlte sich wie ein Kristall, der die goldenen Lichtstrahlen einfing und sie in den pastellenen Farben des Regenbogens in den Raum warf. Ganz zerbrechlich war sie. Wenn sie sich jetzt bewegte, w├╝rde sie in tausend St├╝cke zerspringen, in eine Font├Ąne von Wassertropfen, die leise klingend niederrieseln w├╝rden.

Die Seminarleiterin trat ein: "In f├╝nf Minuten machen wir weiter!" Ihre Worte l├Âsten Unruhe aus. Viele standen auf, um noch schnell auf die Toilette zu gehen. Auch die Frau, die sich mit ihm unterhalten hatte, raffte Decke und Kissen beiseite und reckte sich. Ihre Bewegung brach den Kokon auf. Sie verlie├č den Raum und lie├č ihn, der Au├čenwelt nun frei ausgesetzt, zur├╝ck. Er lehnte sich an die Wand, schlo├č die Augen, gab sein Gesicht der Sonne preis. Er schien sich nach innen zu wenden, und unsichtbar wickelte er sich wieder in seine eigene Welt ein, allein mit sich. "Nein, bitte nicht abschlie├čen. Sieh doch hier r├╝ber", dachte sie, w├Ąhrend sie ihn anstarrte.

Und tats├Ąchlich ├Âffnete er seine Lider, beugte sich etwas in den Schatten hinein und blickte ihr direkt in die Augen. Sie wagte nicht zu atmen, schaute einfach nur zur├╝ck. Mit einem Schwung stie├č er sich von der Wand ab und kam auf sie zu. "Jetzt mu├č ich etwas machen, ich mu├č handeln!" Aber sie bewegte sich nicht. Er kniete sich vor ihr hin, schenkte ihr ein wundervolles L├Ącheln. Sie roch sein Parf├╝m, als er seine H├Ąnde hob. Sacht legte er sie um ihre Wangen, beugte sich vor und k├╝├čte sie zart auf die Stirn. Dann stand er auf und war zur T├╝r hinaus. Noch immer sp├╝rte sie die Ber├╝hrung seiner Lippen auf ihrer Haut, und voll Sehnsucht hing ihr Blick am leeren T├╝rrahmen.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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