Honigfalter
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Dezember 2001
Die Kette
von Annemarie Nikolaus

"Wenn ich dich nur immer so in meinen Armen halten könnte!" Robert vergrub sein Gesicht in Sonjas langen Haaren. "Ich würde alles dafür geben!", flüsterte er in ihrem Nacken..
Sonja lächelte sein Spiegelbild an. "Sie ist wunderschön", sagte sie und strich mit den Fingern über die Perlenkette, die Robert ihr gerade um den Hals gelegt hatte.
Dann löste sie sich sanft von ihm: "Sei doch kein Dummkopf! Wenn du dich scheiden ließest, wärest du auch die Fabrik los. – Es macht mir wirklich nichts aus, nur deine Geliebte zu sein." Sie gab ihm einen Kuss und fuhr fort: "Und nun hab ich mit deiner Hilfe endlich die tolle Stelle als Asien-Repräsentantin bekommen! Jetzt können wir ganze Tage miteinander verbringen." -Sie grinste. "Deine Frau wird nie dahinter kommen, warum du plötzlich dauernd nach Singapur musst."
"Das glaubst du! Sie kontrolliert mich doch ständig. Elena denkt seit langem, dass ich sie nur wegen ihres Geldes geheiratet habe!"
"Da hat sie wohl nicht ganz unrecht!"
"Das ist nicht wahr!", widersprach Robert. "Ich habe sie schon immer gern gehabt. Schon im Kindergarten. Für mich hat sie sich sogar mit ihren großen Brüdern gehauen. Sie hat mich immer vor allem beschützt. Wie sollte ich sie da nicht gern haben?" - Er zog Sonja erneut an sich und lächelte: "Aber dich liebe ich richtig. Für dich würde ich alles hergeben."
Sonja feixte. "Du wiederholst dich, Liebling. Komm, lass uns ein Glas auf meinen Geburtstag trinken und dann werf' ich dich raus. Du musst mit deiner Frau ins Konzert."

Nachdem Robert gegangen war, griff Sonja aufatmend zum Telefon. "Ich bin's", sagte sie. – Ihre Finger spielten mit der Perlenkette, während sie zuhörte. – "Nein", sagte sie dann, "er war wie so oft in Eile. Aber er sprach wieder davon, dass er immer mit mir zusammensein möchte."
Sie runzelte die Stirn während der Erwiderung am anderen Ende der Leitung. "Nein", beendete sie das Gespräch, "ich glaube auch nicht, dass er sich tatsächlich scheiden lässt."


Elena wartete vor dem Eingang des Schauspielhauses. Sie hatte den Schalkragen ihres lila Kunstpelzes hochgeschlagen und wärmte sich die Hände unter den Achseln. "Wo warst du so lange?", fauchte sie, als Robert auf sie zueilte. "Ich hab' schon dreimal im Büro angerufen!"
"Entschuldige; kaum fallen drei Krümel Schnee, können diese Deppen nicht mehr Auto fahren. Ich vergess' das jedes Mal."
"Nicht nur das! Anscheinend hast du auch vergessen, die Perlenkette abzuholen, die du bestellt hattest."
"Was?" Robert starrte sie mit großen Augen an.
"Ich war gestern beim Juwelier, und da fragte er mich, was denn nun damit sei. Er warte schon seit einer Woche, dass du sie abholst."
Robert fluchte lauthals: "Dieser Blödmann; jetzt hat er alles verpatzt!"
Elena biss sich auf die Lippen. "Was soll das heißen? Du weißt genau, dass ich Perlen verabscheue. Wolltest du mir auf diese überaus zartfühlende Weise beibringen, dass ich mittlerweile eine alte Schachtel bin?"
"Aber Elena", empörte sich Robert. "Dann eben nicht. Aber musst du ständig streiten?"
"Nun, wenn du schon mein Geld ausgibst, dann bitte sinnvoll!"


Sonja saß mit geschlossenen Augen auf der Parkbank und hielt ihr Gesicht in die Frühlingssonne. Schritte knirschten auf dem Kies hinter ihr. Sie wandte sich um, lächelte: "Wie schön, dass du dich doch noch loseisen konntest. Ich hatte das Warten schon fast aufgegeben. In einer Stunde geht mein Flugzeug."
"Du bist doch bloß einen Tag im Lande! Da muss ich doch Zeit für dich haben. So lange habe ich darauf gewartet, dich wiederzusehen. Deine Idee mit dem Job in Singapur hat uns überhaupt nichts genutzt – ganz im Gegenteil!"
"Ach Robert, nun maul doch nicht! Freu dich lieber, dass ich jetzt hier bin. Und freu dich mit mir, dass ich in Singapur so viel Erfolg habe. Keiner kann sich über deine Empfehlung beschweren."
"Natürlich freu ich mich für deine Karriere." Robert setzte sich neben sie und zog sie an sich. "Du bist großartig, mein Schatz. Ich wußte immer, dass du tüchtig bis. Du brauchtest nur ein Sprungbrett; jetzt hast du es allen bewiesen. Aber habe ich nicht trotzdem eine Belohnung verdient?"
"Für das Sprungbrett, das du mir verschaffst hast?" Sie zwinkerte ihn an. "Ich hab dich lieb, reicht dir das nicht? Und ich denke an dich, auch wenn ich weit weg bin. Deine Perlen erinnern mich jeden Tag an dich."
Robert brummte: "Nein, das reicht mir nicht. Das reicht mir ganz und gar nicht. Geh nicht nach Singapur zurück. Ich will dich ganz für mich haben! Ich werde einen Weg finden."
Sonja runzelte die Stirn und schaute ihn mit großen Augen an. Sie setzte zu einer Antwort an; da schloss Robert ihr den Mund mit einem langen Kuss.


Sonja saß an ihrem Schreibtisch und blickte in die Dämmerung, in der der Wind das Herbstlaub verwirbelte. Nach und nach erhellte sich die Straße in der Lichterflut der Leuchtreklamen. Als eines der Telefone klingelte, ging ein Strahlen über ihr Gesicht.
"Ich bin gleich fertig", antwortete sie. "Wir sehen uns in einer halben Stunde bei Wan-Do. Ich freu' mich." -
Sie zog gerade ihren Mantel an; da klackte die Bürotür hinter ihr. Robert stand im Türrahmen und strahlte sie an: "Na, mein Engel? Ist mir die Überraschung gelungen?"
Sonja holte tief Luft: "Allerdings! – Was machst du denn auf einmal in Singapur?"
"Elena hatte gestern einen Unfall – sie ist tot!"
"Wa-was", brachte sie heraus.
Robert nahm ihre Hände und küsste sie sanft. "Elena ist tot", wiederholte er. "Damit sind alle Probleme aus der Welt."
"Was willst du damit sagen?", fragte sie stirnrunzelnd.
"Jetzt steht nichts und niemand mehr zwischen uns." Er hob sie hoch und wirbelte sie überschwänglich herum: "Ich bring' dich nach Hause. Wir fliegen gleich heute Abend zurück."
"Heh, lass mich runter," protestierte Sonja.
Als sie wieder auf ihren Füßen stand, sah sie ihn ernst an: "Ich kann doch nicht von einer Minute zur anderen alles stehen und liegen lassen. Das kann ich einfach nicht machen!"
"Wie fleißig du doch bist", antwortete er mit spöttischem Unterton. "Mach dir keine Gedanken; das regle ich schon."
"Nein! Ich habe gleich einen Termin. Den kann ich jetzt nicht mehr absagen."
Er starrte sie an.
Sonja wandte sich an ihm vorbei dem Korridor zu. "Stornier den Flug. Wir reden dann morgen früh über alles."
Robert ergriff ihren Arm: "Sonja, bitte. Warte!"
"Ich hab' jetzt wirklich keine Zeit!" Sie riss sich los und trat ins Treppenhaus.
"So warte doch!" Robert eilte ihr nach. "Dann kommst du halt zu spät. Davon geht die Welt nicht unter. Du kannst mich doch nicht einfach so stehen lassen."
Er hielt sie erneut fest. Sonja stieß ihn heftig zurück.
Robert stolperte. Halt suchend griff er nach ihr, erwischte die Perlenkette an ihrem Hals. Sie zerriss mit einem leisen Geräusch.
Robert verlor endgültig das Gleichgewicht und stürzte mit einem Aufschrei die Treppe hinab.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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