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Dezember 2001
Disco-Fox
von Angelika Brox

Wummernde Musik ließ Anjas Körper vibrieren. Bunte Lichter flackerten durch das Halbdunkel. Die Tanzfläche war so überfüllt, dass die Tanzwilligen sich kaum bewegen konnten. Der DJ rief ins Mikrofon: "Und jetzt heben wir alle die Arme!" Folgsam hopsten alle mit hochgereckten Armen im Takt und sangen: "Country roooad, take me hooome ...".
‚Mit welch schlichten Mitteln man so eine Meute glücklich machen kann', dachte Anja. ‚Lange nicht mehr so viel ausgelassenes Fett gesehen. Was sind wir doch alle gut gelaunt!'

Sie schaute sich nach ihrem Begleiter um. Jens lächelte ihr zu, nahm sie bei der Hand und führte sie zu zwei freien Hockern an der Bar. Es tat Anja wohl, ihre Hand in der seinen zu spüren. Sie mochte ihn, er sah gut aus, und im Gegensatz zu ihrem Mann war er bereit gewesen, mit ihr den Tanzkurs zu besuchen. Dietmar hatte ja nie Zeit für sie, musste ständig Überstunden machen. Schnell verdrängte sie ihren Frust wegen Dietmar wieder. Schließlich wollten Jens und sie heute den neu gelernten Disco-Fox ausprobieren und einen angenehmen Abend verbringen.

Während Jens zwei Bier bestellte, setzte Anja sich auf einen Hocker und schaute sich um. Zwei Frauen stolzierten an der Bar vorbei. Die eine trug ein kurzes schwarzes Glitzerkleid mit großzügigem Ausschnitt. Die andere hatte sich in einen engen ärmellosen Overall gezwängt, dessen Oberteil wie ein im Nacken verknoteter Badeanzug geschnitten war. Darunter trug sie nichts. Von der Seite hatte Anja mehr Einblick auf die hängenden Brüste als ihr lieb war.
‚Au weia', dachte sie, ‚die Mädels haben's aber nötig!'
An dem niedrigen Holzgeländer, das die Tanzfläche umgab, lehnten einzelne Männer und begutachteten die Auswahl an Frischfleisch. Einer von ihnen wog mindestens zwei Zentner. Trotzdem schlabberte sein Anzug, als er mit dem Fuß im Takt der Musik wippte; vielleicht war er gerade auf Diät.
Sein Nachbar trug ein Goldkettchen um den Hals, ein schwarzes Satinhemd und blond gesträhnte Haarspitzen.
Die anderen Typen gefielen Anja auch nicht besser. Da war Jens weitaus attraktiver. Wenn sie nicht verheiratet wäre, könnte sie direkt schwach werden. Aber das kam nicht in Frage, Dietmar und sie hatten einander versprochen, nicht fremdzugehen.

Der DJ hatte inzwischen einen Glücksgriff gelandet. Endlich spielte er Musik, zu der man Disco-Fox tanzen konnte. Nun war Anja diejenige, die Jens' Hand ergriff. Sie zog ihn auf die Tanzfläche. So gut es im Gedränge ging, probierten sie die neuen Figuren aus.

Plötzlich hielt Anja mitten in der Bewegung inne. Sie starrte auf ein Paar, das in der Nähe tanzte. Ihr Mann mit einer aufgebrezelten Blondine, die seine Tochter sein könnte! DAS waren also seine Überstunden! Sie konnte es nicht fassen.
"Was ist los?", rief Jens ihr ins Ohr.
"Da drüben tanzt Dietmar!"
Jens' Gesicht verschwamm vor ihren Augen. Er legte den Arm um ihre Schultern und führte sie zurück an die Bar.
"Setz' dich erst mal", sagte er und drückte ihr ein Bierglas in die Hand. "Vielleicht ist es ja nicht so, wie es aussieht."
Anjas Tränen liefen in Rinnsalen über ihre Wangen. Aber sie hätte nicht sagen können, ob sie aus Trauer oder aus Wut heulte.
Jens reichte ihr ein Taschentuch. Anja trocknete ihre Augen, putzte sich die Nase und schaute wieder auf den hopsenden Dietmar. Allerdings hopste der inzwischen nicht mehr, sondern hielt seine Blondine umklammert und trat nur noch von einem Fuß auf den anderen. Jetzt küsste er sie auch noch! ... Immer noch! ... Meine Güte, hörte der Kuss denn gar nicht mehr auf? So hatte er SIE ewig nicht mehr geküsst.

Über eines war sich Anja mittlerweile im Klaren: sie empfand keine Trauer, sondern Wut. Hochexplosive Wut!
Sie stopfte das Taschentuch in die Hosentasche, sprang vom Hocker und eilte zur Tanzfläche. Energisch bahnte sie sich mit den Armen eine Schneise durch die tanzenden Menschen. Schließlich stand sie vor ihrem Mann und seiner Schönen. Sie riss das Paar auseinander und knallte Dietmar eine schwungvolle Ohrfeige ins Gesicht. Kurz blitzte in ihrem Hirn der Gedanke auf, wie bedauerlich es doch war, dass man wegen der lauten Musik das Klatschen nicht hören konnte.
Dietmar starrte sie entgeistert an. Anscheinend hatte es ihm die Sprache verschlagen.
Umso besser – Anja hatte genug zu sagen.
"Du schwanzgesteuertes Arschloch!", brüllte sie, ihre gute Kinderstube ignorierend. "Du brauchst gar nicht mehr nach Hause zu kommen!"
Dann wandte sie sich seiner jungen Begleiterin zu.
"Macht es Ihnen Spaß, mit so einem alten Knacker zu bumsen?"
Die Blondine lächelte überheblich und sagte: "Klar, von einem älteren Mann kann man noch eine Menge lernen."
"Sie können ihn behalten. Ich will ihn nicht mehr. - Lieben Sie ihn?"
Beide, Dietmar und Anja, schauten die junge Frau gespannt an.
"Nein", sagte sie.
Das war deutlich.
Dietmars Gesicht nahm einen schockierten Ausdruck an.
"Kann er denn wenigstens bei Ihnen wohnen? Ich lasse ihn nämlich nicht mehr rein!"
"Nur so lange, bis er eine eigene Wohnung gefunden hat."
"Okay. Ich schicke ihm sein Viagra mit der Post!", schrie Anja.
Plötzlich merkte sie, dass sie gar nicht mehr zu schreien brauchte. Der DJ musste mitbekommen haben, was da abging. Er hatte keine neue Scheibe mehr aufgelegt, und es war totenstill im Raum. Verwirrt blickte Anja sich um. Die Discogäste hatten sie umringt und beobachteten fasziniert das Schauspiel.
"Klasse, Mädchen!", rief eine Frau.
Applaus brandete auf, Pfiffe ertönten; unter Beifallskundgebungen verließ Anja die Arena. Am Rand der Tanzfläche stand Jens und grinste. Er drückte sie an sich und sagte: "Mensch, Anja, Hut ab vor deinem Temperament! Das war megacool!"

Die Musik setzte wieder ein, und da Jens Anja sowieso schon in den Armen hielt, begannen die beiden, sich im Takt zu bewegen. Anja schmiegte sich an Jens und lehnte den Kopf an seine Schulter. Seine Körperwärme beruhigte sie. ‚Vergiss Dietmar', dachte sie. ‚Dietmar ist Geschichte. Wer ist überhaupt Dietmar?'

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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