Sexlibris
Sexlibris
Wo ist die Grenze zwischen Pornografie und Erotik? Die 30 scharfen Geschichten in diesem Buch wandeln auf dem schmalen Grat.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Michael Jordan IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Dezember 2001
Unbekanntes Land
von Michael Jordan

Mein Erwachen war unsanft.
Was sich später als eine Ladung Dreck entpuppte, war von der Decke gefallen und in meinem Gesicht gelandet.
Doch erst einmal reagierte ich reflexartig.
Ich rollte mich zur Seite und nahm eine Abwehrhaltung ein.
Mein Herz raste, doch ich brauchte mir nur den feuchten Sand aus dem Gesicht zu wischen.
Ich setzte mich und starrte in die Finsternis. In diesem gesamten Labyrinth aus Stein, Schlamm und der raren Vegetation, war das Licht rar. Das mich umgebende Gestein enthielt Kristalle, die das Licht reflektierten. Wo die Lichtquelle war, wusste ich nicht.
Ich erhob mich, stellte mich auf die Zehenspitzen und versuchte die Stelle an der Decke zu erspähen, von der sich der Dreck gelöst hatte. Vielleicht hatte sich dort durch die hohe Luftfeuchtigkeit Wasser gesammelt, vielleicht hatte ein Tier das Herabfallen ausgelöst. Da ich nichts entdecken konnte beschloss ich, diesen Ort sofort zu verlassen.
Er hatte mir als Versteck gute Dienste geleistet, doch bot er zu wenig Nahrung, um zu verweilen.
Ich begann meinen Marsch durch einen langen, gewundenen Gang.
Oftmals entpuppten sich einige der Ausläufer des Tunnelsystems als Sackgassen, deren Ende man erst nach Tagen erreichte.
Immer wieder traf ich auf meinen Wanderungen auf verweste Körper, deren Gestank so eindringlich war, dass ich mit einer Ohnmacht kämpfen musste.
Ich war an einem niedrigen Tunneleingang angelangt.
Nach kurzem Zögern ging ich in die Knie und kroch hinein. Alles hier war sehr feucht. Das Vorankommen wurde dadurch erschwert, aber das Wasser, was sich in Bodenvertiefungen sammelte, löschte meinen Durst.
Eine Ewigkeit schien vergangen zu sein, seit ich das letzte Mal in der Lage gewesen war mich aufzurichten. Nun konnte ich in der Ferne einen leichten Lichtschimmer erblicken, der mich hoffen ließ. Automatisch bewegte ich mich schneller darauf zu, Hände und Knie bereits wund und blutig vom beständigen Kriechen.
Endlich erreichte ich diese Lichtquelle, fand mich in einem hallenartigen Raum wieder. Im ersten Moment blendete mich die Helligkeit. Tausende von Kristallen in den W√§nden verteilten das Licht im Raum. Der Boden war √ľberwiegend weich und feucht, von einer d√ľnnen gr√ľnen Schicht √ľberzogen. In einer der dunkleren Ecken dieser Halle, lag regungslos ein kleiner zusammengekauerter Knabe, ohnm√§chtig, oder aber tief schlafend.
Es war meine Neugier, die sich ihm n√§hern und ber√ľhren lie√ü.
Er drehte seinen Kopf zu mir und schaute mich aus weit ge√∂ffneten Augen an. Seine Augen wirkten kalt auf mich, bis ich sah, dass sie begannen sich mit Tr√§nen zu f√ľllen. Ohne eine weitere Bewegung zu machen schloss er ganz langsam die Augen. Ich wei√ü nicht, ob er etwas von mir erwartete, jedenfalls √∂ffnete er sie nach einem langen Moment wieder und aus seinem Blick konnte ich nun Ratlosigkeit lesen. "Steh auf!", gebot ich ihm in barschem Ton.
Er ging mir gerade bis zu den H√ľften. Seine Haare waren tiefschwarz, der K√∂rper war schm√§chtig und ausgehungert. So stand er vor mir, den Blick dem√ľtig zu Boden gesenkt.
Ich musste daran denken, dass man hin und wieder auf andere traf, die sich ebenfalls ihren Weg durch das Labyrinth bahnten. Meist waren sie allein, selten zu zweit oder dritt. So gut es ging, versuchten wir Begegnungen zu vermeiden. Niemand wollte herausfinden, ob sein Gegen√ľber Kraft seiner St√§rke nach einem leichten Opfer suchte, oder nicht.
Ich gab ihm zu verstehen, dass er vor mir her gehen solle. Er setzte sich bereitwillig in Bewegung und schritt an der Wand entlang mit mir zusammen die H√∂hle ab. Es schien mir wie ein Paradies; √ľberall gab es klare Wasserpf√ľtzen, aus denen wir uns st√§rken konnten. Pl√∂tzlich blieb er stehen. Er drehte sich zu mir um und deutete mit seinem Zeigefinger an die Decke √ľber uns.
In der Erde √ľber uns bewegte sich etwas. Nahrung! Gleichzeitig wurde mir klar, wieso mein Begleiter inmitten dieses Paradieses fast dem Hungertod erlegen war ‚Äď die Decke war zu hoch f√ľr ihn!
Ich griff mit meiner Hand nach oben, bekam auch etwas Weiches zu fassen, doch meine Fingernägel, scharfkantig und hart durch das ständige Graben, schnitten sich in das warme, weiche Fleisch eines Wurmes und trennten einen Teil von ihm ab. Sofort schnellte meine andere Hand hinauf, bekam den Rest des Tieres zu greifen. Vorsichtig zog ich ihn aus der Erde; jedes hastige Ziehen hätte nur ein Abreißen seiner Körperteile zur Folge gehabt. Mit einigem Geschick gelang es mir schließlich ihn heraus zu ziehen. Ich säuberte ihn so gut wie möglich und steckte die bereits leblosen Teile in den Mund. Nicht nur, dass dieser Wurm besonders groß war, auch hatte er einen angenehmen Geschmack. Ich kaute sehr lange, bevor ich ihn hinunterschluckte.
Ich bemerkte ein Zupfen an meinem Bein. Meinen Begleiter hatte ich vergessen, doch nach weiterem Suchen konnte ich auch f√ľr ihn das ein und andere St√ľck Fleisch finden, welche er mir gierig aus den Fingern riss.
Nachdem wir uns ges√§ttigt f√ľhlten, suchten wir uns einen Platz um uns dort schlafen zu legen. Und mein Schlaf war ruhig, obwohl ich meinen Begleiter noch nicht einsch√§tzen konnte. Aber er schien mir zu schwach, als dass von ihm eine Gefahr h√§tte ausgehen k√∂nnen.

Wir verbrachten eine sehr lange Zeit an diesem Ort. Bald erschien mir die Anwesenheit des Knaben als Selbstverst√§ndlichkeit. Es gab nicht viel, was ich ihn lehren konnte, denn er wusste schon sehr viel, doch er nahm alles wissbegierig auf und brachte des √Ėfteren eigene Ideen dazu ein, die auch mich lernen lie√üen.
So sch√∂n der Reichtum des Wassers an diesem Ort auch war, die Feuchtigkeit des Bodens war dem Schlaf nicht f√∂rderlich. So hatten wir uns aus dem, was diese H√∂hle an kargen √Ąsten zur Verf√ľgung stellte, eine Unterlage gebaut, die uns hoffentlich besser schlafen lassen sollte.
So probierten wir zum ersten Mal unsere neue Schlafstatt und ich begann in meiner Behaglichkeit sofort zu träumen.
Inmitten des Traumes schreckte ich auf; eine Ber√ľhrung hatte meine Reflexe ausgel√∂st.
Es war der Knabe, der im Schlaf an mich herangerutscht war und meine W√§rme suchte. Regungslos sah ich ihm in sein entspanntes Gesicht. Ich musste l√§cheln, nahm meine Hand und strich ihm ein paar Mal √ľber seinen Kopf. Dann legte ich mich wieder nieder, zog den Knaben dicht an mich heran, auf dass wir uns gegenseitig w√§rmen konnten.
Seit langer Zeit musste ich wieder einmal fest geschlafen haben, denn als ich erwachte, lag der Knabe nicht mehr neben mir.
Ich richtete mich abrupt auf und hielt Ausschau nach ihm.
"Mein Gott!" entfuhr es mir, als ich ihn schließlich entdeckte. Er lag vor einem der Ausgänge unserer Höhle. Ein Mann hatte den Knaben hinter sich her gezogen und hob ihn nun auf die Beine. Kaum das er stand, holte der Mann mit seiner Hand aus und schlug ihm so ins Gesicht, dass der Kleine wieder zu Boden fiel.
Sofort sprang ich auf und lief zu ihm.
"Lass ihn in Ruhe!" rief ich.
Doch er versetzte dem Knaben mit seinem Fuß einen Tritt in die Seite und stellte sich dann in kämpferischer Haltung zwischen uns.
"Verschwinde!" herrschte er mich an.
Im gleichen Moment sprang ich ihn aus meinem Lauf heraus an und warf ihn zu Boden. Ich sp√ľrte im selben Augenblick einen stechenden Schmerz im Arm, den ich ignorierte. Ich holte mit meinem anderen Arm aus und schlug ihm mit der Faust in das Gesicht. Sein Kopf, der sich gerade wieder in einer Aufw√§rtsbewegung befand, wurde zur√ľck auf den Stein geschleudert. Indes hatte sich der Junge erhoben und war zu uns gelaufen. "Komm, - schnell!" sagte er zu mir und zog an meinem Arm. Da sah ich aus den Augenwinkeln heraus zwei weitere Gestalten aus dem Dunkel des H√∂hlenzugangs auf uns zukommen. Ich richtete mich unter Schmerzen auf, griff die Hand des Knaben und lief mit ihm zu einem anderen Ausgang los, ohne mich umzusehen. Wir erreichten ihn schnell und fanden uns bald in der Dunkelheit des Labyrinthes wieder. Wir liefen und liefen, bis wir nicht mehr konnten, lehnten uns an eine der W√§nde und verschnauften einen Moment. Dann gingen wir weiter, - nicht schnell, aber beharrlich. Wohl wissend, dass uns die drei √ľblen Gesellen noch immer auf den Fersen sein konnten.
Irgendwann jedoch waren wir mit unseren Kräften am Ende und ließen uns auf den Boden nieder. Die Schmerzen in meinem Arm waren nun so stark geworden, dass ich augenblicklich ohnmächtig davon wurde.
Ich wei√ü nicht, wie lange ich ohnm√§chtig gewesen war. Ich wurde wach, als ich etwas Kaltes auf meiner Stirn sp√ľrte. Ich schlug meine Augen auf und sah in die Augen des Knaben, der sich √ľber mich beugte und meine Stirn ben√§sste. Dann fiel mein Blick auf meinen Arm, der mir noch immer gro√üe Schmerzen bereitete. Er hatte l√§ngere √Ąste angelegt und sie am Arm befestigt.
"Du warst lange ohnm√§chtig!" sagte er zu mir. "Ich ging fort um Wasser und diese √Ąste zu sammeln, hatte schon Angst, dass ich mich verlaufen h√§tte. Doch nun wird alles gut!"
Ich zog ihn mit meinem intakten Arm zu mir heran und legte seinen Kopf auf meinen Brustkorb.

Es verging eine lange Zeit, bis die Schmerzen aus meinem Arm verschwunden waren. Die Bruchstelle war nicht sauber verwachsen, doch konnte ich den Arm weiter einigermaßen benutzen.
Der Junge hatte mich die ganze Zeit √ľber gepflegt. Hatte mir Nahrung und Wasser gesammelt und gebracht.
Und so schien die weitere Zeit mit ihm wie im Fluge zu vergehen. Der Junge wurde √§lter und schneller. Er hatte ein Gesp√ľr daf√ľr, wo sich Nahrung befinden musste, hastete mir mit eiligen Schritten voraus und gab mir sofort als ich bei ihm ankam vom gefundenen Essen. Doch so, wie die Zeit mit ihm wie im Fluge verging, so zehrte die Zeit auch an meinem K√∂rper. L√§ngst war alles Kraftvolle vergangener Tage nur noch eine immer st√§rker verblassende Erinnerung.
Ich wurde h√§ufiger anf√§llig f√ľr Krankheiten, die ich jedoch mit seiner Hilfe immer gut √ľberstand.

Es kam der Tag, an dem er mir wieder vorauseilte um W√ľrmer und anderes Getier zu suchen.
Als ich schweren Schrittes schließlich bei ihm ankam, sah ich ihn auf einem Stein stehen um die sehr hohe Decke erreichen zu können.
So stand ich hinter ihm, beobachtete sein emsiges Graben an der Decke, reichte ihm ab und an einen anderen Stein vom Boden, weil die verschiedenartigen Aussparungen des Gesteins manchmal eines anderen Werkzeugs bedurften um die Erde herauslösen zu können.
Meine Hand hielt jetzt drei verschieden große, spitze Steine.
Ich schaute wieder zu ihm herauf. Er war sehr nicht nur schnell und kräftig, sondern auch sehr geschickt geworden.
Die Muskeln seines R√ľckens gl√§nzten bereits vor Schwei√ü.
Bald w√ľrde der Zeitpunkt der Trennung von ihm kommen. Ich war zu langsam f√ľr ihn, auch wenn er dies nicht wahrhaben wollte. Sein Hunger wurde immer gr√∂√üer, doch er verzichtete allzu oft um mich an seinem Fang teilhaben zu lassen. Getrennte Wege zu gehen w√ľrden gr√∂√üere Mahlzeiten f√ľr ihn bedeuten. Doch dieser Entscheidung w√ľrde er sich freiwillig niemals beugen.
Ich war alt geworden. Ich dachte an die Zeit des Alleinseins zur√ľck, an das Aufschrecken in den N√§chten.
Meine H√§nde waren nun auch nass vor Schwei√ü, zwei der Steine rutschten mir aus der Hand. Ich blickte auf den Dritten, dann wieder auf seinen mir zugewandten R√ľcken. Ein unbekanntes Gef√ľhl von W√§rme durchzog meinen K√∂rper. Ich schloss die Augen f√ľr einen Moment und als ich sie wieder √∂ffnete, sah ich, dass er vor mir stand und mich anblickte. So standen wir uns gegen√ľber, bis sich pl√∂tzlich seine Augen ein weiteres Mal in unserem Beieinandersein mit Tr√§nen f√ľllten und er die Lider langsam schloss.
Seine Demutshaltung unserer ersten Begegnung...
"Verzeih' mir!" sprach ich zu ihm, während ich meine Hand mit einer schnellen Bewegung in die Richtung meines Körpers stieß.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
Dieser Text enthšlt 11697 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2022 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.