Mainhattan Moments
Mainhattan Moments
Susanne Ruitenberg und Julia Breiten├Âder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Jens Jaithe IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Dezember 2001
M├╝tterlein, lieb M├╝tterlein
von Jens Jaithe

Morgen kommt sie mich besuchen. Zum ersten Mal.

"Freuen Sie sich?", hat die Erzieherin gefragt. Seit ich 16 bin, siezen sie mich, das soll mein Selbstwertgef├╝hl st├Ąrken, hat der Psychologe mir erkl├Ąrt. Mir ist es egal.

Freue ich mich? Ich wei├č es nicht. Zu tief sitzt die Wut. Zu lange ist alles her, ich habe versucht, zu vergessen oder wenigstens zu verdr├Ąngen.
Ich liebe meine Mutter. Ich liebe sie ├╝ber alles, immer schon.
Wir waren eine Herz und eine Seele. Haben abends zusammen auf dem Sofa ferngekuckt, eng aneinandergekuschelt, sind gemeinsam in Urlaub gefahren, haben uns alles erz├Ąhlt.

Bis er kam. Von dem hatte sie mir nichts erz├Ąhlt. Sie hatte fast t├Ąglich mit ihm auf der Arbeit zu tun und nach diesem Betriebsfest vor Weihnachten, bei dem Kinder nicht erw├╝nscht waren, hat es wohl gefunkt zwischen den beiden.

Am zweiten Weihnachtstag stand er pl├Âtzlich vor unserer T├╝r. Ich ├Âffnete, ahnungslos, verwundert, wer uns da st├Âren wollte, denn wir haben wenig Bekannte und keine Verwandte, weil wir ganz auf uns konzentriert leben, und da stand er vor mir. Mit einem Riesenstrau├č in der Hand.

"Ist Deine Mutter da?" fragte er. "Ich bin der Peter".
"Ja, klar - ├Ąh, wieso?"
Ich stand und starrte auf den Blumenstrau├č.
"Willst du mich nicht reinlassen?"
Da fing ich an, ihn zu hassen.
Aber da kam schon Mutti von hinten.

"Hallo Peter, sch├Ân, da├č du so p├╝nktlich bist, darf ich dir meinen Sohn vorstellen - Heiner, das ist Peter, ein lieber Kollege".
Ich brummelte irgendwas und verzog mich in mein Zimmer.
Nebenan redeten und lachten sie, und ich f├╝hlte, wie ich vor Wut, Entt├Ąuschung und Schmerz zitterte.

Das wiederholte sich bei jedem Mal, wenn er kam, und er kam oft. Sie lie├čen mich auch nicht in meinem Zimmer in Ruhe, sondern kamen ohne Anklopfen herein, "Peter" betrachtete meine Poster und machte dumme Kommentare ├╝ber die Elben und Krieger darauf, Mutti lachte dann albern und fummelte an seinem Jacket herum.
Mein Ha├č stieg.

Ich wollte meine Mutter nicht teilen. Sie war mein Ein und Alles, niemand sonst kam ihr gleich, h├Âchstens Manea, die Amazonin in einem meiner B├╝cher...

Bei der Verhandlung haben sie dann gesagt, ich sei reife-redardiert oder sowas und habe eine zu starke Mutterbindung mit 14. Das Alter war aber mein Gl├╝ck, sie konnten das Strafrecht noch nicht anwenden und haben mich nur in dieses Heim gesteckt. "Nur" ist gut, geschlossen ist es, und ich habe jeden Tag Therapie.
Ich m├╝sse einsehen, da├č man seine Probleme nicht mit Gewalt l├Âsen k├Ânne, bei aller Liebe.

Das Zauberschwert haben sie mir nat├╝rlich weggenommen, "eingezogen als Tatwaffe", wie der Richter sagte. Dabei wollte ich Mutti doch nur sch├╝tzen vor ihm, der sie so brutal behandelte. Sie st├Âhnte so schrecklich, als er auf ihr lag. Ich hatte es durch die W├Ąnde geh├Ârt und war hin├╝bergerast. Nach meinem Schlag war er von ihr heruntergekugelt, und sie begann zu schreien. Das war noch viel schlimmer als das Gest├Âhne. Ich selber staunte nur, wieviel Kraft ich aufgebracht hatte. Und da├č dieses Schwert aus dem Fantasyshop so tief eingedrungen war.

Sie hat kaum noch mit mir gesprochen, nachdem die Polizei gekommen war, und hat mich in diesen zwei Jahren nie besucht. Ich leide wie Hund, aber das gestehe ich diesem Therapeuten nicht.

Morgen kommt sie ja auch endlich, morgen ist wieder Weihnachten.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
Dieser Text enthńlt 3316 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2022 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.