Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Januar 2002
Zwischen den Jahren
von Katja Obring

Zwischen den Jahren

Die Flasche kam kreiselnd zum Stillstand. Ihr Hals zeigte auf Samuel. Er kicherte nervös und schluckte, sein Kehlkopf sprang auf und nieder.
„Na, denn ma los.“ Er sah seine Frau Hannah an. Diese lächelte.
„Wahrheit oder Pflicht?“
Silvie und Paul sahen sich an. Paul fasste nach Silvies Hand, aber sie entzog sie ihm und griff statt dessen nach ihrem Glas. Sie schwenkte es erwartungsvoll vor seiner Nase. Er nahm die Champagnerflasche und schenkte nach. Perlend schäumte die Flüssigkeit im Glas auf und lief über den Rand. Schnell versuchte Silvie den Überschuss abzutrinken, und Glitzerströme rannen über ihr Kinn. Paul sah begehrlich auf ihr nasse Kehle, aber sie wischte beiläufig mit dem Ärmel die Bescherung weg und konzentrierte sich auf Sam.
„Ja, Sam, was nun, Wahrheit oder Pflicht?“
Sam kratzte sich am Kopf. Er sah in die Runde und fixierte den Blick auf seine Frau Hannah. Er zog eine Augenbraue hoch, dann sagte er: „Wahrheit.“
Die anderen drei johlten und jubelten. Hannah trank einen Schluck Champagner, schluckte noch mehrmals und stellte die erste Frage: „Bist du schon mal fremd gegangen?“
Sam spielte mit einer Zigarette. Schließlich steckte er sie zwischen die Lippen und zündete sie an. Er inhalierte tief. Dann grinste er. Beim Sprechen drang Rauch aus seinen Nüstern.
„Ja, klar.“
Die Anderen hielten den Atem an. Hannahs Augen wurden weit.
„Und?!“
„Was und?“
„Wann, wo, mit wem?“
Sam deutete grinsend auf die Flasche.
„Ich glaube, Silvie ist dran.“
Silvie griff nach der Flasche und gab ihr Schwung. Die Flasche drehte sich und stoppte schließlich in uneindeutiger Position. Sam sprang auf.
„Nicht bewegen!“
Er rannte aus dem Zimmer, kam mit einer der Raketen wieder, ein Feuerwerkskörper, befestigt an einem dünnen Holzstab. Er steckte den Stab vorsichtig in den Flaschenhals. Die rote Plastikspitze der Rakete berührte Hannahs Knie.
„Alles klar, oder?“
Alle nickten, klar. Silvie deutete auf Hannah.
„Wahrheit oder Pflicht?“
Hannah betrachtete ihre Fingernägel. Dann blickte sie ihrem Mann in die Augen. Sie lächelte.
„Pflicht.“
Auf Silvies Gesicht zeigte sich deutlich Enttäuschung. Sie zwirbelte eine Locke ihres langen Haares um den Zeigefinger. Dann hellte sich ihre Miene auf.
„Frag Sam, wann er fremd gegangen ist.“
Hannah, die eben einen Schluck aus ihrem Glas genommen hatte, prustete den Champagner über ihre gekreuzten Beine.
„Bitte?!“
„Frag Sam, wann er fremd gegangen ist.“ Silvie lächelte ein diabolisches Lächeln. Hannah zuckte die Achseln.
„Sam, wann bist du fremd gegangen?“
Sam schaute auf Silvie.
„Dir ist klar, dass ich unter keinerlei Verpflichtung stehe, die Wahrheit zu sagen, oder?“ Er drückte die Zigarette im Aschenbecher aus. „Im Jahre 1985. Wie der Zufall es will am Silvesterabend. Zufrieden?“
Silvie kicherte.
„Noch nicht ganz. Nun müssen wir noch rausfinden mit wem. Und wen du betrogen hast. Ihr beide wart da noch nicht zusammen, oder?“
Sam und Hannah sahen sich an. Beide lächelten. Dann zuckten sie die Achseln. Es war Hannah, die schließlich sprach.
„Weiss nicht. Ich konnte mir Daten noch nie so merken.“
Nun war Paul an der Reihe, die Flasche zu drehen. Seine Hand zitterte ein wenig, so dass der erste Versuch misslang, die Flasche wollte nicht kreiseln. Im zweiten Versuch dann richtete der Flaschenhals sich zitternd auf Hannah aus. Die schlug sich in gespielter Verzweiflung vor die Stirn.
„Ach, nee, nicht schon wieder!“
Silvie kicherte und schenkte allen Champagner nach.
Paul räusperte sich.
„Wahrheit oder Pflicht?“
„Was denkst du? Pflicht.“
Sam stand ein wenig schwankend auf. Er schaute aus dem Fenster, dann auf seine Armbanduhr.
„Es ist bald zwölf.“ Damit verschwand er Richtung Badezimmer. Silvie blickte ihm hinterher.
„Hey, du kannst doch jetzt nicht so einfach ...“
„Soll ich in die Blumen pinkeln, oder was? Ihr könnt ja warten.“
Hannah griff sich ein Kissen vom Sofa und schob es sich unter das Gesäß. Sie streckte die Beine aus und seufzte.
„Mann, jünger bin ich auch nicht geworden.“
Silvie richtete sich auf und stützte sich mit beiden Händen hinterrücks ab. Sie streckte den Busen vor. Paul spielte mit einem Champagnerkorken. Endlich kam Sam zurück. Er blickte in die Runde.
„Ihr müsst die Unterhaltung nicht abbrechen, nur weil ich wieder da bin.“ Statt sich zu setzen, trat er wieder ans Fenster.
Paul räusperte sich.
„Also, Hannah, Pflicht. Zeig uns den Inhalt deiner Handtasche.“
„Was?“, spuckten Hannah und Silvie wie aus einem Munde.
„Nun komm schon, ich hätte dich auch zwingen können, dich nackt ausgezogen auf den Balkon zu stellen.“
„Kein großer Unterschied, mein Freund, kein großer Unterschied.“
Sie angelte die Tasche vom Sofa, öffnete sie und kippte ihren Inhalt in die Mitte des Kreises. Sogar Sam kehrte zurück und setzte sich wieder. Silvie begann, die einzelnen Teile aufzuheben und in die Tasche zurück zu werfen. Ein Paket Tempos. Der Schlüssel: Wohnung und Auto. Noch ein Schlüssel. Fragende Blicke.
„Mein Praxisschlüssel.“
Eine Packung Tabletten.
„Die sind gegen Nervosität.“ Hannah rutschte unbehaglich auf ihrem Kissen hin und her.
Ein Taschenkalender. Silvie hob ihn auf und machte Anstalten ihn aufzuschlagen. Hannah schnappte ihn und stopfte ihn in die Handtasche.
„Das fällt unter die ärztliche Schweigpflicht. Meine Patienten haben ein Recht auf Privatsphäre – im Gegensatz zu mir, offensichtlich. Sag mal, habt ihr Cognac im Haus?“ Der Rest gab nicht mehr viel Unterhaltung her: ein paar Kaugummis, Bonboneinwickelpapiere, Parkscheine, der übliche Müll eben. Ihre Brieftasche. Kurzes Gekicher über uralte Photos auf Ausweispapieren: Hannah blond im Führerschein, rot im Perso. Einiges Kleingeld. Eine Miniflasche Deo, Lippenstift, Puder. Ganz unten im Haufen: eine Viertelliterflasche Mariakron. Silvie schwenkte sie vor Hannahs Nase.
„Und was ist das?“
„Eine Vorsorgemaßnahme gegen unerträgliche Tage.“
Silvie guckte unschlüssig, dann steckte sie schnell die Flasche in die Tasche.
„Lass draußen – oder kriege ich hier jetzt endlich einen anständigen Schnaps?“
Silvie und Paul sahen sich an. Hannah seufzte.
„Herrjeh, Silvie, du weisst doch wie das ist – den Handtascheninhalt vorzeigen ist wie – nun, du hättest mich auch bitten können, mein Höschen auszuziehen, damit ihr kontrollieren könnt, ob Flecken drin sind.“
Silvie stockte der Atem. Sie sprang auf und rannte beinahe aus dem Zimmer. Auf dem Tablett klirrten die Gläser aneinander, als sie mit der Flasche Hennessy zurück kehrte. Sie kicherte verlegen beim Einschenken. Paul rieb sich die roten Ohren. Sam wirkte gelangweilt.
„Nun, denn, auf das vergangene Jahr“, Sam hielt den Schwenker in die Runde. Alle stießen an, murmelten etwas und nippten. Nur Hannah stürzte den Schnaps in einem Zug herunter.
„So, jetzt geht’s besser. Wer ist dran?“
„Dein Göttergatte.“ Silvie stupfte ihr in die Seite. Hannah zog eine Augenbraue hoch. Sam sah wieder auf die Uhr.
„Noch zehn Minuten.“ Dann versetzte er die Flasche in Drehung. Sie kreiste und kreiste. Als sie endlich anhielt, zeigte der Hals genau auf Hannah.
„Das kann doch wohl fucking nicht wahr sein.“
„Wahrheit oder Pflicht?“
„Wahrheit. Mir reicht’s.“
„Glaubst du wirklich, ich hätte dich betrogen?“
Hannah sah ihren Mann an. Sie sah sein schwarzes Haar, die dunkelblauen Augen. Die energische Nase, in die sie sich zuerst verliebt hatte. Wenn er wütend wurde, blähte er die Nüstern, und dann zogen sich feine Linien zwischen Nasenspitze und Nasenflügeln zu den Wangen. Sie betrachtete ihn genauer. Keine feinen Linien. Für ihn war das alles ein Spiel. Sie strich sich das Haar aus der Stirn.
„Silvester 85 – da haben wir uns kennengelernt. Du hast deine damalige Freundin stehen lassen, wir sind heimlich von der Party verschwunden und ins Palace gegangen.“ Sie stoppte, versunken in Erinnerungen, dann sprach sie weiter.
„Ich habe keine Ahnung, und eigentlich will ich es nicht wissen. Mein Verstand sagt mir, jemand, der einmal fremd geht, tut es immer wieder. Die Patienten in meiner Praxis erzählen mir, jemand, der einmal fremd gegangen ist, tut es immer wieder. Was sagst du?“ Sie schenkte sich Cognac nach, kippte ihn ex herunter. Sam sah sie an und schüttelte den Kopf. Lange Zeit sagte niemand etwas. Dann räusperte sich Paul.
„Ist schon zwölf?“

(c) Katja Nathalie Obring



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