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Januar 2002
Doch ein Verlöschen
von Benedikt Köhler

Doch ein Verlöschen

Alexander jagt durch den Zug. Wie ein wild gewordenes Araberpferd, das seinen unfähigen Reiter abgeworfen hat, dem man nur noch hinterherhoffen kann, es möge mit der Zeit von selbst in eine gemächlichere Gangart zurückfallen und sich bloß nicht verletzen, reißt er sich durch die falschen Hürden der Sitzreihen. Beinahe verfängt sich das Innenfutter seines Parkas in den Armen eines zusammengefalteten Kinderwagens, doch dieses Hindernis vermag ihn nicht aufzuhalten und muss zur Seite wegkippen.
Der Eilende scheint in zwei Richtungen gleichzeitig zu fliegen: die verdutzten Gesichter der Mitreisenden, die plötzlich aus dem Mittagschlaf oder ihren Tageszeitungen und mitten in die Wirklichkeit gerissen werden, lässt er hinter sich, während die Landschaften auf der anderen Seite der Fenster genau in die entgegengesetzte Richtung rasen – so schnell, dass sich zumindest die nahen Bäume und Büsche in ein grün-graues Rauschen verwandeln.
Die automatische Glastür am Ende des Großraumwagens gleitet von selbst nicht schnell genug auf, so dass er sie mit einer weit ausholenden Bewegung seiner Arme zur Seite reißt. Das Blech zwischen den Waggons scheppert als er darauf tritt, so laut, dass es für einen kurzen Moment sogar das diese Schleuse beherrschende Pfeifen und Fauchen um eine ganz neue Qualität bereichern kann.
Dann durch den schummrigen Speisewagen, in dem sich einige Reisende an ihrem Kaffee verschlucken und husten müssen, als Alexander strauchelt, zu stürzen droht, sich mit den Händen an der halbhohen Trennwand zwischen zwei Tischnischen festhält und wieder abstößt. Er rennt weiter, hastet an einem Abteil vorbei, in dem eine junge Mutter gerade ihr Baby wickelt, an einem Abteil, in dem ein Paar eng aneinander gekuschelt mit einem Ohrhörer gemeinsam Musik hört, an einem Abteil in dem sich der Schaffner ausstreckt, in eine Illustrierte vertieft, und sich erst dann zum Gang umdreht, als Alexander schon längst den benachbarten Wagen betreten hat.
Schließlich: Das Ende des Zuges. Zunächst eine gewöhnliche Wagentür, daraufhin links die Toilette und dann die letzte Tür, dahinter aber kein Wagen, sondern Gleise, Himmel, Wolken, Bäume und Sträucher die alle gemeinsam in die Ferne fallen. Der heftig Atmende will auch diese Tür aufreißen: sie wackelt etwas, ist aber verschlossen. Er tritt gegen die Tür, mehrmals, will sie mit allen Kräften aufzwingen: die Tür aber hält stand.
Er sucht nach seinem Taschenmesser und findet es in der linken Brusttasche seines Mantels. Daraus klappt er ein stumpfes Werkzeug hervor und versucht, damit das Schloss zuerst aufzuschließen, dann endlich zu zerstören. Drückt seine Schulter wieder und wieder dagegen, aber die Tür bleibt verschlossen. Dahinter die Gleise laufen noch immer in die Weite. Ein letzter Stoß, in dem er all seine Kräfte versammelt und sich mit einem Ruck gegen das Hindernis wirft. Die Tür wackelt dieses Mal noch etwas stärker, lässt ihn jedoch nicht hindurch.
Er hält für einen kurzen Moment inne und lässt sich beinahe einfangen von dem Hin und Her der Gleise. Die Schienen torkeln, neigen sich nach links und rechts, verlieren aber weder ihren Rhythmus noch kommen sie sich jemals näher. Aber dort, wo er diesen Morgen losgefahren ist, müssen sich wohl die Gleise treffen. Er hatte aber vergessen, darauf zu achten als er in den Zug einstieg. Einen Kuss wollte er ihr noch geben, aber schon diese Geste nahm sie nicht mehr von ihm an. Sie konnte sich nicht mehr so küssen lassen wie in den zwei Nächten und Tagen davor. Die Zeit hatte sie beide eingeholt und ihre Liebe in den Alltag aufgelöst. Obwohl alles so aussah wie zuvor – sie in einer Beziehung, er zu Besuch bei einem Freund in dieser Stadt – machte es für ihn trotzdem einen Unterschied.
Das Zittern und Flattern des Zuges, als plötzlich ein Tunnel über ihn hinwegfährt, zerrt ihr Bild aus seinen Gedanken und lässt ihn die Augen öffnen. Der Tunnel ist nun schon auf dem Weg in die Ferne. Erst hastet er noch und schwankt hin und her, schließlich aber wird seine Fahrt immer langsamer und gleichmäßiger: er hat sich seiner Bestimmung ergeben, am Horizont anzulangen und schließlich aus Alexanders Blick für immer zu verschwinden.
Für immer, hatte sie gesagt, sei dieser Abschied, denn das hatten sie in kaum zwei Sätzen während ihrer ersten Küsse und Berührungen verabredet. Sie meinte jedoch nicht nur für immer, sondern noch etwas anderes: der Augenblick, an dem Alexander in seinen Zug nach Hause steigen würde, macht alles ungeschehen und beide Leben werden sich nie wieder. Am Ende hat es dann überhaupt nur so ausgesehen, als wären sie sich begegnet.
Alexander zieht einen Schritt rückwärts, setzt sich auf das Handgeländer und lässt seinen Kopf gegen die Plastikwand fallen. Durch die letzte Tür des Zuges sieht ein hämischer Himmel in das enge Abteil, während sich in den Gedanken des Verzweifelten unaufhörlich die selben Bilder wiederholen: wie sie beide auf der Feier nach dem Konzert lachen, ausgelassen über die Straßen toben und dabei genau wissen: sie würden die ganze Nacht nicht voneinander lassen können. Zwei Nächte zusammen außerhalb der Zeit und dann wieder zurück in zwei getrennte Leben, das hatte sie sich gegenseitig versprochen.
Links tauchen Hügel auf, eng bewaldete Schwellungen, die immer weiter anwachsen. Der Zug rollt zwischen Berg und Fluss. Der Fluss strömt seinem Flussbett folgend dorthin, wo auch Alexander am Morgen noch gewesen ist. Die schnelle Fahrt des Zuges hilft dem Fluss sogar dabei, seinem Bestimmungsort entgegenzueilen – Alexander aber muss sich immer schneller von ihr entfernen.
Auf einmal teilt ihm das Zischen der Tür mit, dass ein anderer sein Refugium, seine Zelle betreten hat, und nach einer kurzen Weile steht der Schaffner vor dem Betrübten und fragt ihn nach seinem Fahrschein. Als er schließlich aus seinem Geldbeutel den Fahrschein zieht, fällt ein Stück Papier fast heraus: der Zettel mit seiner Telefonnummer, den er ihr geben wollte, als seine Blicke und Gedanken nach dem Konzert das erste Mal und dann immer wieder auf ihrem Körper gelandet waren.
Der Schaffner entwertet den Fahrschein und versucht, in einem kurzen Blick nebenher zu erkennen, ob der Zettel in der Hand des Jungen etwas besonderes bedeutet. Dieses Stück kariertes Papier zieht den Jugendlichen nun vollständig in seinen Bann, der Bahnbeamte erkennt aber nur Zahlen, eine Telefonnummer vielleicht. Der Schaffner steckt seine Zange in die Gürtellasche, dreht sich wieder um und geht zurück. Er kann nicht mehr sehen, wie der Jugendliche den Zettel langsam zusammenfaltet und gegen das Fenster in der Tür wirft. Aber der Zettel landet nicht etwa auf den Gleisen, in dem Fluss oder auf der Wiese, sondern prallt mit einem leisen, fliegenähnlichen Geräusch von der Scheibe ab und kommt schließlich in dem Spalt zwischen Zug und Tür zum Liegen.
(c) Benedikt Köhler

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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