Der himmelblaue Schmengeling
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Januar 2002
Bernsteinfrau
von Judith Gröger

Judith Gröger

Bernsteinfrau

Amber saß auf der natürlichen Terasse, die ein paar Meter unterhalb der Haarnadelkurve aus der Steilküste hervortrat. Es war noch früh am Morgen. Auf der ohnehin nur wenig befahrenen Küstenstraße war heute noch niemand vorbeigekommen. Sie mochte es, wenn jemand hier entlangfuhr, womöglich in der kleinen Haltebucht direkt in der Kurve stehenblieb und ausstieg, um die Aussicht auf das Meer zu genießen. Die Menschen mit ihren durcheinanderwirbelnden Gedanken, Gefühlen, Wünschen und Vorstellungen. Sie führten ein so eiliges Leben, zusammengeflickt aus den Fetzen der Augenblicke, in denen sie nicht über vergangene Erlebnisse grübelten oder sich um ihre Zukunft sorgten. Es schien ihr noch gar nicht so lange her, als die ersten Zweibeiner hier in den Felsen herumgeklettert waren und nach Bernstein gesucht hatten. Sie hatte auf Anhieb Zuneigung für diese Wesen empfunden, hatte ihren Gedanken gelauscht, ihre geheimen Wünsche erfüllt, wenn sie konnte, und dann voll Staunen miterlebt, wie sie darauf reagierten.

Amber spürte, wie der leichte Morgenwind sie umstrich und die Strahlen der aufsteigenden Sonne warm auf dem Gestein lagen. Sie schmeckte den salzigen Duft des Meeres in der Luft und lachte aus purer Freude. Etwas berührte sie am Rande ihrer Wahrnehmung. Erst verschwommen und leise, dann immer deutlicher konnte sie Stimmen hören. Zwei, ein Mann und eine Frau. Nein, da war noch eine dritte, etwas leiser, ein kleines Mädchen. Sie näherten sich auf der Straße, waren noch ein Stückchen weg. Der Mann las aus einem Buch vor: "... seit der Bronzezeit wird mit Bernstein gehandelt. Er wurde zuerst an der Westküste Jütlands gewonnen, später dann hier im Samland. Im 2. Jahrtausend vor Christus ..." Die Frau saß am Steuer, hörte mit halbem Ohr zu und dachte gleichzeitig an den kommenden Abend: "... will ich aber wirklich ins Theater. Oder irgendwo in Königsberg schön essen gehen ..." Jetzt fuhren sie in die Haarnadelkurve hinein: "Halt hier mal an, Liebes! Das ist die sogenannte Bernsteinschleife. Es gibt darüber eine hübsche Legende. Wartet, ich lese es euch vor." Das Mädchen auf dem Rücksitz kuschelte mit seinem Plüschhasen. Es lauschte seinem Papa: "Man sagt, hier lebe ein Wesen, das manchen Menschen ihre Wünsche erfülle. Es soll einigen wenigen in der Gestalt einer wunderschönen Frau erschienen sein. Sie hat helles, mattglänzendes Haar und trägt ein langes, braunes Kleid. Ihre Haut hat die Farbe von Elfenbein, und ihre Augen sind wie zwei dunkle, durchsichtige Bernsteine. Deshalb wird sie auch die Bernsteinfrau genannt. Aber seien Sie vorsichtig, was Sie sich wünschen, denn manchmal ..."

Amber glitt mit der von den Felsen aufsteigenden Luft auf die Straße hinauf. Die drei Menschen waren ausgestiegen und streckten ihre Nasen in die frische Meeresbrise. Das Mädchen drückte sein Häschen an sich und schaute verträumt den Steilhang hinunter: "Liebe Bernsteinfrau, ich wünsche mir ganz arg doll eine kleine Schwester. Kannst du das für mich machen?" Amber lächelte: "Leider kann ich dir diesen Wunsch nicht erfüllen. Aber sieh mal hierher." Sie wußte, daß das Kind sie nicht hören konnte, aber sie gab seinen Gedanken einen kleinen Impuls. Es schaute auf den Boden und hob etwas auf: "Mama, Papa! Guckt mal, ist das nicht ein schöner Stein?" "Oh, das könnte sogar ein Bernstein sein. Laß mal sehen."

Die Sonne stand schon recht tief, als Amber wieder das Nahen eines Autos spürte. Zwei Menschen. Der Mann saß am Steuer und starrte auf die Straße, in ihm ein Gefühl der Betäubung. Darunter, versteckt, Verletztheit. Amber konnte ihn nur schwach wahrnehmen. Ihre ganze Aufmerksamkeit wurde magnetisch von den Empfindungen der Frau angezogen. Sie waren von solcher Intensität, daß sie die Worte, die sie hervorstieß, in ihrem heißen, roten Licht zu ertränken schienen: Haß, Wut, Angst. Amber fühlte sich in den Strudel der Gefühle hineingezogen, wirbelte herum im flammenden Chaos. Und dann schoß mit plötzlicher Macht eine Feuerkugel hervor, raste zielgerichtet auf den Mann zu und explodierte mit aller Gewalt in einem einzigen, klaren Gedanken: "Wärst du doch tot!" Der Mann fuhr in diesem Moment in die Haarnadelkurve ein. Die Sonne blendete ihn. Er trat auf die Bremsen. Das Auto reagierte nicht. Er riß das Steuer herum, doch es war zu spät. Das Auto brach seitlich aus der Kurve aus und stürzte den Steilhang hinunter. Es überschlug sich zweimal und landete auf dem Vorsprung.

Stille. Bewußtlosigkeit. Der Geist des Mannes überschritt eine Schwelle. Er fand sich in der Welt zwischen Leben und Tod. Voll Staunen sah er am Rand der Terasse eine Frau stehen. Der Wind spielte mit ihren hellen Haaren, und ihre dunkelbraunen Augen funkelten in der Sonne. "Wer bist du?" "Ich bin Amber. - Du wirst jetzt sterben." "Warum?" "Deine Frau hat es sich gewünscht." "Aber ich will nicht sterben!" "Ihr Wunsch war sehr stark. Darum habe ich den Tod gerufen." Jetzt sah er, wie einige Meter vor ihm, direkt an der Kante zum Abgrund, eine Dunkelheit entstand. Wie Rauch hing sie dort, wurde langsam dichter. Sie schien ihn zu locken, mit leiser und doch eindringlicher Stimme zu rufen. Zögerlich machte er einen Schritt darauf zu.

Der Geist der Frau überschritt die Schwelle, und auch sie fand sich in der Welt zwischen Leben und Tod. Sie sah, daß ihr Mann in eine fremdartige Dunkelheit starrte. Etwas Geheimnisvolles ging von ihr aus. Dann fühlte sie, daß sie jemand beobachtete. Sie entdeckte eine Gestalt in einem wehenden braunen Kleid, und ihr fiel ein Wort ein: Bernsteinfrau. "Du hast dir gewünscht, daß dein Mann tot ist. Nun sieh ihn sterben." "Nein! Ich will nicht, daß er stirbt!" "Noch vor kurzem wolltest du es. Der Tod ist jetzt hier." "Dann sag ihm, er soll wieder gehen! Mein Mann darf nicht sterben!" "Ich kann den Tod jetzt nicht mehr fortschicken, nicht ohne die versprochene Seele. So ist der Tod eben." "Nein!", schrie die Frau und rannte auf ihren Mann zu.

Stille. Bewußtlosigkeit. Dann fuhr ein Auto vorbei, hielt an. Kurz darauf kamen Rettungswagen und Bergungsteams. Eine Bahre wurde in einen Krankenwagen geschoben. Der Arzt beugte sich über den Patienten, der gerade wieder zu Bewußtsein kam. Er murmelte etwas: "Sie ist hineingelaufen, ins Dunkel. Für mich." Dann begann er zu schluchzen. Ein Pfleger stieg in das Auto und warf die Türen zu: "Sie haben noch eine Frau gefunden – tot! Fahren wir los!"

Das Blaulicht leuchtete noch bis spät in den Abend hinein droben auf der Bernsteinschleife, wo die Unfallstelle aufgeräumt wurde. Amber hatte sich an den Fuß der Steilküste zurückgezogen, nahm nur entfernt die Betriebsamkeit der Männer wahr. Über dem Meer hing der Mond, sein Gesicht spiegelte sich in den sanften Wogen des Wassers. Amber tauchte in die silberne Ruhe der Nacht ein. Eine warme Zuneigung zu den Menschen erfüllte sie, diesen seltsamen Wesen, und ein erstauntes Lächeln lag auf ihren Lippen.
(c) Judith Gröger



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