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Februar 2002
Was bleibt,...
von Klaus Eylmann

Was bleibt,…

Marion lag in ihrem Sessel und blickte schlaefrig auf die Terrasse hinaus, auf das Glas Rotwein vor sich, in dem sich die Sonne spiegelte. Es war einer der seltenen Momente, in dem sie die Ruhe fand, ihren Entschluss noch einmal zu ueberdenken, den Plan, wie es mit ihr weitergehen sollte. Mit spitzen Fingern griff sie nach einer Hochglanzbroschuere, las den Titel 'Wollen Sie Ihr Leben verlaengern? Dann tun Sie es jetzt!', und warf sie auf den Tisch zurueck.
Sie ging ins Bad, betrachtete sich im Spiegel. Noch war sie in der Bluete ihrer Jahre, die Verehrer lagen ihr zu Fuessen. Wie lange? Wann wuerden sie feststellen, dass ihr Koerper dahinwelkte und sich von ihr abwenden? Sie dachte an Marilyn, es war unertraeglich.
Das Laeuten des Telefons schreckte sie aus ihren Gedanken.
"Wie koennte ich das vergessen, Liebster. Selbstverstaendlich werde ich dort sein. Wir sehen uns in zwei Wochen."
Marion liess sich in den Sessel fallen, ergriff das Glas, hielt es in ihren Haenden und drehte es, nahm einen Schluck, wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Brian, wenn er nur wuesste...

Am naechsten Tag flog Marion nach Scottsdale, Arizona und fuhr bei der Alcor Lebensverlaengerungs-Stiftung vor.
Dr. Wellinghouse empfing sie wie einen lieben Gast.
"Frau Miller, bleiben Sie bei Ihrem Entschluss? Sie wissen, dass wir die Prozedur nur durchfuehren koennen, wenn Sie klinisch tot sind.”
"Sicher, sonst waere ich nicht hier, und das ich klinisch tot bin, dass werden Sie ja wohl noch hinbekommen." Marion schob einen Scheck ueber den Tisch. Hundertzwanzigtausend Dollar, fuer eine Vollkoerper-Suspension.
Wellinghouse steckte den Scheck in seine Jackentasche. "Ich lasse Ihnen eine Rechnung schreiben und lege sie zu Ihren Papieren. Vielleicht koennen Sie die in ein paar hundert Jahren von der Steuer absetzen."
Marion verzog keine Miene. "Bringen wir es hinter uns."
"Machen Sie bitte den linken Arm frei. Ich werde Ihnen ein Beruhigungsmittel spritzen. Schliesslich laesst man sich nicht jeden Tag einfrieren."
Wellinghouse setzte die Spritze und geleitete Marion in ein Wartezimmer. Gedaempfte, indirekte Beleuchtung erhellte den Raum. Aus unsichtbaren Lautsprechern drang dezente Klaviermusik.
“Frau Miller, soll ich Ihnen die Prozedur noch einmal erklaeren?”
“Ist nicht noetig, Doktor. Ich habe schon verstanden. Sie machen mich kalt.”
“Aeh, so kann man es auch nennen.” Wellinghouse zog sich mit einem gequaelten Laecheln zurueck.
Auf einem Plastiktisch lagen alte Zeitschriften. Marion liess sich in die Polster fallen, ergriff eine und blaetterte lustlos darin herum. Ihr kam Brian in den Sinn, der Mann, den sie ‘ihren staendigen Begleiter’ nannten.
Armer Brian. Er hatte Krebs und sie auf das Lebensverlaengerungs-Institut aufmerksam gemacht. Wie enttaeuscht wird er darueber sein, dass ich schon eingefroren in dem Cryo-Behaelter liege, wenn er hier in zwei Wochen auftaucht.
Sie hatten vereinbart, sie wuerden es gemeinsam machen, zur gleichen Zeit, und nur ihre Gehirne einfrieren lassen. Nur das Gehirn, dass er dies ernsthaft glauben konnte. Marion schuettelte den Kopf. Es war ihr Koerper, den sie hoffte erhalten zu koennen. Auch die Zukunft hatte Fans. Es hatte schon seinen Grund, warum man sie ‘The Body’ nannte. Um Brians verfetteten Leib war es nicht schade; wenn er nur seinen Kopf retten wollte, war das seine Sache.
Marion dachte an ihr Vermoegen, an Zinsen, Zinseszinsen. Was sollte sie mit dem Geld machen, wenn sie aufwachte? Den ganzen Planeten kaufen? Nach einigen Minuten schlief sie ein.

Pfleger trugen sie in den Operationssaal. Ihr Herz wurde zum Stillstand gebracht, ueber die Oberschenkelvene Blut durch eine Loesung ersetzt, die man gewoehnlich zum Schutz von Transplantaten verwandte. Glycerol band das Wasser im Koerper, um eine Kristallisierung, eine Zerstoerung der Koerperzellen zu verhindern. Eine stundenlange Prozedur. Marions Kuehlung wurde eingeleitet, die Temperatur kontinuierlich herabgesetzt. Schliesslich legte man sie in einen Tank mit fluessigem Stickstoff. –196 Grad Celsius, Cryostasis. Marion hatte es geschafft. Sie war auf dem Weg…

Erschreckt zuckte Marion zusammen, als sie die Augen oeffnete. Ein Lichtstrahl blendete sie, lautes Krachen und nervoeses Stimmengewirr marterten ihre Ohren, als der Tank geoeffnet wurde. Von irgendwoher kamen gebruellte Befehle.
"Halten Sie Ihre Augen geschlossen, und bleiben Sie ruhig liegen! Wir werden Ihnen einige Fragen stellen!”
Eine andere Stimme bellte:
“Warum haben Sie sich einfrieren lassen?"
"Das geht doch aus den Unterlagen hervor."
"Wir haben keine Zeit, diesen Wust an Papieren durchzulesen. Wir befinden uns im Krieg. Also noch einmal, warum haben Sie sich einfrieren lassen?" Die Stimme der ersten Person klang nervoes, fast hysterisch.
"Ich moechte in einer Zeit aufwachen, in der es gelingt, den Alterungsprozess aufzuhalten."
"Wir koennen das nicht garantieren. All unsere wissenschaftlichen Bemuehungen sind darauf gerichtet, neue Waffen zu entwickeln. Sie werden daher wieder in Stasis versetzt."
Marion kaempfte gegen die zunehmende Muedigkeit an und versuchte, die Augen einen Spalt zu oeffnen. Sie merkte, wie sich der Tank langsam schloss. Die Lampe war erloschen. Im Halbdunkel sah sie, wie eine Person sich von ihr entfernte. Seltsam war deren Uniform. Ragten aus ihrem Kragen nicht zwei Koepfe hervor? Sie fand keine Zeit mehr, sich darueber zu wundern.

Es war dunkel, als Marion das naechste Mal wieder zu sich kam. Stille umgab sie. So angenehm. Dann hoerte sie ein leises Klacken. Roetlich schimmernde Lichter tanzten um sie herum. Eine Stimme raunte:
"Bleiben Sie ruhig liegen. Sie sind angekommen, und wir werden Ihren Wunsch erfuellen."
Marion verhielt sich still und sagte nichts. Warum zeigen sich die Leute nicht? Etwas rollte auf sie zu.
"Schliessen Sie die Augen. Wir stoppen den Alterungsprozess."
Ein Waermestrahl strich ueber sie hinweg.
"Es ist vollbracht. Steigen Sie aus der Wanne."
Licht durchflutete den Raum. Marion richtete sich auf und oeffnete die Augen. Ihr Gesicht verzerrte sich vor Entsetzen. Ein markerschuetternder Schrei hallte von den Waenden. War sie es, die so schrie? Ohnmaechtig fiel sie in den Tank zurueck.
Ein Alptraum, es war ein Alptraum, dachte sie, als sie wieder das Bewusstsein erlangte. Doch da sind sie wieder! Spinnenartige Roboter hielten ihre Facettenaugen auf sie gerichtet.
"Wo sind die Aerzte?, stammelte sie.
"Wir sind Experten fuer organische Materie. Wie fuehlen Sie sich?"
"Ich weiss nicht. Wo sind die Menschen? Wo sind meine Fans? Was ist mit meinem Geld?"
"Es gibt keine mehr. Sie haben sich selbst zerstoert, Geld wurde ueberfluessig.”
"Was ist mit denjenigen, die sich, wie ich, einer Vollkoerper-Suspension unterzogen haben?"
Sie sind in der Aera aufgetaut worden, in der ihre Krankheiten heilbar wurden. Das ist einige tausend Jahre her. Doch erst jetzt sind wir in der Lage, den Alterungsprozess von Saeugern aufzuhalten."
"Was ist mit den Gehirnen?"
"Die ruhen in ihren Behaeltern." Einer der Spinnenroboter zeigte mit einem seiner Beine auf die gegenueberliegende Wand, auf ein Regal, in dem grosse Glasbehaelter standen. Marion blickte genauer hin, auf die Fluessigkeit in den Tanks. Blasen stiegen mit gurgelndem Geraeusch empor. Schaudernd sah sie, wie sich die Gehirne in der Loesung leicht bewegten. Brian, war er einer von denen?
"Wieso habt ihr keine Koerper fuer sie geschaffen?"
"Menschen sind eine Plage, die isoliert bleiben muss. Wir als Maschinengesellschaft koennen uns nicht erlauben, mit dieser Pest infiziert zu werden."
In der Mitte des Raumes erschienen holografische Bilder, zeigten, in raschem Wechsel, zerstoerte Staedte und Landschaften.
"Menschen haben in mehreren bakteriologischen und nuklearen Kriegen sich und die Oberflaeche dieses Planeten vernichtet. Die Erde ist radioaktiv verseucht und fuer Menschen unbewohnbar. Wir haben uns weiter entwickelt, ihre Nachfolge angetreten und uns die Aufgabe gestellt, den Planeten in den naechsten tausend Jahren wieder zu regenerieren."
Marion keuchte vor Anstrengung, als sie aus der Wanne kletterte. Sie zitterte am ganzen Koerper. Die Roboter bildeten einen Kreis um sie.
"Und was wird aus mir?"
"Sie bleiben in diesem Labor und werden von uns versorgt."
Einer der metallenen Spinnen loeste sich aus dem Kreis der Roboter und kroch auf sie zu.
"Wir wissen um Ihre soziale Abhaengigkeit von Wesen Ihresgleichen und bemuehen uns, ein Habitat zu schaffen, in dem Sie sich wohlfuehlen, und in dem wir Sie studieren koennen. Die Gehirne werden von uns aufgeweckt. Unterhalten Sie sich mit ihnen. Auf Ihrem Kopf finden Sie zwei kleine Elektroden. Wenn die Hirne wach sind, geben wir Ihnen zwei Kabel, die es Ihnen erlauben, mit ihnen zu kommunizieren."
Marian sah, wie sich die Roboter zurueckzogen. Benommen setzte sie sich auf den Boden und stuetzte ihr Gesicht in die Haende. Nach einer Weile blickte sie hoch, sah zu den Metallspinnen hinueber, die seltsame Apparaturen bedienten und sie nicht mehr beachteten.
Eine Spinne kroch heran und zog zwei Kabel hinter sich her, die sie mit den Gehirnen verband. Danach weckte sie die Hirne auf. Fieberhaft durchsuchte Marion die Unterlagen auf dem Regal unter den Behaeltern, blaetterte nervoes in den Papieren. Brian, Brian! Wo war Brian? Der vierte von links! Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie sehr er ihr fehlte. Wie sollte sie seine Gedanken herausfiltern? Marion steckte sich die Anschluesse auf die Elektroden ihres Kopfes. Gedankengewirr.
“Brian!,” dachte sie, “Brian!”
“Marion?, Marion, bist du es? Wo bist du?”
Seine Gedanken waren kaum vernehmbar. Zu wirr war das Neuronenfeuer der anderen. Die Gehirne waren in Reihe geschaltet, sahen durch Marions Augen, dass sie wie Marmeladenglaeser, in Regalen, aufgereiht herumstanden. Auch Brian konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Eine Kakophonie von neuronalen Impulsen uberflutete Marions Bewusstsein, und sie spuerte, wie die Gehirne wahnsinnig wurden. Weinend zog sie die Kabel wieder ab.

Die Zeit verging, doch Marion alterte nicht. Mit ihren Gedanken war sie fuer immer in der Vergangenheit, zehrte von ihren Erinnerungen, als die Fans ihr zu Fuessen lagen und die Erde ein lebenswerter Platz gewesen war.

Draussen, vor den Laborgebaeuden, zwitscherten, zeterten und schwatzten Voegel in den Straeuchern, schnuerten Fuechse, rauschten die Blaetter der Ahornbaeume im Wind, waehrend intelligente Maschinen weitlaeufige Gartenanlagen pflegten oder scheinbar sinnlos umherwanderten und die Wunder der Natur in sich aufnahmen.
Lange hatte es gedauert, die gepeinigte Erde wieder so herzurichten, mit Pflanzen und Tieren zu bevoelkern. Menschen waren hier unerwuenscht.



(c) Klaus Eylmann



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