Madrigal für einen Mörder
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Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Februar 2002
Klagen um Ikaros*
von Urte Skaliks

Klagen um Ikaros*

Sie denken alle, ich sei schon tot, und trauern um meinen schönen Körper, um das, was ich ihnen war, meine werdende Kunst, um ihre Liebe, ihre Schuld an mir. Aber noch fühle ich sie doch bei mir, höre entfernt ihre schrillen Klagen, spüre die düstere Trauer, noch spreche ich zu ihnen.

Denn ach, meine Mutter ...

“Oh über dich, mein einziger Sohn. Sicherheit ist nirgends. Ach dass wir aus dem leuchtenden Athen in dieses grellere Kreta zu fliehen hatten, ach dass du in die Sonne stürzen musstest, um diesen, einzig deinen, Tod zu finden. Nimm mit dir in das Totenreich, in dein einsames Grab, mein geliebter Sohn, diesen Flakon, voll meiner Tränen. Ich verberge in schwarzen Tüchern mein Antlitz vor der tödlichen Sonne, oh Ikaros, mein erfindungsreicher Sohn, mein strahlend glänzender, sonnengleicher.”

Ach, meine liebste Mutter, du hast mich aus dir entlassen, hast mich selbstlos genährt, ohne Arg, ohne fremde Ziele mich geführt, bevor du mich kanntest, vor all meinem eigenen Leben, bevor ich noch selbst mir begegnen konnte. Deine Schmerzen, oh Mutter, die Tränen deines Lebens, die Phiole will ich ewig bewahren mit mir, unter dem lastenden Marmor im dunklen Verlies.

Und ach, mein Vater Daidalos ...

“Oh Ikaros, mein Sohn, ich klage. Ich beklage deinen frühen, allzu frühen Tod. Du wusstest, der Flug übers Meer mit Schwingen der Vögel, gebunden mit Wachs, war der einzige Weg aus den Mauern des Labyrinths. Du kanntest die Gefahr, du hast dich meinem Rat verschlossen, du glaubtest mir nicht, meiner Vorsicht, meiner Warnung. Dass ich mich retten, dass ich dir nicht helfen konnte, - ewig wird die Schuld mein Haupt zur Erde beugen, meinen Blick zum Boden zwingen, von den brennenden Bergen, der gleißenden See, der leuchtenden Sonne mich entfernen. Dass ich einst Talos, den Neffen und Freund, dass ich ihn vom Felsen stürzte, schreckliche nie gesühnte Freveltat, - grausame Sühne nun dein Tod, du mein geliebter, ewig nun stürzender Sohn.”

Ach, mein untröstlicher, mein bewunderter Vater, geehrter, kunstreicher, der du toten Dingen das Leben einhauchtest, dass sie wie wir sich bewegten, Meister und Freund, meine Werke laß einen andern vollbringen: den wieder erstandenen Freund der Jugend, Zwilling des Talos, Dalíos, der Gedanken von meinen Gedanken trägt. Sieh die Werke der Zukunft in den zerbrochenen Ästen der Vergangenheit. Tröste dein Alter mit dem Blick in die Ferne der Sizilischen Berge. Zu groß war mein Übermut, zwingend die Wonne des Flugs. Und ohne Schuld ist auch die Sonne.

Aber ach, Dalíos, mein Freund ...

“Oh, Ikaros, mein ältester, mein einziger Freund, wie konntest du schon heute mich verlassen? Eben erst sahen wir doch, endlich, den Anflug des dunklen männlichen Flaums in unseren jungen Gesichtern. Mit knapper Not bist du dem schrecklichen Labyrinth, den Gedanken deines Vaters, entkommen, wolltest dich in eine andere Welt retten, wolltest deine, unsere neue Welt erfinden. Und nun, all unsere Pläne, Wunderwerke unserer neuen, unerhörten Technik? Unter der Sonne zerschmolzen, neben dir, auf dir zerflossen, vergangen, bevor noch die Welt sie gesehen hat. Was wird aus dem großen Plan, aus unserer Welt der Zukunft? Deine Kraft war meine Kraft, deine Gedanken waren meine Gedanken. Fort von dem Alten – das ungeheuer Neue, soll ich es allein tragen, schwer wie deinen Sarkophag? Wie den Sarkophag, aus dem der eben gesprossene Baum schon anklagend die toten Arme erhebt?”

Ach, Dalíos, mein Freund, du trauerst, aber du sollst wissen, ich bin ja nicht wirklich tot. Meine Kraft wird deine Kraft, ich begleite dich auf deinem neuen, deinem nie erprobten Weg. Du wirst allein gehen, aber ich werde bei dir sein. Ich bin voll Trauer über deinen Schmerz, liebster Freund. Aber es war mir bestimmt, zur Sonne zu fliehen. Sogar ohne dich, allein, mußte ich doch die Sonne suchen. Ihr näher kommen als mein Vater Daidalos. Auch du wirst dich eines nicht fernen Tages befreien, dich nicht mehr tragen lassen, von mir frei werden, wirst ganz deinem Ziel folgen. Zuerst aber siehe die goldene Truhe vor den Bergen im Glast. Und: richte wieder die Uhren ein.

(C) Urte Skaliks


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*Anhang: Die Sage von Daidalos und Ikaros

“DAEDALUS (DAIDALOS) und IKAROS. Daedalus war ein begabter Bildhauer und Architekt, dessen kunstvollen Figuren man nachrühmte, daß sie wie lebendige Menschen wirkten. Aber Daedalus war, wie viele Künstler, offenbar auch eitel und anmaßend – und von buchstäblich tödlichem Neid gegen Konkurrenten erfüllt. So ließ er sich dazu hinreißen, einen begabten Schüler aus neidvoller Eifersucht zu töten, seinen eigenen Neffen Talos: dieser hatte schon in jungen Jahren großartige Erfindungen gemacht, wie z.B. die Töpferscheibe, die Säge und den Zirkel. Der rasende Daedalus aber stürzte den begabten Knaben vom Burgfelsen Athens hinab. Bei seiner Bluttat ertappt und vor dem Areopag des Mordes angeklagt, vermochte er aus Athen zu fliehen, von wo er schließlich auf die Insel Kreta gelangte. König Minos beschäftigte den berühmten Künstler. Daedalus baute das berühmte Labyrinth für den Minotauros, das blutrünstige Doppelwesen aus Mensch und Stier. Dieses menschenverschlingende Ungeheuer vermochte unter Mithilfe von Daedalus endlich der Held Theseus, der Sohn des Königs von Athen, zu töten: Ariadne, König Minos‘ Tochter, hatte dem Theseus auf Bitten Daedalus‘ einen Faden mitgegeben, mit dessen Hilfe er sich aus dem Irrgarten des Labyrinths zurückfand.
Minos rächte sich für diese Mithilfe an Daedalus, indem er ihn und seinen Sohn Ikaros lebendig in das Labyrinth einmauern ließ; doch Daedalus gelang dennoch die Flucht. Aus Vogelfedern, die er mit Wachs verband, fertigte er Flügel für sich und seinen Sohn – und beide schwangen sich in die Lüfte. Der junge Ikaros, übermütig geworden durch den herrlichen Flug, vergaß die Warnungen seines Vaters und näherte sich so sehr der Sonne, daß das Wachs zerschmolz, die Flügel zerfielen und Ikaros ins Meer stürzte. Die Insel, an der sein Leichnam an Land trieb, wurde seitdem Ikaria genannt. Daedalus aber fand Zuflucht auf der Insel Sizilien, dessen König ihm Asyl gewährte und für den er noch viele kunstreiche Werke vollbrachte.- In der antiken Sage ist die uralte Sehnsucht des Menschen, fliegen zu können, zugleich aber auch das Wagnis und die Warnung vor dem frevelhaften Übermut so sinnfällig und gültig ausgedrückt, daß der tragische Flug von Daedalus und Ikaros häufig in der Kunst ebenso dramatische wie symbolhafte Darstellung gefunden hat.”
(aus: Gert Richter & Gerhard Ulrich, Lexikon der Kunstmotive. Lexikon-Verlag, Gütersloh 1978, S. 64-65)

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