Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Februar 2002
Aus dem Leben der Natascha K.
von Michaela Grollegg

Aus dem Leben der Natascha K.
1892 - 1983
„Carpe diem“

Wenn ich an die Zeit meiner Jugend zurück denke, dann ist es stets mein Vater, der mir am lebhaftesten in Erinnerung geblieben ist. Er war ein imposanter Mann, in dessen Gegenwart ich immer ein Gefühl von Ehrfurcht und Respekt verspürte.
Ich weiß, dass mein Vater mich abgöttisch liebte, obwohl er sich als erstgeborenes Kind gewiss einen Sohn gewünscht hatte. Man erzählte mir später, dass er sich anfangs nur schwer damit abfinden konnte. Erst als ich dem Kleinkindalter entwachsen war, schien sein Interesse für mich zu erwachen. Vielleicht lag es an meiner ungezähmten Wildheit und meiner jungenhaften Art, die meinem Vater gefiel. Während meine Schwester mit Puppen spielte und sich mit hübschen Kleidchen schmückte, lief ich in zerrissenen Hosen herum.
Ich ritt auf den wildesten Ponys, kletterte auf die höchsten Bäume und flößte sogar den Jungen aus der Nachbarschaft Respekt ein. Dies alles geschah sehr zum Leidwesen meiner Mutter.
Die Gunst meines Vaters jedoch wuchs.
Als ich fünf Jahre alt war, kam mein Bruder Grigorij zur Welt. Ich hatte mir fest vorgenommen, ihn zu hassen. Er war schließlich genau das, was ich hätte sein sollen: ein Junge.
Aber da er sehr zart und kränklich war, konnte mein Vater mit ihm nicht allzu viel anfangen.
Als ich das erkannte, begann ich meinen kleinen Bruder zu akzeptieren.
Je weniger Grigorij dem Idealbild eines Sohns ähnelte, desto größer wurde die Bindung zwischen meinem Vater und mir.


Mein Vater war kein Freund von großen Worten.
Er sprach überhaupt sehr selten. Doch noch viel seltener ließ er seine Gefühle erkennen. Ich erinnere mich noch, wie ich ihn zum ersten Mal auf die Jagd begleiten durfte.
Ich war zehn Jahre alt und fieberte schon Tage zuvor diesem besonderen Ereignis entgegen.
Eifrig stolperte ich hinter ihm her, verzweifelt bemüht, mit dem großen Mann Schritt zu halten. Ich spürte nicht die Dornen, die gegen meine Knöchel schlugen, bis diese blutig waren.
- Oder die Äste, die mir ins Gesicht peitschten und schmerzhafte Spuren hinterließen.
All das war mir egal. Einzig die Anerkennung meines Vaters zählte.
Als ein Kaninchen vor meine Flinte sprang und ich, einzig durch den Schrecken, reflexartig traf, war ich von Stolz erfüllt. Mein Vater nahm das tote Tier an den Ohren und verstaute es im Rucksack. Erst als wir auf dem Heimweg waren, klopfte er mir auf die Schulter und meinte: “Gut gemacht.”
Das war alles.
Aber wer meinen Vater kannte, der wusste, dass dies beinahe schon die höchste Form der Anerkennung war, die er Menschen Zuteil werden ließ.
Im Gegensatz zu meiner Mutter, die keine Gelegenheit ausließ, mich zu bestrafen, sah mein Vater über viele meiner Eskapaden hinweg. Nur ein einziges Mal erfuhr ich körperliche Züchtigung. In einer Art, wie ich sie nie vergessen werde…

Es war in einem Spätsommer und ich erinnere mich noch an die furchtbare Dürre, die uns heimgesucht hatte. Wochenlang fiel kein Tropfen Regen und die Hitze hatte den Boden ausgedörrt. Mein Vater zeigte sich besorgt wegen der Wasserknappheit, die uns drohte und wies alle auf Jablensk an, keinen Tropfen des kostbaren Nass zu verschwenden.
Die letzten Reserven wurden genau eingeteilt und durften nur zum Tränken der Tiere und für die Küche verwendet werden.
Die Dürreperiode interessierte mich jedoch wenig. Vielmehr wurde ich zusehends unruhig, weil mein Vater sich scheinbar mit nichts anderem mehr beschäftigte und auch mir wenig Beachtung schenkte.
Es hatte mich wohl ein kleiner Teufel geritten, als ich an einem jener Tage aus purer Langeweile die gefüllten Wasserbeutel im Stall mit einer Heugabel anstach und vergnügt dabei zusah, wie es in kleinen Sturzbächen die Stallgassen entlang lief.
Ich hörte meinen Vater nicht kommen. Umso überraschter war ich, als er plötzlich hinter mir stand. Sein Gesicht war vor Wut gerötet und mir schwante in diesem Moment, dass ich diesmal nicht ohne Konsequenzen davon kommen würde.
Noch nie zuvor hatte er gegen mich die Hand erhoben. Doch an diesem Tag schlug er mich.
Immer und immer wieder. Vermutlich waren es nur Minuten, aber mir kam es vor wie eine Ewigkeit. Mein Rücken schmerzte noch tagelang. Aber die Sorge, dass er sich nun vielleicht von mir abwenden könnte, war noch größer.
Zwei Tage später nahm er mich wieder mit zur Jagd. Er tat, als ob nie etwas vorgefallen wäre.

Mein zwölfter Geburtstag nahte und in der letzten Zeit hörte ich meine Eltern immer öfter über Politik diskutieren. Ich verstand nicht viel von dem, was gesagt wurde, aber ich schnappte einige Wörter auf und befragte dazu meinen engsten Vertrauten auf Jablensk – Igor. Er war ein äußerst gebildeter Mann und in seiner Funktion als Kammerdiener meines Vaters vermutlich auch bestens informiert.
„Igor, was bedeutet `Revolution`”, fragte ich ihn also eines Tages, während er in der Wäschekammer für Ordnung sorgte. “Hm, ja also das bedeutet: Widerstand. Aufbegehren.”
“Und warum machen das die Menschen”, bohrte ich weiter. Igor hielt kurz inne. “Nun, das tun sie, wenn sie unzufrieden sind.”
“Warum sind sie unzufrieden?” – Mit Igor konnte ich solche Fragespiele ohne Probleme über Stunden hinweg spielen, er wurde niemals ungeduldig. “Seit wir uns im Krieg gegen Japan befinden, geht es den Menschen noch schlechter.
“Manche hungern und frieren, weil sie kein Dach über dem Kopf haben.”
Das konnte ich mir nun überhaupt nicht vorstellen. “Wir könnten sie doch auf Jablensk einladen, dann vergessen sie die Revolution vielleicht”, überlegte ich.
Igor lächelte nachsichtig. “Soviel Platz gibt es nicht einmal hier, um all diese Menschen aufzunehmen, Natascha!”
Auch das überstieg meine Vorstellungskraft. Ich kannte zu diesem Zeitpunkt nur drei Orte auf dieser Erde: Jablensk, meine Heimat, Jekaterinenburg, wo wir die meiste Zeit des Winters verbrachten- und Paris, wohin meine Mutter mit uns Kindern zu verreisen pflegte.
Ich hatte noch nie hungernde Menschen gesehen. Zu diesem Zeitpunkt begriff ich noch nicht, dass ich nirgendwo und zu keiner Zeit so behütet war wie in jenen Tagen der Kindheit auf unserem Gut. “Ich hörte Mama sagen, dass eine Revolution unser Ende wäre.”
Igor sah mich prüfend an. “Seit wann interessieren Sie sich für die Politik, Natascha?”
Ich wollte eine Antwort haben und gab nicht auf. “Wird dann der Krieg auch zu uns kommen, Igor?” Er wurde blass. “Geht es dir gut, Igor?” fragte ich besorgt und überlegte, weshalb er so beunruhigt aussah. Wir waren doch auf Jablensk, da konnte doch nichts passieren!
“Sie sollten sich auf Ihren Unterricht vorbereiten, Natascha”, sagte er nur und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

Wir sprachen nie wieder darüber.
Von diesem Tag an begann meine heile Welt zu bröckeln und immer öfter konnte ich auch im Gesicht meines Vaters Besorgnis erkennen.
Kurz vor meinem Geburtstag war das Schreckgespenst der Revolution für mich jedoch für eine Weile vergessen. Meine Eltern hatten ein großes Fest vorbereitet.
Mein Geburtstag war jedoch unter anderem auch ein Vorwand, um wieder einmal die Adelsgesellschaft von St. Petersburg auf unserem Gut Jablensk, zu versammeln.
Es wurde ausgiebig gefeiert und die vielen Geschenke ließen mich alle trüben Gedanken vergessen. Kurz bevor die Dienstmagd angewiesen wurde, mich zu Bett zu bringen, sah ich meinen Vater gemeinsam mit einigen der Gästen ins Kaminzimmer gehen.
“Der Zar ist in höchster Gefahr, Boris!”
- “Sie müssen uns helfen!”
“Auch Jablensk könnte betroffen sein…!”

Ich lauschte angestrengt, aber als die Türe ins Schloss fiel, war nur noch leises Stimmengemurmel zu hören. Die alte Angst kroch wieder in mir hoch. Der Gesichtsausdruck meines Vaters und die Gefahr, von der ich gehört hatte, machten mich unruhig.
Ich erinnere mich noch, dass ich an jenem Abend lange nicht einschlafen konnte.

Es war bereits dunkel, als ich wach wurde. Vermutlich hatte mich das Stimmengewirr der Gäste von unten geweckt. Ich hob lauschend meinen Kopf, als ich das Knarren der Dielenbretter vernahm.
“Grischa, Katjenka” flüsterte ich in die Dunkelheit die Namen meiner Geschwister, aber es kam keine Antwort. Beherzt drehte ich den Docht der Petroleumlampe auf.
Es war mein Vater, der am Fußende des Bettes stand. Irritiert sprang ich aus dem Bett. Er hatte noch nie mein Schlafzimmer betreten. Es waren Dienstmägde, die uns Kinder auf Anordnung unserer Eltern holten. Verunsichert zog ich mir den Morgenmantel über, während er dastand und mich ansah.
“Sieh her”, sagte er plötzlich. Er drehte den Docht der Lampe noch höher. “Das ist dein Geschenk.” Ungeduldig riss ich die Laken von dem Ding, das sogar meinen Vater um einige Zentimeter überragte. Sprachlos starrte ich auf sein Geschenk. Es war eine gut zwei Meter große Standuhr, deren Pendel golden glänzten. Der Rahmen war aus feinstem Teakholz und in einer schwungvollen Form geschnitzt. Mein Blick fiel erst auf die langen schwarzen Zeiger, die auf Punkt Zwölf standen. Bei genauerer Betrachtung erkannte ich dann das Ziffernblatt.
Mein Ebenbild lachte mir daraus entgegen. Mein Vater hatte den Künstler angewiesen, mein Gesicht darauf zu malen!

Ich konnte den Wodka im Atem meines Vaters riechen, als er sich zu mir herab beugte.
“Sie ist wunderschön, Papa”, flüsterte ich.
Er drehte sich ein wenig und ließ sich auf meinem Bett nieder, ohne seinen Blick von mir zu wenden.
“Das Leben ist vergänglich, Natascha. Für uns alle. Nichts ist mehr so, wie es einst war. Und es wird nie wieder so sein” Er machte eine Pause und richtete seinen Blick auf die Uhr.
“Nütze den Tag und lebe, Natascha. Für mich könnte es zu spät sein.”
Er seufzte schwer. Ich hatte meinen Vater noch nie zuvor so bedrückt gesehen und ich fühlte auch, dass dies ein besonderer Augenblick war. Obwohl der Inhalt seiner Worte meinen Verstand damals nicht ganz erreichte, spürte ich instinktiv, dass dies eine Art Vermächtnis an mich war. Er stand auf und küsste mich auf die Stirn.
“Jablensk liegt bald in deinen Händen. Es ist Zeit, erwachsen zu werden”, sagte er und wandte sich abrupt um. Mein Vater verließ das Zimmer genauso schnell, wie er gekommen war.

Er hatte es seither nie wieder betreten, oder ein Wort über seine philosophischen Betrachtungen in jener Nacht verloren. Nur wenig später blieben auch wir nicht von den Folgen der Revolution jenes Februars im Jahre 1905 verschont.
Dass dies jedoch nur der Anfang vom Ende war, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand.
Als mein Vater starb, wurde ich in schmerzlicher Weise an seine Worte erinnert.

Jablensk wurde im später folgenden Krieg schwer beschädigt. Es blieben nur Ruinen von dem, was einst unser Besitz war. Aber die Uhr steht heute wieder Westflügel des neu aufgebauten Hauses. Dort, wo einst mein Zimmer gewesen war.


(c) Michaela Grollegg, 2002



Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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