Der himmelblaue Schmengeling
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Februar 2002
U-Bahn
von Gudula Goering

U-Bahn

Ich hatte einen Traum.

Mein Herz schlug laut und vernehmlich. Unbeirrt tickte es in mir wie eine Zeitbombe. Sein Ticken vermischte sich mit dem Geräusch der über die Schwellen fahrenden U-Bahn. Der Tunnel war lang.

Etwas Beruhigendes und Gleichmäßiges lag in diesem Schwellen-Rauschen. Tiefe Dunkelheit umgab mich. Unendliche schwarze Nacht. Lichterlos. Farblos. Gegenstandslos. Das Nichts.

Doch dann wurde es am Ende des Tunnels wieder hell.

Grelles Neonlicht leuchtete mir in die Augen. Der Raum war grün gestrichen. Es beugten sich sieben Gestalten über etwas, das auf einem Tisch vor ihnen lag. Ein verschnürtes Bündel. Unbeweglich. Stumm.

Ich sehnte mich nach der Dunkelheit des endlosen Tunnels. Nach dem gleichmäßigen Geräusch des über die Schwellen fahrenden U-Bahn-Zuges. Nach dem Ticken meines eigenen Herzschlags.

Doch da waren die beiden Augen.

Klein und braun, konzentriert und interessiert. Sie näherten sich immer mehr dem festgezurrten Körper unter der dunkelgrünen Plastikhaut.
Auch die anderen Gestalten beugten sich darüber.
Von ihren Gesichtern waren nur noch schmale Schlitze zu sehen, aus denen die Augen schauten.

Was taten sie da?

Ich bewegte mich ein wenig näher zu ihnen hin und erinnerte mich dabei an die vergangene U-Bahn-Fahrt.

Die Geborgenheit der Nacht wurde in regelmäßigen Abständen unterbrochen vom hellen Licht der Bahnhöfe. Warm schimmerten die Wände der U-Bahn-Stationen in einem matten Gelb, Orange, Hellblau oder Hellgrün. Viele Menschen standen auf den Bahnsteigen und starrten die Schrift auf den großen, schwarzen Tafeln an.

Ich wunderte mich.

Dort, wo normalerweise Ankunft und Abfahrt der Züge angezeigt werden, standen Daten und Uhrzeiten von Ereignissen meines Lebens! Akribisch aufgelistet. Sekundengenau.

Bei jedem Halt auf einer Station konnte ich ein weiteres Stück davon lesen.

Was hatte ich alles getan und gedacht?
Was folgte daraus?

Ich spürte Zufriedenheit. Alles war gut. Hell und Dunkel ergänzten einander. Nichts war überflüssig und ohne Sinn.

Eine Bewegung des festgebundenen Körpers unter der grünen Plane erweckte meine Aufmerksamkeit.

Sieben Köpfe hatten sich über ihn gebeugt und schauten ihn an mit vierzehn Augen. Ihnen entging nichts. Sie sahen alles, während es silbrig zwischen ihren emsig tätigen Händen schimmerte.

Hörten sie nichts?
Bemerkten sie denn nicht, wie sich das Bündel aufbäumte und schrie?
Lautlos schrie? Langgezogen und hoch?

Ich flüchtete in die Dunkelheit der Nacht.
Der letzte, große Schrei mein ständiger Begleiter.....


© Gudula Goering





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