Der Tod aus der Teekiste
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Februar 2002
Gefangen in Dir
von Irmgard Gravemann

Gefangen in Dir

Jeder von uns hat seine ureigenste Grundeinstellung, einen Kern. Kaum einer sagt aber wirklich, was er denkt. Darum ist es so schwer, den anderen zu verstehen, ihn glücklich zu machen. Das ist ihr in den letzten Tagen klar geworden, sie hat viel nachgedacht. Sie hat Zeit. „Hör endlich auf, mir Sachen zu sagen, die ich zu denken habe“, hatte Thomas ihr an den Kopf geworfen und sie sprachlos zurückgelassen. So direkt war ihr bisher nicht bewusst geworden, wie ihm die ständigen Diskussionen auf die Nerven gingen. Hatte sie ihn bevormundet.

Da, was war das, eine Maus. Früher hatte sie sich furchtbar vor Mäusen geekelt. Mittlerweile gehörten sie zu ihrem Leben. Wo waren all diese Mäuse, bevor sie sie entdeckten. Ihre plötzliche Gänsehaut war aber nicht nur auf die kleinen Nager zurückzuführen, sie fror unter der klammen Decke. Auch an den Anblick von Küchenschaben, die emsig nach Krümeln in den Ecken suchten, hatte sie sich gewöhnt. Woran sie sich allerdings nicht gewöhnen konnte, war das unablässige, zunächst nicht wahrgenommene Tropfen eines Wasserhahns. Ganz in ihrer Nähe, aber doch von weither, wie es schien, bedrohlich zu ihr durchdringend.

Dreizehn Jahre Thomas und sie. Ein glückliches Paar. Viele schöne Stunden, lange Gespräche, zärtliche Gefühle. Mit den Jahren ein glückliches Paar, mit der Zeit immer mehr für andere. In ihrer Beziehung hatten sich Gewohnheit und Desinteresse breit gemacht. War das nicht normal. Der Gang der Dinge, der Liebe. Irgendwann fing sie an, auch die Beziehungen anderer Paare kritisch unter die Lupe zu nehmen. Und tatsächlich, ein nur kurzes Aufblitzen in den Augen unter Paaren, die sich scheinbar zwanglos unterhielten deutete an, was sich auch in ihrer eigenen Partnerschaft entwickelte. Ein bedrohlicher Blick, eine vernichtende Geste, nur zu entschlüsseln vom Partner. Ein Zeichen des Widersprechens, die kleinen Feinheiten im Miteinander nahmen sie in ihren Bann. Doch bei Thomas und ihr war das anders, glaubte sie immer. Sie liebten sich doch. Schon so lange.
Ein Streit, der Wunden offen legte, musste nicht das Ende bedeuten, nicht für sie. Hatte sie bewusst nur registriert, dass Thomas öfter Überstunden machte oder hatte eine Vorsicht vor der Zerbrechlichkeit ihrer Beziehung sie dazu bewogen, nichts zu sagen, schon gar keine Vorwürfe laut werden zu lassen. Sie hatte dieses undefinierbare und doch überhand nehmende Gefühl der immer größer werdenden Distanz für sich behalten.

Ein Kitzeln, oh, eine Spinne hatte sich auf ihren Arm verirrt, der in der Sonne einen angenehmen Platz zum Verweilen bot. Wie spät war es eigentlich. Ihr war es mittlerweile egal. Hell und dunkel, daran orientierte sie sich.

Thomas und sie, hatten sie noch eine Chance, hatten sie noch eine Chance verdient, oder diese bereits verspielt im täglichen Machtkampf, im beständigen Nichtverstehen, dem anderen nicht zuhören, nicht zuhören wollen, weil man sich selber gerne zu wichtig nahm. War sie ungerecht, egoistisch gewesen.

„Du verstehst mich einfach nicht, du hörst mir überhaupt nicht zu, immer denkst du nur an dich,“ diesen Vorwurf von Thomas hatte sie vehement von sich gewiesen. Sie und nicht zuhören, das wäre ja noch schöner, hatte sie hysterisch geschrieen bei einer Auseinandersetzung, sie hatte sich gehen lassen. War sie für Thomas zum tropfenden Wasserhahn geworden. Dinge, die nicht mehr zurückzunehmen sind, wie konnte man sie relativieren. Wenn ich Thomas wiedersehe, werde ich einen Weg finden, dachte sie, es muss einen Weg geben, ja wenn...

Dunkelheit, also war es Nacht. In ihrer kargen Behausung gab es nicht einmal ein Buch. Was tat man, wenn man nachts nicht schlafen konnte und kein Buch hatte. Aua, etwas hatte sie gekniffen, ganz leicht und doch auf eine unangenehme Weise. Sie fuhr über ihre linke Wade. Sie fühlte nichts und der Schmerz ließ auch schon nach.

Da, da war es wieder, dieses Tropfen des Wasserhahns. „Ich werde die Tropfen zählen wie kleine Schafe, um wieder einzuschlafen“, dachte sie, „So brauche ich nicht über Thomas nachzudenken, über meine Fehler, die ihn wütend machten.“ Gerade nachts waren diese Gedanken schier unerträglich. Sie wollte jetzt nicht weinen, nicht schon wieder.

Der Morgen brach an. Ein Schleier von diffusem Licht bahnte sich einen Weg durch die schmalen Schlitze. Was machte Thomas jetzt. Dachte er auch manchmal an sie. War er froh, von diesen Wassertropfen befreit zu sein. Ihre Knie schmerzten. Die ganze Nacht, oder besser der Bruchteil der Zeit, für den sie in einen leichten Schlaf gefallen war, hatten ihre Knie an der kalten Wand gepresst gelegen. Steif kroch sie von der Pritsche. Durst. Eine Zahnbürste wäre jetzt schön. Sie fühlte sich schlapp und ließ sich wieder fallen. Sie konnte nicht aufstehen. Was sie jetzt erwartete waren viele wache Stunden im Monolog über ihre Beziehung, ihre Fehler und ihre verlorene Chance bei Thomas.

Später schien die Sonne spärlich in den kleinen Raum und erwärmte ihn leicht. Sie saß auf ihrem Bett und dachte an die Zukunft, die es vielleicht nicht gab. Das Urteil war noch nicht gefällt. Würden sie sich ändern können, lag das überhaupt in ihrer Macht. Sie wollte es versuchen, an ihr würde es nicht scheitern.

Ein Flasche stand in der Ecke, gleich neben der kleinen Luke, die sie immer mit den nötigsten Nahrungsmitteln versorgte. Wie hatte sie diese übersehen können. Schnell und behände war sie bei der Tür und griff zu. Sie traute im halbdunklen Raum ihren Augen nicht und lief zum verrammelten Fenster, um sich im Sonnstrahl Klarheit zu verschaffen. „Zu schön wäre die Vorstellung, aber sich nur nicht einer falschen Hoffnung hingeben“, murmelte sie monoton.

Doch, sie hatte recht gehabt. Er war es. Der Wein, der ihr die Wahrheit sagte. Ein roter. Ein Halbtrockener. Ihr Lieblingswein. Er hatte ihr also verziehen. Eine letzte Chance.

Polternde Geräusche kamen die knarrende Kellertreppe hinunter. Ihr Herz hämmerte. Es war soweit. Noch ein paar Stufen. Ein Kloß schnürte ihre Kehle zu. „Ich habe es nicht verdient, ich werde alles tun“, wimmerte sie auf zitternden Beinen. Schlüssel klimperten. Einer wurde ins Schloss gesteckt und gedreht. Die Tür ging auf und sie sah nichts mehr. Zu hell war die Taschenlampe, die unbarmherzig in ihr zermürbtes Gesicht flammte. Ihre Augen schmerzten beim kleinsten Blinzeln. „So“, sagte Thomas knapp, „ich hoffe, Du bist jetzt endlich zur Vernunft gekommen. Komm mit rauf, ich hab uns was gutes gekocht.“

(c) Irmgard Gravemann


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