Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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März 2002
Dämonenbrut
von Lutz Schafstädt


Fünfzig Stufen noch. König Grambold blickte die steinerne Wendeltreppe hinauf. Keuchend presste er seine Faust gegen die Brust, sammelte Kraft für den nächsten Schritt. Im Lauf der Jahre waren die Aufstiege in den Turm beschwerlich, sein Herz müde, seine Beine bleiern geworden. Doch die Furcht trieb ihn weiter, nahm keine Rücksicht auf sein Alter. Rechtzeitig, immer im Zenit der Sonne nach jedem Neumond, musste er am höchsten Punkt seines Reiches sein, um das Schicksal abzuwenden oder sein Volk würde ausgelöscht.
So war es ihm und allen Bewohnern seines Landes verkündet worden, vor nunmehr genau achtzehn Jahren, in einem gemeinsamen, apokalyptischen Traum. Gleichzeitig hatte er jeden erfasst, vom Kind bis zum Greis. In gleißenden Bildern drängte er sich hinter die Lider, wurde mit ungekannter Intensität erlebt, gefühlt und durchlitten.
Als wären sie durch eine geheimnisvolle Macht verbunden, waren alle Körper im selben Augenblick aus dem Schlaf geschreckt, vereinte sich das Entsetzen aus vielen Kehlen zu einem einzigen Schrei - brannte sich die Gewissheit tödlicher Bedrohung in jedes Hirn. Noch das Echo des geträumten Schmerzes in den Gliedern, strömte das Volk auf die Straßen und blickte zum Turm der Burg hinauf. Von seiner Spitze ging ein bläuliches Leuchten aus, er schien zu vibrieren und dumpfes Dröhnen drang herunter. Die Menschen erstarrten, denn sie kannten diese Szenerie. Es war der Auftakt ihres Traumes, das drohende Wetterleuchten des Untergangs. In diesen Sekunden veränderte sich aller Leben. Geduckte Angst und bange Hoffnung ketteten sich an den Alltag.
Im Turm lauerte fortan das Böse und der König war dazu bestimmt, sich immer wieder auf den Weg zu machen und zu verhindern, dass der unsägliche Traum sich in der Wirklichkeit vollendete.

König Grambold erreichte die Bodenluke zum Turmzimmer, stemmte seinen Nacken gegen das schwere Holz und stieg in den kreisrunden Raum. Das Gemäuer aus grob behauenen Feldsteinen war ringsum von schmalen Fenstern durchbrochen, durch die der Wind pfiff. Das Licht eines strahlenden Tages, von den Fensterbogen wie in Finger zergliedert, tastete sich über die Bohlen des Bodens. Er war an mehreren Stellen schwarz verkohlt.
Der König stellte erleichtert fest, dass noch Zeit war, bis die Sonnestrahlen die Scherbe erreicht hatte und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.
Die Scherbe lag seit jener Traumnacht in der Mitte des Raumes. Sie war unregelmäßig geformt, wie trockenes Herbstlaub gewölbt und schimmerte wie Perlmutt. Den tapfersten Ritter des Landes war damals befohlen worden, sie zu entfernen. Auch ihnen standen die Traumbilder noch vor Augen und sie waren von Angst erfüllt. Doch sie gehorchten. Als sie zögernd die Hände nach der Scherbe ausstreckten, zuckten Blitze daraus hervor und die Ritter sanken, wie Fackeln brennend, zu Boden und zerfielen zu Staub. Seither hatte außer dem König niemand mehr den Turm betreten.
Von den Turmfenstern aus fiel der Blick des Königs in allen Richtungen auf das Meer. Um die Grenzen seines Reiches zu sehen, musste er näher herantreten. Erst stieg die Küstenlinie der Insel über den Fenstersims hervor, dann folgte das finstere Grün der Wälder und die Rechteckmuster der Felder. Die Stadt wurde erst sichtbar, wenn er seinen Kopf über die Grenze der dicken Mauer hinausschob. Weit unten kauerten sich die Häuser gegen die Wälle der Burg.
Über diese Dächer wird sich der Tod ergießen wie siedendes Eisen, wenn ich es einmal nicht mehr schaffen sollte, pünktlich hier zu sein, dachte der König. Er wusste, dass jeder seiner Untertanen diese Sorge in sich trug. Über die Jahre waren seine Kräfte geschwunden und der Tag nicht fern, da er die Stufen nicht mehr erklimmen könnte. Es war ein hoffnungsloses Spiel auf Zeit, in dem sich die Schlinge der Bedrohung immer enger zog.
König Grambold spürte förmlich die flehenden Blicke seiner Untertanen zu sich heraufsteigen. Wie immer, wenn er hier stand, beschlich ihn eine nervöse Unruhe. Aus den Poren seiner Stirn begann Angstschweiß zu sickern, der sich in den Runzeln seiner Haut zu Tropfen sammelte, die sich zu Bächlein vereinten und zwischen seinen Brauen zusammenflossen.
Die ersten Sonnenstrahlen brachen sich an der Scherbe. Der König hörte es, denn ein anschwellendes Zischen übertönte das Rauschen des Windes. Wie eine sich aufblähende Seifenblase wuchs eine silbrige Kugel aus ihr hervor. Schnell erreichte sie die Zimmerdecke und quoll in die Breite. König Grambold wich zurück, bis sein Rücken die kalte Mauer spürte. Gleich war der ganze Raum angefüllt. Regungslos verharrte er und sah mit aufgerissenen Augen die Kugel sich nähern. Wolken milchigweißer Schwaden zogen unter ihrer Oberfläche entlang. Er kannte dieses Bild und doch gefror ihm jedes Mal wieder das Blut. Er spürte, wie die äußere Haut der Kugel ihn erreichte und hielt sich schützend die Hände vor sein Gesicht. Die breiige Masse berührte ihn. Eine feuchte Wärme ging von ihr aus. Der König löste seinen Körper von der Wand und sofort war er wie von Strömen flüssigen Quecksilbers umschlossen.

Am Fuß der Burg richteten die Menschen ihre Blicke zum Turm hinauf. Das nur zu gut bekannte Grollen war zu hören und die Turmspitze war einmal mehr von bläulichem Schimmer umgeben. „Es hat begonnen“, flüsterte man sich gegenseitig zu. Mehr als eine Stunde würde es dauern, bis sich entschied, ob das Grauen bis zum nächsten Neumond eingedämmt blieb.
Roald stand bei einer Gruppe jüngerer Männer. Er feierte heute seinen achtzehnten Geburtstag und hatte die Zeit vor der lähmenden Angst nie kennen gelernt. Das Ritual des Aufstiegs des Königs gehörte fest zu seinem Leben. Er empfand die beklemmende Stimmung der Älteren als selbstverständlich, war in ihre Welt hineingewachsen und stellte keine Fragen. Mit innerer Ruhe hob er seine Hand über die Augen und schaute nach oben. Es wird nichts passieren, dachte er. Wie immer.
Als Roald sich zum Weitergehen umwandte, sah er etwas um die Hausecke verschwinden. Eine Elfe! Was hatte sie hier zu suchen? Ihr Völkchen hielt sich doch sonst immer im Wald versteckt! Er setzte ihr nach. Mit großen Schritten holte er sie ein und warf mit einem kraftvollen Sprung die Hände über sie. Die Elfe zappelte und piepste ihm etwas zu. Roald achtete nicht darauf, sondern steckte sie schnell in seine Manteltasche und ging mit seiner Beute nach Hause.

König Grambold trat aus einem weißen Nebel heraus und fand sich in einem Felsengewölbe. Er wusste, wohin er zu gehen hatte. Am ganzen Körper zitternd schritt er tiefer die Höhle hinein. Entfernt hörte er ein Schnaufen und moderiger Geruch stieg ihm in die Nase. Dann sah er das Untier. Es hatte einen gedrungenen, aber massigen Körper mit kümmerlichen Gliedmaßen. Sein Kopf war so groß wie der König selbst.
Es war bereits das vierte Ungeheuer, das König Grambold aufwachsen sah. Erst waren sie plump, in ihren Bewegungen unberechenbar und gefährlich. Dann entwickelte sich der Kopf, mit einem riesenhaften, von spitzen Zähnen besetzten Maul. Schließlich wuchsen ihnen Flügel. Ein sicheres Zeichen, dass der Kreislauf von fünf Jahren bald von neuem beginnen würde. Hunderte Male war der König bereits in diesem Nest gewesen, stets damit rechnend, im nächsten Moment verschlungen, erdrückt oder erschlagen zu werden.
Das hässliche Untier hatte ihn bemerkt. Es schnellte herum und schob den Kopf vor. Seine tellergroßen Augen näherten sich, bis der König darin sein Spiegelbild erkennen konnte. Mit zuckenden Nüstern begann das Untier gierig an ihm zu schnüffeln. Bis auf wenige Millimeter rückte es heran und wippte mit seinem mächtigen Schädel. König Grambold schlug übelriechender, von schmierigen Tröpfchen durchsetzter Atem entgegen. Er sah die blasse Echsenzunge immer wieder hervorschnellen und fühlte ihre raue Haut über sein Gesicht streichen. Sie sammelte die Rinnsale von seiner Stirn und der König hatte genügend Angst, sie nicht versiegen zu lassen.

Roald hatte die Elfe hinter das Glas einer Laterne gesperrt, stellte sie auf den Tisch und nahm auf einem Hocker platz, um sie zu betrachten. Eine Elfe zu erwischen war ein seltenes Glück.
„Lass mich wieder frei“, bettelte die Elfe mit leiser Stimme.
„Nein“, sagte Roald. „Dann entwischst du mir.“
„Aber nein. Ich war doch zu dir unterwegs. Ich muss dir etwas Wichtiges sagen!“
Roald glaubte ihr nicht und hielt ihre Worte für eine List. „Ausgerechnet wir zwei haben etwas zu bereden? Da bin ich aber gespannt. Dann los, erzähl mal!“
„Lass mich frei! Ich ersticke in dieser engen Röhre!“
„Na, warte erst mal, bis ich die Lampe entzünde“, meinte Roald belustigt und stand auf, um zu gehen. Sein Interesse an der Elfe hatte sich bereits zerstreut.
„Halt!“ rief sie, so laut sie konnte. „Du verstehst nicht! Du musst das Königreich aus seiner Not befreien! Du bist erwählt!“
„Was bin ich?“ Roald trat an den Tisch zurück. „Treib keine Scherze mit mir, sonst wird es dir schlecht ergehen!“
„Hör mir zu. Es ist mir ernst. Willst du nicht wissen, was du tun musst?“
„Ich will ganz etwas anderes von dir hören. Woher wollt ihr Elfen wissen, was zu tun ist?“
„Wir wissen es schon die ganze Zeit. Der Bann, mit dem euer Königreich belegt wurde, kann gebrochen werden.“
„Warum habt ihr denn mit dieser Botschaft so viele Jahre gewartet?“
„Die Zeit war noch nicht reif. Du warst noch nicht bereit.“
„Warum ich?“
„Fragen, Fragen. Ich verstehe dich. Aber lass mich doch einfach der Reihe nach erzählen.“
„Gut. Aber hüte dich, wenn es Ammenmärchen sind!“
„Niemand weiß, was damals wirklich geschah. Ein Dämon flog nachts über Eure Insel und hinterließ eine Schuppe seiner Haut im Turm der Burg. Sie ist ein Tor in die Welt der Ungeheuer, das sich nach jedem Neumond in der Mittagssonne öffnet. Es verbindet euch mit dem Nest des Dämons und ihr ernährt seinen Nachwuchs mit eurer Angst. Deshalb gab es auch diesen entsetzlichen Traum. Er hat die Angst zum wichtigsten Teil eures Lebens gemacht. Die gleiche Angst verhindert es, dass sich jemand der Schuppe, die ihr für eine Scherbe des Bösen haltet, nähert. Wer es versucht, muss verbrennen.“
„Warum verbrennt der König nicht?“
„Er trägt die Angst durch das Tor, ist der Bote. Er bringt der Brut ihr Futter. Auch er würde zu Asche werden, sollte er versuchen die Schuppe zu berühren. Und es ist wahr, das der Tod über das Land kommen wird, sollte der König einmal zur Fütterung ausbleiben. Der Dämon wird dann furchtbare Rache nehmen und aus dem Turm hervorstürmen und nicht eher ruhen, bis er den Letzten deines Volkes bei lebendigem Leibe in Stücke gerissen hat. Im Traum hat jeder dieses Schicksal schon erlitten.“
„Die Scherbe ist ein Stück Haut eines Dämons“, sagte Roald nachdenklich. „Haben die Leute das geträumt? Davon habe ich nie gehört.“
„Nein. Wie gesagt, niemand sah, was wirklich geschah. Nur euer König weiß es und spricht nicht darüber, was er im Turm erlebt.“
„Und ich kann etwas dagegen tun?“
„Ja. Du bist der Erste der Nachgeborenen dieser Nacht. Verstehst du? Du wirst heute achtzehn Jahre alt. Du hast den Traum nicht gesehen. Dir kann der Bann nichts anhaben. Du kannst sogar die Schuppe berühren. Aber die Zeit drängt. Auch der Dämon weiß, dass die nächste Generation herangereift ist und wird euch bald wieder heimsuchen. Geh auf den Turm!“
Roald zweifelte. „Und was, wenn du von diesem Ungeheuer zu mir geschickt wurdest? Der König ist alt. Wenn ich zu ihm eile, wer sagt mir dann, dass ich mich nicht plötzlich als sein Nachfolger, als Pfleger von Bestien wieder finde? Ich werde die Brut zertreten!“
Er sprang auf und entließ hastig die Elfe aus der Laterne, ohne auf ihre weiteren Worte zu hören. So schnell er konnte, lief er zur Burg, griff im Vorüberhasten ein Schwert von der Wand und stürmte den Turm hinauf.

Das junge Untier wich von König Grambold zurück. Fast ein Stunde hatten sie sich eng gegenübergestanden, war er beleckt und beschnüffelt worden. Nun war der König war am Ende seiner Kräfte. Er begann sich mit kleinen Schritten rückwärts zu bewegen, bis er seine Füße den Nebel erreichen sah. Im nächsten Augenblick war der Spuk vorbei und er fand sich allein im Turmzimmer. Die Scherbe lag in der Mitte, als wäre das eben Geschehene nur eine Illusion gewesen.
Der König fühlte sich matt und ließ sich auf den Boden sinken. Eine Minute nur wollte er ausruhen, bevor er sich an den Abstieg machte. Da hörte er sich nähernde Schritte. Erschrocken rappelte er sich auf und wollte dem Ankömmling entgegenlaufen, ihn aufhalten. Doch schon hatte Roald den Raum erreicht.
„Was tust du hier? Bist du von Sinnen?“ rief König Grambold zornig. „Geh unverzüglich zurück!“
Roald brauchte einige Zeit, bis er den Atem zum Sprechen hatte. „Ich bin zu spät! Das Tor hat sich schon geschlossen. Ich habe versagt.“ Er ließ das Schwert aus seiner Hand gleiten.
„Was hattest du vor? Wolltest du uns alle ins Unglück stürzen?“
„Ich hätte die Brut vernichtet! Ein für alle Mal. Aber nun werde ich die Schuppe in tausend Stücke schlagen, um den Weg zu den Ungeheuern auf Immer zu verschließen.“
„Nur zu!“ brüllte der König. „Verbrennen wirst du. Und wenn nicht, so wird in kürzester Zeit der Dämon hier erscheinen und blutig Rache nehmen. Weißt du nicht was geschieht, wenn ich nicht zur Zeit durch das Tor zu ihnen hinüberwechsle? Jugendliche Tollheit ist das. Einfältiger Übermut!“
„Ihr seid alle gelähmt von eurer Angst. Feigheit, an der sich Bestien mästen. Jetzt ist Schluss damit!“ Roald nahm sein Schwert wieder auf und setzte an, in die Mitte des Raumes zu gehen. Der König stellte sich ihm in den Weg.
„Geht zur Seite, oder ich muss euch niederstrecken!“
„Warte. Ich verstehe deine Ungeduld. Keiner wünscht sich ein Ende dieses Alptraumes mehr als ich. Wenn du wirklich der bist, der uns erlösen kann, dann brauchst du einen kühlen Kopf.“
Roald beruhigte sich, ließ enttäuscht den Arm sinken und murmelte: „Was können wir denn nur tun?“
Der König antwortete nicht. Er ging an ein Fenster und blickte nachdenklich hinaus.
„Die Elfe sagte, ich allein könne es berühren. Seht her!“ Roald beugte sich herunter und legte seine Hand flach auf die mehrere Zentimeter dicke Schuppe. „Es muss ein riesige Bestie sein“, sagte er respektvoll. Er stand auf und ging zum König hinüber, der ihn erstaunt ansah.
„Was genau hat die Elfe dir erzählt?“ fragte der König.
Auf sein Schwert gestützt drehte sich Roald dem König zu und begann zu berichten. Da fiel ein von der blanken Klinge reflektierter Lichtstrahl auf die Schuppe. Kurz war das Zischen zu vernehmen.
„Das Tor!“, rief Roald. „Wir können es noch öffnen! Geht aus dem Lichtschein heraus. Schnell, die Sonne wird bald nicht mehr günstig stehen.“
„Warte doch“, sagte der König, doch Roald achtete nicht mehr auf ihn. Er beugte sich zur Schuppe herunter, nahm sie ohne zu zögern in seine Hände und schob sie in die Strahlen der Sonne. Sofort begann sich die Blase zu bilden und rasch zu wachsen. Als sie die Decke fast erreicht hatte, machte Roald einen mutigen Schritt mitten hinein und war verschwunden. Der König eilte in den Treppenschacht, bevor die Blase den ganzen Raum gefüllt hatte.

Am Fuße der Burg bemerkte das Volk, dass Ungewöhnliches im Turm vorging. Erneut, zu dieser ungewöhnlichen Stunde, schwoll das bedrohliche Dröhnen an. Die Menschen kamen aus ihren Häusern und sammelten sich in kleinen Gruppen, den angsterfüllten Blick nach oben gerichtet. Plötzlich veränderte sich das Geräusch, ging in das Grollen nahender Gewitter über und mündete in einen kurzen, ohrenbetäubenden Knall. Aus den schmalen Fensterschlitzen des Turmes quoll eine graue Masse und rann das Gemäuer herunter. In Panik stoben die Grüppchen auseinander. Von hysterischen Schreien begleitet strebten die Menschen den Stadttoren zu, wohl wissend, dass ihre Flucht sinnlos war und es kein Entrinnen gab.

Roald stand wieder im Turmzimmer, über und über mit zähem Schleim bedeckt, der auch im ganzen Raum verteilt war und die Wände herunter glitt.
König Grambold steckte seinen Kopf aus dem Treppenschacht. „Was ist geschehen? Was hast du getan?“ sagte er flehend. „Ist die Schuppe fort?“
„Nein. Ich spüre sie hier, neben meinem Fuß“, antwortete Roald. „Ich war erfolglos. Ich ging durch ein Labyrinth stinkender Höhlen. Kein Ungeheuer war dort. Nichts, was an ein Nest erinnern würde. Dann habe ich die Orientierung verloren. Ich wusste mir nicht anders zu helfen, als mit dem Schwert Markierungen in den Fels zu ritzen, um mich nicht noch weiter zu verirren. Doch der Fels war weich wie Butter, ich stieß mein Schwert bis zum Schaft hinein und plötzlich war ich wieder hier.“
„Du Unglücklicher. Nun wird der Dämon sich rächen. Wir sind verloren!“
Jetzt war es an Roald, sein Gegenüber zu beschwichtigen.
„Die Elfe hat mir gesagt, der Bann kann gebrochen werden. Es muss einen Weg geben! Wenn ich mit allem eine grausame Rache provoziere, wird es unausweichlich sein, dass wir uns einem Kampf stellen. Doch dazu wird es mehr brauchen als Mut. Und ich werde es nicht allein schaffen können. Vor allem aber dürfen wir ab jetzt nicht mehr schlafen, müssen wach bleiben und bereit, bis die Schlacht gefochten ist.“
Roald stockte im Vortrag seiner Überlegungen. „Moment mal. Der Traum! Der Schlüssel zur Antwort muss im Traum liegen. König Grambold, ihr müsst mir den Traum erzählen, bis in jede Einzelheit!“
Der König berichtete mit ruhigen Worten, was bisher jeder zu erzählen gescheut hatte. Von mordenden Bestien, die aus dem Turm hervorstürzen. Vom geschmolzenem Metall, das sich in die Stadt ergießt. Von Höllenqualen, die jeder endlos an Leib und Seele erdulden muss. Von sich selbst, wie er die Stufen heraufeilt, um dieses Schicksal zu stunden.
„Das ist es!“ rief Roald aus. „Es ist der Turm. Der Fluch ist untrennbar mit ihm verbunden. Deshalb musste jeder verbrennen, der die Schuppe zu berühren wagte. Sie muss im Zentrum dieses Raumes liegen, denn der Raum ist es, aus dem sie die Kraft bezieht, ein Tor in die Welt der Dämonen zu öffnen. So muss es sein! Nur so passt alles zusammen!“
Er ließ sich auf seine Knie fallen und tastete mit den Händen in der breiigen Masse nach der Schuppe. Er hob sie auf und wandte sich wieder den König zu.
„Wir nehmen sie mit nach unten.“
„Und dann ist der Bann gebrochen?“ fragte König Grambold ungläubig.
„Das werden wir sehen. Jedenfalls wird beim nächsten Neumond das Tor geschlossen bleiben. Der Dämon wird sich einen anderen Weg in unsere Welt suchen müssen. Bis dahin haben wir Zeit. Wir werden Hilfe brauchen, sollten uns bei Magiern Rat holen.“
Sie schlugen hinter sich die Bodenluke zu und stiegen die Stufen hinab.

Die Menschen kehrten in die Stadt zurück, verwundert, dass sie und ihre Welt nicht verschlungen worden waren. Der König legte sich die Worte zurecht, die er an sein Volk richten wollte. Roald dachte über die Abenteuer nach, die die Zukunft bringen würde und sah sich als Held an der Seite des Königs. Unter den Arm geklemmt hielt er die Schuppe. In diesen Sekunden veränderte sich aller Leben.



(c) Lutz Schafstädt

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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