Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Petra Lehrmann IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
März 2002
The black Knight
von Petra Lehrmann



In dieser Nacht würde der Junge einen Gott bestehlen.
Sein Bruder, ein Jahr mehr von der Heirat entfernt, schlich hinter ihm her. Er war wie ein Schatten für den Jungen.
Sie schritten weiter voran, an den Baumriesen vorbei. Der Größere führte den Kleinen und sie versuchten keinen Lärm zu machen in diesem unheimlichen Wald.
"Grauauge. Vater hat's verboten."
Der ältere Junge zischte zurück: "Ich weiß."
Sein Bruder trat auf einen Zweig und der krachende Laut trieb wie das Donnergrollen vor einem Gewitter durch die einsame Gegend. Beide Kinder hielten angstvoll inne und lauschten. Vor ihnen raschelte etwas im Gebüsch. Ein dunkler Kater sprang hervor und huschte einen Baum herauf. Dann Stille.
Dunkel erinnerte sich der kleine Bruder an das Festgelage, welches gerade auf der Burg stattfand, als wäre es schon eine Ewigkeit her. Er drehte den Kopf und sah zurück, in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Merkte er nicht den schwachen Schein, der noch auf die schwarzen vermoderten Blätter fiel? Das warme Feuer des gemütlichen Heims, zur Seiten seines Vaters sitzend, hier und dort einen Tropfen des süßen Weins erhaschend?
Die Enge des Waldes umschlang ihn und drückte wie eine eiserne Faust den Brustkorb zusammen. Er rang nach Luft.
"Da! Wir haben es gleich geschafft. Ich wollte es schon immer wissen, wie es so ist!" flüsterte Grauauge vor ihm und legte an Schritt zu. Er selbst kam kaum noch mit dem rennenden Jungen mit. Keuchend holte er ihn ein und prallte unsanft auf dessen Rücken. Wieso war er plötzlich stehen geblieben? Er konnte auch keinen Deut besser sehen, je mehr sie doch auf die Lichtung zuschritten.
Grauauges' linke Hand bedeutete dem Kleinen ihm weiter zu folgen. Sie zitterte leicht. Schon fragte der jüngere sich, ob es eine so gute Idee gewesen wäre, hierher zu kommen.
(Doch als Grauauge sich zu ihm drehte und er in dessen grünes und graues Auge blickte, erkannte er die Antwort. Wären sie nicht heute gegangen, wäre es doch trotzdem passiert. Früher oder später. Er erblickte ein Feuer in diesen Augen, welches seine Seele verschlingen konnte, und welches einen Gott zu bestehlen vermochte.)
Sie traten auf die verbotene Lichtung des Waldes. Ihre Eltern hatten sie immer gewarnt. Nur einmal in einer ganzen Mondlaufbahn durfte ein Ausgewählter hierher. Und meistens kam er nicht zurück. Was er hier machte, wusste keines von den Kindern auf der Burg. Die Erwachsenen erzählen ja nichts. Außer Ammenmärchen um Kobolde und dergleichen. Jeder wusste doch, dass es solche nicht gab.
Dafür, dass sie mit Fabelwesen bevölkert sein sollte, unterschied die Lichtung sich nicht sehr von allen anderen Lichtungen im Wald. Die Bäume verwoben sich über den beiden Jungen miteinander. Ihre festen Dächer ließen den vollen, runden Mond nicht bis auf den Boden durch. Sie drohten mit ihren knorrigen Ästen und stöhnten, als der aufkommende Wind an ihnen zerrte.
Bald schon war das Heulen des Windes lauter als ihre eigenen hauchdünnen Jungenstimmen im Wald.
Der Jüngere hielt sich fest an einem Stamm, Grauauge stand staunend auf der Lichtung. Von dort glomm ein rötliches Licht auf und bedeckte alle umliegenden Bäume mit seinem Schimmer.
"Warte! Vater hat's doch verboten!" Die warnenden Worte des jüngeren verhallten ungehört und der Wind riss sie mit sich fort.
Er wollte seinem Bruder nacheilen, doch als der Junge einen Schritt auf die rotbraune Erde setzte, ging ein Zittern durch den Boden und er spaltete sich. Rot glomm es auch aus diesem Riss hervor, zusammen mit einem stechenden Geruch nach Feuer, Holz und Schwefel. Der Junge schreckte zurück. Sein Bruder schien nichts davon zu bemerken. Er schritt weiter langsam auf die Mitte der Lichtung zu. Der Himmel war schwarz. Der Mond versteckte sein Antlitz vor dem Grauen, welches sich auf der Erde entfaltete.
Immer mehr Risse gesellten sich zu dem einen, der von dem Fuß des kleinen Jungen ausging.Der wich zurück und verbarg sich hinter einigen Hoyaka-Büschen. Dann folgte dem heulenden Wind hinter seinem Rücken ein dumpfer Knall. Das Rumpeln und Plätschern von Wasser nahm bald sein ganzes Hörvermögen ein. Es wechselte sich abrupt mit dem Wind ab und ehe er sich versah, war er in Mitten der Wassermassen, die durch den Wald eine Schneise brachen. Mit einem erstickten Laut wurde er von seinem Bruder fortgerissen. Er tauchte in die nachtschwarzen Fluten ein. Jedes mal, wenn er wieder durch die gurgelnde Oberfläche stieß, um keuchend und schnaufend Luft zu holen, musste er aufpassen, dass keiner der umherschießenden Baumstämme ihn traf. Als es schließlich doch passierte, entglitt ihm das Bewusstsein und er verlor sich in den Fluten.

Grauauge war nun fast in der Mitte der Lichtung angekommen. Als er sich nun umsah, bemerkte er, dass sich diese Lichtung gewaltig von den anderen unterschied. Die Bäume besaßen nicht alle den gleichen Rang. Sie schlossen nicht in einer Reihe den Wald ab, wie er es so oft schon gesehen hatte. Fünf hohe Eichen ragten aus dem Dunkel hervor und glühten rotgolden.
Grauauge richtete seinen Blick gen Himmel, um dort die Sterne zu beobachten und an ihrem Bild vielleicht herauszubekommen, was dieses Schauspiel sollte. Doch was er sah, verschlug ihm ein weiteres Mal den Atem. Von den höchsten Zweigen der fünf Bäume wob sich aus der Energie von Zauberern ein rotgoldenes, feines Netz zu jedem anderen der Wipfel.
In dem sich entwickelnden Pentagramm sah Grauauge Schätze sich spiegeln, die er schöner noch nie zuvor gesehen hatte. Er blickte zur Erde und auf den Riss in ihr. Es war auf einmal totenstill. Er beugte sich hinab. Mit seiner Hand griff er nach spinnendürren Fäden, welche die Schätze umspannten. Er zog ein Geschmeide hervor, hielt es vorsichtig und achtungsvoll in den Händen und ließ seine Finger sanft darüber gleiten. Es nahm ihn mit seiner schlichten Pracht vollkommen gefangen. Die Rubine schienen grad so, dass sie nicht überladen wirkten an dem dünnen Goldband. Die Smaragdsplitter waren so dünn, dass sie sich in das goldene Band gewirkt, um einen jeden Arm schmiegten.
Dann sah er Kronen an sich vorbeiziehen, Zepter, Gewänder. Nicht einmal ein König, der mit den Göttern im Bunde war, hätte solche Dinge fertigen lassen können.
Grauauge steckte das Geschmeide in seine Tasche, es würde ein schönes Geschenk für seine Mutter sein. Und sein Vater würde ihm keine Schelte geben, da er so schönen Schmuck mitgebracht hatte.
Plötzlich schossen rote Fontänen aus dem Riss in die Höhe. Er sprang erschrocken fort und kletterte auf einen der Bäume. Ein Gebrüll und Getose erhob sich, und Grauauge stellte fest, dass er gerade noch zur rechten Zeit auf den Baum geflüchtet war.
Ein riesiger Fluss brach durch die Bäume und ergoss sich in der Lichtung wie ein wildes Tier. Rauch entwickelte sich blitzschnell, als das schwarze Wasser auf den feurigen Riss traf. Fern hörte Grauauge die erstickten Schreie seines Bruders.
Er spürte wie die Wärme des Vulkans noch weiter stieg. Es schien genau unter ihm hervorzukommen, so als verwandelte sich der Boden in eine Säule aus Feuer. Nicht mal das Wasser konnte die Hitze mindern, vielmehr brodelte es und zischte, verschwand nach einigen bangen Minuten und hinterließ nur ein Trümmerfeld von Holz, Matsch und einer in sich verkrümmten Gestalt, die kaum noch atmete. Als Grauauge dessen gewahr wurde, sprang er hinunter und rannte zu seinem Bruder.
„Bruder“, flüsterte seine erstickte Stimme, „Das wollte ich nicht...!“
Er bemerkte nicht, dass der Mond verdunkelt wurde von einem riesigen Schatten. Er saß nur da, wiegte den Kopf seines Bruders im Schoß und weinte lautlos vor sich hin.
Eine mächtige Stimme dröhnte auf einmal um die beiden Jungen herum, das Feuer flackerte wieder auf und bedeckte die Trümmer mit einem unruhigen Licht.
„Wer bist du, dass du es wagst, hierher zu kommen und die Schätze zu nehmen?“
Grauauge sah nicht auf.
„Ich bin ein Niemand, Herr“, er schluckte schwer, „Ein Niemand ohne meinen Bruder.“
Er strich über das nasse Haar seines lebenslangen Gefährten, der leise röchelte. Grauauge zog seine Hand zurück und fand Blut an ihr kleben.
„Dein Bruder? Der, der dort liegt?“
Grauauge nickte matt. Er hörte ein leises Flappen und dann ein Geräusch, als würde Pergament fein säuberlich auf einem Haufen zusammengelegt. Diesmal sprach eine weibliche Stimme ihn an.
„Du bist dir gewahr, dass du die Schätze des Drachengottes Kahr versucht hast du stehlen?“
Grauauge nickte wiederum. Er versuchte keine Ausflüchte zu geben, dafür war es jetzt wahrlich zu spät.
„Ich habe versucht, meinem Vater zu imponieren, und das einzige, was ich vorweisen kann, ist ein Bruder, der bald fortgehen wird.“
Dann sah er das erste Mal hinauf zu den Besitzern der Stimmen.
Er musste sein Auge zukneifen, als er die Gestalten durch das immer noch leicht lodernde Feuer ansehen wollte. Ein bronzener und ein goldener Drache, jeder einzigartig in seiner Gestalt. Anmutig, weise und wissbegierig. Grauauge wusste, dass es gute Drachen warten. Es war ihm von klein auf beigebracht worden. Und wie er da so saß, war er irgendwie erleichtert, nicht einen ihrer blauen, grünen, schwarzen oder roten Artgenossen begegnet zu sein. Er wäre für diese Drachen leichte Beute gewesen.
Das Weibchen neigte ihren Kopf zu ihm herunter und ihm stieg ihren wohltuender Geruch in die Nase. Sie roch nach Butterblumen und Holz und ein kleinwenig nach den wilden Tieren. Er kannte den Geruch von wildem Tier aus der Küche, wenn ein gerade erlegter Hirsch zubereitet wurde.
Er sah ihre glänzenden, hellblauen Augen an, und wie in Trance streckte er seine Hand aus und berührte ihre schwarzbläulich umrandeten Schuppen. Die Drachin lachte leise auf und sagte: „Nun, das kitzelt. Lass es lieber, oder hier zieht gleich Nebel auf. Das ist meine Odemwaffe.“
Sie zog ihren Kopf wieder zurück und sah ihren Begleiter an. Sie unterhielten sie sich auf subtile Weise mit ihren Augen und knurrenden Lauten.
Dann sprach der männliche Drache wieder. Seine gelben Augen leuchteten auf und aus seinem Rachen züngelten kleine Flammen.
„Kahr wird es nicht mögen, aber wir werden dich gehen lassen und deinen Bruder heilen. Aber nur, wenn du dein Leben dem Drachengott widmest.“
Grauauge schüttelte den Kopf. „Wir sind doch Euruth verpflichtet. Er ist der unsrige Gott.“
Der goldene Drache bewegte sich leicht und Grauauge musste seinen Blick abwenden, denn das Glitzern der Drachen-Schuppen stach in seinem Auge und ließ Schatten tanzen.
„Nein, du bist Gottlos – du hast versucht, einen Gott zu bestehlen. Du wirst uns dienen und jeden Sonnenzyklus an einer der Opferstätten für Kahr dein Gold und deine Edelsteine ablegen. Und glaube ja nicht, dass du uns täuschen kannst. Wir werden wissen, wenn du uns nicht alles bringst. Außerdem fordern wir in jedem Mondzyklus den besten Hirsch, den du erlegst. Sei dir kein Hirsch gnädig, dann bringe uns eines der Tomar-Rinder mit ihrem seidigen Fell.“
Grauauge sah sie hart an und nickte dann. „Ich schwöre bei meinem Blut, dass ich euch gehören werde, bis an das Ende meiner Tage!“
Die bronzene Drachin beugte sich nochmals zu ihm herunter. Sie nickte: „So ist’s recht.“
Dann blies sie einen sanften Wind über den am Boden liegenden Verwundeten. Grauauge bedeutete sie, sich neben seinen Bruder zu legen und die Augen zu schließen.
Grauauge ging von dem Tag an verschlossen durch die Welt. Er kannte schon jetzt seinen Namen, den er einmal tragen würde: der schwarze Ritter. Sein Bruder hatte ihn einmal so genannt, es war schon lange her. Er blickte auf seinen Bruder hinab mit tiefer Liebe im Auge und schloss es.
Als er es wieder öffnete, war er zu Hause in seinem Bett. Er sprang auf und lief zu dem offenen Burgfenster. Er sah hinaus in die sternklare Nacht, sein Herz jubilierte – es war doch alles nur ein Traum gewesen. Dann wandte er sich zurück zu seinem Schlafgemach und sein Auge glitt über seinen Bruder. Kalt wurde es ihm ums Herz und er sprang auf das Bett zu. Sein Herz hämmerte wie wild in seiner Brust, doch als er seinen Bruder ruhig atmend dort liegen sah, entspannte er sich.
Er glitt zurück in sein Bett, drehte sich auf seine rechte Seite und ließ noch einen letzten Blick auf den Tisch neben seinem Bett fallen, auf dem der Krug mit Wasser stand, wenn er des nachts durstig wäre. Er riss sein Auge weit auf. Seine Hand tastete sich zu dem Tischlein hin und fuhr über das ungewohnte Amulett, welches dort lag.
Eine eingefasste Drachenschuppe. Sie glänzte bronzen im fahlen Licht des Mondes, ihre Ränder färbten sich blauschwarz. Unbewusst legte er es sich um und nickte. Es war gut so, wie es passiert war. Und wie aus weiter ferne hörte er die Drachin sagen: „Denke an deinen Schwur!“

(c) Petra Lehrmann

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
Dieser Text enthält 12789 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren
Copyright © 2006 - 2026 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.