Ganz schön bissig ...
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April 2002
Endstation
von Andreas Schröter


Charlottentor. Frank Holter bremste die Straßenbahn auf Schrittgeschwindigkeit herunter und brachte sie schließlich ganz zum Stehen. Zwei Fahrgäste stiegen ein und drei aus, wie er mit einem zufriedenen Blick in den Rückspiegel feststellte. Das lag exakt im Schnitt für die 17.23-Uhr-Tour. Er trug die Zahlen fein säuberlich in seine zu Hause liebevoll von Hand gefertigte Tabelle ein. Morgen würde das Blatt zu Ende sein. Er würde es in seine dicke Akte „Fahrgastzählung“ heften und ein neues Blatt mit feinen Linien zur Schicht mitnehmen. Er war seines Wissens der einzige Fahrer, der genau wusste, wie viele Fahrgäste wann und wo auf seiner Strecke aus- und einstiegen. Frank schüttelte kaum merklich den Kopf. Er konnte nicht verstehen, dass seinen Kollegen die Arbeit so egal war. Einmal hatte er seinem Chef die Akte gezeigt. Es war doch möglich, dass die Straßenbahngesellschaft ihm, Frank Holter, dafür eine Belobigung aussprach. Aber der Chef hatte nur freundlich genickt und sich dann schnell verabschiedet. Er war in Eile gewesen. Nächste Woche würde ihm Frank die Akte noch einmal zeigen.
Die Straßenbahn rollte wieder. Frank wartete, bis sie exakt auf der Höhe des dritten Mastens nach der Neustädter Brücke war, dann räusperte er sich kurz, zog das Mikro etwas näher heran und sagte gut akzentuiert und mit einer sympathisch weichen Stimme: „Nächster Halt: Thomas-Mann-Straße“. Es war 17.29 Uhr, als die Bahn zum Stehen kam. Und genau um 17.29 Uhr musste er fahrplanmäßig an dieser Stelle sein. Perfekt – wie immer, wenn Frank Holter auf dem Fahrersitz saß. Diesmal stiegen sieben Fahrgäste zu und zwei aus. Das entsprach wieder genau den Durchschnittswerten, die Frank Holter auf der Basis jahrelanger Eintragungen für diese Haltestelle und um diese Uhrzeit ermittelt hatte. Er war zufrieden. Er war gerne Straßenbahnfahrer. Eine Straßenbahn verließ nie ihren vorgezeichneten Weg.
Frank dachte an seine Kinder. Heute Abend würde er Maike und Thorsten endlich wiedersehen. Wie er sich darauf freute. Sie waren mit den Eltern von Miriam, seiner Frau, einen ganzen Monat an der Ostsee gewesen. „Damit ihr beiden auch mal mehr Zeit für Euch habt“, hatten sie gesagt – und dann mit einem unangenehm verschwörerisch klingenden Unterton: „Uns scheint manchmal, dass ihr das bitternötig habt.“ Er hatte gelacht.
Aber heute Abend wäre alles so wie immer. Und das war gut so. Maike und Thorsten würden ihm entgegengelaufen kommen, und Miriam würde in der Küche sitzen. Ein leichter Schmerz entstand urplötzlich in seinem Hinterkopf. Frank ließ kurz die Bedienungs-Instrumente der Straßenbahn los und rieb sich die Stelle.
Doch der Schmerz verschwand, als er an die nächste Haltestelle dachte – Alte Post. Das war sein Lieblingspunkt auf der ganzen Strecke. Hier gab es kaum einmal Abweichungen vom Durchschnittswert. Hier stieg fast immer ein Fahrgast ein – der ältere grauhaarige Herr mit der beigen Aktentasche - und einer aus, die blonde etwas zu dicke Frau mit dem Pudel.
Doch als die Bahn die langgezogene Kurve vor der Haltestelle genommen hatte, zog sich Franks Stirn in Falten. Ein ganzer Pulk von Menschen stand am Wartehäuschen. Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein. Es waren meist jüngere Leute – so um die 20 – und fast alle trugen einen Rucksack.
Frank brachte die Bahn widerwillig zum Stehen. Während hinten der grauhaarige Herr zustieg, stieg vorne lediglich eine einzelne etwas älter wirkende Rucksackträgerin ein. „Entschuldigen Sie, fährt diese Bahn nach Neudorf?“
„Ähh – nein, nein, da sind Sie hier ganz falsch. Tut mir leid. Der nächste Wagen fährt nach Neudorf“, sagte Frank mit einem gewinnenden Lächeln.
Die Frau bedankte sich, stieg wieder aus und informierte ihre Gruppe. Frank schloss die Türen und brachte seine Bahn wieder in Bewegung. Seine rechte Hand zitterte leicht. Touristen! Er zog seine Tabelle hervor und trug bei „Fahrgäste ein“ die Zahl 1 ein. Gut! Das lag genau im Schnitt. Dann glitt seine Hand zu dem Kästchen, in das er die Anzahl der Fahrgäste eintragen musste, die ausgestiegen waren. Doch der Bleistift verharrte wenige Millimeter über dem Papier. War jemand ausgestiegen? Franks Gedanken drehten sich für einen Moment im Kreis. Diese verdammten Touristen. Sie hatten ihn abgelenkt. Er hatte nicht bemerkt, ob jemand ausgestiegen war. Verdammt. Verdammt. Verdammt. Schweiß trat auf seine Stirn und das Zittern in seiner linken Hand wurde wieder stärker.
Mit einigen tiefen Atemzügen versuchte er sich zu beruhigen, bevor er das Mikrofon zu sich heranzog und sagte: „Nächster Halt: Neudorf – sehr geehrte Damen und Herren, auf dieser Strecke wird eine Fahrgastzählung durchgeführt. Leider war ich an der vorigen Haltestelle abgelenkt. Hat von Ihnen zufällig jemand beobachtet, ob ein Fahrgast ausgestiegen ist? Falls Ja, bitte melden Sie sich beim Fahrer.“
Als er das Mikrofon ausschaltete, war ihm einen Moment lang schwindelig und er musste die Augen schließen.
„Eine Frau mit einem Pudel ist ausgestiegen.“
„Was?“ Frank fuhr abrupt herum und musste sich an einem Haltegriff festhalten, um nicht aus dem Gleichgewicht zu kommen.
Ein kleines Mädchen starrte ihn erschreckt an. „Eine Frau – mit einem Pudel.“ Hinter dem Mädchen stand eine grell geschminkte Seniorin, die süßlich lächelte.
„Ahh – danke.“ Frank versuchte dem Kind übers Haar zu streichen, doch die Kleine trat einen Schritt zurück und presste ihren Kopf an den Mantel der geschminkten Dame. Dann verschwanden beide in den hinteren Teil des Zuges.
Frank nahm seinen Bleistift und trug die 1 in das dafür vorgesehene Kästchen ein. Unter den Achseln wies sein hellblaues Hemd kreisrunde nasse Stellen auf. Auch Franks Haare wirkten im Stirnbereich feucht.
Heute würde er Miriam und Thorsten wiedersehen. Wenn er nach Hause kam, dann würden sie... Frank sah auf die Uhr. Sicher waren sie jetzt schon zu Hause. Miriams Eltern waren zuverlässig. Und das schätzte er an ihnen. Wenn sie sagten, dass sie um 17.30 Uhr spätestens zu Hause sein würden, dann waren sie das. Keine Frage.
An den Abend nach der Abfahrt von Miriams Eltern mit den Kindern hatte Frank sonderbarerweise keine genaue Erinnerung mehr. Es war vor genau einem Monat, und etwas war dabei anders als sonst. Was nicht gut war. Aber Frank wusste nicht, was. Da waren Wortfetzen in seinem Kopf. „Ich muss mit dir reden, Frank. Ich will dir nicht verschweigen, dass ich auf diesen Moment, da die Kinder...“
Frank begann wieder stärker zu zittern. Wie in Trance hielt er an der Haltestelle Neudorf. Er trug die Zahl der ein- und aussteigenden Fahrgäste ein. Doch bei der 9 rutschte ihm der Bleistift weg und machte einen langen Strich quer über das ansonsten makellose Papier. Frank stieß einen Schrei aus. Der Bleistift glitt ihm aus den Fingern und fiel auf den Boden. Ein junger Mann in Lederkluft hob ihn auf und reichte Frank den Stift. „Kann ich Ihnen helfen. Ist Ihnen nicht gut?“
„Ähh – doch – danke. Es ist nur... Danke.“
Zögernd setzte sich der Helfer wieder auf seinen Platz. Frank Holter lockerte seine Krawatte und fuhr wieder an. Die Erinnerung an jenen Abend wurde nun etwas deutlicher. Miriam wollte ihn verlassen. Dieser Gedanke stand plötzlich glasklar vor seinen Augen. Aber das ging doch nicht. Sie musste doch da sein, wenn er nach Hause kam. Es war doch immer so gewesen und konnte niemals anders sein.
Von Eintönigkeit hatte sie geredet. Und von Monotonie. Welcher Aberwitz.
Frank zog das Mikrofon mühsam näher an sich heran: „Nächster Halt: Hölderlin-Brücke. Endstation. Fahrgäste, die den Anschluss an die Linie...“ Seine Stimme klang belegt und brach abrupt mitten im Satz ab.
Schon von weitem sah Frank das Blaulicht an dem kleinen Sackbahnhof. Mehrere Uniformierte standen auf dem Bahnsteig und blickten der Straßenbahn entgegen. Auch der schwarze Mercedes von Miriams Eltern parkte seltsamerweise vor dem Bahnhof. Warum warteten sie denn nicht in der Wohnung auf ihn – wie verabredet? Frank hasste es, wenn etwas nicht planmäßig verlief. Waren die Kinder auch hier? Er freute sich darauf, sie wiederzusehen.
Und Miriam.
Wie sie auf ihn wartete.
In der Küche.
Auf dem Stuhl.
Seit einem Monat.
Seit dem Abend, nachdem ihre Eltern mit den Kindern an die Ostsee gefahren waren.
Mit einem Kopf, der in einem seltsamen Winkel vom Körper abstand.
Sie hatte ihn verlassen wollen. Und das ging doch nicht. Alles sollte so bleiben, wie es war.
Frank ließ die Bremse los und beschleunigte die Straßenbahn. Er hatte die Maximalgeschwindigkeit erreicht, als der Rammbock, der das Ende des Schienennetzes markierte, keine zehn Meter mehr entfernt war.

© Andreas Schröter 2002

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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