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April 2002
Veränderung
von Lutz Schafstädt


Mitternacht war längst vorüber. Frank Holter lag wach im Bett, die Hände hinter dem Kopf gefaltet. Er starrte in das Halbdunkel des Raumes. Durch das unruhige Laub der alten Linde vor dem Fenster drängte sich das Licht der Straßenlampe und malte blinkende Sterne an die Zimmerdecke. Sie erschienen, wuchsen und erloschen. Immer wieder wählte Frank sich einen aus und verfolgte seinen Tanz durch ein kurzes Dasein.

Lautstark raspelte der Wecker die Zeit. Dieses Uhrwerk sei unverwüstlich, hatte Katrin, seine Frau, oft gesagt. Es würde noch ticken, wenn sie beide Rentner wären. „Hauptsache wir ticken dann noch“, hatte er lachend geantwortet. Vor vier Wochen war Katrin gestorben. Eine Krankheit hatte ihr aufgelauert und sie besiegt. Hier, in diesem Bett. Mit einem stillen Finale nach einem kurzen, erbitterten Kampf. Nun war er allein. Nein, nicht allein. Im Zimmer nebenan schliefen seine Kinder. Thorsten, gerade sieben geworden, freute sich auf seine Einschulung. Maike, seine Kleine, brauchte auch schon die ganze Hand, um stolz ihr Alter anzuzeigen.

Alles ist vergänglich, dachte Frank und nährte seine Traurigkeit durch einen Blick auf die Vase am Fenster. Die Köpfe der Tulpen, an weit hervorgereckten Hälsen, hingen schlaff herunter. Ihre Blütenkelche waren geöffnet, wie erstarrte, schreiende Münder, deren Zahnreihen sich zu lichten begannen. Das Leben geht weiter, schienen sie zu rufen und er glaubte die sonore Stimme seiner Schwiegermutter zu erkennen. Nichts geht weiter! Alles ändert sich, wollte er ihr antworten, doch er verzichtete darauf. Sie würde ihn nicht verstehen. Man muss sie nehmen wie sie sind, hatte Katrin immer von ihren Eltern gesagt. Ihr vermittelndes Feingefühl fehlte ihm sehr.

Vor Franks Augen verwandelten sich die Schattenspiele in die Erinnerungen des Vortages. Ein Scherenschnitt der Schwiegereltern. Erst undeutlich, dann unverwechselbar.
So hatten sie ihm im Wohnzimmer gegenüber gesessen. Der mitgebrachte Streuselkuchen krümelte unter den Attacken ihrer Kuchengabeln. Einer muss sich doch um euch kümmern, seufzten sie zu zweit und ersannen Antworten auf Fragen, die ihnen niemand gestellt hatte.
„Frank, du solltest gedecktere Kleidung tragen.“
„Wir haben uns Gedanken gemacht, wie es weitergehen soll. Am besten wir nehmen die Kinder die Woche über zu uns, wenn du Spätdienst oder Nachtschicht hast. Das machen wir gern. Gar kein Problem.“
„Die Kinder brauchen ihren geordneten Tagesablauf. Wir haben ja das kleine Zimmer. Da kommt noch eine Liege hinein und fertig.“
„Ich kümmere mich natürlich auch um eure Wäsche. Du kannst ganz beruhigt arbeiten gehen.“
“Essen kommt ihr zu uns. Es ist ja nur um die Ecke.“
„Thorsten und Maike sind gern bei uns. Ihr Opa nimmt sie mit in den Garten.“
Frank war nicht überrascht, alles entsprach genau seinen Befürchtungen. Die gut gemeinte, aber erdrückende Fürsorge setzte zum Sprung an. Seine eigenen, sorgsam vorbereiteten Argumente erschienen ihm abwechselnd zu blass oder zu verletzend. Er behielt sie für sich.

Frank drehte sich zur Seite. Am Kleiderbügel ließ seine Dienstjacke die Schultern hängen. Straßenbahnfahrer sind stille Leute, dachte Frank. Sie brauchen keine großen Worte. Sie sitzen in ihrem Führerstand und schlängeln die Wagen den vorgezeichneten Weg entlang. Sie drehen einsam ihre vertrauten Runden, saugen ihre Fracht von den Haltestellen und freuen sie sich auf die Weiche ins Depot. „Ich gehe auf Patrouille“, hatte er seinen Kindern immer augenzwinkernd gesagt, wenn er sich seine Thermoskanne in die Tasche steckte. Dann umkreiste er die Altstadt, in deren Mitte sie lebten.
Bevor Thorsten geboren wurde, war Frank Fernfahrer gewesen. Für sich und seine Familie hatte er die Autobahn verlassen und war in die Straßenbahn umgestiegen. Er war gern „Trucker mit Oberleitung“ geworden, genoss den kurzen Heimweg und die klar geregelten Dienstpläne.

„Nein. So wird das nicht funktionieren“, hörte Frank sich sagen. „Ich habe am Freitag gekündigt.“
Die Schwiegereltern waren entsetzt.
„Um Himmelswillen! Wie soll es denn nun weitergehen? Du kannst doch die sichere Stellung nicht hinwerfen!“
Sie waren besorgt.
„Wovon wollt ihr denn leben? Wie willst du für die Kinder sorgen? Es ist so schwer, eine neue Arbeit zu finden.“
Sie waren beleidigt.
„Ist dir unsere Hilfe nicht fein genug?“
Sie wurden boshaft.
„Willst wohl erst Katrins Lebensversicherung auf den Kopf hauen.“
Frank hatte sie gebeten zu gehen. Mit Nachdruck. Als er die Tür hinter ihnen schloss, taten sie ihm leid. In ihren Schmerz hatte er eine neue Angst gemischt: Die Angst vor der Veränderung. Er verstand sie nur zu gut.

Frank war eingeschlafen. Als er erwachte, waren seine Kinder zu ihm ins Bett gekrochen. Maike hatte ihren Rücken an seine Seite geschmiegt, Thorsten lag mit ausgestreckten Armen und Beinen auf der Bettdecke. Frank drehte sich vorsichtig zur Seite, umfasste seine Tochter mit einem Arm und ertastete mit der anderen Hand Thorstens Haarschopf. So blieben sie regungslos liegen, bis der Morgen ihr Fenster erreicht hatte.
Als Frank leise aufstand, nahm er die verblühten Tulpen mit. Er warf sie in den Mülleimer, setzte sich an den Küchentisch und schrieb, ohne zu zögern, „Kündigung“ auf ein Blatt Papier, das er seinem Vorgesetzten noch heute persönlich überreichen wollte.



(c) Lutz Schafstädt

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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