Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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April 2002
Zerrissen
von Anne Zeisig


„Papi? Ich habe heute einen tollen Regenbogen gesehen. Den hat bestimmt die Mama im Himmel gemalt“ , säuselt Thorsten, der 7-jährige Filius, halb schlaftrunken.
Frank beugt sich zu seinem Sohn hinunter, wuschelt ihm durchs Haar: „Bestimmt hat sie ihn dir zum Gruße geschickt. Nun schlaf gut.“
„Papi! Papi!“ ,ruft die fünfjährige Maike aus dem Nebenzimmer, „ich kriege auch noch ein Gute-Nacht-Küsschen von Dir!“ Sie umarmt den Vater mit ihren speckigen Ärmchen.
„Mann, hat meine Kleine aber Kraft. Gute Nacht und schöne Träume.“
Frank steigt leise die Treppe hinunter und setzt sich in den kleinen Wintergarten des Reihenhauses. Gießt sich den letzten Schluck Cardonnay ein.

„Prost Helga“ ,er hebt das Glas Richtung Himmel, „hörst du mich? Ich hätte dir was Wichtiges zu sagen, aber ich finde die passenden Worte nicht. Weißt ja, ich bin nicht so wortgewandt. Aber wenigstens könntest du mich loben, weil ich in den letzten vier Wochen seit deiner Beerdigung so prima mit den Kids klar komme.“
Na ja, Frank lächelt bitter. Richtig gut läuft es erst jetzt, wo sein Jahresurlaub sich dem Ende zuneigt. Aber der Frühdienst beinhaltet wenigstens sofort wieder ein freies Wochenende.
Er schaut auf seine Armbanduhr. In einer Stunde würde seine Mutter kommen, er hatte ihr zunächst das Zimmerchen im Souterrain hergerichtet. Die Kinder lieben ihre Oma, sie wird ihnen eine sehr vertraute Betreuungsperson sein.
Auch seiner Mutter hätte er Wichtiges zu sagen. Aber jetzt schon? So kurz nach Helgas tödlichem Autounfall?
Frank wischt sich die Schweißperlen von der Stirn.
War immer der Vorzeigesohn gewesen, Straßenbahnfahrer wie der Vater.
Heirat, das erste Kind ein Sohn.
Dann das Reihenhaus in Eigenleistung gebaut mit den Kollegen, die auch hier in der Siedlung wohnen.
Grillabende, Rasen mähen, Auto waschen, Fußball gucken...
Das zweite Kind auch ein Wunschkind.
Familienausflüge in den Zoo, Picknick, zum Rummel-Platz und Weihnachtsmärkte...
mit einer Frau, die ihn und die Kinder liebte, sich wohl fühlte hier in der Siedlung. Beliebt war und eng befreundet mit den Frauen der Kollegen.
Ein normales Familienleben.

Ihn fröstelt. Frank trinkt den Rest aus und geht hinein ins Wohnzimmer. Dabei fällt ihm das leere Glas aus der Hand und zerschellt auf dem Schreibtisch.
„Scheiße! Scheiße!“ ,flucht er ungehalten. Setzt sich an Helgas Schreibtisch. Diese Schreibtischecke neben dem offenen Kamin war ihr Heiligtum.
„Ich habe nichts zu verbergen, aber auch eine Hausfrau muss ein unberührtes Fleckchen im Haus haben, nur für sie alleine“ ,“flötete sie lächelnd, wenn Frank ulkte, was es denn so Geheimnisvolles in den vielen Schubläden gäbe.
< Frank! Schreibtisch!> ,würde Helga ihn verbessern, ,und ihr helles Lachen drang durchs Haus.
Sein Vater hatte ihm dieses alte Stück vererbt, wohl wissend, wie sehr Helga dieses antike Möbel mochte.
Frank starrt auf das metallicfarbene Telefon. Was Modernes auf diesem alten Tisch.
Vor 4 Wochen kam der Anruf, dass sie einen Unfall hatte auf der A2.
„Ich fahre nach Oberhausen ins Einkaufszentrum, Schatzi!“
Das tat sie gerne einmal monatlich morgens, wenn die Kids in Schule und Kindergarten waren. Viel Geld gab sie nie aus. Schaufensterbummel, einen Cappuccino, modische Haarspangen, ein paar Blümchen. Papier und neue Aquarellfarben, sie malte gerne Landschaften. Diese Errungenschaften führte sie ihm vor mit rosa Wangen und einer Aufregung in der Stimme.
Unfall auf der A2, regennasse Fahrbahn, Aquaplaning, nähe Münster. Warum war sie nicht nach Oberhausen gefahren wie angekündigt?
Frank zieht abermals die vielen größeren und kleinen Lädchen des Sekretärs auf und sucht. Was soll er suchen?
Einen Hinweis auf Münster...eine Adresse...eine Telefonnummer...irgendwas, das Aufschluss gäbe über ihren Aufenthalt dort.
Wen hatte sie dort getroffen? Warum hatte sie ihn angelogen?
In einer der hintersten Ecken findet Frank mehrere Kassenbons.
`Dessous Monique´- Oberhausen, Frank runzelt die Stirn, denn an den Tag erinnert er sich noch sehr gut. Es war sein Geburtstag vor einem Vierteljahr:
„Nun ist mein Schatzi schon 35“ , hatte Helga ihn morgens küssend geweckt, „da muss ich dir schon was Besonderes bieten, damit du mich auch noch begehrst!“ Und sie stand da vor dem Bett in diesem schwarzem Nichts aus Spitze, drehte, wand und schlängelte sich von einer Seite zur anderen, sang irgendwas von `Sex bomb – Sex bomb – tra – la – la – la - ´. Er wusste, es war eine Anspielung auf das brach liegende Intimleben.
Gut sah sie aus in dem Teil, aber in Frank stieg ungeheurer Ekel hoch. Er sprang aus dem Bett und musste sich im Bad mehrmals übergeben.
Helga bezog das auf den feuchtfröhlichen Abend zuvor.
„Na ja, mit 35 darf auch mal dein Magen vom vielen Alkohol rebellieren, mein Alter“ ,flachste sie ihn Bettruhe verordnend an.
Ihm war das Recht. Schlafen. Einfach einschlafen und an nichts mehr denken. Er wälzte sich in den Kissen hin und her.
`Ein schlechtes Gewissen ist kein sanftes Ruhekissen´ ,dachte Frank und nahm eine Schlaftablette. Die hatte er in einem Seitenfach seiner Arbeitstasche versteckt. Würde Helga sie finden, es gäbe unangenehme Fragen.
Eine Aussprache mit ihr war lange überfällig. Dieses laue Ehe-Klima war nicht ihre Schuld.

„Männer haben mal so eine Auszeit“ ,hörte er sie kichernd ins Telefon flüstern, „bei uns ist es halt das verflixte achte Ehejahr, das geht vorüber, Mutter, ich sorge mich da nicht.“
,hätte er ihr am liebsten entgegen geschrieen. Und seiner Mutter da am anderen Ende der Leitung auch!
Hat er aber nicht...wieder nicht...denn Helga hatte den Abendtisch im Wintergarten festlich gedeckt mit Kerzen und den alten Kristallgläsern seiner Mutter...sie hatte sich so viel Mühe gegeben.
Und er steckte den Kopf in den Sand, heuchelte eine heile Fassade vor, weißer Rauputz, grobe Körnung.
Ein normales Familienleben. Vater, Mutter, Kinder.
Und nun? Vater verwitwet, allein erziehend...und?
`Ist es normal, dass ich hier seit Wochen in ihrem Schreibtisch suche und suche – ausgerechnet ich an ihrer Treue zweifele?´
Frank legt den Kassenbon zurück in die Lade: „ICH BIN NORMAL!“ ,und lässt sie knallend ins Schloss fallen, „aber du, Helga! Du hättest mir vorgeworfen, dass unsere Ehe eine Lebenslüge war!“
Schlaff lässt er den Kopf hängen.
„Doch zuerst habe ich mich selbst belogen“ ,flüstert Frank kaum hörbar in sich hinein.

Er zieht ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischt wütend die Glasscherben vom Sekretär.
Helga hatte ihm ein sehr bequemes Leben ermöglicht, ihr grenzenloses Verständnis für alles, aber auch für ALLES! Wenn sie wenigstens nur EINMAL mit den Fäusten auf den Tisch gehauen hätte...dann hätte er ihr ebenso aggressiv vor den Kopf knallen können, dass er...
Aber die Kinder...seine Mutter...die Kollegen hier nebenan...
Frank legt den Kopf auf die Schreibtischauflage und weint bitterlich. Nicht mal mehr ein sauberes Taschentuch hat er, nestelt an seiner Hosentasche herum. Fingert diesen Zettel heraus mit der Telefonnummer. Diese Nummer hatte er noch nie von Daheim angerufen. Ob er nun?
Die Türklingel reißt ihn heraus aus seinen Gedanken. Aha! Seine Mutter.
Doch vor der Tür sieht er durch den Schleier seiner Tränen zwei ihm vertraute samtbraune Augen, die Steilfalte über der Nasenwurzel. Und im Schein der Außenleuchte auch dieses wunderbar gelockte Haar. Wie damals vor vier Jahren!
Als er Spätdienst hatte.
Diese Ausstrahlung hatte bei ihm eingeschlagen wie ein Blitz aus heiterem Himmel an der Endstation Musiktheater.
Ja, er hatte Lust auf einen Absacker in der Pinte um die Ecke.
„Weißt du um dein Timbre in der Stimme, Frank? Es ist, als läge ein schwebendes Ostinato darüber, wenn du redest.“
Und Frank fand sich wie hypnotisiert in dem Bett dieser Dachmansarde unweit der Pinte. Fremde Haut, dieser herbe Geruch und das Schmecken des Schweißes wie ein köstliches Getränk. Temperamentvolle Offenheit...ungewohnt neu...doch zu ihm gehörend.
DAS WAR ER! SO WAR ER! Gierige Höhenflüge und der sanfte Fall ins Selbst.
Inzwischen hatte sich diese Beziehung zu einer vertrauensvollen Liebe entwickelt...ja, er hasste diese Verbindung in all der Zeit und er liebte sie.
Wenn Gefühle Achterbahn fahren...
Frank starrt in diese wunderbaren Augen. Eine Hand wischt ihm zart die Tränen fort.
„Willst du mich nicht hinein bitten?“
Frank macht eine einladende Bewegung mit der Hand Richtung Wohnraum. Er geht vor, ihm zittern die Knie.
„Bist du verrückt geworden? Gleich kommt meine Mutter. Was hast du dir dabei gedacht, hättest doch anrufen können!“
Frank reibt seine schweißnassen Hände, als sie sich gegenüberstehen.
„Für dich ist es ungewohnt, dass ich hier her komme. Und für mich ist es ungewohnt, dich hier anzurufen. Außerdem machte ich mir Sorgen, weil du dich längere Zeit nicht gemeldet hast.“
Frank wischt sich die nassen Hände an der Hose ab und setzt sich auf den Sessel vor dem Kamin.
„Ich freue mich ja über deinen Besuch, habe dich sehr vermisst. Aber die Kinder, ich hatte ja viel mit ihnen in der Freizeit unternommen, es ist schwer für sie ohne ihre Mutter“, er steht wieder auf, geht unruhig atmend und nervös im Wohnraum auf und ab. Wie ein eingesperrtes Tier.
„Ich muss doch mit der neuen Situation fertig werden! Gleich kommt meine Mutter! Sie wird hier wohnen wegen der Kids. Mein Dienst beginnt doch wieder.“
Zwei Arme halten ihn zärtlich umschlungen. Ein zarter Kuss auf Franks Nasenspitze.
„Frank, ich weiß nicht, wie ich es in all den Jahren ausgehalten habe, dich so zerrissen zu erleben. Wie du deine Zeit aufteiltest zwischen deiner Familie und mir. Ich respektierte das, weil ich dich liebe. Ich habe dich nie bedrängt, weil ich dich liebe. Aber meinst du nicht, JETZT ist der richtige Zeitpunkt für eine Klarstellung deinen Kindern und Deiner Mutter gegenüber? Wir stehen das gemeinsam durch.“
Die Türklingel schrillt! Frank verharrt, aber er muss seine Mutter hinein bitten.
„Tach, mein Jungchen! Diese schweren Koffer“ ,sie lässt das Gepäck auf dem Podest stehen und zieht sich im Flur den Mantel aus, „früher waren die Taxifahrer auch zuvorkommender“ ,und streift sich die Schuhe von den Füßen, schaut ihren Sohn erstaunt an, „willst du nicht meine Koffer reinholen? Stehst ja wie angewurzelt hier rum. Und den Briefkasten hast du auch noch nicht geleert!“

Frank rumpelt die Koffer hinein und zieht einen Umschlag aus dem Briefkasten.
Neugierig steht seine Mutter hinter ihm. Er sieht auf den Absender. `Kunsthochschule Münster´.
„Ach, Jungchen, das hatte Helga dir erst sagen wollen, wenn sie die Zusage für ihr Kunststudium erhalten hatte. Das war ja auf Dauer auch nichts für so eine fröhliche Frau, hier den ganzen Tag in der Siedlung zu versauern. Da war es doch eine gute Idee, wenn sie so ein bisschen was Künstlerisches lernen wollte mit ihrer Aquarellmalerei.“ Und Frau Holter geht eiligen Schrittes geradeaus in das Wohnzimmer.
„Oh! Du hast Besuch! Aber Jungchen, das hättest du mir doch sagen können!“
Frank eilt hinterher, legt den Brief auf den Sekretär.
„Das ist, äh“ ,Frank schwimmt der Boden unter den Füßen weg, er reibt sich wieder die schweißnassen Hände, zieht den Rand seines T-Shirtes vom Hals weg, damit er besser atmen kann. Und lässt sich erschöpft in den Kaminsessel fallen.
„Guten Abend, Frau Holter.“
„Das ist Robert“ ,unterbricht Frank seine heimliche Liebe.
Robert. Seine wahre Liebe mit der Dachmansarde nähe des Musiktheaters.
Endstation.

Von Anne Zeisig, April 02

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