Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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April 2002
Aufgestaut
von Annemarie Nikolaus


Frank fluchte. Wieso war um diese Zeit immer noch Stau? Wenn das so weiter ging, würde nachher die Betriebspause nicht reichen, um Brot zu kaufen.
Er reckte den Kopf aus dem Seitenfenster und brüllte in Richtung Autofahrer: „Das sind meine Gleise! Mach, dass du hier wegkommst; sonst zeig ich dich wegen Verkehrsbehinderung an. Siehst du nicht, dass ich ,freie Fahrt‘ habe? Verzieh dich auf deine Abbiegespur.“
Natürlich reagierte der Kerl nicht. Er steckte ja genauso fest - hatte ihn sicher nicht einmal gehört. Frank fluchte erneut aus ganzem Herzen. In anderen Städten hatten die Trams ihre eigenen, abgetrennten Trassen. Aber hier mussten sie sich die Straße mit dem übrigen Verkehr teilen.
Als er die Betriebshaltestelle endlich erreicht hatte, ein Blick auf die Uhr: Gott sei Dank; der Bäcker hatte noch auf. Zehn Minuten waren von seiner Pause übrig geblieben. Frank sprintete los.
In der Bäckerei eine endlose Schlange - Frank knurrte entnervt. „Christine, meine Pause ist gleich zu Ende“, rief er der Verkäuferin zu. „Könntest du mir geschwind ein Vollkornbrot und ein halbes Dutzend Schrippen einpacken?“
Zwei ältere Frauen aus der Schlange drehten sich um und zischten missbilligend. Eine zielte mit ihrem Regenschirm auf ihn: „Was fällt Ihnen ein, junger Mann? Warten Sie gefälligst wie wir alle.“
,Diese alten Weiber!‘, dachte Frank. ,Haben in ihrem Leben nichts mehr zu tun als auf den Tod zu warten, und stehen derweilen bloß im Weg herum. Statt dessen sterben andere, die noch gebraucht werden.‘ Er biss sich auf die Lippen, erschrocken über seine Gedanken.
Christine hatte inzwischen Schrippen und Brot zusammengepackt. Während sie ihm die Tüte reichte, wandte sie sich an die alte Frau mit dem Regenschirm: „Es hat doch nur zehn Sekunden gedauert, Frau Michels. Sie legen doch auch Wert darauf, dass Ihre Straßenbahn immer pünktlich ist. Also halten wir den jungen Mann besser nicht auf.“ Sie zwinkerte Frank zu: „Bezahlen kannst du morgen.“
Rechtzeitig an der Haltestelle zurück, verzögerte sich die Abfahrt, weil der elektrische Türschließer klemmte. Frank explodierte: „Verdammtund…“ Er hielt inne und schloss einen Moment die Augen. ,Bin ich noch bei Trost? Was reg‘ ich mich jetzt schon wieder auf?‘ - Nachdenklich setzte er seine Straßenbahn in Gang.
Nach Schichtende ging er seinen Sohn abholen. Als Frank bei der Schwiegermutter ankam, stocherte Thorsten noch im Mittagessen herum. Normalerweise kam er ihm schon auf der Treppe entgegen, um so schnell wie möglich die kleine Maike aus dem ungeliebten Kindergarten zu erlösen.
„Papa?!“
„Ja?“
„Sag, bist du sehr böse mit mir, wenn ich sitzen bleibe? Und muss ich dann mit Maike in dieselbe Klasse, wenn sie im Herbst auch in die Schule kommt?“
„Aber warum solltest du denn sitzen bleiben? Du bist doch so fleißig.“
„Weil Oma Ellen die Hausaufgaben nie kann! Und du hast nie Zeit. Und wenn du mal Zeit hast, wirst du jetzt immer gleich wütend, wenn ich was falsch mache.“
Frank schluckte. Hatte der Junge auch schon gemerkt, dass er nicht mehr er selbst war? „Als Mama noch lebte, war alles besser, nicht wahr?“
Thorsten nickte; in seinen Augen schimmerten die Tränen.
Ellen mischte sich ein: „Frank, der Junge hat wirklich Recht.“ Ihr Ton wurde härter: „Nein, raste nicht gleich wieder aus! In diesen vier Wochen bist du von Tag zu Tag unausstehlicher geworden! Ich kann dich ja verstehen; aber die Kinder leiden darunter. Als ob nicht Claudias Tod schon schlimm genug wäre … Es ist, als ob sie jetzt auch noch den Vater verlieren würden.“
Frank sah seine Schwiegermutter bekümmert an: „Ellen, es ist, als ob ich mich selbst verloren hätte … ohne Claudia …“
Sein Blick kehrte zu Thorsten zurück: Klein und verloren saß er vor seinem Teller. Frank zog ihn zu sich auf den Schoß und sah ihm fest in die Augen: „Ich verspreche dir, ich bessere mich. Viele Sachen kann ich nicht so gut wie Mama, aber ich werde mir Mühe geben. Du wirst nicht sitzen bleiben; dafür werden wir zwei schon sorgen. Und beschwer dich nur tüchtig, wenn ich wieder Mist mache.“

© Annemarie Nikolaus, April 2002

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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