Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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April 2002
Engelskinder
von Jörg Luzius


Kälte - nur am Rande nimmt er sie wahr, da sie sich aus dem Türstock heraus in seine Wange frißt. Langsam schälen sich ihre Konturen aus dem Halbdunkel. Weich legt sich der Klang ihrer Stimme, wie ein zarter Schleier um seinen Geist. Je deutlicher ihr Antlitz wird, desto klarer dringen auch die Worte zu ihm herein:
„...und schließlich erblickten sie in der Ferne ein Leuchten. Da wußten sie, sie hatten es geschafft. Die Engelskinder hatten die Goldene Stadt gefunden. Sie hatten sich endlich ihre Flügel erträumt und die große goldene Stadt erreicht.“
Langsam senkt sie das Buch. Ein sanftes Lächeln umspielt ihre Züge. Vorsichtig legt sie es beiseite und richtet noch einmal die Decke über Thorsten. Sie Küsst ihn zärtlich auf die Stirn. „Die Engelskinder müssen schlafen, damit ihnen Flügel wachsen.“ Ein weiterer Blick zu Maike, die längst schon schläft und dann ein tiefer hinüber zu ihm, der dort in der Tür steht und sie in sich aufsaugt. Ihre milden braunen Augen blicken in ihn hinein, erfüllen ihn mit Wärme, für einen kurzen Augenblick, gleiten durch ihn hindurch und lösen sich schließlich auf.
Das Zimmer ist leer.
Die Betten sind verwaist. Der Duft ihrer Haut längst verflogen. Manchmal glaubte er ihn noch um sich wehen zu spüren. Doch auch dieses Gefühl ist längst vergangen. Anfangs hatte er noch gelegentlich die Flasche mit ihrem Lieblingsparfum aus dem Spiegelschrank genommen und sich ein wenig davon auf die Haut gesprüht. Gierig hatte er den Geruch aufgenommen. Gerade so als würde sie vor ihm stehen, wieder lebendig werden. Doch dann hatte er im Spiegel nur sein eigenes eingefallenes Gesicht betrachtet, wie er so da stand, ungewaschen, unrasiert an seinem Handgelenk schnüffelnd. Schließlich hatte er mit dem Flakon in der Faust auf das Glas eingehämmert. Scherben waren gesplittert. Gaultier vermengt mit Blut. Die Mischung war an seinen Händen hinabgelaufen, hatte irgendwann begonnen zu gerinnen und schließlich eine rostbraune, dünne Kruste gebildet. Tage später war er noch dagesessen - oder waren es Jahre -und hatte sich die feinen Fetzen von der Haut gekratzt.
Die Kinder sind bei ihren Großeltern. Die beiden Alten hatten sie zu sich genommen, als Elena gestorben war. Damit er sich sammeln könne, hatten sie gesagt. Er hatte nichts erwidert. Stumm hatte er ihnen nachgsehen und schließlich die Tür geschlossen.
Das Fenster. Decken und Bettbezüge sind über die Rahmen gespannt. Das grelle Sonnenlicht ausgesperrt. Die gesammte Wohnung ist in ein seltsammes Zwielicht getaucht. Wenige verirrte Strahlen Tageslicht, die durch die Ritzen an den Seiten hereindrängen und sich einfügen in das flimmernde Licht, des Fernsehers im Nebenzimmer. Längst schon sieht er nicht mehr hin. Das Gerät läuft schon seit... wie lange eigentlich? Er kann sich nicht erinnern. Es spielt im Grunde auch keine Rolle. Vielleicht war es immer schon gelaufen. So wie auch die Fenster immer schon verhangen waren. Oder, nein... Hatte er sie damals nicht selbst verhängt? Wieder wandert sein Blick hinüber zum Fenster. Micky Maus. Goofy. Donald Duck. Seine Gedanken drehen sich im Kreis. Donald Duck...
Richtig, es ist Maikes Bettzeug das da über dem Fenster hängt.
Noch einmal dreht die Kleine sich zu ihm herum. Bär fest an die kleine Brust gedrückt. Langsam hebt sie die andere Hand und winkt zu ihm hinauf. Die Großeltern drängen sie, endlich in den Wagen zu steigen. Er hebt die Hand und winkt zu ihr hinunter.
Donald winkt zurück.
Er hatte die Fenster verhangen um das Leben auszusperren. Hatte er das wirklich? Ist es nicht vielleicht so, daß es gar nichts gibt da draußen? Vielleicht ist dies hier die wirkliche Welt? Die einzige? Er weiß es nicht. Warum eigentlich stellt er sich diese Fragen. Spielt es denn überhaupt eine Rolle?
Er schleppt sich durch den Gang.
„...zu diesem neuen Bombenanschlag in Jerusalem. Die PalästinenserBehörde...“
Die Küche gähnt ihm entgegen. Stapeln von Geschirr und offenen Konservendosen. Essensreste überall am Boden verstreut. Den Geruch nimmt er längst nicht mehr war.
Jerusalem...
Längst befindet sich nichts mehr Essbares in den Schränken. So hat er irgendwann einfach aufgehört zu essen. Das Licht einer einzigen fahlen Glühbirne erhellt die Szenerie, durch die geöffnete Kühlschranktür. Getrocknete Lachen von Schmelzwasser davor. Er sucht eine Tasse. Schließlich nimmt er eine leere Dose und füllt Leitungswasser ein. Er trinkt in gierigen Zügen. An den Seiten läuft es herab über seine Wangen, seine nackte Brust und befeuchtet schließlich auch die Unterhose die er seit Wochen trägt.
Er setzt die Dose ab und wiegt sie in der Hand. Seine Augen verengen sich zu Schlitzen. Er liest die Worte, doch ihr Sinn entwindet sich immer wieder seinem Verstand.
Tomatensuppe. Er glotzt auf die Buchstaben. To-ma-ten-su-p-p-e... Jerusalem... Die goldene Stadt.
Die Begriffe wirbeln durcheinander in seinem Hirn. Er läßt die Büchse fallen und gleitet langsam an der Wand hinab zu Boden.
Er betrachtet seine Hände. Flaum hat sich darauf gebildet. Neugierig wandern seine Blicke über seine Hand und schließlich an seinem Arm hinauf. Er streicht vorichtig darüber. Zarter Flaum, der sich seinen Weg gebahnt hat, durch Krusten von getrocknetem Schweiß, Schmutz und Resten von Blut. Er spitzt seine Lippen und pustet leicht. Ein sanfter Hauch. Langsam fängt er an blöde zu grinsen. Das Grinsen steigert sich schließlich in ein lautes heißeres Lachen. Irgendwann versickert sein Lachen aber in den kalkweißen Wänden, verklingt zu einem Glucksen und wird irgendwann zu ruhigen gleichmäßigen Atemzügen.
Engelskinder müssen schlafen...
Der schrille Ton läßt ihn hochfahren. Verwirrt blickt er um sich. Der jammernde Klang zerreißt die Luft. Er hält sich die Ohren zu. Doch dieses eindringliche Geräusch frißt sich unaufhaltsam in sein Hirn. Er wippt, beide Hände fest an den Kopf gepresst vor und wieder zurück. Schneller und immer schneller. Es soll endlich aufhören. Er will das es aufhört - einfach nur aufhört...
Wieder drängen Wortfetzen in seinen Sinn.
„...Frank verdammmt nochmal! Du mußt dich endlich zusammenreißen! Der Alte hat wirklich Verständnis für deine Lage. Aber Du kapselst dich jetzt seit drei Wochen ab. Du musst die Linie 17 übernehmen. Wir haben einfach zu wenig Fahrer. Verstehst du! Wenn Du am Montag um halb fünf, nicht wieder auf deinem Bock sitzt...“
Er fängt an zu wimmern. Immer fordernder, immer lauter wird das Kreischen.
„...wenn du dich nicht endlich um deine Kinder kümmerst, müssen wir uns an das Jugendamt wenden. Hörst du! So kann das doch nicht weitergehen! Wir sind wirklich die gutmütigsten...“
Er schreit. Ein lauter irrer Schrei entringt sich seiner Brust. Schließlich springt er auf und rennt in den Gang hinaus.
„...wieder live zurück. Gerade rechtzeitig. Die ersten Marathonläufer nähern sich bereits dem Stadion. Erschöpft, sammeln sie noch einmal alle Kräfte...“
Er erreicht das Telefon. Einen kurzen Augenblick lang steht er unschlüssig davor. Speichel rinnt aus seinen Mundwinkel. Dann packt er schließlich das Gerät und schleudert es mit aller Wucht auf den Boden. Wild trampelt er mit seinen bloßen Füßen darauf herum. Die spitzen Plastikspliter, die sich in seine Fußsohlen bohren, nimmt er kaum war. Er schreit und trampelt.
Erst als ihn die Kräfte verlassen und er an der Wohnungstür herab zu Boden sinkt nimmt er das Hämmern von außen gegen die Tür war.
„Herr Holter, hören sie mich! Herr Holter...“
Er blickt lange ins Leere. Die Stimme versinkt im Hintergrund. Schließlich nimmt er sie nicht mehr war. Oder sie ist verstummt. Er macht sich keine Gedanken darüber.
Die goldene Stadt...
Jerusalem...
Tomatensuppe...
Seine Arme. Er hält sie vor sich hoch. Der Flaum hat sich in ein weißes zartes Gefieder verwandelt. Weiß wie der Schnee. Und doch, wenn er genau hinsieht, kann er einen sanften, kaum wahrnehmbaren goldenen Schimmer darauf erahnen.
Die goldene Stadt...
Elena...
Elena!
Sanft blicken ihre Augen ihn an. Sie lächelt.
Er lächelt zurück. Er will etwas sagen, doch sie legt ihm nur zärtlich einen Finger auf die Strirn. Langsam gleitet ihre Berührung an ihm hinab, streicht über seine Nase und verharrt schließlich auf seinen trockenen Lippen.
„Psst! Engelskinder müssen schlafen, damit ihnen im Traum Flügel wachsen.“

„Großer Gott! Was ist das für ein Gestank hier!“ Der Polizeibeamte hatte sich durch die Tür gezwängt. Die Schwiegereltern des Wohnungsinhabers waren auf die Wache gekommen und hatten um Hilfe ersucht, nachdem sie wochenlang vergeblich versucht hatten ihren Schwiegersohn zu erreichen. Vor Ort hatten dann die Aussagen der Nachbarn, die sich nun in einem dichten Knäul aus Leibern neugierig draußen drängten, die beiden Beamten dazu veranlasst die Tür aufzubrechen.
Der Beamte sah in das Halbdunkel der Wohnung. Seine Augen brauchten etwas, um sich an die Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Schließlich aber erfasste sein Blick, den am Boden hockenden. Er beugte sich zu ihm herab. Der Mann war zweifellos am leben. Er atmete in ruhigen gleichmäßigen Zügen. Seine geöffneten Augen aber, glotzten dem Beamten nur leer und stumpf entgegen. Der Polizist rüttelte an ihm, sprach auf ihn ein. Der Mann nahm jedoch keinerlei Notitz von ihm. Er saß einfach nur da und blickte durch ihn hindurch ins Leere.
Der Beamte erhob sich schließlich und wandte sich seinem Kollegen zu, der mittlerweile auch in das Innere der Wohnung getreten war, nach dem er den willenlosen Körper des Mannes ein Stück zur Seite gezogen hatte.
„Ruf’ die Zentrale. Ich glaube wir brauchen hier Hilfe...“

Gleichgültig sieht er hinab auf die Szenerie. Die Polizisten. Die aufgeregten glotzäugigen Gaffer. Der schlaffe Körper den sie umringen, der ihm jedoch irgendwie vertraut vorkommt. Einen Moment lang nur, scheint so etwas wie die Ahnung einer Erinnerung durch seinen Geist zu huschen. Doch er kann sie nicht festhalten. Er will es auch gar nicht. Das alles gehört zu einem anderen - einem weit, weit entferntem Leben. Er blickt an sich hinab, erfreut sich an dem Schimmer des Lichtes, der sich wie in unzählige funkelnden Perlen, in seinem Gefieder bricht. Er breitet seine Schwingen aus und spürt wie er emporgehoben wird. Weg. Weit weg.
Der goldenen Stadt entgegen.


(c) Jörg Luzius

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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