Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Gudrun Gülden IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
April 2002
Die Schwägerin
von Gudrun Gülden


„Nun verrate mir doch mal“, sagte Katrin in ihrem zu engen Jeanskleid, „was diese ganze Kalorienzählerei eigentlich bringen soll?“ Sie sprühte Sahnehäubchen auf Erbeertörtchen, malte lachende Münder aus weißer Creme. „Ist doch alles Humbug.“
Frank war gerade von der Schicht nach Hause gekommen und stand unbeholfen in seiner Uniform in der Küche. Ihm fiel keine passende Antwort dazu ein. Er zuckte mit den Schultern. Seine Schwester legte flink die Törtchen auf ein Tablett und holte Limonade für die Geburtstagsgäste aus dem Kühlschrank.
„Wo sind Servietten?“, fragte sie ihn.
„Wir haben keine.“, antwortete er. Er wusste nicht, wo sie waren.
„Hier fehlt eine Frau,“ stellte sie fest. „Geh doch schon mal ins Wohnzimmer und deck den Tisch.“
Er schaute seine Schwester an und dachte an seinen Fernseher. Folgsam ging er ins Wohnzimmer, wo Maike ihre Geburtstagsgeschenke aufstellte. Er sackte aufs Sofa und schaute ihr zu. Woher nahm die Kleine ihr Selbstbewusstsein, ihren Willen? Jedes Mal, wenn er sie betrachtete, überwältigte es ihn, dass dieses Mädchen seine Tochter war. Sie trug ein blaues Samtkleid mit einem weißen Kragen, ihr glänzendes dunkles Haar war zu einem akkuraten Pagenkopf geschnitten. Sie war so zart.
Franks Hintern war dicker als ein Autobus. Wie ein Baum Jahresringe anlegt, fügte Frank seinen Hüften jedes Jahr ein paar Zentimeter hinzu, sehr zu Reginas Verdruss. „Gesunde Ernährung ist wichtig.“, hatte Regina immer gesagt. Sie fuhr viel Fahrrad, um fit zu bleiben. Hatte ihr nicht geholfen. Regina würde noch leben, wenn sie nicht Fahrrad gefahren wäre.
„Du hast den Tisch nicht gedeckt!“ Frank schreckte aus seinen Gedanken hoch. Seine Schwester stemmte die Arme in die Hüften. „Jetzt komm schon. Du musst dich zusammennehmen, Frank. Das Leben muss normal weitergehen.“
Frank schaute sie verständnislos an. Wie meinte sie das? Was erwartete man von ihm? Sein Leben war normal gewesen. Bis Regina mit dem Fahrrad direkt in ein Auto gefahren war; ihn zum Witwer machte und die Kinder mutterlos.
Die Geburtstagsgäste trafen ein. Fünf Mädchen hatte Maike einladen dürfen. So hatte es Regina gewollt. So viele Gäste, wie das Geburtstagskind Jahre zählt. Kaum waren Maikes Freundinnen in der Wohnung, setzte ein Höllenspektakel ein. Frank bemühte sich um eine heitere Miene.
Thorsten hatte sich nicht blicken lassen, aus seinem Zimmer dünstete Zorn. Der Junge ähnelte ihm; seit Reginas Tod war er wortkarg und in sich gekehrt.
Frank überließ seiner Schwester das Tischdecken und beschloss, die Uniform anzubehalten. Die Kinder fänden das bestimmt toll.
Es klingelte. Reginas Schwester Carola kam mit einer Wagenladung Essen und Geschenken. Frank war stets überrascht, wie wenig sie ihrer Schwester ähnelte. Carola war klein, rundlich und ihre Haare sahen aus wie ein Krähennest. Wie immer übernahm sie sofort das Regiment. „Nehmt mir doch mal bitte die Pakete ab, das Essen muss in die Küche, die Sahne muss noch geschlagen werden, Maike, hier sind deine Geschenke, aber warte mit dem Auspacken, jetzt geht die Party erst richtig los, wie siehst Du denn aus?“
Dann wechselte Carola einen Blick mit Franks Schwester und verschwand in der Küche. Einen Moment später kam Carola zurück, brachte Waffeln mit selbstgemachtem Apfelmus und setzte sich neben Frank aufs Sofa.
„Wie geht es dir, Frank?“, fragte sie ihren Schwager.
„Gut.“, antwortete er.
Was sollte er sagen? Sein Leben war aus den Gleisen geraten. Wer sollte sich um die Kinder kümmern? Wer sollte den Haushalt führen? Die Verantwortung drückte ihm die Brust zusammen. Er war nicht Straßenbahnfahrer geworden, weil er Entscheidungen fällen wollte. Dann hätte er gleich Busfahrer werden können. Nein, die Schiene war sein Metier. Da gab es nur Anhalten und Losfahren. Das war klar. Er liebte seine Tour auf der Linie 3, die er seit 8 Jahren fuhr. Coschütz - Wilder Mann. 36 Minuten, 24 Haltestellen. Die Strecke war abwechslungsreich. Seine täglichen Fahrten führten ihn durch den Wandel von Geschichte und Politik. Er rollte mit seiner Linie an mittelalterlichen Dorfrelikten vorbei, durchkreuzte leerstehende Plattenbausiedlungen aus DDR-Zeiten. Er überquerte die Elbe auf der Albertbrücke und bot so seinen Fahrgästen den Blick auf das wiederhergestellte Dresden August des Starken. Dann kam die Neustadt mit dem Gerümpel, den herumlungernden Müßiggängern und Schwarzfahrern. Am liebsten mochte er den Wilden Mann mit den sauberen Straßen und den anheimelnden Geschäften. Seine Arbeit bescherte ihm genug Unterhaltung. Nach der Arbeit wollte er eine aufgeräumte Wohnung und ein leckeres Essen. Und dann Fernsehen. Mit seiner Regina.
Inzwischen tobte eine ausgewachsene Geburtstagsfeier um ihn herum. Die Mädchen spielten „Blinde Kuh“. Maike tastete sich mit verbundenen Augen durch das Wohnzimmer. Sie stolperte über Frank und fiel auf seine Oberschenkel. Die Mädchen quietschten vor Vergnügen, natürlich lachte Carola am lautesten. Frank’s Gesicht leuchtete rot wie ein Haltesignal, auf seiner Oberlippe bildeten sich Schweißperlen.
„Und jetzt spielen wir „Reise nach Jerusalem“, rief Carola, „Los, stellt eine Stuhlreihe auf. Wir brauchen Musik, Katrin.“ Franks Schwester stellte sich an den CD-Player und legte „König der Löwen“ auf.
Frank wollte gemütlich auf dem Sofa sitzen bleiben, aber Carola zog ihn hoch und kurz darauf schlurfte er mit ihr und den sechs fünfjährigen Mädchen um die Stuhlreihe. Ein Stuhl weniger als Teilnehmer. Schon als Kind war ihm dieses Spiel ein Gräuel. Er schied immer in der ersten Runde aus. Schon der Gedanke an das plötzliche Stoppen der Musik stresste ihn. Er ärgerte sich über Carola, die vor ihm wackelte und kam sich auf einmal lächerlich in der Uniform vor.
Zack, die Musik war weg. Verblüfft nahm Frank den leeren Stuhl neben sich wahr. Er senkte seinen Hintern, wollte schon aufatmen, doch dann spürte er nicht das harte Holz der Esstischstühle unter sich, sondern einen warmen weichen Körper. Er hatte sich auf Carola gesetzt. Ein weiteres Mal ließ er das Johlen über sich ergehen und flüchtete in die Küche. Auf dem Tisch stand ein Teller mit Erdbeertorteletts, deren Böden zerbrochen waren. Frank nahm sich ein Stückchen und bekleckerte dabei seine Uniform. Er ächzte.
„Was ist denn los, geht es dir nicht gut?“ Carola war ihm gefolgt.
„Ich kann nicht so unbeschwert sein wie ihr.“ Er schaute sie vorwurfsvoll an.
„Sie fehlt uns allen, Frank, aber wir müssen auch an die Kinder denken. Warum sollen wir heute nicht lustig mit ihnen sein?“
„Es scheint mir falsch. Es ist so, als sei nichts vorgefallen. Wir tun so, als sei sie nicht gestorben.“ Sein Herz klopfte.
„Sie war meine einzige Schwester.“ Carola ging einen Schritt auf Frank zu. „Keiner von uns versteht genau, was passiert ist. Keiner von uns weiß, was in so einem Fall falsch oder richtig ist. Ich weiß nur, dass es falsch wäre, den Kindern den Spaß zu verderben.“
Frank schwieg.
Carola holte tief Luft. „Was ich dir jetzt sage, Frank, kommt zu früh. Das ist mir selbst klar. Aber dann weißt du es und kannst darüber nachdenken.“ Sie machte eine Pause und fegte ein paar Krümel vom Tisch. Ihre Lippen waren zu einem schmalen Strich gepresst.
„Worüber?“ Frank war nun doch neugierig geworden.
„Ich bin zu alt, um noch eine eigene Familie zu gründen. Ich mag deine Kinder. Ich könnte mich um euch kümmern. Wir würden eine Weile warten und könnten uns dann zusammentun.“
Frank war entgeistert. „Wir? Ich habe noch nicht daran gedacht, mich ...Regina ist doch erst...“
„Ich weiß“, antwortete Carola. „Ich dachte nur, dann hab ich’s gesagt und Du weißt Bescheid.“
„Ich wusste gar nicht, dass du mich leiden kannst. Ich...ich dachte immer, ich bin dir nicht gut genug gewesen für deine Schwester. Regina hat immer gesagt, dass du mich nicht ausstehen kannst.“
„Du verstehst von Schwestern wahrscheinlich noch weniger als von Frauen.“
Frank kam nicht mit. Was meinte sie damit schon wieder?
„Denk drüber nach.“ Carola ging aus der Küche. Sein Blick folgte ihr. Er dachte an den flüchtigen Moment der Berührung während des Spiels, an die Wärme ihres Schoßes. Es hatte sich ganz gut angefühlt. Nach der Geburt von Maike war zwischen Regina und ihm nicht mehr viel gelaufen. Sie war umhüllt von einer Kühle, die er nicht zu durchdringen wagte.
Aus dem Wohnzimmer klang Lachen. Frank machte sich über die restlichen Erdbeertörtchen her.


(c) Gudrun Gülden

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
Dieser Text enthält 8319 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.