Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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April 2002
„O mio babbino caro“
von Dyana Jacklyn Ailenroc


Es nieselte als Frank Holter sein Dienstfahrzeug die Strassenbahn 7 – Holtenauerstrasse Richtung Friedhof Ostend – an seinen Kollegen abgab. Heute war Schicht im Schacht wie Suse es genannt hätte: Feierabend.
Er verabschiedete sich von seinen Kollegen, nahm seine Tasche und schritt in Richtung Friedhofseingang. Seit seine Suse verstarb übergab er die Strassenbahn immer am Friedhof an seinen Kollegen.
Langsam schritt er den nassen Weg bis hin zu ihrem Grab. Dort blieb er stehen, schaute eine Weile auf die frischen Tulpen, die vor dem Grabstein lagen. Es lagen jeden Tag Tulpen oder Rosen vor dem Grabstein. Sein Sohn Thorsten kam immer heimlich nach der Schule zu dem Grab, blieb dann oft eine Stunde und ging dann erst nach Hause. Franks Schwägerin hatte ihn einige Tage heimlich beobachtet, da der Junge später von der Schule kam als früher. Zu Hause tat der siebenjährige Thorsten dann einen auf Cool, sprach nicht mit seinem Vater oder seiner Tante über den Tod der Mutter und verweigerte sich wenn sie gemeinsam zum Friedhof wollten. Das war wohl seine Art mit der Trauer umzugehen.

Frank seufzte, hockte sich hin und berührte mit der Stirn den Grabstein.
Es war ein Ritual, jeden Tag das selbe. Ein Ritual seit vier Wochen, aber er brauchte es.
Er hatte fast ein Jahr Zeit gehabt sich auf Suses Tod vorzubereiten. Aber dann ist es doch vollkommen überraschend gekommen. Die Ärzte hatten damals gesagt, dass sie wohl Weihnachten ohne Ehefrau und Mutter verbringen mussten. Die Ärzte hatten sich geirrt, Suse nahm noch die Geburtstage bis zum März mit. Die Ärzte sagten auch das sie Wochen vor ihrem Tod verwirrt sein würde und ihre Familie nicht mehr erkennen würde. Die Ärzte hatten sich geirrt. Noch am Morgen ihres Todes hat sie Späße gemacht und ihm einen schönen Arbeitstag gewünscht. Dann hatte sie ihre Kinder verabschiedet – vom Bett aus natürlich, da sie schon seit Wochen nicht mehr alleine laufen konnte und die rechte Seite war auch gelähmt gewesen. Moni, Suses Schwester, war dann bei ihr geblieben, hatte sie noch gefüttert, gewaschen und dann als sie merkte das es wohl demnächst zu Ende gehen würde hatte seine Schwägerin bei ihm in der Firma angerufen. Er hatte sofort frei bekommen und war nach Hause geeilt.
Eine Stunde saßen beide an Suses Bett, die Kinder kamen aus Schule und Kindergarten, merkten beide das etwas in der Luft lag und verdrückten sich in die Wohnstube. Dann ging Moni raus um nach beiden zu sehen und sie darauf vorzubereiten das ihre Mutter wohl bald sterben würde. In genau dem Moment als Moni die Tür schloß atmete Suse noch einmal tief ein und starb. Sie hatte gewartet bis sie mit ihrem geliebten Ehemann allein war ...

Frank weinte als er an den Tag im März dachte, es kam ihm vor als wäre es erst gestern gewesen. Er erinnerte sich an die Reaktionen seiner Kinder. Thorsten weigerte sich standhaft in das Schlafzimmer seiner Eltern, in das Sterbezimmer seiner Mutter zu gehen.
Seine fünfjährige Tochter Maike ging ganz unbefangen in das Zimmer. Frank erinnerte sich daran das seine Tochter zu ihrer Mutter ging, ihr ein Bussi auf die Stirn drückte und dann zu ihrer Tante ging mit den Worten: ‚Nu, haben wir ein Engel!’

Plötzlich kam Frank eine Szene aus dem Januar in den Sinn. Damals waren sie alle zum Einkaufen gefahren und hatten Suse in ihren Rollstuhl gepackt. Natürlich hatte man ihr angesehen das der Tod bereits nach ihr griff. Ein älterer Mann kam empört auf sie zu und meinte zu Frank das es jawohl ein Unding wäre so was – dabei deutete er auf Suse – den Menschen zuzumuten. Frank hatte ihn ungläubig und fassungslos angesehen und selbst Monika, die durchaus nicht auf den Mund gefallen war hatte nach Luft geschnappt. Einige Leute waren stehen geblieben und hatten ebenfalls fassungslos auf den Mann geschaut. Nur Maike war mit wütendem Gesicht zu dem Mann gegangen, hatte ihn böse angesehen und dann gegen sein Schienbein getreten und zu ihm gesagt: „Meine Mammi wird bald ein Engel!“
Frank erinnerte sich daran das der Mann verblüfft auf seine Tochter gesehen hatte und dann ein ‚Tschuldigung’ murmelte und dann zusah das er schnell wegkam.
Ja, das war seine Maike, Suse hatte der Szene nur lächelnd zugesehen.

Suse ... seine Suse ... wie stark war sie doch gewesen. Mit wieviel Anmut und Stolz hatte sie dem Tod ins Auge geblickt. Behutsam hatte sie ihre Familie auf ihren Tod vorbereitet. Schenkte Trost, obwohl eigentlich ihr Trost gespendet werden müsste.

Frank stand auf und sah auf den Grabstein, er sah auf ihren Namen, Tränen schossen in seine Augen.
Suse ...
Und wieder kam ihm eine Szene in den Sinn. Eine Szene von vor neun Jahren.
Damals war eine rothaarige Frau, mit schriller Kleidung und einem Walk-Man in ihren Ohren in seine Straßenbahn getreten und hatte eine Fahrkarte bei ihm gelöst. Sie hatte eine Ausstrahlung die ihm ein Schauer über den Rücken jagte.
Kurz nachdem sie losgefahren waren hörte er plötzlich eine wunderbare Stimme hinter sich. Er schaute in den Spiegel und sah die Frau im Gang stehen, obwohl die Straßenbahn fast leer war, sie bewegte sich anmutig und sang die Arie „O mio babbino cao“ aus Puccinis Oper mit. Seine Lieblingsarie, was für eine Stimme, was für eine Frau, was für eine Ausstrahlung...
Da war es um ihn geschehen und es dauerte nicht lange da waren sie ein Paar. Ein Jahr später hatten sie geheiratet.
Die Kinder kamen und dann der Tod ...

Frank erinnerte sich an die Szene im Arztbüro, an den Mut seiner Suse. Und daran das sie immer sagte, sie lebe ewig.

Langsam beugte er sich zum Grabstein hin, küsste den nassen Stein.
„Du hattest unrecht Engel. Du lebtest nicht ewig.... Bis morgen!“

...

Es war schon dunkel als Frank nach Hause kam. Erschöpft schloss er die Tür auf, legte seine Tasche ab und wollte sich gerade ins Bad begeben als er die Musik hörte.
Er folgte der Melodie, er folgte der Stimme Maria Callas.
Er öffnete leise die Tür zum Wohnzimmer, wo ihm die Musik laut entgegenschlug.
Er sah in die Stube, Tränen schossen ihm in die Augen.
Er lehnte sich mit vor seiner Brust verschränkten Armen gegen den Türrahmen.
Ein Lächeln huschte über sein tränennasses Gesicht.

Da waren sie: Sein Sohn, der sich langsam, fast schleichend und seine Tochter, die sich, verkleidet mit einem Schal ihrer Mutter, anmutend zu der erstklassigen Stimme der Callas und der Arie „O mio babbino caro“ Puccinis bewegten.

‚Suse’, dachte er ‚, du hattest doch recht. Du lebst ewig...’

(c) Dyana Jacklyn Ailenroc

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