Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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April 2002
Der Schwarzfahrer
von Eduard Breimann


Es war still auf dem Bahnhofsvorplatz; in der Mittagshitze hielten sich nur wenige Menschen im Freien auf. Im Wartehäuschen der Straßenbahngesellschaft stand ein Mann, der die Uhr über der Eingangstür beobachtete.
Als die Zeiger auf zwei Uhr vorrückten, quälte sich die Straßenbahn mit einem Quietschton aus der Theodor-Heuss-Straße und blieb vor dem Wartehäuschen stehen.
Die Türen der Linie 704, die zwischen Neuss und Düsseldorf pendelt, öffneten sich und zwei Frauen mit Koffern stiegen an der hinteren Tür aus. Der Mann wartete, bis sie die Schienen überquert hatten, ging zur vorderen Tür und zog sich an der Haltestange hoch.
“He! Frank! Haste heute Spätdienst?”, begrüßte er den Fahrer und schlug ihm leicht auf die Schulter.
“Nee, Bob, hab die Bahn im Depot geklaut – du Quatschkopf!” Bob grinste und setzte sich auf den vordersten Einzelsitz.
“Haste Feierabend, Bob?”
“Ne, ich bin immer im Dienst, wollt nur mal sehen, wie du fährst. – Wie war das Wochenende, Frank? Wie üblich – saufmäßig stressig?”
“Kann man wohl sagen! Der Samstag war einsame Spitze! Mann, das war eine Nacht. Du kennst doch – ach Quatsch – du gehst ja in keine Altstadtkneipe, bist ein Pantoffelheld mit Kino im Schrank. Mann, das war irre. Sonntagmorgen um vier bin ich in irgendein Bett gefallen. Übernachtung mit Massage und Frühstück, sagte die Hübsche, als sie mich einlud. Weiß bloß nicht mehr, wie sie hieß – war jedenfalls super!”
“Wie du das aushältst. Bin froh, wenn ich meine Ruhe hab und meine Kinder abends im Bett sind. Möchte kein Junggeselle mehr sein.”
“Ist auch nur was für Spezialisten.”
“Fahr los, du Spezialist. Du vertrödelst dich.”
Mit einem Seufzer griff Frank zum Mikrofon und rief: “Nächster Halt – Kapitelstraße.” Die Bahn glitt fast geräuschlos über die Schienen, tauchte in den Schatten der Häuser an der Krefelder Straße.
An der Ecke Kapitelstraße standen zwei Kinder, die erwartungsvoll der Bahn entgegen sahen. Frank stoppte den Wagen so, dass die Kinder an der Fahrertür einsteigen konnten.
“Bei diesem kleinen Kroppzeug musste sehen, dass die vorne einsteigen, sonst erkennste nicht, ob die entwerten. Die fahren gerne schwarz”, erklärte er Bob, der seine krausen Haare kraulte.
“Hab ich noch nie Probleme mit gehabt.”
“Ich sag’s ja nur. Hab genug Erfahrung mit den kleinen Gangstern.”
“Hallo – Papa!”
“Oh! Hallo, Thorsten – äh – Maike. Was macht ihr denn hier?”
Maike, ein hübsches, strohblondes Mädchen mit langem Pferdeschwanz, der von einer Biene-Maja-Spange gehalten wurde, kletterte die für sie viel zu hohen Stufen hinauf. In der Linken hielt sie einen in Papier gewickelten Blumenstrauß. Thorsten, dessen schlaksige Gestalt den Jungen älter aussehen ließ, schob sie ungeduldig hoch.
“Mann, pass doch auf!", empörte sich Maike, als sie mit dem Knie an die oberste Stufe stieß. “Bin nicht so groß wie du! – Blödmann!”
“Beeilt euch, kommt rein”, rief Frank. Das Abfahrsignal ertönte und dicht hinter Thorsten schloss sich die Tür mit einem satten Plopp.
“Bist du verrückt?”, fragte Bob und schüttelte den Kopf, als die Bahn ruckelte und vorschoss. “Kannste nicht warten?”
“Klappe, Asylant!”
“Hallo, Papa, wieso fährst du hier Straßenbahn? Du warst doch in Düsseldorf bei der Bahn”, sagte Thorsten und hielt sich krampfhaft an der Haltestange fest, während Maike sich schon in den Sitz hinter dem Fahrer schob.
“Früher! Die haben alles umorganisiert. Jetzt fahr ich eben hier in Neuss – siehst du doch. Was macht ihr denn hier? Mann, gut seht ihr aus!”
Er griff nach dem Mikrofon. “Nächster Halt – Am Niedertor.”
“Du hast uns nicht erkannt, Papa, oder?”
“Doch – dich sofort! Hab euch ja lange nicht gesehen und darum hatte ich bei Maike ein paar Probleme; sie ist so groß geworden. Wo wollt ihr hin? Und ganz alleine?”
“Oma wohnt doch hier in Neuss! Bin schon groß – sagt Oma jedenfalls. Ich fahr jeden Tag mit der Bahn zur Schule; bin im ersten Schuljahr, aber jetzt sind ja Ferien.”
“Aha! Ich dachte schon, ihr fahrt meinetwegen mit. Ha, ha! War ein Scherz! Na, das ist ja eine Überraschung.”
Thorsten steckte die Fahrausweise in den Entwerter, der jedes Mal einen Klingelton abgab, wenn der Stempel aufschlug, warf einen Blick auf die wenigen Fahrgäste, die matt und schläfrig auf ihren Plätzen hockten, und setzte sich direkt hinter seinen Vater.
Maike blickte starr auf den Rücken ihres Vaters; ihre Stirn lag in Falten, was bei ihr immer bedeutete, dass sie mit erheblichen Zweifeln kämpfte. Ihre Finger formten aus dem Blumenpapier Kugeln, die sie achtlos fallen ließ.
“Bist du sicher, dass das unser Papa ist?” Sie zeigte auf den Rücken vor ihrem Gesicht.
“Ja klar! Du kannst dich bloß nicht erinnern.” Er stieß Maike an und zeigte mit dem Kopf auf die Blumen. “Leg die auf den Boden! Mach!”, flüsterte er. “Zerquetschst die sonst noch.”
Maike schob den Strauß vorsichtig neben Thorstens Füße und lehnte sich zurück. “Ich weiß nicht ...”
“Nächster Halt – Niederstraße!”
“Papa!
“Moment, Junge – gleich!”
“Papa!”
“Ja, – was ist denn, Thorsten?”
“Weißt du, was heute ist?”
“Nee – was meinste damit? Montag?”
“Nein – doch – heute bist du ein Jahr weg – hat Oma gesagt.”
“So? Was die alles weiß. Hat die Alte noch was gesagt?”
“Dreckskerl!”
“Wie – was war das?”
“Oma hat gesagt, heute vor einem Jahr hat sich der Dreckskerl aus dem Staub gemacht.”
“Eure Oma dürft ihr nicht ernst nehmen, die redet nur Stuss.”
“Oma redet nie Stuss!”, sagte Maike und sah ziemlich wütend aus.
“He! Wusste gar nicht, dass du Familie hast, Frank! Mensch! Zwei so nette Kinder und du versteckst die einfach vor mir? Und ne Schwiegermutter gibt’s auch? Toll!”
“Halt die Klappe, Bob. Geht dich nix an.”
Bob grinste und beugte sich zu den Kindern rüber. “Wisst ihr, dass ich der einzige Mensch in diesem Städtchen bin, der schwarz fahren darf?”
“Nein!”, staunte Maike. “Müssen Sie nie bezahlen?”
“Nein, nie. – Ha, ha! Bist reingefallen! Sieh mal mein Gesicht an. Was siehst du da?”
“Nichts”, sagte Maike und betrachtete das Gesicht, die Nase, die Kulleraugen und die Lippen. “Überhaupt nichts!”
“Mädchen sind doof!”, sagte Thorsten. “Mensch, der meint doch, dass er schwarz ist. Total schwarz!”
“Genau! Deshalb fahr ich schwarz. Kapiert, Maike? Außerdem bin ich auch Straßenbahnfahrer und darf sowieso umsonst fahren.”
“Witzbold, lass die Kinder in Ruhe, Bob.”
“Halt dich raus, Frank. Du darfst während der Fahrt nicht reden, klar?”
“Sie fahren auch eine Straßenbahn? Oder kontrollieren Sie unseren Vater?”, fragte Thorsten.
“Der und mich kontrollieren? Der Kameltreiber hat bei mir das Fahren gelernt, dieser Asylant aus dem hintersten Afrika.”
“Dürfen Neger denn Straßenbahnen fahren?”
“He, junger Mann! Schwarzer heißt das, verstanden? Kannst aber ruhig du sagen. Eigentlich heiße ich Negasso, aber hier sagen einfach alle Bob zu mir. – Ich bin also der Bob.”
“Okay! Darfst du?”
“Natürlich! Warum denn nicht? Bin ein Anerkannter, hab eine deutsche Frau geheiratet und wir haben zwei niedliche Mädchen – Zwillinge.”
“Sind die auch schwarz?”
“Nein, Maike. Pass mal auf! Wenn du in ein Glas heiße Milch ein großes Stück Schokolade rein tust und kräftig umrührst, was passiert dann?”
“Kakao wird daraus!", rief Thorsten.
“Mann, der sagt immer vor! Oma schimpft ihn deshalb auch immer aus. Blödmann!”
“Thorsten, Thorsten! Aber er hat recht. Hellbrauner, leckerer Kakao! So sehen meine Mädchen aus. Hellbraun und süß wie Kakao!", rief Bob, rollte die Augen und lachte.
“Bist du wirklich aus Afrika?", fragte Maike, und Thorsten blickte gequält aus dem Fenster. “Blöde Frage!", murmelte er.
“Na klar! Aus Äthiopien! Hab früher Kamele über das Hochland geführt. War nicht viel anders als heute. Jetzt führe ich eine Straßenbahn, vollgestopft mit Kamelen; ist etwas bequemer als barfuß durch den heißen Sand zu laufen.” Als er lachte, sah man die großen, weißen Zähne, und Thorsten dachte an Krokodile.
“Erzähl den Kindern keinen Quatsch, Bob!”
“Willst du wieder zurück nach – wie hieß das?", fragte Thorsten.
“Äthiopien? Nein, nie mehr. Vom Kameltreiber zum Straßenbahnfahrer und dann wieder diese stinkigen, beißenden Ungeheuer? Ne, nicht mit mir.”
“Nächster Halt – Rathaus.”
“Ich begreif das nicht, Frank", sagte Bob, als sich die Bahn wieder in Bewegung setzte. “Du hast Kinder, hab ich gerade gelernt. Was, zum Teufel, sagt deine Frau dazu, dass du dich jede Nacht in einem anderen Bett wälzt?”
“Nichts! Das hat sich vor einem Jahr erledigt. Haste doch gehört. Heute ist Jubiläumstag der Befreiung aus dem Eheknast. Muss nachher noch einen drauf trinken gehen; das gehört gefeiert.”
“Oma hat gesagt, der Papa hat sich damals verlaufen. Oma sagt, er ist mit einer Frau eine fremde Straße lang gegangen und nicht mehr zurück gekommen", sagte Maike mit ernsthaftem Gesicht zu Bob.
“Was?”
“Oh Mann! Die versteht immer Bahnhof. Maike meint, Papa wär fremd gegangen. Deshalb hat Mama ihn verlassen; ich weiß, was das ist. Bloß die da nicht, die ist noch ein Baby. Ich hab’s genau mitgekriegt, wie Mama gesagt hat, dass sie von dem Dreckschwein keinen Pfennig haben will. Er soll hingehen, wo der Pfeffer wächst.” Thorstens Gesicht war rot und seine Füße traten nervös vor den Blumenstrauß.
“Wächst in Äthiopien Pfeffer? War Papa auch bei den Kamelen?”, fragte Maike.
“Ihr werdet da hinten jetzt gefälligst eure Klappe halten, ja? Maike! Thorsten! Jetzt ist Schluss! Verstanden?”
“Freut mich, dass du so über alles sprechen kannst, Thorsten. Meine Mädchen bekommen bei Fremden den Mund nicht auf.” Bob beugte sich weit rüber zu den Kindern und sprach betont leise.
“Ja?”, fragte Thorsten nachdenklich. “Warum? Man soll doch alles sagen, was man da drin hat, sagt Mama immer.” Er zeigte mit seiner Hand dahin, wo er sein Herz vermutete und sein Blick drückte Verwunderung aus.
“Wird dir noch viel Kummer machen – und manche Beratung beim Psychiater ersparen.”
“Hört das noch immer nicht auf? Ende der Klatschrunde! Verstanden, Thorsten?”, sagte Frank und warf einen Blick über die Schulter.
“Ja, schon. Aber warum?", fragte Thorsten und schob nach einigen Sekunden nach: “Mama hat nämlich gesagt, dieses Arschloch soll es bloß wagen, sich noch einmal in unser Leben einzumischen.”
“Scheißweib! Es reicht! Ich schmeiß euch gleich alle raus.”
“Also, Frank! Soll ich dich aufklären, was du darfst? Du kannst hier keinen rausschmeißen. Das sind ja tolle Sachen, die ich hier höre. Hast du deine Kinder etwa seit damals nicht mehr gesehen? Bist du nie mehr zu Hause gewesen?”
“Klappe! – Nächster Halt – Am Büchel.”
Ein älteres Ehepaar stieg ein, betrachtete lange jeden freien Platz, bevor es sich setzte.
“Entwerten!", rief Frank und der Mann wurde rot. “Entschuldigung! Hab’s vergessen!”
“Ja, ja; sagen sie alle. – Okay, sie hat einen einmaligen Fehltritt von mir als Anlass genommen, um mich rauszuschmeißen. Hat’s wohl nicht abwarten können, mich los zu werden.”
“Einmaliger Fehltritt? Und du bist abgehauen und hast die nie mehr besucht?”
“War schon mal wieder an der Wohnung, aber da war sie schon weg. Ist sicher umgehend zu ihrer Mutter gezogen; verstanden sich ja so toll. Konnten sich endlich so richtig über den bösen Frank auskotzen – von morgens bis abends. Die haben ständig was an mir auszusetzen gehabt, die Weiber. Mann, Bob, ich sag’s dir. Weiber! Vergiss es!”
“Mama hat gesagt, sie hätte nicht genug Geld für die große Wohnung, deshalb mussten wir ausziehen. Und außerdem musste sie arbeiten gehen. Da sind wir zur Oma gezogen. Ist aber schön bei Oma; doof ist bloß, dass ich mit der da in einem Zimmer schlafen muss. Um acht will die schon immer das Licht ausmachen; wenn ich lesen will, dann macht sie Ärger.”
“Du machst immer Krach, wenn ich müde bin.”
“Tragt euren Streit bei der Mama aus, nicht hier in der Straßenbahn. Und jetzt ist wirklich Schluss mit der Familienquatscherei. Bob, du hältst dich hier raus. Ist das klar?”
“Okay! Okay! Frag mich nur, wie du das aushältst. Zwei so niedliche Kinder und dann haust du einfach ab. Mann, oh Mann. Du bist ein Typ! Also, ich finde, nichts ist schöner, als mit der Familie die Freizeit zu verbringen. Kein Stress mit Barmädchen oder anderen Tussis. Mann, du musst bekloppt sein. Und ein Geld kostet dich das!”
“Halt dich geschlossen, ja? Du hast eh keine Ahnung! Die hier kosten mich auch ne Stange Geld. Jeden Ersten geht per Dauerauftrag rund ein Drittel vom Gehalt auf deren Konto; damit die Kinder was Ordentliches anzuziehen haben, hat sie gesagt. Aber ich will von dir nichts, sagt sie; weiß ich, was die mit dem Geld macht.”
“Weißt du was zwei Kinder in dem Alter kosten? He, das rauscht nur so raus, und du fragst dich, wie das möglich ist.”
“Bin’s ja selber Schuld. Ich hab’s eben nicht mehr ausgehalten mit denen. Bin jetzt gerade fünfunddreißig geworden. Als der Junge kam, okay, da war noch alles klar, da war ich gerade achtundzwanzig. Den wollten wir ja beide. Mann, hat’ ich Pläne! Dann, zwei Jahre später, kam diese Göre und dann ging’s los.”
“Ist die vom Himmel gefallen, oder haste daran mitgewirkt? Du weißt schon ...”
“Bin ich für die Verhütung zuständig? Hab vorher gesagt, nicht mit mir, ist das klar, hab ich gesagt. Und prompt ging die Scheiße los. Ständig war was; immer gab’s Gequengel und Schimpfereien. ‚Musst du schon wieder in die Kneipe? Habt ihr schon wieder Skatabend? Warum können wir nicht am Wochenende gemeinsam ins Grüne fahren? Hast du noch Geld für dies und das? Denkst du nie an deine Familie?’ Und ständig brüllte die Göre. Mann, das war Stress pur!”
“Du armer Kerl! Mann, was hat’s deine Frau doch gut gehabt, was?”
“Wie meinste das?”
“Nur so.”
“Oma sagt immer, der Kerl wär’s nicht wert, so eine prima Familie zu haben. Der würde noch im Knast landen", erklärte Thorsten.
“Und ich bin keine Göre!", empörte sich Maike. – “Was ist Knast, Thorsten?”
“Ich halt´s nicht mehr aus! Entweder setzt du dich woanders hin, Bob, oder ich schmeiß dich wegen Störung des Betriebes raus.”
“Bin ja schon ruhig. – Aber das muss ich noch sagen: Dein Verhalten stinkt stärker als die Fürze der Kamele, wenn sie mit Blähungen im heißen Sand liegen. – Und die stinken ungeheuerlich! Das muss ich dir sagen. Dachte immer, du wärst ein richtig guter Kumpel. Wenn ich das meiner Frau erzähle, die glaubt´s nicht.”
“Ist mir egal, wem du was erzählst, aber halt endlich deine Klappe!”
“Nächster Halt – Südfriedhof.”
“Da müssen wir raus, Maike. Wir sind gleich da. Nimm die Blumen.”
“Nimm du doch!”
“Bist du blöd? Jungen tragen keine Blumen.”
“He! Wen besucht ihr denn auf dem Friedhof?", fragte Bob.
“Mama", sagte Maike und hob die Blumen hoch.
“Arbeitet die da? Im Blumenladen, da vorne im Kiosk?”
“Nein. Mama ist tot; sie ist heute vor einem Monat gestorben. Darum wollen wir ihr doch die Blumen bringen und ein bisschen erzählen. Alles, was so war: in der Schule, mit Oma, dass wir brav waren, dass wir Papa gesehen haben und so", sagte Thorsten und stand auf.
“Weiß euer Vater das denn nicht?”
“Nein, glaub ich nicht”, sagte Thorsten und schielte zum Fahrer. Mama wollte nicht, dass er was erfährt, als sie krank war. Und als sie tot war, hat Oma gesagt, der soll bleiben, wo der Pfeffer wächst; nachher will der euch noch haben wegen dem Kindergeld. Der versäuft und verhurt das bloß.”
“Mann, du redest ja schon wie ein Großer.”
“Bin seit Mamas Tod auch für alles zuständig”, sagte er laut und mit Stolz in der Stimme.
Mit einem grellen Kreischen schliffen die Räder über die Schienen. Es war eine Vollbremsung, wie sie sonst nur bei höchster Gefahr vorkam. Thorsten schoss nach vorne, fiel auf den Rücken seines Vaters; eine Frau schrie auf und eine Coladose rollte den Gang entlang, polterte an der Tür die Stufen herunter.
“Scheiße!", schrie Frank. “Scheiße!”
Als er sich umdrehte, sah man die geprellte Nase; das Blut tropfte auf das Uniformhemd. Thorsten rieb sich die Stirn, er war mit dem Kopf auf den Rücken seines Vaters geprallt, hatte ihn auf das Armaturenbrett gestoßen.
“Was – was habt ihr gesagt?” Frank stierte Thorsten an, der erschrocken in den Sitz zurück fiel.
“Habt ihr euch weh getan?", fragte Bob besorgt.
“Nein, nein. Nur erschrocken", flüsterte Thorsten, rieb weiter die Stirn und sah seinen Vater ängstlich an.
“He! Frank! Wusste nicht, dass deine Frau gestorben ist. Äh – eigentlich wusste ich ja nicht mal, dass du eine hattest. Wo du doch immer in den Kneipen rum hängst, da dachte ich, Mann, dachte ich, der ist Junggeselle, auf den wartet keine. Dachte ich immer.”
“Halt deine verfluchte Klappe!”
“Können wir hier aussteigen?”, fragte Thorsten.
“Tina ist tot?", fragte Frank ihn und sah dabei ziemlich verwirrt aus.
“Wer ist Tina?", fragte Maike.
“Papa meint Mama.”
“Warum sagte er dann nicht Mama?”
“Weil er sie so nennt, darum. Oma sagt doch auch Martina zu ihr.”
“Das darf nur die Oma, sonst keiner, hat Mama gesagt. Für uns wär sie die Mama.”
“Ist Tina tot? Verdammt, bin ich hier in einem Irrenhaus?", brüllte Frank und schlug mit der Faust auf die Armaturen.
“Du bist irre, Frank – nur du!", rief Bob. “Komm, mach die Tür auf. Wir steigen aus. Ich brauch frische Luft. Geht ihr mit mir – oder besser – nehmt ihr mich mit? Ich möchte eure Mama auch besuchen. Bestimmt gibt’s da vorne am Kiosk Blumen. Welche Blumen mochte sie denn?”, fragte er und war schon draußen. “Tulpen, sagt ihr? Welche Farbe ...”
Die Tür schloss sich und Frank sah, wie die Drei nach sicherndem Blick die Schienen und die Straße überquerten. Keiner drehte sich um; sie sahen stur rüber zum großen Tor des Friedhofs, der nur noch wenige Meter entfernt war. Ihm wurde schlecht und sein Kopf schmerzte.
“Wann geht’s hier endlich weiter, verdammt!", schrie ein Junge, der dabei sein Mädchen beifallheischend ansah. Frank fiel in seinen Sessel und wischte sich mit dem Handrücken das Blut von der Oberlippe.
“Ja, ja! Entschuldigung. Sofort. – Vorsicht! Es geht weiter! – Nächster Halt – Rheinuferstraße.”



© Eduard Breimann

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