Mainhattan Moments
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April 2002
Statistisch gesehen
von Natalie Rudi


„Welchen haben wir denn heute?“
„Den 16, denk daran: heute ist der letzte Tag für die Abgabe der Monatsstatistik. Die Verwaltungstussi hatte schon angerufen. Kannst Du meine auch mitnehmen? Ich muß heute noch den Kleinen bei der Oma abholen... Meine Frau ist zum Elternabend.“
„Ach ja, die Monatsstatistik...Na klar, mach ich doch... geh nur...“
„Bis morgen dann, mach`s gut.“
Wie ruhig? Vom Morgengrauen bis in die späte Nacht nur das Klirren des Metalls. Erst die Schienen, dann die Türen, „Zurückbleiben bitte!“, Spiegel, Ampel, wieder die Schienen... Gibt es hier kein Radio?... Statistisch gesehen fahren 15 Straßenbahnwagen innerhalb unserer Stadt 51 Mio. Km im Jahr. Wie oft um den Globus? Die 20,8 km Streckenlänge sind acht Stunden lang.
Der Tag ist länger. Statistisch gesehen muß Konsum die Produktion begleichen. Arbeitszeit gleich Freizeit. Lebensmittelaufnahme contra Elektrizitätsverbrauch. Ich entschied mich für alles, was Bauhaus so zu bieten hat. Als Vorsorge für die Zeit des Verzehrs. Die Statistik ist einfach: 65 minus 30 ergibt 35. Inklusive Grundbucheintragung.
Statistisch gesehen werden 1,37 Kinder je Ehepaar geboren. Mein Junge ist ja schon ein richtiger Kerl! Geht schon zur Schule. Und was er auf der Baustelle helfen kann. Wenn Thorsten gemessen hat, brauche ich nicht nachzumessen, ein Mann eben. Die Maike konnte auch ein Junge sein. So frech. Wie sie neulich den einen da, den Beckers Angeber gebissen hatte. Da hat er geheult, da mußte er jaulen. Die Nachbarn sagen, Maike ist sehr aggressiv geworden... Brigitte hätte sie schon zur Vernunft gebracht. Auf mich hört sie nicht. Mamas Liebling.
Statistisch gesehen leben Frauen länger als Männer. Sie arbeiten nun mal nicht so hart, sie sitzen zu Hause mit den Kindern oder irgendwo im Büro und tippen und trinken Kaffee. Und danach lesen sie in ihren Zeitschriften, wie sie sich zu entspannen haben. Nach dem Lesen der Horoskope.
Was soll ich denn machen mit dieser Statistik? Sie hat sich auf den Garten gefreut, und Geld ausgegeben für ihre Blumen. „Kannst Du nicht bei den Nachbarn nach den Blumen fragen? Ich versuche ja auch aus dem Billigsten was Gescheites zu klopfen.“ „Ich wollte ja alles in einem machen, daß es zum Sommer hin richtig zugewachsen und grün ist. Und wenn das Kleine dann da ist, wird es von der frischen Luft immer gesund sein. Dann brauche ich nicht mehr Angst zu haben.“ Warum wollte sie nur unbedingt noch ein Drittes? Unsere Pflicht der Reproduktion haben wir doch schon erfüllt...
Ja, statistisch gesehen, sterben die Frauen heute nicht wegen Kinderkriegen. Die werden doch dauernd untersucht. Und was soll denn da schief gehen? Sie war nur so warm und so geschmeidig, wenn sie schwanger war. Alle Rundungen am Körper verbargen einen Geheimnis. Sie ging mit einem hoch gehobenen Kopf als wäre sie eine Königin. Und die Augen strahlten wie am Tag unserer Hochzeit. „Frank Holter, willst Du deine Frau, Brigitte Holter, lieben und ehren in den guten und in den schlechten Zeiten, bis daß der Tod euch scheidet, so antworte mit: - Ja, ich will...“
Ahnung hatte sie. Noch zwei Tage davor hatte sie mich gewarnt, daß sie fortlaufen würde, wenn ich nicht endlich die Betriebsratswahl vergessen würde. Da hatte ich noch gelacht: sie kann mit so einem Bauch gar nicht laufen, eher rollen. Als Arbeiter eines städtischen Betriebes war mein Arbeitsplatz sicher. Bis vor kurzem. So habe ich auch das alte Haus gekauft. Und nun hieß es, die Stadt braucht Geld, die verkauft uns einfach. Ohne unsere Straßenbahn erstickt doch diese Stadt in den Abgasen. So ließ ich mich auch als Kandidat für den Betriebsrat aufstellen. Aber die Gewerkschaft hatte da ihr eigenes Süppchen. Ich wollte nicht in die Gewerkschaft, mich störten diese eingefahrene Strategien, jedes Jahr das Gleiche. Verwaltung ohne Ende. Und die Mitglieder, die Malocher müssen deren Gehälter da erwirtschaften. Und dann sitzen die bei uns im Aufsichtsrat und haben dem Verkauf auch zugestimmt. Und auch im Betriebsrat waren die schon immer hundertprozentig vertreten. Als ich mich als Nicht-Mitglied zur Wahl stellte, waren die sauer. „Komm doch auf unsere Liste“ – haben die gesagt: „Du weißt doch gar nicht, wie so ein sozialer Kampf funktioniert. Erst fährst Du auf Schulungen, der Betrieb zahlt. Da brauchst Du dich gar nicht alleine mit der ganzen Wahlpropaganda zu schlagen.“ Ich lehnte ab, seitdem grüßten mich einige nicht mehr. Ist mir auch egal. Diese Feiglinge...
Sie hatte Schwangerschaftsdiabetes. Statistisch gesehen, erkranken daran 0,2 Prozent der Frauen. „Das gibt sich nach der Entbindung wieder. Insulin muß ich spritzen, damit sich das Kind richtig entwickeln kann.“- sagte sie. Fünf mal am Tag holte Brigitte ihre Spritze. Immer lachend. „Du bist ein Junkie“: schimpfte ich, um meine Besorgnis nicht zu verraten. Alles Routine.
Statistisch gesehen ist ein Tag im Leben eines Menschen bedeutungslos. Maike war im Kindergarten, Thorsten in der Schule. Sie war gerne allein zu Hause, sprach nicht viel mit den Nachbarn. An diesem Tag wollte sie die Babysachen noch zu Recht legen. Sie beeilte sich diesmal mit den Vorbereitungen. Der Arzt sagte, sie hatte sich anscheinend zu viel Insulin gespritzt. Dann hatte sie sich mit dem Runtertragen körperlich angestrengt, so daß der Zuckerspiegel noch weiter gesunken war. Sie lag auf dem Speicher, neben den Kisten mit dem Babykram: die rote Rassel in ihrer Hand fest klammernd. Beim Fallen hatte sie sich anscheinend am Boby-car weh getan. Der Arzt sagte: „der Entbindungstermin wäre da am 16 nächsten Monats, statistisch gesehen...“ Heute.

(c) Natalie Rudi

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