Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Mai 2002
Meine beste Freundin
von Monique Lhoir


Oft denke ich noch nach meinem Umzug wehm├╝tig an meine Dortmunder Zeit zur├╝ck. Nicht nur, weil sich meine Familie dort befindet, sondern auch meine Schulfreunde und vor allen Dingen meine seinerzeit beste und liebste Freundin. Aus irgendwelchen Gr├╝nden hat sich unsere Freundschaft dann in den n├Ąchsten Jahren im Sande verlaufen, ich kann nicht mehr sagen, warum. Anfangs gab es noch ein paar Anrufe und dann war pl├Âtzlich Funkstille, sowohl von meiner als auch von ihrer Seite. Vielleicht hatte ich zuviel zu tun oder ich zu viel zu tun oder aber auch sie hatte zuviel zu tun.

Ungef├Ąhr zur gleichen Zeit vor meinem Umzug nach Hamburg heirateten wir und bekamen auch fast zeitgleich unser erstes Kind. Vielleicht war das sogar ausschlaggebend und wir waren mit anderen Dingen besch├Ąftigt. Aber trotzdem, vergessen habe ich sie nie.

Nach anf├Ąnglichen Schwierigkeiten hatte ich mich sogar einigerma├čen an das Hamburger Nieselwetter gew├Âhnt und es machte mir nicht mehr so viel aus wie vorher.
Jedenfalls komme ich eines sp├Ąten Nachmittags im Januar vom B├╝ro nach Hause. Es ist schon dunkel und das Nieselwetter, der leichte Nebel und die Laternen tauchen meine Umgebung in ein unnat├╝rlich gelbes Licht. Ich schliesse erleichtert, endlich Feierabend zu haben, mein Auto auf dem Parkplatz ab und gehe zu meiner Haust├╝r. Gerade als ich aufsperren will, h├Âre ich jemand zaghaft und fragend rufen: "Moni?". Ich drehe mich erstaunt um und schaue in die Richtung der Fragenden. Etwas verdattert sage ich irritiert: "Ja?" Wer soll mich hier in Hamburg schon ansprechen, wo ich doch eigentlich niemand so recht kenne, insbesondere niemand, der auch noch im Hauseingang steht.

"Kennen wir uns?" antworte ich er erstaunt. Mein Ton wird fester, um mir nicht meine Unsicherheit anmerken zu lassen. Ich schaue sie im Dunkeln an. Alles ist schemenhaft, die Eingangsleuchte funktioniert mal wieder nicht.
"Moni?" fragt die Person noch einmal zaghaft und l├Âst sich aus den B├Ąumen, die den Eingangsbereich umgeben.
"Ja", sage ich noch einmal fest. "So hei├če ich. Kann ich etwas f├╝r Sie tun?"
"Ich bin es", sagt die schemenhafte Person zu mir.
"Erkennst du mich nicht? Susanne!". Ich reagiere nicht sofort und sperre vorsorglich die T├╝r auf, um mir einen Fluchtweg freizuhalten.
"Susanne?" frage ich dann erstaunt zur├╝ck. Ich folgere nicht sofort und mir fehlt zu diesem sp├Ąten und unvermuteten Zeitpunkt so schnell der Zusammenhang.
"Ja", sagt die Person, "Susanne!"

"Susanne?" frage ich v├Âllig perplex. "Doch nicht etwa aus Dortmund?"
'Susanne', denke ich bei mir. 'Meine Freundin Susanne aus Dortmund. Man bist du bl├Âd. Wie benimmst du dich eigentlich?' Ich fasse mir an den Kopf und sage immer noch fassungslos: "Komm doch erst mal rein. Entschuldige, aber ich bin so ├╝berrascht. Wir m├╝ssen doch nicht im Regen stehen."

Ich ├Âffne nun endg├╝ltig weit die Haust├╝r und mache das Flurlicht an. Susanne folgt mir still. Dann steige ich die Stufen zu meiner Wohnungst├╝r hinauf. Ich lasse sie rein, sage ganz banal, von der Situation ├╝berrumpelt: "Setz dich. Ich komme gleich", und denke im gleichen Augenblick: 'Wieso verh├Ąltst du dich so bl├Âd. Das ist Susanne, deine beste Freundin, die du schon seit Jahren nicht mehr gesehen hast und mit der du Jahre Freud und Leid und auch Liebeskummer geteilt hast.' Ich stelle meine Handtasche ab, ziehe mir meinen Mantel aus und gehe ins Wohnzimmer.

Ich frage sie: "M├Âchtest du einen Kaffee?"
"Gern", erwidert sie. Ich bin froh, wieder in die K├╝che zu kommen, um Kaffee aufzusetzen. Ich muss mich sammeln, werde mit der Situation nicht richtig fertig und verstehe vor allem mein Verhalten nicht.
'M├╝sste ich sie jetzt nicht einfach in die Arme nehmen und sie herzlich begr├╝├čen?' denke ich. 'Warum benehme ich mich nur so bl├Âd?' Ich krame langsam Tassen, Milch und Zucker aus dem Schrank, bringe alles ins Wohnzimmer und starre Susanne an.
"Ich bringe sofort den Kaffee", sage ich und bin auch schon wieder weg. 'Nun mach doch mal endlich was', tadele ich mich verzweifelt selbst. 'So viele Jahre sind doch noch gar nicht vergangen, dass man sich so fremd sein kann'.

Der Kaffee ist fertig und ich inzwischen auch. Meine Galgenfrist ist vorbei. Ich bringe ihn ins Wohnzimmer und schenke ihr eine Tasse ein. Traumverloren r├╝hren wir beide Zucker und Milch hinein ohne eine Wort zu sprechen.

Und ich starre sie entsetzt an: "Wo hast du denn deine langen, schwarzen Locken gelassen?" frage ich sie ziemlich betroffen. Sie streicht sich mit der Hand - wie mir scheint - versch├Ąmt durch die Stoppelfrisur.
"Habe ich abschneiden lassen", sagt sie. "Ist doch so viel praktischer".
"Aber wieso hast du deine wundersch├Ânen Haare abschneiden lassen", sage ich ziemlich betroffen und mir schie├čen angesichts dieser Tatsache Tr├Ąnen in die Augen.
"Jeder hat dich um diese Haare beneidet". Traurig - wie mir wieder scheint - schaut sie mich nun an und meint nur lakonisch: "Ich habe nicht mehr so viel Zeit, um sie zu pflegen. Du wei├čt doch noch, wie lange Zeit ich brauchte, um sie zu trocken und zu frisieren. Wie oft musstest du warten, bis ich endlich soweit war, dass wir ausgehen konnten. Und jetzt bin ich in 5 Minuten fertig".

'Ach Susanne', denke ich traurig und fassungslos. 'Du siehst aus, als wenn du dich selbst kastriert h├Ąttest'. Aber ich sage nichts. Ich stehe langsam auf und setzte mich neben Susanne aufs Sofa, streiche ihr sanft durch die Stoppelfrisur, dann nehme ich sie in den Arm und sagte nur: "Oh Susanne, warum hast du das nur getan?" Sie verh├Ąlt sich stocksteif in meinem Arm und ich sp├╝re, wie meine Schulter feucht von ihren Tr├Ąnen wird und in diesem Augenblick wei├č ich, dass noch eine Menge anderer Dinge auf mich zukommen werden, als nur diese grausame Stoppelfrisur.

Als sie sich ein wenig beruhigt hat, r├╝cke ich instinktiv wieder ein wenig von ihr ab.
"Warum hast du nicht angerufen und gesagt, dass du nach Hamburg kommst, dann h├Ątte ich mir doch frei genommen. Und, vor allem, wie lange bleibst du?"
"Ich bin heute Nachmittag erst angekommen", erwidert sie, "und ich bleibe bis Sonntag. Du wei├čt doch noch, dass ich fr├╝her immer einmal im Jahr nach Hamburg gefahren bin", und es klingt ein wenig wehm├╝tig.
"Ja", sage ich l├Ąchelnd und denke an unsere alten Zeiten. "Einmal im Jahr zum Musical "Cats". Das war dein absolute Muss. Du warst bestimmt deren treuester Fan. Aber "Cats" l├Ąuft jetzt nicht mehr, das haben sie abgesetzt. Besuchst du ein anderes Musical?"
"Ne", sagt sie, "ich wollte einfach nur noch einmal nach Hamburg."
"Ich freue mich, dass du da bist", sage ich, nun doch gef├╝hlvoller und vor meinem Augen dr├Ąngt sich das Bild von Susannes Junggesellen-Bude auf.

Susanne und ich waren Katzennarren. Das war eines der Dinger, die wir gemein hatten. Alle Accessoires und Dekorationen in ihrer Wohnung waren irgendwie mit Katze verbunden, ob es die Bilder an der Wand waren, die Handt├╝cher im Badezimmer, der L├Ąufer im Flur oder sogar der Kaffeebecher. Und nat├╝rlich fuhr sie einmal im Jahr zu "Cats". Ich war zwar auch ein Katzennarr, aber sie war v├Âllig abgedreht.

Anfangs mochte ich Susanne ├╝berhaupt nicht. Sie kam als Buchhalterin in unsere Firma, war j├╝nger als ich und sehr gut aussehend. Ich war zu der Zeit Chef-Assistentin und es passte mir ├╝berhaupt nicht in den Kram, dass sich pl├Âtzlich unsere M├Ąnner im B├╝ro nur noch mit ihr besch├Ąftigten. Ich glaube, ich war anfangs manches Mal recht ekelig zu ihr, habe ihr den Start in unserer Firma bestimmt nicht leicht gemacht und ihr gegen├╝ber meine Position herausgekehrt.

Wir hatten keinen privaten Kontakt. Aber dann - ich wei├č nicht mehr wann und wie - sind wir ├╝ber unsere Katzen ins Gespr├Ąch gekommen. Und das war der Anfang einer echten Freundschaft.

"Wohnst du hier in Hamburg?" frage ich.
"Ja", sagt sie, "in einem Hotel in der Innenstadt. Ist ja auch nur eine billige Busreise gewesen."
"Hm", sage ich, "morgen ist Freitag, da kann ich versuchen, in meiner Firma mittags Schluss zu machen. Sollen wir uns bei dir am Hotel treffen? Ich meine, dann k├Ânnen wir wie fr├╝her ein wenig bummeln, einkaufen, Kaffee trinken und abends gehen wir was Tolles essen. Ach, h├Ąttest du doch nur angerufen, dann h├Ątten wir uns einen super Plan machen k├Ânnen. Ich kann dir hier soviel zeigen". Ich rede hektisch und ├╝berschwenglich, da ich immer noch befangen bin, irritiert insbesondere durch ihr Aussehen.

"Ich hab mich kurzfristig entschlossen zu fahren", sagt sie etwas m├╝de, "ganz kurzfristig. Es war gerade noch ein Platz frei. Ich war mir auch noch nicht sicher, ob wir uns treffen w├╝rden. Die spontane Idee kam mir erst heute Nachmittag, als ich mein Hotelzimmer bezog, und deshalb habe ich hier einfach vor der T├╝r gestanden und gewartet".

Am Abend, nachdem wir noch ein wenig und ziemlich oberfl├Ąchlich, wie mir schien, miteinander geredet hatten, fuhr ich Susanne zu ihrem Hotel zur├╝ck und wir verabredeten uns f├╝r den n├Ąchsten Tag.

Langsam fahre ich dann heim, noch ganz erf├╝llt von diesem pl├Âtzlichen und unerwarteten Zusammentreffen. Meine Gef├╝hlswelt ist komplett durcheinander. Es waren nicht nur ihre langen schwarzen Locken, die einer Stoppelfrisur gewichen waren und die ich an ihr vermisste, es war viel mehr. Mit den Locken war auch Susanne weg. Susanne war nicht mehr Susanne. Nicht einmal ein Hauch von ihr war noch da.

Susanne spr├╝hte fr├╝her vor Leben. Sie tat viele Dinge gleichzeitig, redete hektisch, storkste stets mit viel zu hohen und spitzen St├Âckelschuhen durch die Gegend, wobei sie von Natur aus schon ziemlich lange, d├╝nne Beine hatte, die dann endlos wirkten und genau so endlos auch auf s├Ąmtliche M├Ąnner wirkten, wenn wir ausgingen. Ich habe mich stets gefragt, wie sie es schaffte, auf diesen Dingern zu laufen und auch noch damit eine ganze Nacht durchzutanzen. Susanne schloss n├Ąmlich grunds├Ątzlich nachts die Bars ab, verga├č genauso grunds├Ątzlich ihre Jacken oder Pullover in diesen Bars und kam halb angezogen nach Hause. Susanne war eben Susanne. Und sie war es, die mich immer mitschleppte und mich dazu verleitete, Dinge zu tun, die ich wahrscheinlich sonst nie getan h├Ątte - immerhin war ich ja Chef-Assistentin und so hatte ich mich auch zu benehmen.

Aber was hatte sie so ver├Ąndert? Das war nicht mehr Susanne. Mein Gott, warum hatte ich nicht mal in der Zwischenzeit angerufen? War ich wirklich so besch├Ąftigt gewesen, um nicht ein einziges Mal Zeit f├╝r ein kurzes Telefonat zu haben? War es m├Âglich, dass ich die letzten f├╝nf Jahre nicht einmal Zeit gefunden hatte, mich zu melden? Ich machte mir Vorw├╝rfe und bekam ein schlechtes Gewissen.

Meine Nacht verbrachte ich sehr unruhig. Ich tr├Ąumte von fr├╝heren Zeiten, alles wirr durcheinander und fuhr morgens v├Âllig ger├Ądert ins B├╝ro. Als ich mittags Schluss machte und in die Innenstadt Hamburgs fuhr, um Susanne zu treffen, nahm ich mir vor, den Dingen auf den Grund zu gehen. Aber konnte ich das, ohne ihr zu nahe zu treten? 'Nein', denk ich, 'warte ab, was sie dir erz├Ąhlen will. Tu einfach so, als wenn gar nichts passiert w├Ąre. Und um Gottes willen rei├č dich zusammen und zeige ihr nicht, wie schockiert und betroffen du bist'.

Susanne wartet schon in der Eingangshalle des Hotels. Das erste, was mir auff├Ąllt ist, dass sie gar keine St├Âckelschuhe tr├Ągt, sondern ihre F├╝├če in bequeme Halbschuhe gepackt hat. Das ist auch ein Bild, an das ich mich erst gew├Âhnen muss. Sie wirkt so viel kleiner, obwohl sie immer noch einen Kopf gr├Â├čer ist als ich. Auch ist ihre Kleidung nicht mehr so auff├Ąllig wie fr├╝her, eher sehr bieder. Ebenfalls ein Bild, an das ich mich erst gew├Âhnen muss. Das ist nicht mehr die Susanne von fr├╝her.

Ich begr├╝├če sie ├╝berschwenglich und zerre sie mit.
"Wei├čt du, was wir machen?" sag ich ganz euphorisch. "Wir bummeln durchs Hanse-Viertel. Ich kann dir sagen, da gibt's Klamotten, die kosten ein paar tausend Euro, die kann sich unsereins ├╝berhaupt nicht leisten. Da machen wir uns einen Spa├č draus und tun so, als ob wir die kaufen wollten und probieren die an. Das produziert echt Gl├╝ckshormone".
"Meinst du?" fragt Susanne zaghaft und schaut an sich herunter. "Ob die uns das glauben werden?"
"Klar doch", sag ich, "je unauff├Ąlliger man aussieht um so besser. Und du hast doch eine tolle Figur. Immer noch wie ein Model. Dir passt einfach alles. Im Gegensatz zu mir", f├╝ge ich etwas neidvoll hinzu. "Ich bin einfach immer noch zu klein f├╝r diese Designer-Klamotten", sag ich dann aber doch lachend.

Wir wandern durchs Hanse-Viertel und dr├╝cken uns die Nasen an den Schaufenstern platt. Susanne wird immer schweigsamer.
"Komm", sag ich "gehen wir mal hier rein. Das ist eins meiner Lieblingsgesch├Ąfte. Guck dir das an. Jil Sander. So ein Riesenladen und fast nichts drin. Und alles nur in Grau, Beige und Schwarz. Aber echt klassisch. So ein Ding tragen und man f├╝hlt sich wie der Chef pers├Ânlich."
Ich steuere zielstrebig auf die Kost├╝me zu. Eine etwas pikiert dreinschauende Verk├Ąuferin - ich wei├č gar nicht, ob man das zu diesen Damen sagen darf - kommt direkt auf mich zu.
"Kann ich ihnen behilflich sein?" fragt sie blasiert und bekommt dabei kaum ihre Lippen auseinander, so dick geschminkt sind diese, es k├Ânnte aber auch sein, dass die aufgetragene Glasur von ihren Wangen abbr├Âckeln k├Ânnte.

"Ja", sage ich, "gerne. Meine Freundin aus New York ist gekommen und wir wollten uns mal eines ihrer klassischen Kost├╝me anschauen. Leider ist ihr Gep├Ąck noch nicht da und sie hat morgen fr├╝h einen wichtigen Termin. Ich denke mal, dass dieses hier einigerma├čen ihrem Stil gerecht wird", und reiche eines der schwarzen Kost├╝me heraus. Die Verk├Ąuferin wird um einiges freundlicher, ohne dass die Glasur abbr├Âckelt, und bittet Susanne in eine der Umkleidekabinen.
'Oh Gott', denke ich, 'hoffentlich hat sie wenigstens einigerma├čen nette Unterw├Ąsche an und nicht so biedere, wie ihre obere Schicht. Sonst fliegen wir ja gleich auf'.

Nach kurzer Zeit kommt Susanne wieder heraus. Sie sieht einfach phantastisch und elegant in diesem Kost├╝m aus, trotz Stoppelfrisur. Ich bin begeistert. "Dreh dich mal", sage ich. Dieses teure Ding passt wie angegossen und die blasierte Verk├Ąuferin ist begeistert. Wenn ich das Geld gehabt h├Ątte, ich h├Ątte es glatt gekauft.
"Hm", sage ich, "ich glaube, f├╝r den Termin morgen ist es nicht geeignet. Wissen Sie", wende ich mich an die Verk├Ąuferin, "meine Freundin hat morgen einen wichtigen Termin mit Filmproduzenten hier in Hamburg. Dieses Kost├╝m ist etwas zu schlicht und zu bieder. Ne, ne, das passt nicht. Ich glaub, wir gehen doch lieber zu Dior."

Als wir wieder auf der Stra├če sind und um die erste Ecke gebogen waren, stupst mich Susanne entsetzt an.
"Sag mal, bist du v├Âllig bekloppt? Hast du gesehen, was dieses Kost├╝m gekostet hat? Das waren 6.000 Euro. Soviel Haushaltsgeld hab ich noch nicht mal f├╝rs ganze Jahr?"
Ich bekomme einen Lachkrampf, so viel Spa├č hat es gemacht und denke an die aufgetakelte Verk├Ąuferin, der doch noch am Ende fast der Putz von den Wangen gefallen w├Ąre.
"Na", sage ich, "hat sich doch gelohnt, das mal anzuprobieren. Aber wei├čt du, du hast einfach toll darin ausgesehen", und ich komme ins Schw├Ąrmen.

Und dann kommen wir an mein absolutes Lieblingsgesch├Ąft vorbei. Versace. Ich sto├če Susanne an.
"Guck dir dieses Kleid an. Ist das nicht ein Traum? Das w├Ąre das Kleid f├╝r dich." Ich bin hin und weg und zerre Susanne in den Laden. Ich kann den Verk├Ąufer ├╝berreden, das Kleid aus dem Schaufenster zu holen und Susanne geht - inzwischen wahrscheinlich schon v├Âllig willenlos - mit diesem Traum in die Umkleidekabine. Als sie herauskommt, falle ich bald um. Sie sieht gro├čartig aus. Wie ein Filmstar. Auch der Verk├Ąufer ist begeistert. Ein schmales Oberteil, das sich eng um ihre sowieso viel zu d├╝nne Taille schmiegt, ist ├╝ber und ├╝ber mit zarten rosa Rosen ├╝bers├Ąt. Darunter bauscht sich ein in vielen Stufen fallender weiter Rock, der ebenfalls mit vielen Rosen ├╝bers├Ąt ist. Das Kleid ist aus giftgr├╝nem Taft und passt hervorragend zu ihrer wei├čen Haut und ihren schwarzen Haaren - eh Stoppelfrisur. Ich stelle mir jetzt die Susanne mit ihren ehemals langen schwarzen Locken und ihrem herzerfrischend Lachen vor und stiere sie an.

Der Verk├Ąufer, wohl mindestens genauso begeistert wie ich, f├╝hrt Susanne vor den gro├čen Umkleidespiegel und dreht sie hin und hier. Auch Susanne starrt sich an und blickt dann aber hilflos und verzweifelt zu mir her├╝ber. Ich habe das Gef├╝hl, dass ich dieses Spiel beenden muss und pflichte dem Verk├Ąufer bei, dass dies das wirklich absolute Kleid f├╝r meine Freundin ist, wir uns aber bei einer Tasse Kaffee noch einmal in Ruhe entscheiden wollen.

Wir verlassen den Laden. Susanne sagt nun endg├╝ltig gar nichts mehr und ich steuere ein kleines Kaffee an. Drau├čen wird es schon dunkel und wir bekommen einen Platz an einer Fleet. Hier sitzen wir gem├╝tlich im Warmen; es f├Ąngt leicht zu schneien an, ├╝berall brennen Laternen und Lampen und verbreiten warme Gem├╝tlichkeit. Wir starren beide aus dem Fenster und schauen den Schneeflocken zu.

Susanne atmet pl├Âtzlich tief durch und sagt: "Wei├čt du, dies ist das erste Mal seit einigen Jahren, dass ich in Ruhe in einem Caf├ę sitze und einen Eiskaffee trinke. Und das bei dieser K├Ąlte und mit diesem herrlichen Ausblick. Und all diese tollen Kleider? Als ich in den Spiegel schaute, habe ich mich nicht mehr erkannt, diese Person, die mir gegen├╝bertrat, war nicht ich. Diese Person war mir fremd und doch so vertraut. Ich habe mich f├╝rchterlich erschrocken."

Ihr Blick schweift in die Ferne und ich lasse sie in Ruhe und sage nichts, weil ich das Gef├╝hl habe, dass sie das einfach braucht. Nach einiger Zeit schaut sie mich an: "Aber wei├č du was?" sagt sie pl├Âtzlich und ich kann in ihren so leeren Augen doch wieder etwas Leben entdecken. "Du bist v├Âllig verr├╝ckt! Wie kannst du in diese L├Ąden gehen und so tun als ob?"

Ich grinse sie schief an: " Hm, ich hatte mal vor ein paar Jahren in Dortmund eine gute Lehrmeisterin".
Wir schweigen wieder und sie schaut vertr├Ąumt in das Schneegest├Âber.

"Ich hab eine Idee", sage ich pl├Âtzlich, um diese wehm├╝tige Stille zu unterbrechen. "Ich kenne hier in der N├Ąhe einen Laden mit tausend verschiedenen Aromen. Den werden wir aufsuchen und uns etwas Sch├Ânes kaufen. Und dann werden wir genau das machen, was wir fr├╝her immer getan haben. N├Ąmlich nach Hause fahren, es uns gem├╝tlich machen, vielleicht Tarot-Karten legen und uns die Probleme von der Seele reden, auch wenn es noch so bl├Âd und albern ist".

Wir schauen uns in die Augen und ich habe endlich das Gef├╝hl, dass meine Freundin Susanne wieder ann├Ąhernd meine Freundin Susanne wird.

Und genau das taten wir auch. Wir kauften einen s├╝├člichen, exotischen Rosenduft, etwas Zitronella und Geranium, nat├╝rlich auch noch einen Lippenstift, Wimperntusche, Parfum, eine wahrscheinlich v├Âllig unn├╝tze Kosmetiktasche und fuhren begl├╝ckt mit unseren Sch├Ątzen nach Hause. Dann mischten wir die Aromen in eine ├ľllampe, d├Ąmpften das Licht und legten Musik auf.

'Ah', denk ich, 'zum Gl├╝ck ist mein Mann nicht zu Hause. Wenn der diesen Duftgeruch mitkriegen w├╝rde, bek├Ąme er eine Krise. Komisch', denke ich weiter, 'warum kann man solche doch so einfachen aber beruhigenden und gem├╝tlichen Dinge nicht mit einem Mann machen?' und mir f├Ąllt auf, wie lange Zeit ich meine ├ľllampe schon nicht mehr benutzt hatte.

Mit zunehmender Verbreiterung der Duftmischung im Raum wird auch Susanne entspannter und ihre recht hart gewordenen Gesichtsz├╝ge lockern sich. Vielleicht war es auch das Kerzenlicht, aber Susanne ├Ąhnelt so doch wieder Susanne. Trotz Stoppelfrisur. Hunger haben wir keinen mehr, daf├╝r ├Âffne ich eine Flasche Rotwein und wir schenken uns ein.

Ich frage: "Sag mal, wo hast du deine Tochter gelassen?"
"Ich habe sie ├╝bers Wochenende zu meiner Mutter gegeben", sagt Susanne. "Sie freut sich, wenn sie auch mal dort ├╝bernachten darf. Und dein Sohn?" fragt Susanne.
"Hm", erwidere ich, "der macht gerade einen Ausflug und mein Mann ist auf der D├╝sseldorfer Messe und kommt erst Montag zur├╝ck. Wie du siehst, habe ich sturmfreie Bude. Du bist gerade zum richtigen Zeitpunkt gekommen. Ist das nicht herrlich?" und ich breite die Arme aus.
"Nun sitzen wir hier zusammen wie fr├╝her, lassen uns von den Aromen und dem Rotwein benebeln und haben alle Zeit der Welt und nichts, aber auch gar nichts zu tun."
Susanne nickt und sagt leise: "Ja, ich wusste auch schon gar nicht mehr, wie sch├Ân das war. Fr├╝her habe ich das ├╝berhaupt nicht so richtig wahrgenommen, wenn wir uns trafen. Wir empfanden das einfach so normal, haben uns keine Gedanken gemacht und das war unsere Welt. Aber dann verlief das Leben pl├Âtzlich ganz anders".

"Und dein Mann?" frage ich dann vorsichtig weiter. "Warum ist er nicht mit nach Hamburg gekommen?"
Susanne weicht aus. "Er macht solche Touren nicht. Ich glaub, er ist froh, dass ich mal nicht da bin".
Ich ├╝berlege. Ist das bei mir auch so? Habe ich mich eventuell auch so ver├Ąndert und es gar nicht wahrgenommen? Bislang hatte ich wohl noch keine Zeit gehabt, mir dar├╝ber Gedanken zu machen und mir f├Ąllt auf, dass es auch schon eine Ewigkeit her war, dass mein Mann und ich etwas gemeinsam unternommen hatten. Aber die letzten Jahre waren auch etwas turbulent verlaufen und ich kam kaum zum Luftholen.

Aber vorerst gehe ich nicht weiter auf dieses Thema ein. Der Duft der Aromalampe verbreitet sich weiter und ich atme tief durch. Ich habe das Gef├╝hl, dass wir beide mit unseren Gedanken weit weg sind. Es herrscht eine wohltuende Stille.
"Ah", sag ich pl├Âtzlich. "Ich hab eine Idee." Ich stehe auf und krame in den CDs herum bis ich gefunden habe, was ich suche und wechsele die Musik.
"Kannst du dich noch daran erinnern?" frage ich Susanne, als die ersten orientalischen Kl├Ąnge aus den Lautsprechern kommen?
"Ja", sagt sie landend, "ich hatte von meinem Orthop├Ąden R├╝ckengymnastik verschrieben bekommen und er meinte, Bauchtanz t├Ąte mir gut. Dich hatte ich dann auch noch dahin mitgeschleppt."

"Ja", sag ich lachend, "du warst stocksteif und mir hat es am Ende einen riesigen Spa├č gemacht. Nun mache ich immer noch Bauchtanz und du bist immer noch stocksteif. Verr├╝ckte Welt! Soll ich dir mal meine Kost├╝me zeigen, die ich mir in der letzten Zeit gen├Ąht und mit Paletten bestickt habe?"

Ich lauf ins Schlafzimmer und hole den Karton mit den Kost├╝men, krame alles aus und verstreue es im ganzen Raum.
"Schau dir dieses mal an", sage ich. "Das ist mein sch├Ânstes Werk. Ganz in schwarz und wei├č. Und es klimpert und raschelt so sch├Ân, wenn man es beim Tanzen tr├Ągt. Zieh mal an."
Wir kleideten uns um und mir kommt der verr├╝ckte Gedanke, wenn jetzt jemand an der Haust├╝r klingeln w├╝rde, der w├╝rde uns f├╝r v├Âllig verr├╝ckt halten, insbesondere wenn ihm zwei Frauen in Bauchtanzkost├╝men die T├╝r ├Âffnen w├╝rden. Ach, was machte das alles f├╝r einen Spa├č.

Wir bewegen uns nach der Musik, so wie fr├╝her und wie wir es gelernt hatten.
"Wei├čt du noch", frage ich Susanne, "wenn wir im Sommer in diesem stickigen Raum unsere ├ťbungen gemacht haben? Uns war einfach nur hei├č und dann haben wir die Bauchwippe gemacht und die Perlen am Bauchtanzg├╝rtel wedelten uns unten herum Luft zu. Anneliese war darin besonders gut. Wir hatten einen riesigen Spa├č und haben immer heraus geguckt, ob auch kein Mann zuschauen w├╝rde."

Jetzt lacht Susanne endlich einmal wirklich herzlich, aber dann wird sie pl├Âtzlich wieder sehr ernst, stellt ihren Tanz ein und setzt sich stumm hin.
"Ich mache seit Jahren keinen Bauchtanz mehr", sagt sie. "Ich habe keine Zeit".

"Keine Zeit?" frage ich. "Aber interessiert es deinen Mann nicht? Ich mein, er war doch fr├╝her ganz begeistert, wenn wir losgingen und immer recht stolz darauf, dass du so toll ausgesehen hast. Der hat dich doch regelrecht auf H├Ąnden getragen, dir jeden Wunsch von den Augen abgelesen - ja - eigentlich war er ja schon fast krankhaft eifers├╝chtig. Niemand durfte dir zu nahe kommen. Sogar, wenn wir Frauen uns abends getroffen haben, hat er dich doch immer abgeholt. Wobei ich immer zusehen musste, wie ich nach Hause kam."

"Ja" sagt Susanne traurig, "das war einmal so. Aber jetzt ist alles ganz anders".
Wir schweigen wieder und lauschen der Musik. Meine Gedanken schweifen ab und wandern in die Vergangenheit.
'Ja, auch ich bin ernsthafter geworden', denk ich. 'Auch bei mir hat sich vieles ver├Ąndert. Es ist alles nicht mehr so wie fr├╝her. Ob das vielleicht am ├älterwerden liegt? Oder haben wir heute wirklich nicht mehr die Zeit wie fr├╝her, um sich ein wenig mit sich selbst zu besch├Ąftigen. Und', gestand ich mir ein, 'so richtig zufrieden und gl├╝cklich bin ich eigentlich auch nicht. Ich vertusche es nur immer wieder, will es nicht wahrhaben und lasse die aufkommenden Gef├╝hle einfach von der Hektik der Zeit auffressen'.

Pl├Âtzlich frag ich ganz unvermutet: "Susanne, warum hast du deine sch├Ânen langen Haare abschneiden lassen?"
Susanne erschrickt und starrt mich an. Ihre Augen werden feucht, aber es kommen keine Tr├Ąnen. Susanne weint still. Ich habe noch nie jemand so still weinen sehen und bin tief betroffen.

Ich lasse Susanne in Ruhe, frage nicht mehr. Wenn jemand auf diese Art weint, muss es wirklich ernst sein.
'Mein Gott', denke ich, 'was alles kann in so wenigen Jahren passieren, dass sich jemand derartig ver├Ąndert? Susanne, diese lebenslustige, extravagante Susanne, die wirklich nichts umwarf, sa├č hier herum wie ein H├Ąufchen Elend. Ich kann mich noch erinnern, wenn wir mal wieder bei ihr zu Hause waren, dass sie stolz die alten Playboy-Zeitschriften heraus kramte, auf denen sie als Titelmodel zu sehen war. Sie war damals erst 17 Jahre und hatte die Unterschriften der Eltern gef├Ąlscht, da diese nie damit einverstanden gewesen w├Ąren, dass sie sich ablichten lie├č. Aber sie sah wirklich einfach umwerfend aus und die meisten Stellen waren sowieso von ihren langen schwarzen Haaren bedeckt. Diese Haare waren einmalig. Es war ├╝berhaupt das Sch├Ânste an ihr und alle bewunderten diese Lockenpracht.

W├Ąhrend ich noch meinen Gedanken nachging, sagte Susanne unvermittelt und trotzig: "Ich habe meine Haare aus zwei Gr├╝nden abschneiden lassen. Ich habe sie verkauft, ich brauchte Geld, um meiner kleinen Tochter etwas zum Essen kaufen zu k├Ânnen, andererseits habe ich meinen Man damit getroffen. Er ist kaum ein Abend zu Hause, das Geld, was er verdient, vertrinkt er und ich hatte nie Geld. Melanie schrie, weil sie Hunger hatte. Ich bin dann los und lie├č mir die Haare abschneiden, es war das einzige, was ich noch besa├č und zu Geld machen konnte. Ich kaufte daf├╝r Melanie etwas zu essen."

"Oh mein Gott", kriege ich nur noch raus beginne auch fast zu weinen. Susanne schweigt wieder, aber sie weint nicht mehr.
"Die Haare", sagt sie nach einer Weile, "wachsen wieder nach. Irgendwann werden sie wieder so lang sein wie fr├╝her. - Irgendwann."

"Aber warum hast du dann nicht mal angerufen. Susanne, wir h├Ątten dir doch alle geholfen. Unsere ganze alte Frauentruppe h├Ątte dir geholfen, das wei├čt du doch. Niemand h├Ątte es zugelassen, dass du dir wegen ein paar Euro die Haare abschneiden l├Ąsst. Wozu sind Freundinnen denn sonst da, wenn nicht gerade f├╝r solche Probleme. So etwas ist nicht zu fassen, nicht in der heutigen Zeit".

Ich sch├╝ttele den Kopf.
"Nein", spricht Susanne leise weiter, "es hatte auch noch einen anderen Grund. Mein Mann liebte meine Haare. Ich glaube, es war das einzige, was er an mir ├╝berhaupt liebte. Ich als Person war f├╝r ihn nur Luft und eine Belastung. Ich durfte nur putzen und waschen, w├Ąhrend er ausging. Ich bekam fast gar kein Haushaltsgeld, sollte aber immer die besten Men├╝s kochen, wenn er mal nach Hause kam. Falls er - was selten vorkam - mit mir ausging, prahlte er bei seinen Saufkumpels mit mir rum, insbesondere wegen meiner Haare, und spielte den f├╝rsorglichen Ehemann. Au├čerhalb. Aber wehe dem, wir waren wieder zu Hause."

Susanne machte eine Pause, atmete dann tief durch.

"Als ich mich entschloss, meine Haare abzuschneiden, war mir ziemlich klar, dass ich ihm damit etwas wegnahm. Nun hatte er keine M├Âglichkeit mehr, mit mir herumzuprahlen - und damit war ich f├╝r ihn v├Âllig wertlos geworden."

"Und was sagte er, als er nach Hause kam?" fragte ich dann vorsichtig.
"Ja", sagt Susanne still, "das war der letzte Tag, an dem ich ihn gesehen habe. Ich sch├Ąmte mich wegen meiner kurzen Haare, ich f├╝hlte mich so nackt. Melanie schlief schon. Er kam wieder einmal sp├Ąt und angetrunken nach Hause. Ich war schon im Bett. H├Ârte, wie er im Wohnzimmer polterte, M├Âbel anstie├č - ich wusste, dass er wieder betrunken war. Ich verhielt mich ruhig, in der Hoffnung, er w├╝rde annehmen, dass ich schliefe. Er polterte ins Schlafzimmer und lallte: "Hey, und jetzt wollen wir mal unseren ehelichen Verpflichtungen nachkommen. Hast ja sonst nichts zu tun", und zog mir die Bettdecke weg. Dann starrte er auf meine Haare und br├╝llte los. Er zerrte mich aus dem Bett, schleifte mich ins Badezimmer, stellte mich vor den Spiegel und schrie mich an. Dabei schlug er mir immer wieder ins Gesicht. Er war v├Âllig au├čer sich. Irgendwann stie├č ich mit den Kopf an den T├╝rpfosten und wurde ohnm├Ąchtig."
Sie schwieg wieder.
"Hat dich dann jemand gefunden?" frage ich entsetzt.
"Nein, irgendwann kam ich wieder zu mir. Mein Kopf schmerzte und der Boden war blutverschmiert. Er war ins Bett gegangen, ich h├Ârte ihn schnarchen. Ich rappelte mich auf und ging zu einer Nachbarin. Die rief dann einen Krankenwagen und ich verbrachte vierzehn Tage im Krankenhaus." Nun l├Ąchelte Susanne sogar.

"Meine Gott", sage ich entsetzt, "was hast du alles durchgemacht. Warum hast du ihn nicht schon vorher verlassen? Warum bist du ├╝berhaupt bei ihm geblieben?"
"Ja", sagt Susanne, "das ist eine schwierige Frage, die man nicht so leicht beantworten kann". Sie macht eine Pause.

"Ich bin bei ihm geblieben, weil ich immer gehofft habe, er w├╝rde sich ├Ąndern. Au├čerdem war Melanie da und ich wollte ihr den Vater erhalten. Ich habe einfach gehofft, dass alles wieder so werden w├╝rde wie fr├╝her. Bevor wir geheiratet hatten, war er wirklich immer nett zu mir. Wie du selbst sagst, er hat mich auf H├Ąnden getragen und ich war gl├╝cklich, einen so f├╝rsorglichen Mann gefunden zu haben. Au├čerdem hat er fr├╝her nie getrunken.

Im ersten Jahr unserer Ehe lief auch alles hervorragend. Wir kauften ein Haus und ich war ja immer noch berufst├Ątig. Gut, er war schon immer sehr eifers├╝chtig, aber irgendwie machte mich das auch stolz. Dann kam Melanie und ich h├Ârte auf zu arbeiten. Das Geld wurde knapp. Er fing an zu trinken und je mehr er trank, um so weniger Geld hatten wir. Dann wurde das Haus versteigert und wir zogen wieder in eine Mietwohnung. Ich glaube, das hat er nicht verkraftet. Er sch├Ąmte sich einfach. Er trank immer mehr und immer mehr. Dann verlor er seinen Job und in den letzten Monaten haben wir von seinem Arbeitslosengeld gelebt. Aber auch das vertrank er."

Susanne schnaufte wieder durch.
"Aber es gibt da noch etwas, n├Ąmlich die Gef├╝hle. Ich glaube, ich liebe ihn immer noch, oder das, was von ihm ├╝briggeblieben ist, deshalb habe ich das ja auch alles durchgestanden.
Er wird sich nicht mehr ├Ąndern. Ich werde mich damit abfinden m├╝ssen. Es wird nicht leicht f├╝r mich. Du wei├čt, dass er meine Jugendliebe war und nun werde ich ganz von vorne anfangen m├╝ssen".

"Und wo wohnst du jetzt?" frage ich Susanne.
"Meine Mutter hat Melanie zu sich genommen und als ich aus dem Krankenhaus kam, bin ich ebenfalls dort wieder eingezogen. In mein altes Kinderzimmer. Ich bin jetzt seit drei Wochen dort. Vorige Woche habe ich einen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben, wei├čt du, in unserer alten Firma. Sie haben mich wieder genommen. Wenn ich erst einmal meine erste Abrechnung habe, kann ich mir auch eine kleine Wohnung suchen. Es wird nicht leicht f├╝r mich, aber meine ersten selbst├Ąndigen Schritte habe ich unternommen."

"Oh Susanne", sage ich und nehme sie in den Arm. "Es tut mir so leid, dass ich mich nie bei dir gemeldet habe. Wenn ich nur gewusst h├Ątte, wie schwer du es hattest. Es tut mir so leid. Irgendwie h├Ątten wir bestimmt gemeinsam eine L├Âsung gefunden."

Susanne l├Ąchelt mich an. "Es h├Ątte nichts genutzt. Mein Mann hat mir jeden Kontakt mit meinen Bekannten untersagt. Er wollte nicht, dass irgendwie herauskam, dass es uns so schlecht ging, w├Ąhrend die anderen ihre H├Ąuser hatten und in Urlaub fuhren. Nach Au├čen spielte er allen eine heile Welt vor, nur innen war alles zerst├Ârt. Er tat mir leid und ich wollte ihm diese Schmach auch nicht zuf├╝gen. Also unterlie├č ich es, mich zu melden. Ich war Jahre nicht mehr allein weggegangen und ich f├╝hle mich so unselbst├Ąndig. Ich habe einfach alles verlernt. Was fr├╝her normal war, ist jetzt so schwierig. Selbst bei der Unterzeichnung meines neuen Arbeitsvertrages zitterten meine H├Ąnde und ich war nachher schwei├čgebadet."

"Aber jetzt bist du in Hamburg", sage ich und strahle sie an.
"Ja", erwidert Susanne, "und das ist mir gar nicht leicht gefallen. Meine Mutter kam pl├Âtzlich mit der Idee, mich nach Hamburg zu schicken, weil ich doch fr├╝her jedes Jahr gefahren bin. Ich wollte erst nicht. Als ich dann vorige Woche den Vertrag unterschrieben habe, kam ich an das kleine Reiseb├╝ro vorbei, du wei├čt schon, das unten an der Ecke. Es existiert immer noch. Ich ging rein und pl├Âtzlich hatte ich ein Reiseticket nach Hamburg in der Hand. Ich war selbst ├╝ber meinen Mut ├╝berrascht."

"Ach Susanne", sage ich, "du wirst das schon schaffen. Da bin ich mir ganz sicher. Und ich verspreche dir, ich werde mich jetzt immer regelm├Ą├čig bei dir melden. Oder kaufe dir doch sp├Ąter einen Computer, dann k├Ânnen wir uns online unterhalten. Das ist doch wunderbar. Du in Dortmund und ich in Hamburg und wir k├Ânnen uns auch gegenseitig besuchen".

Da sa├čen wir nun im D├Ąmmerlicht in unseren Bauchtanzkost├╝men, dem Aromaduft und unserer Musik, genau wie fr├╝her. Es schien keine Zeit vergangen zu sein und doch lagen Jahre dazwischen. Es war so unendlich viel passiert. Bei ihr sowie bei mir.

Ich empfand gro├če Dankbarkeit, dass es Susanne geschafft hatte, mich zu besuchen. Mit ihrer Geschichte hatte sie in meiner Gef├╝hlswelt T├╝ren ge├Âffnet, die viel zu lange dicht verschlossen waren. Mit ihrer Geschichte hatte sie mir gezeigt, dass es auch noch etwas anderes gibt, als sich nur um Karriere und Geld zu k├╝mmern. Mit ihrer Geschichte hatte sie mir gezeigt, dass es etwas viel wertvolleres gibt, das nicht einmal Geld kostet, n├Ąmlich Liebe und Freundschaft, dass man vielleicht doch ab und an inne halten und sich um die Menschen k├╝mmern sollte, mit denen man eine gewisse Wegstrecke verbringt. H├Ątte ich das in den letzten f├╝nf Jahren auch nur ein einziges Mal beachtet, w├Ąre Susannes Leben vielleicht ganz anders verlaufen und sie h├Ątte nicht in diesem j├Ąmmerlichen Zustand im Regen vor meiner T├╝r gestanden.

Susanne hat bei mir viele Gedanken hervorgerufen und ich habe lange gebraucht, um ihren Besuch zu verarbeiten. Ich hoffe, dass Susanne wieder Susanne wird - nein, ich bin mir fast sicher.

Susanne und ich verbrachten noch zwei herrliche Tage in Hamburg, hatten fast genau so viel Spa├č wie fr├╝her. Man konnte offensichtlich sehen, wie sie fast st├╝ndlich lockerer wurde und vor allem ab und zu auch wieder lachte. Dieses Lachen machte mich wiederum einfach nur gl├╝cklich.

Sonntags brachte ich sie dann zu ihrem Bus, der sie wieder nach Dortmund fuhr. Ich hatte heimlich zwischendurch Kaffeebecher mit Katzenmotiven gekauft und gab sie ihr zum Abschied.
"F├╝r deine neue Wohnung", sage ich.
"Ja" erwidert sie l├Ąchelnd und betrachtet die Kaztenmotive, "meine ersten neuen Einrichtungsgegenst├Ąnde. Da kann doch eigentlich gar nichts mehr schief gehen".

Der Busfahrer hupte bereits und wir verabschiedeten uns. Ich strich ihr ├╝ber die Stoppelfrisur.
"Deine Haare werden auch wieder wachsen. Und je l├Ąnger sie werden, um so sch├Âner wird wieder dein Leben. Aber vor allem, du hast Melanie und uns und wir lieben dich. Noch etwas wichtiges - ich ruf dich an. Ich rufe dich ganz bestimmt an".
(c) Monique Lhoir

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