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Mai 2002
Okay!
von Fran Henz


Tanja robbte auf allen Vieren über den endlosen Bilderbuchstrand und durchwühlte den warmen Sand erbarmungslos mit allen zehn Fingern.
„Nie wieder“, knirschte sie wütend. „Nie wieder Kenia!“

Die Männer, die einige Meter entfernt unter einer Palme standen und ihr zusahen, amüsierten sich dabei ganz ausgezeichnet. Ihr Lachen drang bis zu Tanja herüber und wenn Blicke wirklich töten könnten, dann würden mehrere durchtrainierte ebenholzfarbene Körper regungslos auf dem weißen Sand in der Abendsonne verglühen.

Natürlich hatte sie ihnen erklärt, dass sie auf der Suche nach ihrer Armbanduhr war. Insofern man das Radebrechen an diesem Ende der Welt als Erklären bezeichnen konnte. „I lost my clock“, hatte sie zu den Einheimischen in perfektem Schulenglisch gesagt. Das Ergebnis war breites, verständnisloses Lächeln und Schulterzucken.

Da zwinkerte ihr also zum ersten Mal in ihrem 22jährigen Leben Fortuna zu und bescherte ihr den Hauptgewinn in einem Preisausschreiben. Aber statt eines schnuckeligen Kleinwagens oder einer chromblitzenden Espressomaschine, wurde sie dieses 14-tägigen All Inclusive Aufenthalts am Diani Beach teilhaftig.

Klar, zuerst war sie außer sich vor Freude gewesen. Die Kommentare ihrer Umwelt legte sie unter „Purer Neid“ ab. Auch als ihre Freundinnen am Flughafen eine Großpackung Kondome in ihre Handtasche steckten, lachte sie noch.

Dann breitete sie am ersten Vormittag ihr Handtuch auf dem Strand aus und Sekunden später war sie von einer Meute Rasta bezopfter, Goldkettchen behängter Männlichkeit umzingelt, die sich darum prügelte, ihren Rücken mit Sonnenmilch einzureiben.

Zuerst war sie leicht verstört, dann stark geschmeichelt. Dieser Zustand dauerte so lange an, bis sich ein paar Schritte entfernt eine andere Frau niederließ und alle Männer, außer demjenigen, der ihre Sonnenmilchflasche in der Hand hielt, zu neuen Ufern aufbrachen. Bis zum Mittagessen war jede weibliche Strandschönheit mit einem Begleiter versorgt, die Boys kannten da keinen Neid.

Nach dem Mittagessen war Tanja klar, dass der Mann an ihrer Seite für den dortigen Verbleib Kost, Logis und finanzielle Zuwendungen erwartete. Ein entschiedenes „no chance“ machte ihm klar, dass sie unter diesen Umständen lieber single blieb. Für die restlichen 13 Tage.

Und heute kassierte sie die Rechnung dafür: die Männer kippten vor Lachen aus den Sandalen und ließen sie blöd sterben, anstatt ihr zu helfen. Mittlerweile war Tanja den Tränen nahe und bereit, die Bühne unverrichteter Dinge zu verlassen.
Zornig stapfte sie zum Hotel als ein scharfer Pfiff über den Strand gellte.

Sie drehte sich erst beim dritten Mal um. Die Gruppe war verschwunden. Ein Mann stand genau dort, wo sie vorher gesucht hatte, piff noch einmal auf zwei Fingern und winkte ihr zu. Tanja grub die Zehen in den Sand und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie würde nicht zu ihm hinüber laufen, schließlich war sie KEIN Hund.

Ohne Eile kam er gemächlich auf sie zu. Er trug die übliche Kluft - gemusterte Shorts und ein offenes Hemd - das unvermeidliche Goldkettchen und ein nach Piratenart gebundenes rotes Tuch auf dem rasierten Kopf. Seine Bewegungen verfügten über die träge, raubtierhafte Eleganz, die allen Männern hier zu Eigen war. Trotzdem wurde Tanja die Kehle eng als er knapp vor ihr stehen blieb und ihr seine geöffnete Hand hinhielt.
„Yours?“
Es war nicht ihre Armbanduhr; es war ihr Zimmerschlüssel, auf dessen Anhänger nicht nur die Zimmernummer stand, sondern praktischer Weise auch der Namen des Hotels.
„Yes. Thank you“, antwortete Tanja bestürzt. Dann dämmerte ihr, dass das mit Blick auf ihre Videokamera, den Reispass und etliche andere Kleinigkeiten vielleicht doch nicht ausreichte.
„You and I ...“, um sich verständlich zu machen, deutete sie mit gestrecktem Zeigefinger zuerst auf ihn, dann auf sich selbst, „... drink a cocktail?”
Er lächelte sie mit einer Unmenge weißer Zähne an. „Okay.“

Unter einem Stroh gedeckten Dach, von dem bunte Lämpchen baumelten, ließen sie sich an der Bar nebeneinander nieder und warteten, bis man farbenfrohe Drinks in liebevoll dekorierten Gläsern vor sie hinstellte.
„I’m Rick“, teilte er ihr mit. Tanja nickte und nannte ihren Namen.
„Jambo, Tanja“, er hob sein Glas und sah ihr dabei tief in die Augen, bevor er durstig trank.

Unbewusst registrierte sie, wie sich sein Kehlkopf dabei bewegte. Ihr Blick glitt tiefer. Die Goldkette lag auf einem Bett aus dunklem Samt. Das Verlangen, seine Haut zu berühren wurde plötzlich so stark, dass sie sich am Tresen festklammerte, um nicht die Hand auszustrecken.

Er stellte das leere Glas nieder und seine Augen glänzten wie Obsidian als er sie abschätzend über ihr helles Haar und ihre schlanke Gestalt wandern ließ. Da sie über dem winzigen Bikini nur einen locker geschlungenen Pareo trug, war nicht viel Fantasie seinerseits nötig.

Seine Blicke brachten Tanjas Blut zum Kochen und ihre Knochen zum Schmelzen. Die Vehemenz, mit der sie auf einen Mann reagierte, der keine zehn Worte mit ihr gesprochen hatte und voraussichtlich auch nicht sprechen würde, beraubte sie aller Verteidigungsstrategien.
Sie musste darüber nachdenken.
Mit kühlem Kopf und klarem Verstand.
Also nicht jetzt.

Langsam rutschte sie vom Barhocker, vergewisserte sich, dass er das Gleiche tat und marschierte zu ihrem Zimmer. Dort ließ sie die Tür hinter Rick zufallen und packte die Schachtel Kondome, die einsam auf dem Tisch wartete. Wie einen Schild hielt Tanja sie vor sich und sah Rick fest in die Augen.
„You take ... sonst ... no chance, okay?“
Er grinste, nahm ihr die Schachtel aus der Hand und sie selbst in die Arme.
„Okay“, sagte er, bevor er sie küsste.

* * *

Der Shuttlebus bog schon auf das Flughafengelände von Mombasa ein, als Tanja sich vorsichtig eingestand, dass etwas schief gelaufen war.

Sie hatte es vermurkst. Statt gut gelaunt in Erinnerungen an ihren exotischen One-Night-Stand zu schwelgen, heulte sie das mittlerweile vierte Taschentuch nass, weil sie es geschafft hatte, sich in einen Mann zu verlieben, der kulturell und intellektuell Galaxien von ihr entfernt war. Den sie zu allem Überfluss nie wieder sehen würde.

Allein der Gedanke, montags wieder im Großraumbüro zu sitzen und gezwungen freundlich: “Telekom Service-Hotline, mein Name ist Tanja Richter, wie kann ich Ihnen helfen?“ in ihr Headset zu säuseln, brachte ihre Nackenhaare dazu, sich einzeln aufzurichten. Und die Aussicht, in der Mittagspause von den lieben Kolleginnen zu detaillierter Berichterstattung über das Schicksal der Blausiegelpackung aufgefordert zu werden, beförderte ihre Stimmung endgültig auf den Nullpunkt.

Zerstört kroch sie die Gangway der Lufthansamaschine hinauf und ließ sich auf den ihr zugedachten Sitzplatz fallen. Auch das fünfte Taschentuch war erledigt und Tanja knüllte es zusammen.
„Hier.“
Die Stimme kam ihr vage bekannt vor und sie blickte auf eine geöffnete Handfläche, in der ihre verloren geglaubte Armbanduhr lag. Die Hand kam aus einem Uniformärmel, an dem drei goldene Streifen glänzten.

Betäubt hob sie den Kopf. Rick saß neben ihr. Ohne rotes Piratentuch, aber mit Krawatte.
„Bi . . bist du der Kapitän?“, krächzte sie heiser und ungläubig.
„Nein, ich bin der Nachrichtenoffizier, besser bekannt als Bordfunker“, erklärte er leutselig in akzentfreiem Deutsch.
„Oh“, mehr an Kommentar war ihr im Moment nicht möglich. Während sie ihre Uhr nahm, näherte sich ihre Gesichtsfarbe der des nicht vorhandenen Piratentuchs.
„Die Jungs am Strand hielten dich für etwas überspannt, hätten dir aber beim Suchen geholfen. Sie wussten nicht, worum es ging.“ Er deutete auf die Uhr. „Das Teil heißt auf internationalen Boden ‚Watch’.“
„Oh.“ Dann riss sie sich zusammen und klammerte sich an den nächsten logischen Gedanken. „Du bist nicht aus Kenia.“
„Nein, ich bin so deutsch wie du.“ Eine seiner Brauen rutschte nach oben. „Aber in der Nacht sind alle Katzen grau und ein Neger am Strand von Afrika ist ein stammelnder Wilder.“
Sie verharrte bewegungslos in der Pfütze seiner Ironie, aber es kam noch schlimmer. „Und eine Europäerin in Kenia ist auf der Suche nach schnellem Sex mit einem gut gebauten Schwarzen.“
Tanja verschwand in ihrem Sitz. Nach Lage der Dinge war sie nicht die Richtige, dieses Argument zu widerlegen.
Rick stand auf. „Wie besagte Europäerin es allerdings schafft, die mitgebrachten Kondome fast vollständig wieder heimzutragen, ist doch etwas mysteriös.“
Tanja nagte an ihrer Unterlippe und entschied, dass die Situation auch etwas Gutes hatte: sie konnte nicht mehr peinlicher werden.
An ihren Wimpern glitzerte eine letzte Träne, als sie ihm einen schrägen Blick zuwarf.
„You kiss me ... trotz allem?“
Er sah auf sie mit einem Ausdruck hinunter, der bewies, dass er es nicht nur im Cockpit funken ließ. Der Spott war völlig aus seiner Stimme verschwunden als er mit einem kleinen Lächeln erwiderte: „Okay!“

© Fran Henz

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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