Der Tod aus der Teekiste
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Mai 2002
Marie !!
von Anne Zeisig


Diese Schmerzen! Sterben! DAS wäre eine Befreiung! Nicht mehr denken, nur noch an das Eine...

Wo blieb er so lange? Längst hätte er hier sein müssen!

Diese Schmerzen! Der graue Raum wölbte sich über ihren gekrümmten Körper und drohte, sie zu erdrücken. Zerfledderte Tapetenreste an den Wänden. Das Ungeziefer wuselte rege umher und fand Einlass in ihre Körperöffnungen.
„JA! Fresst mich nur auf! Ihr Mistviecher! Höhlt mich aus!“ ,schrie Marie gellend in die Leere des Abbruchhauses. Und hohl hallte ihre Stimme zurück. Ihre Stimme? Nein! Das war die Stimme ihres Körpers, aber nicht ihre! Längst war sie aus ihrem Leib geflüchtet. Und vor dem Vater, der jahrelang Besitz ergriffen hatte von ihr. Da hatte sie neben sich gestanden, um das zu ertragen. Wie eine Zuschauerin.
„Meine süße Kleine,“ hatte der Vater gesäuselt. Und seine glasigen Glotzaugen sprangen auf ihre junge Brust, deren Knospen gerade erst erwachten.
„Ich habe dich lieb, mein Töchterlein,“ und er drang in sie ein wie ein Untier und stöhnte.
< Das bin ich nicht> Hatte sie gedacht, weil das die Schmerzen linderte.

Keine Kraft. Und ihr zitternder Körper, der erdrückt wurde von den niedergehenden Wänden des Raumes. Ihre Eingeweide zerquetschte. Diese Schmerzen ! Marie rappelte sich hoch und krallte ihre abgeknabberten Fingernägel in die Wand. Zu schwach. Sie glitt ab, öffnete ihre Hände und betrachtete fremd die Tapetenreste, welche kümmerlich auf ihren Handflächen lagen..
< Hautfetzen > Dachte sie und lachte schrill.
„Mach dich vom Acker und verschwinde!“ ,hatte die Mutter geschrieen, „dein Vater liebt dich, der würde nie so was tun! Undankbare Göre!“
Und die Gestalten hinter dem Bahnhof gaben ihr Zuflucht...und die Droge des Vergessens:
„Du musst nett sein zu den Männern, denn sie lieben deine zarte Haut.“

Wo blieb er nur so lange? Sonst war er immer eher hier gewesen!

Eine Armee grauer Mäuse trippelte selbstgefällig über sie hinweg und starrte sie an mit riesigen Glotzaugen. Diese Augen kannte sie!
„NEIN!“ Schrie Marie und sprang auf, um sich in eine Ecke des Zimmers zu hocken. Ihr kehliges Wimmern wurde erstickt von dem Finger, den sie sich in den Hals steckte. Das Würgen brachte Nichts hervor.
„Ich bin so leer,“ hauchte die 15-jährige und ließ ihre knöcherne Gestalt auf den kalten Steinboden sinken. Und die Ameisen suchten sich ihre Wege in den rissigen Fugen des Steinzeugs.
Warum war er noch nicht hier? Seine Augen kannten keinen gierigen Blick. Er liebte ihre Hautfetzen und teilte das Ungeziefer mit ihr.


. . .

„Marie!“ Markus stürmte hinein und kniete sich neben seine Freundin. Eilig bereitete er den Stoff und suchte eine narbenfreie Stelle an ihrem Körper, welche sanft die Nadel aufnahm.
Dann bettete er ihren Kopf in seinen Schoß und summte dieses Liedchen, das sie so mochte:
„Wenn jede Träne aus deinen kristallblauen Augen sich formierte zu einem See, dann würd´ ich drin baden ... und ertrinken darin.“
Erleichtert schlang Marie ihre mageren Arme um seinen Hals.
„Du warst so lange fort,“ flüsterte sie und genoss seine Lippen auf den ihren. Und ihre Zungen umspielten wild aneinander.
Die Wände des Zimmers in dem Abbruchhaus weiteten sich und Marie flog umher.
„Siehst du dieses herrliche Orange? Es lässt mich atmen! Es lässt mich fliegen! Schwerelos bin ich!! !! Komm, Markus! Flieg mit mir hinaus, ich bin ein bunter Schmetterling!“
Er konnte sie nicht mehr erreichen, als sie den Fenstersims erklommen hatte...und sprang...

Keine Schmerzen! Und so viel Kraft! Und er war hier! Markus!


(c) Anne Zeisig, Mai 2002

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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