Der Tod aus der Teekiste
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Mai 2002
Erste Liebe
von Torsten Schmandt


Dass ich ein unglücklicher Mensch bin, begann vor 22 Jahren, als ich fünfzehn Jahre alt war. Ich liebte zwei Mädchen gleichzeitig. Wer die tiefe Angst vor dem Treffen von Entscheidungen mit mir teilt, wird mich verstehen. Außerdem heißt es, die erste Liebe sei die tiefste. Eine lebenslange Schwermut liegt seitdem auf meiner Seele.

Karin hatte den Körper einer Elfe und das Gesicht eines Engels. Das ist eine schlimme Mischung für einen Jungen, wenn er fünfzehn ist und noch nicht mit einem Mädchen geschlafen hat. Alle Jungen meiner Klasse waren hinter ihr her oder sie wären es gewesen, wenn sie sich getraut hätten. Aber im Bannkreis von Mädchen und erst recht von solchen Elfenengeln verwelkte unsere halbstarke Herrlichkeit schnell zu Ratlosigkeit. Und ich hatte nicht einmal das: halbstarke Herrlichkeit. Ich war schüchtern. Ich bin es noch. Die Schwermut und die Schüchternheit werden meine treuen Begleiter sein bis ins Grab. Sie werden immer bei mir sein wie die Erinnerung an Karin und Imke.
Wenn ich nun sage, dass Imke keine Schönheit war, wird man mich missverstehen. Doch, sie war schön. Aber nicht so entmutigend schön wie Karin. Imke war reizend und lieblich. Ihre ganze Erscheinung war sinnlich und keusch zugleich. Ihr Geruch war der des Frühlings (wie Karin roch, weiß ich nicht).
Die Mädchen saßen in der Klasse auf der Fensterseite. Wenn das Licht durch Imkes Haare schien, leuchteten sie. Damit fing es an. Dass mir das Leuchten ihrer Haare auffiel. Das war in einer Mathematikstunde. In der Geschichtsstunde studierte ich bereits ihre Nase. Ein leicht konkav geschwungener Nasenrücken und die Flügel spannten sich schwerelos. Am Ende des Vormittags hatte ich ihr ganzes Gesicht erobert wie Mungo Park die Ufer des Niger.

*

Vor den Sommerferien machten wir eine Klassenreise nach Regensburg. Es war am zweiten Tag der Reise, als wir vor der Jugendherberge auf einer Wiese saßen. Aus Gänseblümchen und Grashalmen, die ich zum Wickeln benutzte, band ich einen Kranz, den man sich auf den Kopf setzen konnte. Die Sache war bereits so weit, dass alle wussten, dass der Kranz für Imke bestimmt sein musste. Und ich wusste es, dass es alle wussten, und sie wusste es auch. Sie saß neben mir auf ihrer blauen Windjacke. Ich schenkte ihr den Kranz.
Am Abend besuchten wir eine Theatervorführung. Danach gingen wir durch die Straßen von Regensburg. Imke und ich hielten uns an den Händen. An einem mittelalterlichen Platz blieben wir stehen und küssten uns. Es war mein erster Zungenkuss und ich bekam eine Erektion. Ich hatte panische Angst, dass es jemand entdecken könnte. Also schloss ich meine Jacke (ebenfalls eine blaue Windjacke) mit der Bemerkung ich müsse mich vor einer Erkältung schützen, in solch trügerisch lauen Sommernächten sei die Gefahr einer Erkältung besonders groß. Auch diese Einzelheiten werden lebenslang in meinem Gedächtnis sein.
An diesem Tag war ich vollkommen glücklich.

Am nächsten Tag kam Karin zu mir und sagte, sie müsse mit mir sprechen. Etwas in ihrer Stimme und in ihrem Gesicht löste einen Blitz in meinem Bewusstsein aus, einen Blitz, der alles mit grässlicher Klarheit bestrahlte. Etwas in mir entdeckte schon in diesem Augenblick den Abgrund vor mir und etwas in mir wusste vielleicht auch bereits, dass ich hineinstürzen würde.
„Warum gehst du jetzt mit Imke?“, fragte sie.
Ich bin mir nicht mehr sicher, was ich antwortete. Vermutlich sagte ich:
„Warum nicht?“
„Ich dachte, du würdest mich mögen.“ Als sie das sagte, fing sie an zu weinen. Wenn es in mir einen Glauben daran, wie die Welt beschaffen und wie der natürliche Lauf der Dinge sei, dann war jetzt alles von einer Flutwelle gigantischen Ausmaßes weggespült. Der Elfenengel, das Wesen, das es aus einer höheren Dimension in die 8 c des Geschwister-Scholl-Gymnasiums verschlagen hatte, weinte. Sie weinte meinetwegen. O, sollte ich ihr sagen, dass ich sie nicht liebte?! Doch, ich liebte sie. Sie war die Göttin, die man lieben musste.
Und Imke? Sie liebte ich freilich auch. Von einem Herzschlag zum nächsten hatte sich meine Liebe verdoppelt. Das Universum war zu klein geworden für mich.
Und mein jugendlicher Verstand begriff, dass es ein Schlamassel geben würde.

Noch am Abend erzählte ich alles Imke. In ihren Augen sah ich, dass ihr Herz brach. Ich hatte sie für immer verloren. Auch das begriff ich sofort, obwohl ich später nie aufhörte zu hoffen, ich könne es rückgängig machen.

War ich jetzt mit Karin zusammen? Das fragte ich mich die Sommerferien über. Immerhin schrieben wir uns Briefe. Seitenweise Poesie und ehrliche Gefühle. Sie zu besuchen, dafür reichte mein Mut nicht. Wie verbringt man einen Tag mit einem Elfenengel. Davon hatte ich keine Ahnung. Auch als die Schule wieder angefangen hatte, beschränkte sich unser Kontakt hauptsächlich auf Briefe. Manchmal wagte ich in der Pause ein kurzes Gespräch mit ihr. Schließlich war in der Schule immer Imke in der Nähe. Ich hatte ihr Herz gebrochen, ich musste ja nicht auch noch darauf herumtrampeln. Und auch diesmal wusste ich, dass das nicht gut gehen konnte. Es kamen die Herbstferien.

Im Winter schenkte Karin mir ein Paar selbstgestrickter Miniaturhandschuhe. Ich bewarte es in einem Kästchen neben meinem Bett auf und ich schrieb ihr, dass ich nur diese Handschuhe ansehen müsse und schon sei ich glücklich. Dann aber kam ein Brief von ihr, der letzte. Das mit den Handschuhen finde sie sehr romantisch, schrieb sie, „aber ich hätte mir eigentlich doch mehr gewünscht als nur das. Warum warst du gestern zum Beispiel in der Pause auf deinem Platz geblieben. Ich hatte immer zu dir hinübergesehen. Ich weiß, du hast es gemerkt. Aber du hast immer wieder weggeguckt. Ich kann das so nicht mehr länger aushalten. Ich werde dir nun auch keine Briefe mehr schreiben. Bitte schreibe auch nicht mehr.
Lebe wohl, Karin.“

Am Ende des Schuljahres zog Karin mit ihren Eltern in ein anderes Bundesland. Nun war nur noch Imke da und meine Liebe war nicht weniger geworden. Plötzlich war mir deutlich geworden, dass ich in Wahrheit nur sie liebte. Ich schlich herum wie ein Schatten, gebeugt von einer schaurigen Schuld. Wenn ich die Schule betrat, umwölkte mich ein Dunst von grauer, trüber Melancholie. Das ist nicht die Art, mit der man ein Mädchenherz zurückerobert. Das habe ich gelernt. Und dass es Zeitpunkte gibt, an denen es für Entscheidungen zu spät ist.

(c) Tortitch

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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